This is not a goodbye, but a See You Soon

Und es sprach der Rabe Nimmermehr.

Und es sprach der Rabe Nimmermehr.

Ein paar warme Worte, aber keine Weicheier zum heutigen Ostersonntag: Ed Reed, der einst beste Safety der NFL, wechselte vor ein paar Tagen vom Superbowl-Champ Baltimore Ravens zu den Houston Texans. Ich werde lange brauchen, um mich an einen Reed in einem Texans-Trikot zu gewöhnen. Ed Reed auch.

Reed schaltete diese Woche in der Baltimore Sun eine herzerweichende Ode an Stadt und Franchise mit Geigenmusik und Kerzenlicht. Schön, dass es im knallharten Business auch noch so was gibt.

Ravens Nation,

My eleven seasons in Baltimore were more than I would have ever imagined which is why I have such deep love for you all. I will forever cherish my time with the Ravens and the chills that ran down my spine when I finally kissed the Lombardi Trophy.

Special thanks to the City, Team, Organization and all the Fans! I’m going to miss being a part of this tremendous team and organization, but I’ll always be Baltimore and my Foundation will remain in this community, this is not a goodbye, but a See You Soon.

Thank you for everything Baltimore, God Bless you.

ED REED #20

Frohe Ostern.

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Houston Texans in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        12-4    DP
Enge Spiele    5-0 
Pythagorean   10.2    (8)
Power Ranking   .578  (7)
Pass-Offense   6.6   (12)
Pass-Defense   5.8    (8)
Turnover       +12

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Da spielst du die beste Saison deiner noch jungen Clubgeschichte (12-4, ein Playoffsieg) und doch sind irgendwie alle latent enttäuscht – Willkommen bei den Houston Texans dieser Tage. Die sehr schaumgebremste Freude über den zweiten Divisions- und Playoffsieg lässt sich für meinen Geschmack an drei Dingen festmachen:

  1. Die Laxheit, mit der man am Saisonende einen höheren Seed in der AFC vergeigte.
  2. Die drückende Überlegenheit der Patriots im Divisional-Playoffspiel.
  3. Die Erkenntnis, dass man ausgerechnet auf der QB-Position gut, aber eben nicht exzellent besetzt ist.

Und so hängt man in Houston momentan zwischen der Hoffnung, dass man noch drei Jahre „Fenster“ fürn Erfolg offen hat und der bangen Skepsis, dass dieses Team zu wenige Playmaker besitzen könnte um den Schritt nach ganz oben zu schaffen. Positiv zu vermerken: Auch 2012/13 hielt sich das Schreckgespenst Gary Kubiak mit Fehlentscheidungen im laufenden Spiel zurück.

Die Offense

Seit Kubiak den Kinderschuhen entwachsen ist, predigt der Mann eine Zonenblock-basierte Laufoffense, die auf Finesse aufbaut. Und genau so ist Houstons Offense mittlerweile gebaut: Die Offensive Line ist nach vielen unterirdischen Jahren mittlerweile eine der besten in der NFL, obwohl nur wenige hoch gedraftete Star-Athleten im Kader stehen. Kubiak baut eben auf intelligente, fußflinke Leute, die pfeilschnell eine Spielzugentwicklung lesen können. Letztes Jahr machte man allerdings eine Baustelle auf, entließ RT Eric Winston, der nicht angemessen ersetzt werden konnte. Houston wird auf dieser Position nachbessern müssen.

Die Running Backs dahinter sind gesetzt: Arian Foster ist nach seiner (zu?) teuren Vertragsverlängerung von 2012 auf Jahre an die Texans gebunden, und als Abwechslung fungiert Backup Ben Tate. Ersatz ist vorerst nicht gebraucht.

Das Passspiel ist immer noch um den nicht altern wollenden WR Andre Johnson gebaut, einen prototypisch gebauten 1,96m-Bolzen. Johnson ist aber auch gleichzeitig der einzige verlässliche Ballfänger (abgesehen vielleicht noch von TE Daniels). Houston machte über die Jahre quasi gar nix, um die Superwaffe Johnson umwas ähnliches wie einen „Receiving-Corp“ zu ergänzen. Wo Johnson jetzt die 30 überschritten hat, wird Nachbesserung zur Pflichtaufgabe für die Texans – und das nicht bloß in einfacher Ausführung.

Unangetastet dürfte der Quarterback bleiben: Matt Schaub. Schaub ist wirklich kein schlechter Mann und der Weg, den er gemacht hat, ist aller Ehren wert. Aber zuletzt wurden die Limits des Matt Schaub immer deutlicher: Kann das Spiel wohl nicht komplett allein in die Hand nehmen und hat auch nicht alle Würfe bis ins kleinste Detail drauf. Trotzdem ist Schaub die mit Abstand sinnvollste Alternative für Houston – ein hochbezahlter Einkauf oder ein Top-Rookie empfände ich als unnötigen Luxus. Gescheiter, du machst was, um in Titelnähe zu bleiben, solange dieser Spielerkern noch beisammen ist, und gibst Schaub ein paar Waffen und eine starke Defense.

Backup ist der junge T.J. Yates, der noch limitierter ist, aber zumindest die ganz großen Bolzen vermeidet und immerhin ein bisschen Erfahrung (sogar 2 Playoffspiele!) aufweisen kann.

Die Defense

Die sehr straighte 3-4 Abwehr von DefCoord Wade Phillips ist mittlerweile komplett um die Einmann-Abrissbirne DE #99 J.J. Watt gebaut, dessen Weltklassesaison einige Geschichtsbücher neu schrieb. Watt griff von der eigentlich unscheinbaren, weil reinen Wühlerposition „3-4 DE“ nicht nur häufig indirekt ins Geschehen innerhalb der Pocket mit ein, sondern er machte alles: Tackles für Raumverlust (u.a. ca. 20 Sacks), zu Boden geschlagene Pässe, provozierte Fumbles, QB-Hits, QB-Hurrys… Brian Burke verglich Watts „big play“-Impact auf das Spiel mit denen seiner Positionskollegen in der NFL:

Big Play-Impact der Defensive Ends 2012/13

Big Play-Impact der Defensive Ends 2012/13

Ohne Worte.

So genial Watt ist, so sehr fehlt es den Texans immer noch am Nose Tackle, der eine Offense Line in der Spielfeldmitte in Angst und Schrecken versetzen kann. Mit Jon Jenkins oder Jesse Williams gibt es dieses Jahr vielleicht zwei mögliche Kandidaten am Ende der ersten Runde im Draft.

Bei den Linebackers ist nach dem nicht enden wollenden Verletzungssorgen des ILBs Cushing und dem Abgang des zuletzt enttäuschenden OLBs Barwin Handlungsbedarf angesagt. Bei den OLBs ist man mit jungen Leuten wie Reed oder Mercilus nicht übel aufgestellt, aber ein dynamischer Allzweckathlet wäre schon was Feines.

Im Defensive Backfield verlor man zwar den grundsoliden S Quin, aber nach dem Einkauf des S Ed Reed sollte man zumindest gleichwertigen Ersatz haben, auch wenn man abwarten muss, inwiefern Reeds „Freelance“-Fähigkeiten überhaupt zu einem Wade Phillips passen. Der zweite Safety ist Danieal Manning, und vielleicht sollte Houston für die Zeit nach Reed schonmal via Draft einen jungen Zögling nachziehen. Cornerbacks sind maximal in der Breite zu verbessern.

Ausblick

Weil das Quarterback-Problem, das man an der Backe hat, kein richtiges Quarterback-Problem ist, bleibt den Texans in erster Linie das eine: Sie müssen den Kader um Schaub aufmotzen. Das bedeutet nach einer dezent zurückhaltenden Free Agency für den Draft:

  • Wide Receiver
  • Wide Receiver
  • Nose Tackle
  • Inside Linebacker

Weil Houston ein insgesamt sehr gutes Team besitzt, Kubiak zuletzt seine hirnlosen Play-Callings in der Crunch-Time aufgab und die AFC South eine erneut wachsweiche Angelegenheit zu werden scheint, dürfte Houston mal wieder als hoher Divisionsfavorit antreten und, obwohl etwas schwächer aufgestellt als in den letzten beiden Jahren, das Playoff-Ticket fast schon gelöst haben.

Atlanta Falcons in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        13-3    CF
Enge Spiele    7-2 
Pythagorean   11.2    (5)
Power Ranking   .557  (9)
Pass-Offense   7.0    (4)
Pass-Defense   6.7   (21)
Turnover       +13

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Es gibt wenige Franchises, die sich besser für die Sezierstunden eignen als die Atlanta Falcons, die seit Jahren Moves im Grenzgebiet zwischen „logisch“ und „heikel“ machen. Hauptverantwortlich ist dafür der eine Mann: GM Thomas Dimitroff, ein Zögling aus der Belichick-Schule und einer der wenigen ehemaligen Belichick-Assistenten, die in anderen NFL-Städten eine richtig positive Duftmarke hinterlassen konnten.

Dimitroff baute gemeinsam mit dem so unscheinbaren Head Coach „thiry million Americans are named like me“ Mike Smith eine am Boden liegende Franchise auf, und ging dabei nach Reißbrett vor: 2008 wurde die Offense-Philosophie mit dem Kauf von RB Michael Turner und der Einberufung von QB Matt Ryan gebildet, 2009 und 2010 vor allem die Defense verstärkt, 2011 die Offensivstrategie um ein deep threat erweitert.

Wir sind mittlerweile im Jahre 2013, die Atlanta Falcons schafften eben den ersten Playoffsieg in einem beeindruckenden Krimi gegen Seattle und scheiterten nur denkbar knapp an ihrer zweiten Superbowl-Qualifikation ever. Dimitroff stand vor der Entscheidung, die Franchise auf Jahre auf solide Basis zu stellen oder auf 1-2 Jahre „all-in“ zu gehen. Dimitroff entschied sich klugerweise für ersteres.

Das lässt sich anhand der drei prominenten Entlassungen der letzten Wochen ablesen: DE John Abraham, RB Michael Turner und CB Dunta Robinson wurden entlassen. Die beiden Abwehrspieler hinterlassen echte Lücken, aber der gewonnene „Cap Space“ lässt die Falcons nun mit Fokus „3 bis 5 Jahre“ arbeiten (man hat nun 30 Mio. Platz für diese Offseason und große Freiräume um über 2014 hinaus zu basteln). Im Gegenzug verkleinerte man allerdings die Chancen, kurzfristig erneut auf die Lombardi Trophy zu gehen.

