Chicago Bears in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        10-6    --
Enge Spiele    3-4 
Pythagorean   10.8    (6)
Power Ranking   .538 (11)
Pass-Offense   5.7   (23)
Pass-Defense   5.4    (4)
Turnover       +20

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Reißleine in Chicago nach der wieder mal verpassten Playoff-Qualifikation: Der langjährige Head Coach Lovie Smith wurde rasiert und von GM Phil Emery durch ein überraschendes Karnickel ersetzt: Marc Trestman aus der Canadian Football League. Für die jüngeren Fans seit Trestman kurz eingeordnet, da er langjährigen Fans durchaus etwas sagen sollte: Trestman war Ende der 90er und Anfang der 2000er in San Francisco und Oakland eine zeitlang heißer als Frittenfett und wurde als neuestes Offensivgenie gefeiert, orchestrierte reibungslose West Coast-Systeme das Spielfeld runter und wird noch heute als vielleicht wichtigster Mann hinter der MVP-Saison von QB Rich Gannon 2002/03 gesehen.

Eine Saison später riss die schlechte Stimmung die Raiders allerdings komplett in die Tiefe, und OffCoord Trestman musste wie der gesamte Trainerstab gehen. Es blieb damals üble Nachrede wegen zu konservativem PlayCalling. Trestman verdingte sich ein paar Jahre als erfolgloser OffCoord in der NFL und bastelte schließlich in der CFL in Montreal eine kleine Dynastie, die vom Passfeuer lebte. Alle, die mit Trestman gearbeitet haben, sagen ihm Geduld nach, ein stets offenes Ohr für seine Spieler und durchaus produktiven verbalen Austausch mit seinem Umfeld.

Trestman hat bei genauem Hinsehen vieles, was GMs in der NFL suchen: Jahrelange Erfahrung in der NFL, den Beweis, ein Programm als Chef managen zu können (Montreal), viel Wissen in der Offense. Die Vorbehalte gegenüber Trestman finden sich allerdings in ähnlichen Sphären: Es war „nur“ die CFL und keiner weiß, ob Trestman nicht noch in den 90ern lebt (was auf die heutige Komplexität von Spielzügen anspielt). Aber GM Emery holte sich im Trainerfindungsprozess alles mit drei Beinen zum Vorstellungsgespräch was nicht zuvor in die Mülltonne gekloppt war, also darf man der Wahl einen Vertrauensvorschuss geben.

Die Offense

Die nie ausgemerzten Schwierigkeiten in der Offense waren der Grund, wieso Lovie Smith letztendlich in Chicago scheiterte, und Trestman machte gleich klar: Die Offense ist sein Kind. OffCoord Kromer darf die Drecksarbeit übernehmen, aber das PlayCalling in Chicago gehört Trestman.

Es ist schon vieles da: WR Brandon Marshall spielte zuletzt eine herausragende Saison und WR Alshon Jeffery ist bei aller Unkonstanz ein wertvoller physischer Baustein, und die RBs Matt Forté und Michael Bush sind im Duo eines der gefährlichsten ligaweit. Vor allem Forté ist ein Traum von einem Running Back, weil so vielseitig einsetzbar wie nur noch 2-3 andere in der Liga (Rice, Martin, Sproles).

Mit QB Jay Cutler hat Trestman einen Mann mit waffenscheinpflichtigem Wurfarm, dem allerdings einige Flauseln ausgetrieben gehören, so z.B. Cutlers Übermotivation, in Doppeldeckungen reinzufeuern und Interceptions hageln zu lassen. Gelingt es Trestman, die Offense um Cutler besser zu strukturieren, rieche ich eine Punkteexplosion.

Das Sternchen ist die Pass-Protection der Bears, die seit Jahren Liga-Bodensatz und ein Hauptgrund für zu reaktives Spiel bei Cutler ist. Es wurden in den Jahren unter Smith immer wieder Blocker hoch einberufen (Chris Williams, Gabe Carimi, anyone?), was wenig dran änderte, dass auch letztes Jahr wieder eine Serie an auf der Straße aufgeklaubten Arbeitssuchenden die Fünf-Mann-Front gaben. Es gibt interessantes Skript zum Denkprozess Emerys vor einem Jahr zum Thema „Warum haben wir die Offense Line nicht verstärkt?“ – spannend auch, weil sich hier ein GM outet, wie er gewisse Situationen bewertet.

