Transfermarkt 2013, Tag 1: In Gedenken an den Transfer des Jahrzehnts

Der eine bleibt, der andere geht: TE Tony Gonzalez soll nun tatsächlich seine Zusage für eine weitere letzte Saison bei den Atlanta Falcons gegeben haben. Ein anderer Großer sagt „tschüss“: G Steve Hutchinson, der als dominantester Guard des letzten Jahrzehnts galt und möglicherweise in wenigen Jahren in die Hall of Fame gewählt wird.

Steve Hutchinson war in der Offseason 2006 im Mittelpunkt eines der umstrittensten Moves in der NFL: Als Free Agent vom nicht mit Cap-Room gesegneten Superbowl-Finalisten Seattle mit einer „restriction“ (als sog. Transition-Player) belegt, bekam Hutchinson damals ein bis dato ungesehenes Angebot von den Minnesota Vikings übergestülpt, das die Seahawks in arge Nöte brachte. Die Vikes überboten den „Tender“ der Hawks mit einem Siebenjahres-Angebot über 49 Millionen Dollar und bauten jene eine berüchtigte Klausel („Poison-Pill“ wie frissoderstirb) ein, die besagte: Der komplette Deal wird guaranteed, wenn Hutchinson nicht der höchstbezahlte Offense Liner in der eigenen Mannschaft ist.

Für Seattle ein Problem: Sie hatten eben LT Walter Jones eine extrem teure Vertragsverlängerung gegeben und konnten sich den Hutchinson-Deal plötzlich nicht mehr leisten. Der Hutchinson wechselte nach Minnesota und Seattles schleichender Niedergang setzte ein: Die einst beste Offense Line der NFL war mit einem Mal nur mehr Mittelmaß, der als soft verschrieene frisch gebackene RB Shaun Alexander zeigte eine Leistungsimplosion und aus der besten Mannschaft der NFC wurde ein Allerweltsteam.

Der Move hat heute noch Nachwirkungen als einer der kreativsten Moves, die ein Front-Office je gemacht hat. Seattle zeigte chinesische Mentalität und holte sich kurz darauf übrigens WR Nate Burleson (?) in einem fast identisch gelagerten Fall aus… Minnesota. Heute ist die „Poison-Pill“ verboten. Und morgen wird Steve Hutchinson sich mit der Angel vor seine Hütte setzen und nach Jahren der Prügel seinem Lieblingshobby nachgehen. Good bye.


Zurück in die Gegenwart. Größter Einkauf des gestrigen Tages dürfte der erwartete Wechsel von WR Mike Wallace nach Miami sein. Die Details des Vertrags scheinen zu sein: 5 Jahre, 65 (!) Millionen Dollar, davon 30 Mio. guaranteed. Insgesamt 13 Mio./Jahr für einen jungen Wide Receiver mit deep threat-Eigenschaften, dem man aber nachsagte, vor allem über den Speed und nicht über die Technik zu kommen. Das war in der improvisationsreichen Offense der Pittsburgh Steelers ein wichtiges Asset. Allerdings ist die Philbinsche Dolphins-Offense unter QB Tannehill von der Anlage so ziemlich der komplette Gegenentwurf dazu.

Die Steelers haben nach Wallaces Abgang einen Altbekannten als Ersatz geholt: Plaxico Burress, den Mann, der einst bei den Steelers gemeinsam mit Hines Ward und Randle-El ein wunderbares Receiving-Corp für den Grünschnabel Ben Roethlisberger gebildet hatte.

Zwei Quarterback-Moves: Chase Daniel (gerade 26) wechselt wohl als Smith-Backup nach Kansas City. Daniel war am College vor 5-6 Jahren die treibende Kraft hinter dem sensationellen Championship-Ansturm der Mizzou Tigers (der letztendlich denkbar unglücklich scheiterte). Ich würde es gerne sehen, dass Daniel eine realistische Chance bekommt – immerhin durfte er nun jahrelang hinter Brees lernen.

Der andere Move ist die Entlassung von QB Ryan Fitzpatrick in Buffalo. So schnell geht’s: Die Bills stürmten Anfang der vorletzten Saison gestützt von einer turnover-hungrigen Defense und ein paar guten Spielen Fitzpatricks zu einem verheißungsvollen Saisonstart (5-2 Siege) und gaben Fitzpatrick einen teuren Sechsjahresvertrag (ohne viel guaranteed money). Die Bills brachen danach aber komplett ein. Die Entlassung deutet durchaus darauf hin, dass Buffalo einen Quarterback im Draft holen könnte (Bills halten Pick #8).