Die Offense

QB Matt Ryan dürfte nach dem Abstauben der Äffchen auffm Buckel auch in den amerikanischen Massenmedien in der Kategorie der angesehenen Star-Quarterbacks angekommen sein. Ryan legte eine MVP-reife Saison hin und bewies über viele Wochen, dass er eine größtenteils eindimensionale Angriffsmaschine im Alleingang tragen kann.

Die wichtigsten Anspielstationen der Falcons sind ohne Zweifel WR Julio Jones und WR Roddy White. Es gibt Experten, die Jones bereits in die absolute Eliteklasse mit reinrechnen und in White eher das ergänzende Element für einen kreativen OffCoord wie Dirk Koetter in Atlanta sehen. Beide sind auf Jahre an Atlanta gebunden, beide kosten – noch – keine verantwortungslose Summe.

Das dritte Kernelement ist der ewige TE Tony Gonzalez. Gonzalez ist mittlerweile im Spätherbst seiner Karriere angekommen und in wenigen Jahren sicherer Hall of Famer. Gonzalez wird ein weiteres „letztes“ Jahr NFL spielen.

Unterstützung könnte vom neuen RB-Arbeitstier Steven Jackson (für moderate Kohle aus St Louis gekommen) kommen. Rastamann Jackson ist einer meiner Lieblingsspieler, weil er über viele dunkle Jahre in St Louis versauerte ohne sich jemals öffentlich zu beklagen. Hoffentlich sieht Jackson mit den Falcons demnächst seine ersten Playoffs seit seinem Rookiejahr. Der physische, ja brachiale, Jackson sollte Stand heute ein Upgrade gegenüber dem zuletzt verbrauchten Michael Turner sein und formt gemeinsam mit dem wieselflinken Jaquizz Rodgers (Jackson und Rodgers kommen übrigens beide von derselben Uni: Oregon State) ein konzeptionell tolles RB-Duo.

Die Offense Line ist seit Jahren nicht mehr als solide, aber man verlängerte z.B. trotzdem mit dem eher ungeliebten LT Sam Baker. Mit dem Rücktritt von G McClure öffnete sich zudem eine weitere Minibaustelle. Atlanta wird den einen oder anderen Pick für die „trenches“ spendieren müssen.

Eine Position, die ebenso in Upgrade vertragen könnte: Slot-WR bzw. #3/#4-WR. Kein Spiel machte Atlantas Abhängigkeit von seinen Big-3 (White/Jones/Gonzalez) deutlicher als das knapp verlorene NFC-Finale gegen San Francisco. Entlastung wäre hoch willkommen.

Die Defense

Atlantas Abwehr wird vom bei mir hoch im Kurs stehenden DefCoord Mike Nolan gecoacht und zeichnet sich in Ermangelung von fantastischen Passrushern mit einer bend but don’t break-Mentalität aus: Yards aufgegeben ja, aber möglichst oft in den Pass springen und abfangen. Es ist keine „schlechte“ Defense, bloß eben auch keine furchterregende. Weil Atlanta in der Offense bis auf Slot-WR und OG ziemlich stark besetzt ist, und man zusätzlich zu den eigenen sieben Draftpicks noch vier „Compensatory“-Picks von der NFL spendiert bekam, dürften sich Nolan, Smith und GM Dimitroff im Draft auf die Defense konzentrieren.

Es ist die Chance zu einem neuerlichen Umbau, und man sollte bei Nolan nix ausschließen: Der Mann weiß, was er macht. Er weiß, wenn er probiert und testet – letztes Jahr war es mit einem Personal, das nicht „seines“ war (Nolan war erst im Jänner 2012 gekommen), ein wildes Mix aus 4-3, 3-4 und 3-3-5 Defense. Es gibt noch wenige Hinweise darauf, was Nolan nächstes Jahr zu machen gedenkt.

Viele erfahrene Recken wurden aus Alters- und Kostengründen gehen gelassen (CB Robinson, DE Abraham, wohl auch CB Grimes). Einige vielversprechende junge Leute ebenso (DT Walker, LB Sidburry). Mit den vielen Picks lässt sich ein Umbau angehen.

Ein vielleicht wichtiger Move wurde diese Woche in der Free Agency gemacht: DE Osi Umenyiora von New York eingekauft. Umenyiora ist ein von mir abgöttisch geliebter Mann, der einst eine Superbowl gegen eine übermächtige Patriots-Mannschaft quasi im Alleingang dominierte und über Jahre einer meiner Lieblings-Abwehrspieler war. Jetzt ist Umenyiora jenseits der 30 und wohl nicht mehr die Naturgewalt früherer Tage, aber wenn er als eine Art „jüngeren John Abraham“ geben kann, wäre das für Atlanta nur ein Gewinn.

Die Defensive Line braucht aber mit Sicherheit noch zumindest einen weiteren starken Passrusher auf Defensive End. Auf Tackle ist man mit Babineaux und Corey Peters noch halbwegs gut, aber längst nicht überragend besetzt. Dominanz strahlst du z.B. in einer 3-4 Defense nur mit mächtigem Nose Tackle aus – ich sehe in Atlanta keinen solchen, wenn nicht noch der schon als Flop abgestempelte DT Peria Jerry noch einen unvorhergesehenen Durchbruch schafft.

Vielleicht lässt sich auch mit diversen vielseitigen Schachfiguren wie LB Akeem Dent oder DL/LB Kroy Biermann arbeiten, aber vieles deutet drauf hin, dass die Chefs in diesen Jungs mehr role player sehen als echte Fixsterne. Was ist z.B. mit DE Jonathan Massaquoi? Der Mann spielte bei Troy alles in Grund und Boden; war halt leider nur die Sunbelt Conference.

Einiger dieser Leute könnten von Nolan aber auch auf Linebacker verschoben werden. Dort ist, egal welches Abwehrsystem gespielt wird, nur eines fix: Sean Weatherspoon hat seinen Platz in der Spielfeldmitte gewiss. Weatherspoon ist ein Leadertyp, ein Ankermann. Er strahlt nicht die Passrush-Wucht anderer Jungs auf, aber alles, was koordinative Aufgaben oder Tackling und Deckung angeht, hat Weatherspoon auf sehr gutem Niveau drauf. Der Kader wird dahinter (und hinter besprochenen Dent/Biermann) schnell dünn; LB Nichols gilt nicht als richtiges NFL-Kaliber.

Das Defensive Backfield sieht mit dem Glücksgriff CB Asante Samuel (ist aber auch schon jenseits der 30) und mit dem Safety-Duo DeCoud/William Moore drei mehr als verlässliche Kollegen, aber sofern nicht doch noch Grimes unter einen billigen Vertrag genommen werden kann, ist die Tiefe dahinter quasi nicht gegeben. Atlanta hat angesichts des zuletzt mauen Passrushs keine unterirdische Secondary und Samuel ist immer für eine Interception gut, aber mit dieser geringen Absicherung gegen z.B. Verletzungsausfälle oder Formkrisen kannst du nicht in den Herbst gehen. Es wird bestimmt noch nachgebessert.

Ausblick

Auch nach der nächsten 13-3 Saison und nach zwei fantastischen, engen Playoffspielen gegen die vielleicht beiden besten Mannschaften der abgelaufenen NFL-Saison tut man sich schwer, die Falcons für voll zu nehmen. Ein klein wenig zu blass ist der ganze Laden. Ich kann mich des Eindrucks trotz meines immensen Respekts auch nicht ganz verwehren, kann mich aber vorstellen, dass sich das abrupt ändert, sollte Atlanta eine Abrissbirne in der Front-7 finden – oder generell in der Lage sein, mit der Front-7 einen Schützengraben in den Würgegriff zu nehmen.

Dieses „softe“ Element bei den Falcons kann aber auch am Franchise-QB Ryan liegen, der, so konstant stark (und ohne Laufspiel-Entlastung stark!) er seit Jahren spielt, nicht den Wow-Faktor eines Aaron Rodgers versprüht. Mit dem Einkauf von RB Jackson ist zumindest auffm Papier anständiges Laufspiel besorgt.

Aber wie schon geschrieben: Atlanta muss seine Baustellen in der Abwehr – in der Reihenfolge DE, DT, CB – via Draft lösen, und wir haben einen weiterhin brandheißen NFC-Mitfavoriten, der auch gefühlsmäßig als solcher wahrgenommen wird.

Chicago Bears in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        10-6    --
Enge Spiele    3-4 
Pythagorean   10.8    (6)
Power Ranking   .538 (11)
Pass-Offense   5.7   (23)
Pass-Defense   5.4    (4)
Turnover       +20

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Reißleine in Chicago nach der wieder mal verpassten Playoff-Qualifikation: Der langjährige Head Coach Lovie Smith wurde rasiert und von GM Phil Emery durch ein überraschendes Karnickel ersetzt: Marc Trestman aus der Canadian Football League. Für die jüngeren Fans seit Trestman kurz eingeordnet, da er langjährigen Fans durchaus etwas sagen sollte: Trestman war Ende der 90er und Anfang der 2000er in San Francisco und Oakland eine zeitlang heißer als Frittenfett und wurde als neuestes Offensivgenie gefeiert, orchestrierte reibungslose West Coast-Systeme das Spielfeld runter und wird noch heute als vielleicht wichtigster Mann hinter der MVP-Saison von QB Rich Gannon 2002/03 gesehen. Weiterlesen

New England Patriots in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        12-4    CF
Enge Spiele    4-4 
Pythagorean   12.7    (1)
Power Ranking   .581  (6)
Pass-Offense   7.0    (4)
Pass-Defense   6.9   (26)
Turnover       +25

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Die Patriots sind immer eine spannende Franchise, und es ist nichts anderes als bemerkenswert, wie lange sich diese Mannschaft nun schon ohne Unterbrechung im NFL-Spitzenfeld hält. Die Personalunion von Head Coach, GM, Chefscout und Putzfrau, Bill Belichick, führt immer noch jahrein, jahraus einen Superbowl-Kandidaten ins Feld, egal wie viele Coordinators die Franchise verlassen, egal wie viele Spieler auf der IR landen, egal wie verzweifelt die Divisionskonkurrenz den Spielermarkt leer kauft.

