Tennessee Titans in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record         6-10   --
Enge Spiele    4-3 
Pythagorean    4.6   (28)
Power Ranking   .364 (29)
Pass-Offense   5.7   (23)
Pass-Defense   6.6   (20)
Turnover        -4

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Die Tennessee Titans waren zu Zeiten von Steve McNair eines meiner Lieblingsteams in der NFL. Über die Jahre ist bei mir allerdings immer mehr der Eindruck gewachsen, dass die Titans mittlerweile eine verglichen mit dem NFL-Standard schlecht geführte Franchise sind. Das mag auch am greisen Owner Bud Adams liegen, dessen instinktgetriebene Vorgaben keine Linie erkennen lassen und der, wie man auch schon früher hörte, immer mal wieder gerne in wichtige strategische Entscheidungen der sportlichen Leitung eingriff.

Die aktuellen Titans sprühen auch nicht gerade vor Esprit, was schon am stark verwalterisch angehauchten Head Coach Mike Munchak liegen mag, aber wohl auch daran, dass es kein wirklich klar umrissenes Spielsystem in allen Mannschaftsteilen gibt. Das führte dazu, dass die 6-10 Bilanz in der letzten Saison fast als „glücklich“ bezeichnet werden kann, als klassisches blaues Auge.

Die Offense

Ich schrieb schon mal während der Regular Season von einem Basis-Problem der Titans: Sie haben ihre Kernkompetenzen verlassen. Seit Jahren wurde immer weniger Fokus auf ihre Offensive Line gelegt, einst die große Stärke. Mittlerweile ist nur noch LT Michael Roos gehobene NFL-Klasse, und selbst dessen größte Stärke ist eher das Pass-Blocking denn das Laufspiel.

Und da sind wir schon beim Punkt „schlecht geführt“, denn der Running Back der Titans ist Chris Johnson, ein Klassesprinter, der einst die magische 2000er-Marke an Yards pro Saison knackte und im offenen Feld mit links die 70yds-Touchdowns aus dem Fußgelenk schnackelt. Johnson wurde vor zwei Jahren für einen rekordverdächtigen Vertrag und ca. 10 Mio./Saison gehalten, obwohl das Eine nicht zu übersehen ist: Johnson ist kein geduldiger Back, der sich die Entwicklung eines Spielzugs anschaut, ehe er losläuft. Johnson nimmt das Ei auf und rennt in den Haufen rein, ob die Bahn offen ist oder nicht. Lieber zwanzig 0yds-Läufe und ein highlight-trächtiger 80yds-TD als konstante 3-4yds aus selbst schlechten Situation zu würgen. Dass Johnson dieses one trick pony ist, sollte allen klar sein, selbst Opa Adams.

Es braucht in zweiter Konsequenz aber auch eine sehr gute Offensive Line, die wenn möglich ihre primären Stärken im Laufblocken (ergo: Aufreißen von Running Lanes) hat. Beides ist in Tennessee mehr Wunschvorstellung denn Realität. Als größter Move diesbezüglich ist in Nashville der Einkauf vom teuren Backup-RB Shonn Greene von den Jets zu vermelden – ein Kauf, der nicht darauf hindeutet, dass sich die Titans des Kerns der Probleme bewusst sind.

Die zweite Baustelle ist der QB Jake Locker, ein hoch gedrafteter Mann, der nun ins dritte Jahr geht. Locker konnte in den ersten beiden Saisons wenig zeigen, was Hoffnung auf eine lange und erfolgreiche NFL-Karriere machen würde. Die Schwächen sind immer noch die gleichen, die man schon vor dem Draft kannte:

  • Zu unpräziser Arm, der zu unterdurchschnittlicher Completion-Rate führt.
  • Kann keine Defense „lesen“, sprich: Wirft entweder zum ersten read, wenn der offen ist, oder wirft incomplete.
  • Kann in der Konsequenz auch keine Receiver „frei werfen“, sprich: Enge Deckungen schlagen.
  • Lässt sich von Blitzes schnell aus der Contenance bringen.
  • Ist zwar mobil, ist aber trotzdem aufgescheucht in der Pocket.

In jedem – und ich wiederhole: in jedem – Titans-Spiel hatte ich den Eindruck, dass Locker eine ganz Ecke souveräner und effizienter ist, wenn er einen Rollout-Spielzug aus der Pocket raus angesagt bekommt. Ich habe keine Ahnung, warum der Titans-Staff nicht mehr solcher Plays kreiert, zumal solche Spielzüge die Defense fordern und auseinanderziehen und in der Folge auch mit simplen Pitches wie gemacht für einen flinken Running Back wie Johnson wären.

Zu den Wide Receivers: Graues Mittelmaß. Vom schnellen WR Kendall Wright, den wir aus dem College als deep threat kannten, war 2012/13 wenig zu sehen: Diese Anspiele über 3yds mit vier Yards nach dem Catch waren das höchste der Gefühle, und die Zahlen bestätigen den Eindruck (nur 626yds aus 64 Catches, was ein unterirdischer Schnitt ist). Hat Tennessee deswegen von WR Lavelle Hawkins abgelassen?

Etwas Pech war letztes Jahr auch dabei, weil sich der #1-WR Kenny Britt wieder mit Verletzungen plagte. Britt wäre von den Anlagen nah dran an dem, was sich Teams unter einem Top-Receiver vorstellen. Ebenso grundsolide: Der #2-WR Washington und der neu eingekaufte TE Delanie Walker, der in San Francisco zuletzt viele Big Plays machte.