Die beiden wichtigsten „Protection“-Einkäufe in dieser Offseason sind LT Jermon Bushrod für einen fetten Vertrag aus New Orleans, und TE Martellus Bennett (nur 6 Mio. Signing Bonus) aus New York. Bushrod dürfte im Vergleich zu Webb ein deutliches Upgrade sein und zumindest Mittelklasse bringen, und bei Bennett waren sich immer alle einige: Mit seiner Statur ein verschwendetes Talent als Fänger, aber im Vorblocken macht dem erstmal keiner was vor. Bennett enttäuschte zuletzt als Anspielstation selbst bei den Giants, wo sonst noch jeder Tight End halbwegs Erfolg hatte, deswegen gehen ich bei ihm als Art „sechster O-Liner“ an der Strongside aus.

Der eine oder andere Draftpick wird wohl auch noch in die Line investiert – und müssen Treffer gelandet werden.

Die Defense

Chicagos Abwehr unter Lovie Cutler kennzeichneten drei Dinge: Schnelle Defense mit angereicherten „Tampa 2“-Elementen, konstante und überdurchschnittlich gute Turnover-Produktion, und schleichende Alterung. Letzterer Prozess soll mit Blutauffrischung gestoppt werden. Wie viel „Tampa 2“ in den Schemen vom neuen DefCoord Mel Tucker (kommt aus Jacksonville) sein wird, ist noch unklar, aber als recht fix gilt, dass Tucker die altbekannte 4-3 Defense fortführen möchte.

Der Eckstein schlechthin sollte DE Julius Peppers bleiben, einer der besten und komplettesten Abwehrspieler des letzten Jahrzehnts, aber mittlerweile 34 Lenze alt. Ein spannender Spieler wie Boise States DE Shea McClellin bleiben: Eigentlich nicht prototypisch für die 4-3 gebaut, aber ein zu vielseitiger Spieler, um ihn nur auf Defensive End abzustellen; vieles deutet darauf hin, dass die Bears McClellin in Zukunft ein bissl in der Defense herumschieben.

Eines wird McClellin nicht machen: Den Posten des abgewanderten MLB Brian Urlacher übernehmen. Urlacher war eine Ikone, ein Urgstein, abgöttisch geliebt in Chicago, aber auch der personifizierte Bär der 2000er Urlacher musste das „Business NFL“ auf die harte Tour lernen und man trennte sich nach einem von Urlacher als demütigend empfundenen Vertragsvorschlag der Bears auf die eher hässliche Tour. Ersetzt wird Urlacher durch den nur unwesentlich jüngeren D.J. Williams aus Denver, ein wandelndes Drogenproblem.

Die weiteren Kernbausteine in der Front-Seven sind OLB Lance Briggs (auch nicht mehr der jüngste) und die DTs Henry Melton, ein Mann, der unter der Franchise Tag spielt und bei dem man nicht weiß, ob er nächstes Jahr gehalten werden kann, und Stephen Paea, ein Kraftlackel gegen den Lauf. Für die Tiefe wurde OLB James Anderson aus Carolina geholt.

In der Secondary sehe ich keine klaren „Needs“, höchstens etwas Verjüngungsbedarf: Die CBs Jennings und Tillman, der eine ein „Interceptor“, der andere ein extrem physischer Mann, sind weiterhin gesetzt, Leute wie Lewis, Hayden oder Bowman sorgen für halbwegs gute Tiefe. Bei den Safetys dürfte es auf Conte und der hard hitter Major Wright hinauslaufen, mit dem Neueinkauf Zbikowski als bestem Backup.

Ausblick

Die Entlassung von Lovie Smith, so fragwürdig sie war, hatte zwei große Ziele: Bessere Chemie zwischen Trainerstab und Front-Office, und aufregendere Offense. Ersteres scheint schon gelungen, letzteres wird die Zeit zeigen. Ich weiß wirklich nicht, was man von Trestman halten soll, aber sicher ist, dass der Mann einst Ahnung von Offense hatte und seither gelernt hat, was die Schwierigkeiten im Führen einer Franchise als Headcoach sind.

Die Bears müssen noch kurzfristig ihre Offense Line verstärken und vor allem mittelfristig die rapide alternden Ecksteine Peppers, Briggs, Williams und Tillman ersetzen. Noch sollten die Männer passen, aber auf ewig kann man sich nicht auf sie verlassen – und damit dürften die Tätigkeitsfelder für GM Emery in den nächsten Wochen und Jahren schon abgesteckt sein.

Chicago ist 2012/13 auf alle Fälle ein Anwärter auf die Playoffs.

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