Die Krux ist nur: Die Patriots neigen in den letzten Jahren zu spektakulären Aussetzern, wenn es niemand erwartet: In den Playoffs. Seit der Glanzzeit mit drei Superbowlsiegen in vier Jahren setzte es patriots-untypische (oder sind es schon „patriots-typische“?) Pleiten gegen Indianapolis, die New York Giants (2x), Baltimore und die New York Jets in Spielen, in denen sie entweder klar favorisiert oder spielbestimmend waren. Das nagt am Selbstverständnis der erfolgsverwöhnten Anhängerschaft.

Die Weichen für die Zukunft…

…sind gestellt. Für einmal gab es heuer keinen größeren Wechsel im Trainerstab und der Vertrag des Super-QBs Tom Brady wurde bekanntlich frühzeitig „cap-freundlich“ verlängert. Brady geht mit bald 36 Jahren in seinen letzten Karriereanschnitt und dürfte auch dank seiner Frau keine finanziellen Sorgen mehr haben, aber es ist trotzdem erstaunlich, wie sich Brady seit Jahren unter Marktwert verkaufen lässt. Wo ein Manning oder Flacco die Haie in die Verhandlungen schicken und selbst den letzten Penny rauspressen, verzichtet Brady seit vielen Jahren auf 3-4 Mio./Saison, was dem immer noch latent vorhandenen Team-Gedanken in New England nur förderlich sein kann. Und Brady ist bei aller Liebe für das System Patriots der Mann, der den Laden zusammenhält. Mit 36 Jahren wird er körperlich bald abbauen, aber die Vergangenheit zeigt, dass ein Quarterback durchaus auch mit 39, 40 noch effizient spielen kann, da QBs neben ihrem Arm vor allem von Spielintelligenz und Antizipationsvermögen leben.

Die Offense

WR Wes Welker verkündete vor zwei Wochen seinen Wechsel nach Denver, womit der drittletzte Bestandteil (die letzten sind Brady und Mankins) der unschlagbaren Patriots-Offense von 2007 abgewandert ist. An der grundsätzlichen Philosophie des atemberaubend schnellen No Huddle-Kurzpassspiels dürfte das in Foxboro wenig ändern, zumal die zentralen Bestandteile weiterhin im Kader stehen:

  • Der monströs gebaute TE Rob Gronkowski, den allerdings in regelmäßigen Abständen kleine Zipperlein plagen.
  • Der vielseitige TE/WR/HB Aaron Hernandez als Schachfigur für verschiedenste Aufstellungen.

Dazu gesellt sich, wenn fit, der aus St Louis eingekaufte Welker-Ersatzmann Amendola, ein durchaus fähiger Mann für 5-8 Mitteldistanzbälle pro Spiel, und mit Vereen, Ridley und Boldin drei variabel einsetzbare Running Backs mit Fangqualitäten. In den Tiefen der IR schlummert mit dem Olympiasprinter 2012 Jeff Demps (ex-Florida Gators) noch ein vielleicht einzigartiges Talent, aus dem Belichick möglicherweise noch was formen möchte, wobei die jüngsten Aussagen Demps‘ („Leichtathletik ist meine Berufung, Football nur ein Hobby“) bei Belichick eher nicht auf große Gegenliebe gestoßen sein dürfte.

Konstant halten sich auch noch die Gerüchte eines Einkaufs von Pittsburghs RFA-WR Emmanuel Sanders, der für einen mittelprächtigen Vertrag plus Drittrundenpick losgeeist werden könnte. Sanders war vor wenigen Jahren mal ein „Secret Superstar“ bei Pro Football Focus. Auch WR Brandon Lloyd könnte für entsprechendes Salär noch nach New England zurückkehren – Lloyd gilt weiterhin als Spezl von OffCoord McDaniels.

Wie viel davon Plan B oder Plan C ist, ist bei den Patriots immer schwer zu beurteilen.

Die Offense Line hätte bei einem Abgang von RT Sebastian Vollmer durchaus einen Dämpfer hinnehmen müssen, und die Patriots schienen mittelhoch gepokert zu haben, doch es fand sich kein Abnehmer für das Latente „Rückenproblem“ Vollmer. Mittlerweile ist bekannt, dass Vollmer für einen relativ gesitteten Vertrag bleibt. Stärkung der Schützengräben gehört seit jeher zu den höchsten Prioritäten in New England, auch weil QB Brady gern mal allergisch auf zu viel Druck reagiert.

So oder so wird diese Offense kaum so schnell einen Leistungseinbruch sehen. In den letzten drei Jahren war das jeweils eine der drei effizientesten Punktemaschinen, die an guten Tagen auch gegen die Top-Defenses 30-40 Punkte aufs Tablett legen konnte. Dazu ein opportunistisches Laufspiel: New England wird so lange punkten, wie Brady den Angriff führt.

Die Defense

Qualitativ so ziemlich das Gegenteil ist die Defense, seit Jahren nach der Philosophie bend but don’t break gebaut: Wurscht, ob du mir vierhunderteinundsiebzig Yards einschenkst, ich lasse dir keine langen Touchdowns, sondern gönne dir maximal Field Goals und werde zweimal pro Spiel den Ball abfangen. Den Rest macht meine Offense – habe viel Spaß, auf die Weise 30 Punkte zu scoren. Problem dabei: Wenn die Turnovers, wie im AFC-Finale gegen Baltimore, mal ausbleiben, ist es um die Pats schneller geschehen als man denken würde.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der als Defensiv-Genie verschrieene Belichick seit Jahren verzweifelt – und erfolglos! – versucht, Dominanz in eine verwaiste Abwehr zu bringen. Es mangelt vor allem an zwei Kernkomponenten: Passrush und Passdeckung. Zufällig die wichtigsten Bestandteile jeder NFL-Verteidigung.

In der Front-Seven spielt New England eine Mischform von 3-4 und 4-3 und hofft dadurch, Verwirrung beim Gegner zu stiften. Am alten Recken DT Vince Wilfork gibt es wenig auszusetzen und der junge DE Chandler Jones wurde zuletzt bis zu seiner Verletzung den Erwartungen durchaus gerecht. Ein weiterer Gehilfe für die Stirn der Defense würde den Patriots aber gut zu Gesichte stehen.

Ganz „hinten“ leidet die Abwehr an den vielen Draft-Busts, die Belichick sich in den letzten fünf Jahren auf Cornerback angelacht hat. Das führte letztes Jahr zu einem Trade für den Knallkopf der Buccs, CB Aqib Talib, einen Hüne von Cornerback, der die Secondary sofort verbesserte. Talib blieb für Einhjaresvertrag und relativ billige 5 Mio. in New England. In Kombination mit CB Dennard (sofern nicht ein Fall für den Knast) und Nickelback Arrington sowie dem CB Ras-I Dowling (wenn zur Abwechslung mal fit) könnte diese Secondary durchaus Potenzial besitzen, nicht mehr komplett ausschließlich von Turnovers abhängig zu sein.

Zumal FS Devin McCourty durchaus als Corner eingesetzt werden kann – und dann wären der blutjunge Tavon Wilson und der aus Arizona eingekaufte Routinier Adrian Wilson die Favoriten auf die beiden Starter-Plätze.

Grundsolide sollten die Linebacker sein: Brandon Spikes gilt als der vielseitigste, der ehemalige Tennessee Volunteer Jerod Mayo ist mit seiner Erfahrung der Ankermann, und der junge Dont’a Hightower schaut auch in der NFL so dynamisch aus wie am College in Alabama. Belichick würde zwar immer noch seinen ältesten Sohn eintauschen gegen einen Weltklasse-OLB mit Passrush-Qualitäten, aber solange dieser nicht via Draft erhältlich ist – so what? Vielleicht kommt noch jemand wie Freeney vom Transfermarkt.

Ausblick

Das Fenster des Erfolgs ist noch offen für die Patriots, aber mit jedem Jahr, das QB Brady älter wird, dürfte es einen Spalt schmäler werden. Belichick wird niemals in den Modus „win now, pay later“ verfallen, aber in New England würde es sogar etwas Sinn machen, da man die Akquisition eines neuen Bradys nicht planen kann. Der Einkauf von WR Sanders ist IMHO ein no brainer, sofern die Pats glauben, noch einen halbwegs guten und bezahlbaren Receiver zu brauchen.

Es gibt einen Grund, es nicht zu machen: Die Patriots haben erstaunlicherweise dieses Jahr kaum mehr Draftpicks (diese wurden großteils für Kollegen wie Ochocinco, Haynesworth oder Lloyd hergegeben). Und da sie in der Defense noch durchaus Verstärkung brauchen und Belichick noch zwei Picks aufs nächste Jahr traden muss, könnte der Drittrundenpick für Sanders

So oder so bleibt New England wohl ein Titelanwärter. Division und Conference (außer Denver, Houston und vllt. Cincinnati und eventuell noch Kansas City) sind noch im Umbruch oder schlicht zu schwach aufgestellt, um die Patriots ohne eine Verletzung Bradys zu stoppen. Die Effizienz-Mangel in der Defense werden eh größtenteils kaschiert durch das überdurchschnittlich aggressive PlayCalling Belichicks (außer in AFC-Finals und Superbowls).

New England dürfte vorerst nicht so schnell abstürzen.

Lieber Selig als Go To Hell

Der Saisonauftakt in der NFL war seit zirka zehn Jahren stets nach Schema F: Superbowl-Champ eröffnet immer wenn nicht Obama Wahlkampfreden hält das Jahr zuhause am Donnerstag nach dem Labour Day. Bis heuer. Denn dieses Jahr werden die Ravens auswärts antreten.

Ich hatte den Gerüchten anfänglich keine Beachtung geschenkt, weil ich nie für möglich gehalten hätte, dass Gotohell das nicht hinbiegen würde, aber es ist seit Freitag offiziell: Baltimore eröffnet auswärts.

Worum gings? Just an jenem Donnerstag, 5.9.2013 beginnen die Baltimore Orioles aus der Schlagball-Liga (das ist der Sport, der dem Völkerball ähnlich sieht) eine vier Spiele währende Heimserie. Orioles und Ravens haben ihre Arenen in unmittelbarer Nähe und nutzen ihre Parkplätze gemeinsam – ergo ist keine parallele Austragung von Heimspielen möglich.

Man möchte meinen, dass es bei roundabout 80 Heimspielen, die jede MLB-Franchise zwischen April und Ende September austrägt, kein Problem ist, wenn man mal eines verschiebt, damit der frisch gebackene Superbowl-Sieger in einer geprügelten Stadt wie Baltimore seine Siegerfete austragen kann.