Fazit: Man kann mit diesen Skill-Players arbeiten. Es ist aber, trotz der Megabaustelle Offense Line (immerhin wurde der viel versprechende G Levitre von Buffalo losgeeist), enttäuschend, was in Tennessee dabei rauskommt, und es fällt auf den Trainerstab zurück. Der neue OffCoord …. hat eine Latte an Arbeitspaketen abzuarbeiten. Vieles wird aber auch an Locker liegen: Macht er einen Leistungssprung, löst sich vielleicht ein Schlatz Sorgen von allein. Die Hoffnung ist (noch) da: Locker werden ein einwandfreier Charakter und viel Trainingsfleiß nachgesagt.

Sollte Locker sich tatsächlich als völlig unfähig erweisen, steht in Ryan Fitzpatrick (ehemals Cincinnati, Buffalo) ein solider Backup im Kader.

Die Defense

Auffällig ist auf den ersten Blick, wie jung die Titans-Defense ist. Auffällig auch, wie schmal die Jungs vorne in der Front-Seven sind, ungewöhnlich für eine Unit von DefCoord Jerry Gray. Was beim Durchlaufen der condensed-Spiele sofort auffällt, ist eine merkwürdige Apathie in der kompletten Abwehr: Der „eine“ Ankermann geht komplett ab, es ist keine eindeutige Stärke auszumachen.

Auch hier gilt: Tennessee vernachlässigte jahrelang (seit dem Abgang von Haynesworth) die Anspiellinie. Tennessee hat keinen richtig dominanten Defensive Tackle, und die angedachten Top-Passrusher DE Derrick Morgan und DE Kamerion Wimbley sind auch nicht die explosiven Jungs, die schon mal im Alleingang zehn Sacks und 25 Hurries produzieren. DT Karl Klug ist ein Mann, der gut gefällt, wird aber offensichtlich nur in offensichtlichen Passrush-Situationen eingewechselt. Die Line ist auch nach dem Einkauf von DT Hill aus Detroit definitiv eine Position, wo Tennessee mit einem „impact player“ aus dem Draft zuschlagen könnte.

Die Linebackers sind extrem jung, aber das ist eine Einheit, die durchaus zu gefallen weiß: OLB Akeem Ayers geht aggressiv auf die Ballträger, ist aber arg anfällig gegen verfehlte Tackles. OLB Zach Brown hat durchaus Anlagen, auch auf Blitzes geschickt zu werden. Der heimliche Star ist MLB Colin McCarthy, ein sehr „direkter“ Mann, der nicht lange fackelt, sondern sofort zuschlägt, wenn sich irgendwo ein Loch öffnet: Viele Tackles, aber ebenso viele Verletzungen. Knöchel, Schulter, Bänder, McCarthy hatte schon alles kaputte, obwohl noch keine Mitte 20.

Die Secondary ist solide, aber man hat nie das Gefühl, dass die Herrschaften um S Mike Griffin oder CB Jason McCourty mal einen haushauen und im Alleingang ein Big Play forcieren können. Der Abgang von Finnegan letztes Jahr tat wohl doch mehr weh als befürchtet. Der Einkauf von SS George Wilson aus Buffalo und S Pollard aus Baltimore könnte dieser Secondary durchaus helfen.

Ausblick

Vieles hängt davon ab, wie der Trainerstab QB Locker in Zukunft einsetzen, und wie Locker sich unabhängig vom Spielzugdesign entwickeln wird. Tennessees Angriff hätte durchaus Potenzial, wenn noch 1-2 Upgrades in der Offense Line kommen. Die Defense könnte den einen dominanten Passrusher, einen starken Tackle und einen Ankermann in der Secondary gebrauchen, aber so viele Stellschrauben in einer einzigen Offseason gedreht zu bekommen, ist schon verdammt viel verlangt und erfordert viel Glück.

Tennessee muss auf eine gute Saison Lockers hoffen, um den Aufbauprozess nächstes Jahr vorantreiben zu können. Dumm ist nur, dass Owner Adams klar gemacht hat, dass HC Munchak bei einer weiteren unterdurchschnittlichen Saison fliegt. Dann stünden wir nächstes Jahr wieder vor einem Scherbenhaufen.

3 Kommentare zu “Tennessee Titans in der Sezierstunde

  1. Erinnere mich an das spiel gegen die jets letztes Jahr da hat locker echt gut ausgesehen,man kann von ihm dieses Jahr definitiv mehr erwarten sonst wars das mit der NFL Karriere.

  2. In diesem Jets-Spiel hatte Locker einen einzigen guten Drive. Alles andere war für die Grütze. Das summiert Locker bisher aber auch: Paar lichte Momente, aber lässt extrem viel über die restlichen 55 Minuten auffm Feld liegen.

  3. Das Problem von Johnson war im letzten Jahr weniger, dass er immer gleich reinläuft ins Getümmel, sondern eher, dass er viel zu viel im Backfield herumtanzt, wenn die Running Lane nicht sofort offen ist. Das NE-Spiel war ein super Beispiel dafür (das einzige Titans Spiel, das ich ganz gesehen habe).

    Abgesehen davon weisen seine Aussagen (zB die Kritik am Greene-Signing oder seine Ausreden, dass er ja im letzten Jahr eine schlechte Offense Line hatte und deswegen nicht so produktiv war) darauf hin, dass er charakterlich kein Teamplayer ist und er seine Position und seinen Wert für die Mannschaft massiv überschätzt.

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