Nicht uninteressant sind ein paar Spielersituationen in Denver: Die Broncos feuerten allem Anschein nach Backup-QB Hanie und vor allem OLB D.J. Williams – zwei Moves, die ca. 7,5 Mio. Dollar sparen. Vor allem Williams sehe ich mit einem weinenden Auge gehen: Der Mann hatte eine zwei Pfund Probleme mit seinem Kräutergarten, aber auf dem Spielfeld mit einer Dynamik vor dem Herrn gesegnet. Ich glaube, ich habe in jeder Madden-Karriere früher oder später den Trade für D.J. Williams initiiert. Die Broncos stehen noch im Verdacht, auch einen sehr guten Passrusher, DE Dumervil, aus Vertragsgründen zu entlassen (Dumervil kostet ca. 8 Mio.).

Wohl schon entlassen ist CB Nnamdi Asomugha, der Mann, der vor zwei Jahren in den Tagen nach dem Ende des Lockouts sämtliche US-Medien an der Ostküste ins Sabbern brachte. Asomugha war über viele Jahre ein ganz spezieller Fall für die Scouts und Statistiken der NFL: Als Cornerback bei den Oakland Raiders fast immer auf der rechten Spielfeldseite platziert und pro Jahr im Schnitt keine 30x angespielt. Es war umstritten, ob diese Kuriosität Asomughas Deckungskünste oder dessen bodenlos schwachen Mitspielern auf der anderen Spielfeldseite zu verdanken war. Asomugha wollte nach Jahren der Pleiten, Pech und Pannen in Oakland verständlicherweise den großen Vertrag – und bekam ihn in Philadelphia. Zwei Jahre später ist Asomugha wieder auf der Straße.

Schließlich der Superbowl-Champ: Die Baltimore Ravens sehen in den Tagen nach dem Flacco-Deal einen Haufen Abgänge. Für den quasi-entlassenen WR Boldin konnte man im letzten Moment via Trade sogar noch einen Draftpick von den 49ers aufklauben. Heute gingen aber DE Kruger (nach Cleveland) und OLB Ellerbe (nach Miami). Weitere Jungs wie z.B. die Safety-Legende Ed Reed könnten folgen.

17 Kommentare zu “Transfermarkt 2013, Tag 1: In Gedenken an den Transfer des Jahrzehnts

  1. Nette Erinnerung an den Hutchinson-Deal. Es ist bis heute glaube ich ja unklar, wer sich da von Vikings-Seite mit Condon zusammengetan hat für den Geniestreich. Das von Wilf eingesetzte “Triangle of Authority” zwischen Childress, Fran Foley, dem damaligen quasi-QM, der genau von Januar bis Mai 2006 an Board war, bevor er sich mit den Vikings zerstritt und im Gerichtssaal landete, weil er einen falschen Lebenslauf beim Bewerbungsgespräch (!) angab, und cap guy Rob Brzezinski ist extrem nebulös, umso witziger, dass ausgerechnet aus diesem Haufen dieser Deal kam.

  2. Den Hutchinson-Deal hab ich nicht so recht verstanden!? Die Vikings würden ihn nur bezahlen wenn er nicht der teuerste lineman ist und die Seahawks wollten ihn unbedingt behalten. Aber dafür hätten die Seahawks ja so oder so mehr als die vikings bieten müssen, also ist die Klausel doch egal oder?

  3. @sonnywhite
    Nein, das Prozedere lief so.

    1) Steve Hutchinson wird per Transition-Tag (ähnlich einer Franchise Tag) vom UFA zum RFA. Bei solchen RFA-Tendern hält die „Heim“-Franchise das Vorkaufsrecht. Ein eventuelles Angebot einer anderen Franchise kann „gematcht“ werden – die Franchise kann also für das identische Angebot den Spieler halten.

    2) MIN macht Hutchinson folgendes Angebot: 7 Jahre, 49 Mio., davon 13 Mio. im ersten Jahr. Wenn Hutchinson damit nicht der höchstbezahlte Offense Liner sei, seien die 49 Mio. komplett guaranteed.

    3) Hutchinson wäre in SEA nicht höchstbezahlter Offense Liner gewesen (das war Walter Jones, der kurz zuvor einen Vertrag unterschrieben hatte), ergo wäre der Vertrag komplett garantiert gewesen. Und die 13 Mio. Salary Cap Zahl im ersten Jahr wären heftig gewesen.

    4) Hutchinson musste von Seattle ziehen gelassen werden.

  4. Huiiiii, auch wenn sich über den Wert von Wes Welker streiten lässt. Wenn er New England verlässt dürfte das einiges in der AFC bewegen.

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  6. Hier >>der als soft verschrieene frisch gebackene RB Shaun Alexander zeigte eine Leistungsimplosion und aus der besten Mannschaft der NFC wurde ein Allerweltsteam.< Madden Curse und so)

  7. ?? da fehlt was beim Kommentar ?? Shaun Alexander war der frisch gebackene MVP der Liga. RB war er ja schon ein paar Jahre.

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