Iss nicht so. Die Orioles wollten in der Saisonschlussphase, wo sie mit ihrem guten Team möglicherweise um die Playoffs spielen werden, nicht ihre Pitching-Rotation durcheinander bringen. Die Ravens wollten nicht am Mittwoch, 4.9. spielen, weil da der jüdische Feiertag Rosch ha-Schana am Abend beginnt (!).

Am Sonntag oder Montag (als Sunday Night oder Monday Night Game) wolltens nicht um nicht den Wettbewerbsvorteil einer zehntägigen Vorbereitung auffn zweiten Spieltag zu verlieren.

Und so stehen wir nun da. Der viel kritisierte MLB-Commissioner Bud Selig schaffte das, was noch nie jemand gepackt hatte: Er gewann das Kräftemessen mit der NFL-Einmannshow, Goodell.

Indianapolis Colts in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        11-5    WC
Enge Spiele    9-1 
Pythagorean    7.2   (20)
Power Ranking   .422 (26)
Pass-Offense   6.2   (16)
Pass-Defense   6.7   (21)
Turnover       -12

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Die Indianapolis Colts 2012/13 haben zwei rote Fäden. Der erste ist der sentimentale: Die Colts, schlechtestes Team der Vorsaison, marschieren mit einem Rookie-QB, extrem jungen Kern in Offense und Defense und Interimscoach in die Playoffs. Die komplette Saison über weht der Geist des krebskranken „richtigen“ Head Coaches über dem Team, das – kahl rasiert – Woche für Woche in der Crunch Time die ganz dicken Hosen anzieht und Comeback-Sieg auf Comeback-Sieg einfährt. Der sensationelle Lauf wird erst vom späteren Superbowl-Champ gestoppt.

Das ist das, was wir mit unseren Augen gesehen haben. Wer Sideline Reporter regelmäßig verfolgt, weiß aber, dass man sich nicht blenden lassen sollte. Und da kommen wir zum zweiten Faden: Die Colts 2012/13 waren kein besonders gutes Team. Die 11-5 Bilanz täuscht, so respektabel sie ist, über den Leistungsstand der Mannschaft massiv hinweg. Sie ist geschönt durch eine historisch gesehen praktisch nicht wiederholbare 9-1 Bilanz in Spielen mit maximal einem Score Differenz. Sie ist geschönt durch den mit abstand einfachsten Schedule der Liga. Sie übertüncht, dass Indianapolis eine der schwächsten Defenses ligaweit hatte, egal ob gegen Lauf oder Pass. Sie übertüncht das quasi nonexistente Laufspiel der eigenen Offense.

Indianapolis ist mit diesem Leistungsprofil ein Kandidat für einen Einbruch in der kommenden Saison (Stichwort „Regression zur Mitte“). Und es ist nicht schlimm. Denn wie ich schon in der Sezierstunde vom letzten Jahr schrieb: Brutal junge Teams im kompletten Neuaufbau durchleben fast zwangsläufig Wellentäler. Es ist nicht immer schön und manchmal bitter (für die Colts 2013/14: Upcoming). Man warte aber, bis der Kern erstmal steht. Dann kann es schnell rund gehen.

Die Offense

QB Andrew Luck spielte vielleicht das unspektakulärste Rookiejahr der „Big 3“ (RG3, Wilson, Luck), aber gemessen an allen historischen Standards wurde Luck dem Hype sicher gerecht, zumal mit einem Supporting-Cast von hauptsächlich Oldie-WR Reggie Wayne und ansonsten fast nur Rookies. Luck bekam vom mittlerweile abgewanderten OffCoord Arians eine vertikale Offense geschnitzt, in der es in erster Linie downfield ging und erst danach wurde der kurze Checkdown gesucht. Luck spielte nicht immer konstant, bewies aber wiederholt Eier und führte seine Offense notfalls per Scramble ins Getümmel hinein zum nächsten 1st down. Der Mann gilt als spielintelligent genug, um alsbald den nächsten Schritt zu machen.

Bei den Receivers hatte Wayne besagt starkes Jahr, aber der Mann geht auf die Mitte 30 zu und nach allem, was wir über WR-Karrieren wissen, geht es dort meistens innerhalb kürzester Zeit rapide bergab. Hoffnung machen die vielen jungen Wilden: TE Allen von Clemson spielte ein starkes Jahr und TE Fleener, schon am College Lucks Teamkollege, zeigte auch brauchbare Ansätze. Dazu die flinken Rookies Brazill und Hilton, die beide verhältnismäßig oft tief angespielt werden – es sind durchaus Waffen, mit denen man arbeiten kann, selbst nach Donnie Averys Abgang. Die Frage ist höchstens, ob es nicht noch den einen oder anderen Star-Athleten braucht, sollte Wayne bereits heuer einknicken.

Bei den Running Backs wenig Neues: Brown wird kein Arbeitstier mehr, Rookie Ballard ist trotz spektakulärer Touchdownflüge insgesamt ein zu ungeduldiger Back, Carter gilt maximal als brauchbarer short yardage-Back.

Wo es noch grob hakt: Offensive Line. Mit RT Cherilus aus Detroit und G Thomas aus New England wurde immerhin grundsolides NFL-Mittelmaß eingekauft, und auf der linken Seite erhofft man sich von LT Castonzo noch einen Leistungssprung, aber alle anderen Versuche der letzten Jahre, die Offense Line zu verstärkten, scheiterten. Es mag eine nun ungewünschte Nebenwirkung sein, dass es in der Zeit unter Peyton Manning keine wirklich gute Protection gebraucht hatte und man diese Positionen getrost vernachlässigen konnte. Nachbesserung: Wichtig, aber nicht dringendste Baustelle.

Ein unterschätzter Move: Backup-QB Hasselbeck wurde aus Tennessee geholt. Nicht nur, dass damit guter Ersatz für einen eventuellen Ausfall Lucks wäre, nein, man hat einem Divisionskonkurrenten möglicherweise dessen beste QB-Option abgeluchst.

Die Defense

Diese ist die komplette Defense, die in allen erdenklichen Effizienz-Kategorien unter den schwächsten der Liga aufscheint – und da ist Anpassung an der leichten Schedule noch nicht gemacht. Die Moves der Colts konzentrierten sich dann auch fürs erste vor allem auf die Abwehr, wo gleich mehrere bekannte Namen gekauft wurden – und vielleicht etwas teuer gekauft wurden (mehr als 20 Mio. für Jean-Francois? My ass), aber wenn die so jung und so billig bist wie Indy, kannste dir strategisches Überbezahlen auch mal leisten.

Für die Defense Line wurden NT Aubrayo Franklin und eben DE Ricky Jean Francois geholt, womit wenigstens etwas Tiefe im Kader ist. Auf Linebacker konzentriert sich die Suche immer noch nach einem OLB/Passrusher, da man nach Freeneys Abgang nur noch die Herrschaften Robert Mathis und Jerry Hughes besitzt. Mathis ist in Sachen Passrush große Klasse, aber Hughes hat aus irgend einem Grund den Durchbruch in der NFL nicht geschafft, was mich baff hinterlässt: Hughes war vor wenigen Jahren ein absoluter Gigant in einer der sensationellsten Defenses im College Football bei TCU. Da die Colts insbesondere auch gegen das Laufspiel arge Schwierigkeiten hatten, dürfte sich die Suche nach einem vielseitig einsetzbaren Spieler nicht einfach gestalten.

In der Secondary ist mit dem agilen S LaRon Landry ein sehr bekannter Neuzugang zu vermelden. Dazu CB Greg Toler für einen ziemlich massiven Vertrag. Ich hatte in meinem Leben vorher noch nie von Greg Toler gehört. Immerhin: Mit CB Davis, Landry und vermutlich Toler gibt es auch gutes Spielermaterial in der Secondary. Nicht superb, aber es dürfte helfen.

Ausblick

Ich erwarte noch einen defensivlastigen Draft der Colts. Gesucht wird noch ein starker Passrusher (+okayer Mann gegen den Lauf), ein solider Defensive End, ein Running Back und möglicherweise nach all dem Wirbel, den Owner Irsay auf Twitter veranstaltete, auch noch ein Wide Receiver. Am Kader wird noch ein Weilchen zu basteln sein.

2013/14 sehe ich als schwieriges Jahr für die Colts an. Die letzte Saison weckte Erwartungen, die nicht erfüllt werden können. QB Luck muss schon ein sensationelles zweites Jahr spielen, um annähernd in eine Region mit elf Saisonsiegen zu kommen. Ich sehe eher ein 6-10 oder 7-9 oder so kommen.

Buffalo Bills in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record         6-10   --
Enge Spiele    2-4 
Pythagorean    5.7   (25)
Power Ranking   .479 (21)
Pass-Offense   6.0   (20)
Pass-Defense   6.1   (14)
Turnover       -13

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Die Buffalo Bills haben als vielleicht provinziellste NFL-Franchise einen ganz eigenen Charme, auch weil der greise Owner Ralph Wilson jr. weiterhin verbunden genug mit Stadt und Region ist, um die Franchise trotz Standortnachteilen aus Buffalo abzuziehen. Die jüngste Aktion ging dahin, eine Stadionrenovierung mit gesichertem Verbleib bis wenigstens 2020 durchzuwinken. Auch im sportlichen Bereich gibt es Neuigkeiten, denn nach der gefühlt fünfundzwanzigsten 6-10 oder 7-9 Bilanz in Folge wurde Head Coach Chan Gailey durch Doug Marrone ausgetauscht.

Wie ich schon im Jänner schrieb, hat der Einkauf des „Underdogs“ Marrone für den ewigen Underdog Buffalo ein gewisses Flair. Marrone hat zudem viele gute Voraussetzungen, coachte in mehreren Stufen am College, hat Erfahrung in NFL-Trainerstäben und als Offensive Coordinator (Saints) und Marrone weiß, wie man Organisationen managt (Syracuse) oder junge Quarterbacks entwickelt (Ryan Nassib). Einzig der Fakt, dass noch kein Kind Marrones sich zum Prädikat „Weltklasse“ hocharbeiten konnte, trübt das Bild. Aber auf der anderen Seite erklomm Marrone bisher stets kurz vor dem Durchbruch die nächste Stufe der Karriereleiter. Mit dem uneitlen Marrone könnte GM Buddy Nix nach vielen Fehlgriffen ein guter Move gelungen sein.

Die Offense

Marrone steht nicht für ein Offensivsystem, sondern galt in der Vergangenheit als Coach, der Elemente aus mehreren Spielphilosophien einzubauen vermochte. Im Kern gilt der Mann als Liebhaber von balancierter Offense mit vielseitigem Einsatz ihrer Running Backs. RB C.J. Spiller dürfte nach seinem Coming-Out Jahr 2012/13 aufgehorcht haben; Spiller war nach Effizienz-Stats der produktivste Back der kompletten Saison, lieferte mehr Beitrag für seine Offense als Adrian Peterson in zirka der Hälfte der Ballberührungen! Mit dem alternden und zuletzt verletzungsanfälligen Backup Fred Jackson gibt es in Buffalo noch einen intelligenten „Parasiten“ für die Entlastung Spillers zwischendurch.

Ein paar Fragezeichen gibt es bei den Wide Receivers, die abseits von Steve Johnson eher suspekt besetzt sind – und da sind wir bei einem springenden Punkt, was den Draft 2013 angeht: Es ist allen klar, dass Buffalo dieses Jahr einen Quarterback draften wird. Unklar ist noch, wann. Ich halte es für nicht ausgeschlossen (und würde es mir, wäre ich GM, überlegen), dass die Bills den „Cincinnati-Weg“ einschlagen werden: Mit dem hohen Top-10 Pick einen Wide Receiver einberufen, mit dem Zweitrundenpick einen Quarterback.

Die Voraussetzungen wären gegeben. In einem explosiven Mann wie WR Cordarrelle Patterson von Tennessee gibt es durchaus ein Probowl-würdiges Talent, während bei den QBs nicht ein einziger Mann reif genug ausschaut, um ihm die Bürde „Top-10 Pick“ aufzuhalsen. Reine Spekulation: Die Bills würden in Runde zwei einen Tyler Wilson oder Tyler Bray (oder auch Marrones Protegée Nassib) einberufen – die Offense hätte Stil: Rookie-QB, RB Spiller, WR Johnson, WR Patterson… Buffalos Angriff läse sich mit einem Schlag potent.

Sehr hilfreich wird die bereits gesetzte Offensive Line sein, wo es nur ein Ärgernis gibt: LG Andy Levitre wurde ziehen gelassen, ein junger Mann, dem man starke Leistungen nachsagte. Ist „nur“ ein Left Guard, aber die Line bekommt so noch Nachbesserungsbedarf.

Die Defense

Der neue DefCoord der Bills ist Mike Pettine, der aus New York (Jets) bekannt ist. Pettine steht für einen wilden Mix an verschiedenen Defensivformationen, von 3-4 über 4-3 über völlig unkonventionelle Aufstellungen, immer mit einem Ziel: Druck gen Quarterback zu entfachen und für Konfusion im Backfield des Gegners zu sorgen. Das spricht dafür, dass die Bills verstärkt 1-2 Super-Passrusher und im weiteren viele vielseitige Spieler brauchen werden.

DE/OLB Mario Williams könnte da einer der wichtigsten Bausteine werden. Als reinrassiger Passrusher stünde DE Mark Anderson bereit. Eine hochklassige Defensive Line könnte um das Tackle-Duo Dareus/Kyle Williams gebaut werden, denen man Extraklasse nachsagt.

Über kurz oder lang wird Pettine bei den Linebackers nachbessern wollen, wo man vor allem von der stagnierenden Entwicklung von Sheppard enttäuscht ist; der teure Einkauf des OLBs Manny Lawson spricht dafür, dass die Linebacker ins Zukunft druckvoller agieren sollen – und das ist notwendig, denn beim Durchspulen der alten Bills-Tapes fällt der inexistente Passrush aus der zweiten Reihe sofort auf.

In der Secondary sehe ich gigantischen Nachholbedarf: CB Stephen Gilmore dürfte trotz seines jungen Alters und trotz des durchwachsenen Rookiejahres gut genug für die Manndeckung sein, aber hinter Gilmore wird es sehr schnell seeeeeehr dünn. CB Aaron Williams soll nach zwei schwachen Jahren schon halb aufgegeben sein. FS Byrd gilt als Pro-Bowl-Kaliber, aber ich sehe keinen zweiten Safety.

Needs: Cornerback (x2), Safety, Linebacker, Backup-Defense Liner.

Ausblick

Bei den Bills ist nach dem x-ten Neustart vieles noch im Unbekannten und Marrone wird sich erst als Architekt eines Footballprogramms beweisen müssen. Der Kader ist an einigen Stellen bereits stark besetzt und wenn die Bills im Draft einen Quarterback finden, der sofort einschlägt, sind wir nicht weit von den Playoffs entfernt. Die Frage ist halt, ob die vielen halbfertigen QB-Produkte im NFL-Draft 2013 so große Hoffnungen auf einen RG3-mäßigen Einstand machen.

Der Kaderumbau in der Offseason war in der Free Agency weniger stürmisch als es sich die Bills-Fans erhofften, aber das muss kein schlechtes Zeichen sein, schließlich ist der Draft meist der bessere und preiswertere Zugang zu neuen Talenten. Die Bills müssen sich neben einem Quarterback vor allem auf einen zweiten Wide Receiver und besagte Positionen in der Defense kümmern.

Wird nicht alles dieses Jahr passieren, aber wie geschrieben: Neuer Head Coach = Programm-Aufbau nicht in einem Jahr. Wenn aber der neue QB sofort aufgeigt, sind die Bills voll im Playoffrennen.

Ein Blick auf den QB-Markt 2013

Häufig draften auch Teams ohne sichtbares „Need“ einen Quarterback zum Entwickeln, aber hier sei der Blick mal auf die allgemeine Quarterback-Situation in der NFL am heutigen Montag gerichtet.

American Football Conference (AFC)

EAST – in New England versauert der Arkansas-Bomber Ryan Mallett hinter Brady und wird bis minimum 2015 kein Land sehen. Mallett wird immer wieder als Trade-Objekt gesehen, vor allem für Cleveland oder Tampa. Buffalo ist spätestens nach der Trennung von Fitzpatrick ein heißer Anwärter drauf, mit einem Top-10 Pick (aktuell halten die Bills Pick #8) einen Quarterback einzuberufen – vielleicht Geno Smith oder Ryan Nassib, dessen Coach der neue Bills-Cheftrainer Doug Marrone am College war. Bei den Jets würde man sich lieber heute als morgen Mark Sanchez entledigen, was aber durch dessen Vertrag ausgeschlossen ist. Tebow ist auch auf dem Abstellgleis, aber ich würde nicht drauf wetten, dass New York in den ersten Runden einen QB draften wird.

NORTH – in Cleveland hält das neue Regime um GM Lombardi und HC Chudzinski wohl nicht so größe Stücke auf das QB-Duo Weeden/McCoy; vor allem Weeden gilt nach nur einem Jahr als verbrannt. Eine hohe Einberufung eines Quarterbacks halte ich aufgrund der verfügbaren Optionen für unwahrscheinlich. In Cincinnati gibt es (noch) wenig Grund, Andy Dalton fallen zu lassen. Pittsburgh könnte ein Ort sein, an dem man langsam einen Nachfolger für den windelweich geprügelten Roethlisberger suchen muss.

SOUTH – in Houston dürfte der Geduldsfaden mit Matt Schaub am Reißen sein, aber die Texans dürften realistisch genug sein, dass sie so schnell keinen besseren Spielmacher mit halbwegs normalem Preis/Leistungsverhältnis finden werden. In Tennessee hat QB Locker nach zwei Jahren immer noch nicht viel gezeigt. In Jacksonville scheint man es trotz schlechtester Vorzeichen noch einmal mit Blaine Gabbert zu versuchen. Tennessee und Jacksonville könnten aber trotz aller Unkenrufe im Rennen um einen QB sein.

WESTDenver (Starter Manning, Zögling Osweiler) ist geklärt. Kansas City (Alex Smith, Chase Daniel) vermutlich für wenigstens ein Jahr auch. Oakland hat mit Carson Palmer einen akzeptablen Starter und die großen Probleme eher an anderen Stellen, aber mit dem Investment in QB Pryor vermutlich zu viele Ressourcen in die QB-Position gebunden, um dort schon wieder aktiv zu werden. San Diego hat mit Rivers eigentlich einen ganz Großen, der mit 32 aber nicht jünger wird und 2012/13 ein furchtbares Jahr spielte. Die Chargers sehen aus wie die klassische Franchise, die sich dieses Jahr nach einem jungen QB aus der vierten Runde zum Entwickeln umsieht.

National Football Conference (NFC)

EAST – in Philadelphia steht Vick ein (letztes?) Jahr unter Vertrag. Backup Nick Foles ist jung und zeigte immerhin sowas wie Ansätze, passt aber von der Spielanlage eher nicht in eine Offense von Chip Kelly. Für realistisch halte ich eine Einberufung von Geno Smith in der ersten Runde oder EJ Manuel in der zweiten oder dritten Runde. Kelly gilt als Fan von Manuel.

NORTH – in Minnesota kriegt QB Chris Ponder eine letzte Bewährungschance; ich hätte es als Imperativ gesehen, in Runde 2 oder 3 aktiv zu werden und einen potenziellen Nachfolger zu draften, aber nach dem Einkauf des ebenso suspekten Matt Cassel aus Kansas City scheint man in Minnesota andere Pläne zu verfolgen.

SOUTH – in Tampa scheint Josh Freeman nicht mehr unumstritten zu sein. Weil ich weiterhin ein Fan von Freeman bin und die Offense eigentlich auf Freemans Talente zugeschnitten ist, sehe ich nicht, wie die Buccs einen „per sofort“ Ersatz holen. Einen junger Nachwuchsspieler mit Option 2015 dagegen schon.

WESTSan Francisco ist auf dem Markt für einen Backup aus den mittleren Runden und hat etliche Draftpicks. Arizona sucht händeringend einen #1-QB und kotzt die Eingeweide in die Wüste, dass dieses Jahr kein richtiger „Franchise-QB“ verfügbar ist. Man hört was von „Barkley mit Pick #7“ nach Arizona. Der schwache Wurfarm Barkleys und „deep ball“-Bruce Arians? Culture Clash hoch drei.

Tennessee Titans in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record         6-10   --
Enge Spiele    4-3 
Pythagorean    4.6   (28)
Power Ranking   .364 (29)
Pass-Offense   5.7   (23)
Pass-Defense   6.6   (20)
Turnover        -4

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Die Tennessee Titans waren zu Zeiten von Steve McNair eines meiner Lieblingsteams in der NFL. Über die Jahre ist bei mir allerdings immer mehr der Eindruck gewachsen, dass die Titans mittlerweile eine verglichen mit dem NFL-Standard schlecht geführte Franchise sind. Das mag auch am greisen Owner Bud Adams liegen, dessen instinktgetriebene Vorgaben keine Linie erkennen lassen und der, wie man auch schon früher hörte, immer mal wieder gerne in wichtige strategische Entscheidungen der sportlichen Leitung eingriff.

Die aktuellen Titans sprühen auch nicht gerade vor Esprit, was schon am stark verwalterisch angehauchten Head Coach Mike Munchak liegen mag, aber wohl auch daran, dass es kein wirklich klar umrissenes Spielsystem in allen Mannschaftsteilen gibt. Das führte dazu, dass die 6-10 Bilanz in der letzten Saison fast als „glücklich“ bezeichnet werden kann, als klassisches blaues Auge.

Die Offense

Ich schrieb schon mal während der Regular Season von einem Basis-Problem der Titans: Sie haben ihre Kernkompetenzen verlassen. Seit Jahren wurde immer weniger Fokus auf ihre Offensive Line gelegt, einst die große Stärke. Mittlerweile ist nur noch LT Michael Roos gehobene NFL-Klasse, und selbst dessen größte Stärke ist eher das Pass-Blocking denn das Laufspiel.

Und da sind wir schon beim Punkt „schlecht geführt“, denn der Running Back der Titans ist Chris Johnson, ein Klassesprinter, der einst die magische 2000er-Marke an Yards pro Saison knackte und im offenen Feld mit links die 70yds-Touchdowns aus dem Fußgelenk schnackelt. Johnson wurde vor zwei Jahren für einen rekordverdächtigen Vertrag und ca. 10 Mio./Saison gehalten, obwohl das Eine nicht zu übersehen ist: Johnson ist kein geduldiger Back, der sich die Entwicklung eines Spielzugs anschaut, ehe er losläuft. Johnson nimmt das Ei auf und rennt in den Haufen rein, ob die Bahn offen ist oder nicht. Lieber zwanzig 0yds-Läufe und ein highlight-trächtiger 80yds-TD als konstante 3-4yds aus selbst schlechten Situation zu würgen. Dass Johnson dieses one trick pony ist, sollte allen klar sein, selbst Opa Adams.

Es braucht in zweiter Konsequenz aber auch eine sehr gute Offensive Line, die wenn möglich ihre primären Stärken im Laufblocken (ergo: Aufreißen von Running Lanes) hat. Beides ist in Tennessee mehr Wunschvorstellung denn Realität. Als größter Move diesbezüglich ist in Nashville der Einkauf vom teuren Backup-RB Shonn Greene von den Jets zu vermelden – ein Kauf, der nicht darauf hindeutet, dass sich die Titans des Kerns der Probleme bewusst sind.

Die zweite Baustelle ist der QB Jake Locker, ein hoch gedrafteter Mann, der nun ins dritte Jahr geht. Locker konnte in den ersten beiden Saisons wenig zeigen, was Hoffnung auf eine lange und erfolgreiche NFL-Karriere machen würde. Die Schwächen sind immer noch die gleichen, die man schon vor dem Draft kannte:

  • Zu unpräziser Arm, der zu unterdurchschnittlicher Completion-Rate führt.
  • Kann keine Defense „lesen“, sprich: Wirft entweder zum ersten read, wenn der offen ist, oder wirft incomplete.
  • Kann in der Konsequenz auch keine Receiver „frei werfen“, sprich: Enge Deckungen schlagen.
  • Lässt sich von Blitzes schnell aus der Contenance bringen.
  • Ist zwar mobil, ist aber trotzdem aufgescheucht in der Pocket.

In jedem – und ich wiederhole: in jedem – Titans-Spiel hatte ich den Eindruck, dass Locker eine ganz Ecke souveräner und effizienter ist, wenn er einen Rollout-Spielzug aus der Pocket raus angesagt bekommt. Ich habe keine Ahnung, warum der Titans-Staff nicht mehr solcher Plays kreiert, zumal solche Spielzüge die Defense fordern und auseinanderziehen und in der Folge auch mit simplen Pitches wie gemacht für einen flinken Running Back wie Johnson wären.

Zu den Wide Receivers: Graues Mittelmaß. Vom schnellen WR Kendall Wright, den wir aus dem College als deep threat kannten, war 2012/13 wenig zu sehen: Diese Anspiele über 3yds mit vier Yards nach dem Catch waren das höchste der Gefühle, und die Zahlen bestätigen den Eindruck (nur 626yds aus 64 Catches, was ein unterirdischer Schnitt ist). Hat Tennessee deswegen von WR Lavelle Hawkins abgelassen?

Etwas Pech war letztes Jahr auch dabei, weil sich der #1-WR Kenny Britt wieder mit Verletzungen plagte. Britt wäre von den Anlagen nah dran an dem, was sich Teams unter einem Top-Receiver vorstellen. Ebenso grundsolide: Der #2-WR Washington und der neu eingekaufte TE Delanie Walker, der in San Francisco zuletzt viele Big Plays machte.

Fazit: Man kann mit diesen Skill-Players arbeiten. Es ist aber, trotz der Megabaustelle Offense Line (immerhin wurde der viel versprechende G Levitre von Buffalo losgeeist), enttäuschend, was in Tennessee dabei rauskommt, und es fällt auf den Trainerstab zurück. Der neue OffCoord …. hat eine Latte an Arbeitspaketen abzuarbeiten. Vieles wird aber auch an Locker liegen: Macht er einen Leistungssprung, löst sich vielleicht ein Schlatz Sorgen von allein. Die Hoffnung ist (noch) da: Locker werden ein einwandfreier Charakter und viel Trainingsfleiß nachgesagt.

Sollte Locker sich tatsächlich als völlig unfähig erweisen, steht in Ryan Fitzpatrick (ehemals Cincinnati, Buffalo) ein solider Backup im Kader.

Die Defense

Auffällig ist auf den ersten Blick, wie jung die Titans-Defense ist. Auffällig auch, wie schmal die Jungs vorne in der Front-Seven sind, ungewöhnlich für eine Unit von DefCoord Jerry Gray. Was beim Durchlaufen der condensed-Spiele sofort auffällt, ist eine merkwürdige Apathie in der kompletten Abwehr: Der „eine“ Ankermann geht komplett ab, es ist keine eindeutige Stärke auszumachen.

Auch hier gilt: Tennessee vernachlässigte jahrelang (seit dem Abgang von Haynesworth) die Anspiellinie. Tennessee hat keinen richtig dominanten Defensive Tackle, und die angedachten Top-Passrusher DE Derrick Morgan und DE Kamerion Wimbley sind auch nicht die explosiven Jungs, die schon mal im Alleingang zehn Sacks und 25 Hurries produzieren. DT Karl Klug ist ein Mann, der gut gefällt, wird aber offensichtlich nur in offensichtlichen Passrush-Situationen eingewechselt. Die Line ist auch nach dem Einkauf von DT Hill aus Detroit definitiv eine Position, wo Tennessee mit einem „impact player“ aus dem Draft zuschlagen könnte.

Die Linebackers sind extrem jung, aber das ist eine Einheit, die durchaus zu gefallen weiß: OLB Akeem Ayers geht aggressiv auf die Ballträger, ist aber arg anfällig gegen verfehlte Tackles. OLB Zach Brown hat durchaus Anlagen, auch auf Blitzes geschickt zu werden. Der heimliche Star ist MLB Colin McCarthy, ein sehr „direkter“ Mann, der nicht lange fackelt, sondern sofort zuschlägt, wenn sich irgendwo ein Loch öffnet: Viele Tackles, aber ebenso viele Verletzungen. Knöchel, Schulter, Bänder, McCarthy hatte schon alles kaputte, obwohl noch keine Mitte 20.

Die Secondary ist solide, aber man hat nie das Gefühl, dass die Herrschaften um S Mike Griffin oder CB Jason McCourty mal einen haushauen und im Alleingang ein Big Play forcieren können. Der Abgang von Finnegan letztes Jahr tat wohl doch mehr weh als befürchtet. Der Einkauf von SS George Wilson aus Buffalo und S Pollard aus Baltimore könnte dieser Secondary durchaus helfen.

Ausblick

Vieles hängt davon ab, wie der Trainerstab QB Locker in Zukunft einsetzen, und wie Locker sich unabhängig vom Spielzugdesign entwickeln wird. Tennessees Angriff hätte durchaus Potenzial, wenn noch 1-2 Upgrades in der Offense Line kommen. Die Defense könnte den einen dominanten Passrusher, einen starken Tackle und einen Ankermann in der Secondary gebrauchen, aber so viele Stellschrauben in einer einzigen Offseason gedreht zu bekommen, ist schon verdammt viel verlangt und erfordert viel Glück.

Tennessee muss auf eine gute Saison Lockers hoffen, um den Aufbauprozess nächstes Jahr vorantreiben zu können. Dumm ist nur, dass Owner Adams klar gemacht hat, dass HC Munchak bei einer weiteren unterdurchschnittlichen Saison fliegt. Dann stünden wir nächstes Jahr wieder vor einem Scherbenhaufen.

Ode an Jeff Backus

Immer zu gewinnen ist einfach. Sich nach Niederlagen wieder aufzurichten schon etwas schwieriger, aber man akzeptiert es, denn Niederlagen gehören zum Sport. Aber sich zwölf Jahre durch hoffnungsloses Siechtum zu quälen, muss man in nochmal eine andere Kategorie einordnen. Wenn man sich vor Augen führt, wie schwer es mir selbst fiel, eine simple Pleite mit dem Dorfverein zu verdauen und wenn man sich vorstellt, welch getriebenes Naturell Sport-Profis besitzen, kann man sich schwer ausmalen, wie es Jeff Backus in der National Football League gegangen ist.

Backus war im fernen 2001 ein Erstrundendraftpick, kam von einem der größten Colleges mit dem größten Stadion im Lande zur lokalen NFL-Franchise, die gerade einen neuen General Manager und Coach angestellt hatte. Ein Traum-Szenario von Draft, besser geht nicht.

Bloß war das College die University of Michigan, das Profiteam die Detroit Lions, der Head Coach Marty Mornhinweg, und der General Manager Matt Millen. Und Backus war Millens erster Draftpick. Hätten alle Draftpicks Millens so „eingeschlagen“ wie Backus, Detroit hätte das eine oder andere Mal in den Playoffs gespielt.

Sie schlugen nicht ein. Die Lions der 2000er durchlebten eine fast tragisch schlechte Zeit. Millen bekam jedes Jahr, in dem er einen weiteren Wide Receiver in der ersten Runde draftete, mehr dafür aufs Maul, und Backus wurde für mich zu einem Symbol in dieser kompletten Misere: Kein Talent für die Pro Bowl, aber Woche für Woche, Jahr für Jahr grundsolide Vorstellungen auf einer Position, auf der du narrisch werden kannst: Left Tackle. Dort schaffst du nur Rahmenbedingungen, damit die Stars mit der Schweinehaut in der Hand („Skill Players“) glänzen können.

Backus lieferte seinen Teil zum Kapitel „Schaffen der Rahmenbedingungen“ im Leistungsverzeichnis. Aber die anderen versagten. Jahrein, jahraus. Die Lions waren in den zwölf Jahren mit Backus 53-139, was 27.6% Siegquote entspricht oder einem durchschnittlichen NFL-Herbst von 4,4 Saisonsiegen, mit dem tiefsten aller Tiefpunkte, der legendären sieglosen 0-16 Saison im Herbst 2008/09.

Backus blieb stets ruhig, beschwerte sich nie. Sicher, man kann behaupten, sind alles Millionäre und sollen’s Maul halten, da sie nur drei Meter weiter schauen müssen, um richtiges Elend zu finden, weil sich nebenan die Gangs in den Straßen von Detroit gegenseitig abknallen. Aber damit würde man den Punkt verfehlen, denn niemand kommt mit laizess faire-Einstellung in die NFL und kein Sportler der Welt liebt Pleitenserien.

Jeff Backus war einer meiner absoluten Lieblingsspieler. Für niemanden freute ich mich mehr, dass es ab 2009/10 gefühlt aufwärts ging in Detroit, obwohl die bodenlos schwache 2009er Mannschaft sogar vom sieglosen Vorgängermodell die Hütte voll geschossen bekommen hätte: Aber sie gewann wenigsten, zweimal gegen andere Bodensatz-Truppen. Und das neue Regime machte gute Moves. Der Aufschwung führte Backus und die Lions vor einem Jahr sogar für einmal in die Playoffs, wo sie nach hartem Kampf erst in der Schlussphase die Überlegenheit des hohen Favoriten New Orleans anerkennen mussten. Sogar das einzige Playoffspiel seiner Karriere verlor Backus. Die darauf folgende Saison wurde mit Stil beendet: 4-12, und Backus verpasste zu Thanksgiving zum ersten – und einzigen – Mal eine NFL-Partie. 192 von 193 Spielen, Baby.

Letzte Woche trat Jeff Backus zurück, zwei Tage nach seinem Freund und Nebenmann am College, LG Steve Hutchinson. Mach’s gut.

Vor der March Madness 2013

Heute geht der Wahnsinn wieder los: March Madness im College Basketball. Die Grundzüge des College-Basketballs habe ich schon im November versucht zu erklären. Die „March Madness“ ist das, was dem College Football schon seit vielen Jahren abgeht: Eine aufregende Post Season mit haufenweise Action. Wer wissen will, was es mit der March Madness auf sich hat, für den verweise ich auf einen sieben Jahre alten Eintrag bei Allesaussersport, der aber bis auf kleine Details (mittlerweile 68 statt 64 Teams) noch immer vollste Gültigkeit hat:

Selection Sunday haben wir bereits hinter uns, wie auch die erste Runde (wo das Feld von 68 auf 64 verkleinert wurde), wo Boise State gestern z.B. gegen LaSalle gespielt hat (bitte nicht spoilern!).

Was in der NFL der „Mock Draft“ ist, ist im College-Basketball die Bracketology. Es handelt sich hierbei um fröhliches Tippen der einzelnen Partien bis durch zu den Final Four. Faustregel: Setze in der ersten Runde niemals gegen einen Top-Seed. Du wirst haufenweise Punkte im späteren Verlauf verlieren. Ansonsten werfe man die Münzen. Der Präsident hat übrigens auch schon getippt: Barack-etology.

Ich lasse mich auch nie lumpen und habe bei ESPNs Tournament Challenge in der allesaussersport-Gruppe mitgemacht und folgendes völlig unanalytisches Bracket bis hin zu den Final-Four in Atlanta erstellt:

korsakoffs Bracket der March Madness 2013: Nachmachen auf eigene Gefahr

korsakoffs Bracket der March Madness 2013: Nachmachen auf eigene Gefahr

Die Tipps beruhen für einmal nicht auf Zahlenmaterial, sondern in erster Linie auf dem (wenigen) Gesehenen und natürlich der Liebe für die Underdogs. Die Erklärungen im Folgenden.

Midwest – Die Erben von Majerus

Die Story dieser Region sind die St Louis Billikens aus der Atlantic-10 Conference. St Louis stellt eine Mannschaft voll von Außenseitern, die nirgends eine Chance bekamen. Im letzten Jahr besiegte man mit fleißiger Defense den hohen Favoriten Memphis in einem Spiel, das als Meisterstück des Head Coaches Rick Majerus, einem ehemaligen TV-Pundit, gefeiert wurde. Majerus wird dieser Wochen nur in Form seines Geistes mit von der Partie sein, denn der Mann verstarb Anfang Dezember nach wochenlangen Gerüchten um dessen sich verschlechternden Gesundheitszustand. St Louis spielte die vielleicht beste Saison seiner Geschichte. Majerus’ Geist lebt weiter: Die Billikens spielen eine Pracht von Defense: Zeckig, nie aufgebend, nervtötend.

Leider ist St Louis in der vielleicht härtesten Region gelandet: Mit Louisville, Michigan State und Duke spielen drei Turnierfavoriten und bestimmt vier der besten zehn Teams overall in diesem Bracket.

Ich fürchte, es setzt für St Louis ein frühes Aus gegen die alle überragenden Louisville Cardinals. Das offensivstarke Creighton ist mein Upset-Tipp, und es ist ein reiner Sympathie-Tipp.

West – Deutschmann

Es ist die Region mit den Gonzaga Bulldogs aus Spokane im US-Bundesstaat Washington, einer Art „Boise State Broncos des College-Basketballs“. Zumindest ist Gonzaga ein Mid-Major, der seit Jahren die March Madness aufwühlt. Auf der anderen Seite betreibt die Uni einen extremen Aufwand in Sachen Recruiting weit über die Landesgrenzen hinaus, dass man von jenem klassischen Mid-Major-Underdog sprechen mag. Die Uni ist Heimat eines Deutschen (Elias Harris) und dieses Jahr in fast allen landesweiten Polls an #1 oder #2 gerankt. Und trotzdem wird Gonzaga nicht komplett für voll genommen, da man gerne mal sehen würde, wie die Jungs auf knackige Defense reagieren.

Solche Defenses warten gleich zwei in Runde 2 und 3: Pittsburgh und Kansas State. Gonzaga-Pitt dürfte ein populärer Upset-Pick sein (ich verwehre mich mal störrisch). Ich fürchte aber, spätestens gegen Kansas State ist Endstation. K-State ist selbst einer meiner Lieblinge, spielt eine freche Defense und besitzt über einen erfahrenen Mannschaftskern. Man gilt eigentlich immer als Mitfavorit, scheitert aber häufig an den eigenen Nerven. Da ist gut, dass die Nemesis, die Kansas Jayhawks, in eine andere Region eingeteilt wurden.

Ich kann durchaus sehen, wie Kansas State trotz dumpfer Vorahnungen das Halbfinalticket löst. Ohio State jagt mir den Schauer übern Buckel, aber hey, wenn New Mexico für einmal gegen gute Defense einen guten Tag erwischt… K-State im Halbfinale gegen New Mexico? Nehm’ ich.

South – Widder den Erwartungen

Meine Fresse: Kansas, Georgetown, Michigan und Florida in ein und derselben Region? Die Gators halte ich für die insgesamt beste Mannschaft dieser Staffel, simpel, weil ich die Offense der Kansas Jayhawks für zu schwach halte, bei Michigan der Defense völlig misstraue und Georgetown… naja, pure Angriffswucht ist datt nicht. Florida dagegen ist rundum eine komplette Mannschaft, der allerdings stets der Ruf voraus ging, unter Druck häufig zu kollabieren. Dieses Jahr wurde man allerdings von haufenweise knappen Siegen durch die Saison getragen.

Die Glückssträhe endet spätestens in den Elite Eight: Die VCU Rams prügeln Florida mit ihrer furchterregenden Defense aus dem Turnier und ziehen als X-Faktor mit Pauken und Trompeten zum Final-Four nach Atlanta.

East – Butler lacht sich ins Fäustchen

Die Miami Hurricanes spielten heuer eine starke Basketball-Saison, was insofern interessant ist, weil die Canes noch nie ein gutes Basketballprogramm hatten. „The U“ ist Football – und momentan nicht mal das. Dieses Jahr spielten sie in der wachsweichen ACC eine erstaunlich gute Saison und sorgten angeblich für ziemliche Begeisterung in Südflorida.

Trotzdem sehe ich keinen Durchmarsch in die Elite-Eight, denn es gibt einen extrem abgewichsten „soon-to-be-ex-Mid-Major“ in den Butler Bulldogs. Die Jungs von Brad Stevens dürften sich einen Arsch ablachen: Kriegen nach mäßiger Saison nur einen #6-Seed, aber ein Losglück vor dem Herrn: Marquette traut so gar niemand richtig, und Miami/FL – da hat Butler ne Chance.

Die obere Tableau-Hälfte sieht die Indiana Hoosiers, gegen die mein Misstrauen kaum größer sein könnte. Indiana könnte spätestens gegen die UNLV Rebels fällig sein. UNLV sagte man ein enttäuschendes Jahr nach, aber Achtung: Ich hab die Jungs zweimal gesehen und es waren mannschaftlich geschlossene Leistungen – mit dem einen herausragenden Mann Bennett, der das Team tragen kann.

Final Four

Bei aller Liebe für die Kleinen: Den Pokal staubt eine arrivierte Mannschaft ab. Louisville ist dies’ Jahr das Team, das es zu schlagen gibt. Aber bis Atlanta ist noch ein langer Weg.

Inhaltsreichere Begleitung, Sendepläne von ESPN America und dem ESPN-Player sowie vielleicht auch noch eine gesonderte Vorschau am heutigen Tag gibt es mit Sicherheit wieder bei Allesaussersport.

Chip Kelly – der Innovator

Wer mich nach den drei präferierten Offenses im American Football fragt, dem werde ich antworten: Boise State unter Chris Petersen, New England unter Bill Belichick, und – natürlich! – Oregon unter Chip Kelly. Letztere ist dabei fast mein größter Favorit, weil sie bei aller Schönheit im Detail auch die ästhetische Ader des Gelegenheitszuschauers anspricht. Der Entwickler dieser Ducks-Offense, Chip Kelly eben, ist nun in die NFL gewechselt, als neuer Head Coach der Philadelphia Eagles.

Dieser Move macht die Iggles auf einen Schlag zur spannendsten Franchise in der Liga. Es gab in der Vergangenheit des Öfteren Wechsel von erfolgreichen College-Coaches in die NFL, mal erfolgreich (Jimmy Johnson/DAL, Barry Switzer/DAL), mal weniger (Steve Spurrier/WAS, Dennis Erickson/SEA+SF, Nick Saban/MIA). Insgesamt sind Trainer mit dem Label „erfolgreich am College“ latent stigmatisiert als accident waiting to happen für den Profifootball, auch, weil College und Profifootball schon teilweise gravierend unterschiedliche Arbeitsfelder sind.

Chip Kelly ist einer der Coaches, die ich am intensivsten über die vergangenen Jahre verfolgte. Ich halte sehr viel von diesem Mann. Wird er sich in der NFL durchbeißen? Die Frage bleibt offen. Coaches mit mehr – und besserem – Resümee sind schon gescheitert. Vieles hängt auch vom Umfeld ab, und es gibt wenige NFL-Städte, in denen sich der Wind so schnell dreht wie Philadelphia. Oft reißen Verletzungen, zwei, drei dumme Niederlagen oder ein stagnierender Quarterback eine Franchise (und ihren Coach) in die Scheiße. Belichick baute in den 90ern eine Super-Mannschaft in Cleveland, fand aber keinen QB. Vielleicht wäre Belichick längst vergessen, wäre ihm in New England mit Pick #199 nicht Tom Brady in den Schoß gefallen.

Diese Unwägbarkeiten sind aber schwer planbar. Ich glaube, Chip Kelly hat alle Voraussetzungen, um sich in der NFL zu behaupten.

Chips Werdegang

Denn durch seine Vita zieht sich das eine: Wissensgier. Kelly war nie ein großer Athlet, spielte in den Niederungen des College Football ein paar Jahre als Defensive Back und coachte danach ab Mitte der 90er Jahre lange Zeit in den Highschools und Colleges an der US-Ostküste. Was ihn immer auszeichnete: Der Wille zu lernen. Kelly war nie ein Mann, der sich zuhause im Hinterzimmer versteckte, sondern ging raus, besuchte andere Schulen, schaute sich Trainingsmethoden anderer Coaches an, redete und bandelte mit Coaches. Ende der 90er wurde Chip Kelly zum OffCoord der kleinen University of New Hampshire berufen und begann dort, Konzepte seiner erlernten Zonenblock-Offense mit Elementen der Spread-Option Offense zu verknüpfen.

Kelly weckte schon damals erste Begehrlichkeiten der NFL (bei Tom Coughlin), aber nur als Wasserträger für Positionstrainer. Selbstsicher wie er war, blieb er in New Hampshire, wartend auf die große Chance. Die kam Jahre später über Beziehungen, und er wechselte zu Mike Bellotti an die University of Oregon. Dort begann der große Aufschwung in Form dieser wundersamen Spread-„Zone read“-Laufoffense mit Zilliarden an kleinen 1,25m-Backs, die 9.7 über 100m sprinten.

Während Kelly vor zehn Jahren an Colleges und NFL vorsprach, um als Eintagespraktikant den neuesten Schrei an Spielzugdesign aufzunehmen, sah die Universität von Oregon plötzlich das Umgekehrte: NFL-Coaches, die bei Kelly lernten. Ein Jon Gruden, Meister der West Coast Offense, wäre um ein Haar als Kellys Offensive Coordinator bei den Ducks gelandet. Leute wie Dungy schickten ihre Söhne zu Kelly. Grund war Kellys tiefster Innovationstrieb, und während die Massen diese glitzernden Irrwische übers Feld zischen sahen, staunte die Fachwelt über Kellys fassungslos gute Trainingsplanung inklusive Nutzung auch noch der letzten Sekunde der knapp bemessenen Trainingszeit im College Football. No huddle nicht bloß als Mittel auf dem Feld, sondern als Lebensphilosophie eines Footballprogramms. Nutze deine Zeit, verschwende keine Sekunde.

Damit sollten die Rahmenbedingungen abgesteckt sein: Chip, der umtriebige Innovator. Ein extrem selbstbewusster Mann, der aus niedersten Niederungen kam, seinen sicheren Job im relaxten Nordwesten der Staaten für das Haifischbecken schlechthin – NFL in Philadelphia – aufgab.

Chip und die NFL

Jetzt kommt der harte Schritt. Anstatt eines einzigen Gottes über sich (Oregon-Booster Phil Knight, der Nike-Gründer) muss sich Kelly nun mit millionenschweren Profis, der wetterwendischen Presse in Philadelphia, einem Owner mit Siegansprüchen und dem speziellsten Fanpublikum in den Staaten auseinandersetzen. Die ersten Monate waren verheißungsvoll.

Kelly nahm nicht den halben Oregon-Trainerstab mit in die Stadt der brüderlichen Liebe, sondern setzte durchaus auch auf Personalien außerhalb seiner Comfort Zone. Das spricht dafür, dass sich Kelly der Unterschiede zwischen NFL und College bewusst ist. Zum zweiten attestiert man ihm, nicht eine bedingungslose Symbiose mit „seiner“ Spread-Laufoffense eingegangen zu sein, sondern durchaus „nur“ eine konzeptionelle Idee von Offensiv-Football zu haben und diese sehr adaptiv gestalten zu können.

Das heißt in anderen Worten: Football ist für Kelly keine Aneinanderreihung von einstudierten Spielzügen, sondern im Kern ein „Nummern-Spiel“ wie bei Peyton Manning. Die Defense ausgucken, je nach Aufstellung seine Plays ansagen. Die Offense ist „spread“, weil die Defense sich dadurch breiter aufstellen und ihre Intention preisgeben muss. Steht sie „front-lastig“, wird geworfen. Steht sie mit Nickelback am Platz, wird gelaufen. Das atemberaubende Tempo zwischen den Snaps als Mittel, die Defense in ihren Optionen zu limitieren. Das liest sich alles wie bei Belichick/Brady in New England, und im Kern ist es auch nix anderes.

Kriegt Kelly einen Top-Werfer auf QB, wichst er einen Patriots-Klon über das Spielfeld. Als pragmatisch genug dafür schätzt man ihn ein, denn Kelly zwängt einem Team nicht per se „sein“ System auf, sondern passt es an. Ein Geben und Nehmen. Man darf annehmen, dass Kelly liebend gerne einen mobilen Quarterback hätte, um die Stärken seiner Philosophie zu maximieren, aber wenn es am Ende eine Statue mit Granatenarm wird – so what? Die nächsten zwei, drei Jahre werden zeigen, in welche Richtung Kelly seinen Angriff zu lenken gedenkt.

Aus seiner Vergangenheit kann man schließen, dass Kelly es liebt, vielseitige Laufspielzüge zu kreieren. Dass Kelly fangstarke Tight Ends mag. Groß gewachsene Wide Receivers. Flinkfüßige Athleten in der Offense Line lieber als 370-Kilo-Bomber. Die Zonenblock-Offense verlangt danach. Kelly hasst Sacks. Der Quarterback muss in der Lage sein, im letzten Moment den Ball zumindest aus der Pocket zu feuern. Kelly liebt druckvolle Defensive-Fronts. Daher lässt er gerne 3-4 mit passrush-starken Outside Linebackers spielen.

Kelly ist extrem anspruchsvoll und fordert vollen Einsatz in Training und Spiel. Wer nicht spurt, fliegt (hallo, DeSean Jackson!). Kelly liebt es, seinen Spielern Details nicht bloß einzuprügeln, sondern sie zu lehren und zu erklären. Warum spielen wir No-Huddle? Warum spielen wir nicht ausschließlich Option? Warum dieses? Warum jenes? Warum Shurmur?

Darum: OffCoord Pat Shurmur ist eine interessante Personalie. Mein Misstrauen gegen den Mann ist seit seiner Zeit bei den Browns gewachsen, aber Shurmur kommt aus der Tradition der West Coast Offense (Holmgren, Andy Reid) und sollte als Pass-Guru und Quarterback-Entwickler das willkommene Gegenstück zum lauf-affinen Kelly sein. Es zeigt auch eines: Kelly weiß, dass er in der National Football League seine Quarterbacks nicht durchtauschen kann wie am College die Kollegen Dixon, Masoli, Thomas, Bennett oder Mariota. Du brauchst einen, du brauchst deinen Franchise-Quarterback. Und Shurmur ist der Zuflüsterer. Ein potenziell guter Move. Manche Leute sind halt mehr die geborenen Umsetzer (Positionscoaches, Coordinators) denn die Strategen und Visionäre (Head Coaches). Shurmur dürfte einer von diesem Schlage sein.

Um zum Schluss zu kommen: Kelly steht für das Streben nach Vollkommenheit. Der Mann ist ein positiv Wahnsinniger, aber er ist – und das zeigt seine jahrelange Verbandelung mit vielen Coaches wie Belichick, Gruden oder Dungy – stets auf der Suche nach neuen Impulsen. Dieser Drang zur ständigen Selbsthinterfragung, diese Suche nach neuen Wegen – all das allein macht Kelly für mich schon zu einem Mann, dem ich meinen Cheftrainersessel geben wollte. Geht es schief, kannste in drei Jahren den Stecker ziehen und es wieder mit Joe Cleveland und ruhigeren Zeiten versuchen.

Kelly gibt die Möglichkeit zur Evolution. No risk, no fun. Selbst wenn der Karren gegen die Wand fährt (und das Risiko ist durchaus da), bist du danach froh, es probiert zu haben. Denn die Möglichkeit, großartig und stilbildend zugleich zu sein, geben dir nur ganz wenige Menschen. Chip Kelly ist einer von ihnen.