Seattle Seahawks in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        11-5    DP
Enge Spiele    5-5 
Pythagorean   12.5    (3)
Power Ranking   .682  (3)
Pass-Offense   6.9    (7)
Pass-Defense   5.4    (4)
Turnover       +13

Management

Salary Cap.
Free Agents.

Es dürfte mittlerweile bekannt sein, dass ich die Seattle Seahawks von 2012/13 ganz tief in mein Herz geschlossen habe. Man hatte es schon in der Saison zuvor andeutungsweise sehen können, wie gut Seattles Defense sein würde, aber mit dem knuddeligen QB Russell Wilson im Lineup hatten die Hawks im abgelaufenen Herbst auf einmal auch eine überragende Offense und waren die vielleicht beste Mannschaft der Saison. Auf alle Fälle ist der strength of victory der Seahawks 2012/13 gigantisch und niemand, wirklich niemand, möchte mehr gegen Seattle in deren Stadion spielen.

Am Ende scheiterte man in einem fantastischen Viertelfinalspiel in Atlanta unter unglücklichen Umständen, aber die Impressionen dieser vielseitigen Offense, dieser dynamischen, extrem aggressiven Defense – sie bleiben. Man muss nicht immer den Titel gewinnen, um in Erinnerung zu bleiben.

Seattle ist gut aufgestellt für die Zukunft: GM John Schneider und Head Coach Pete Carroll haben da klammheimlich nicht nur einen der besten Spielerkader zusammengestellt, sondern vor allem auch einen der jüngsten: Nicht nur war der Quarterback Rookie, nein, nur ein einziger Starter im Angriff war älter als 27 (ein Offense Guard), und bis auf DE Clemons waren sämtliche Leistungsträger der Verteidigung jünger als 25 (!). Die Zukunft kann kommen.

Knuddeloffense

Seattle spielt als eine der wenigen Mannschaften noch eine auf hartem, trockenen Laufspiel basierende Offense, wobei „basierend“ das Schlüsselwort ist, denn schon im Laufe der ersten Wochen begann man, komplexere Elemente und „read-option“-Elemente einzubauen und legte immer mehr Last auf die Schultern der QB-Wühlmaus. Russell Wilson… ich kann mich mit meiner Begeisterung kaum zurückhalten. Es mag an meiner Affinität für die unkonventionellen Underdogs liegen, aber nein: Nie, nie, nie hätte ich gedacht, dass der Mann in der NFL so einschlagen würde. Ich lasse mir nicht nachsagen, Wilson am College in NC State und Wisconsin nicht oft genug gesehen zu haben, aber der Wilson in Seattle war noch zwei Spurenelemente souveräner, dominanter. Spätestens als der Advent begann, hätte ich RG3 zum Teufel gejagt und meine Offense bedenkenlos in Wilsons Hände gelegt.

Nun muss nicht automatisch währen, was gut war. Seattles Offense hat trotz der gefinkelten Spielzüge über den laufstarken Quarterback immer noch was von „wir sind stärker, wir laufen über dich drüber“ – Auftritt RB Marshawn Lynch. Dieses „Power“-Element hinter einer mehr als grundsoliden Offensive Line gibt der Offense ihren eigenen Touch, tendiert in der NFL aber dazu, nicht über Jahre das stabilste zu sein. Der Angriff wird sich also zwar nicht neu definieren müssen, aber es wird doch einige inkrementelle Verbesserungen und Innovatiönchen brauchen, um nicht alsbald ausgeguckt zu werden.

Schneider scheint das erkannt zu haben und kaufte für massiven Preis in der Offseason die Allzweckwaffe Percy Harvin aus Minnesota ein. Harvin ist bei allen Kopfzerbrechen, die der Mann auch dem eigenen Trainerstab bereiten kann, eine fulminante Waffe und dürfte eines der Lieblingsspielzüge des OffCoords Darrell Bevell werden. Gepaart mit dem mehr als brauchbaren eingesessenen WR-Trio bestehend aus dem Hünen Sidney Rice und der wendigen Zwergencombo Golden Tate/Doug Baldwin dürfte der Receiving-Corp der Hawks zu den vielseitigsten ligaweit gehören. Man werfe noch den brauchbaren „Torpedo“ Robert Turbin als change of pace-RB rein und fertig ist ein Repertoire aus verschiedensten Spielertypen – ein Paradis für einen Trainerstab.

Wo nach dem Verkauf von Matt Flynn noch Nachbesserungsbedarf ist: Backup-QB. Da wird man einen Draftpick investieren müssen (entweder für ’nen Rookie oder ’nen veteran via Trade.)

Ansonsten: Eine Unit ist nie vollkommen, aber die Seahawks-Offense ist in ihrer Aufstellung eine Ansammlung, wie es einer NFL-Franchise selten gelingt. Es gibt keine offensichtlichen Schwachstellen, in Spitze und Breite ist man ziemlich gut besetzt und sofern sich nicht zu viele Bausteine verletzen oder Wilson einen großen Einbruch erlebt, liest sich der Kader recht komplett für eine weit auseinander gezogene Spread-Offense.

Die Defense

Die famose, druckvolle Seahawks-Defense gehört wie die Offense zum feinsten, was es in der NFL zu bestaunen gibt. Der abgewanderte DefCoord Gus Bradley (jetzt Head Coach in Jacksonville) hinterlässt als Erbe für den Nachfolger Dan Quinn (respektive Carroll, der jetzt mehr Hand anlegen wird) eine auf möglichst frühe Störung im Spielzug konzipierte Abwehr mit entsprechend gut gewähltem Personal.

Eingangs der Offseason gab es nur zwei erkennbare Lücken in der Defense: Passrush/Defense Line und Linebacker. Der Passrush wurde mit den erstaunlich preiswerten Einkäufen von DE Cliff Avril aus Detroit und DE Mike Bennett aus Tampa aufgemotzt – zwei Spieler, die als Spezialisten für Druck gen QB gelten, aber nicht die großen Allrounder sind. Sollte DE Chris Clemons (für den Avril/Bennett auch Langzeitlösungen werden könnten) wieder fit werden, gibt es nun vier potenzielle Weltklasse-Passrusher (der vierte ist OLB Bruce Irvin). Auf der „Innenseite“ der Line können Red Bryant und Brandon MeBane auftreten. Um die Tiefe ist es allerdings bei den Tackles nicht herausragend bestellt.

Bei den Linebackers hinterlässt der Abgang der Knalltüte OLB Leroy Hill (spielte meistens weakside) zwar nicht eine charakterliche Lücke, aber eine sportliche: Mit dem jungen Bobby Wagner gibt es einen großartigen Dirigent, dazu K.J. Wright und möglicherweise Irvin, aber ein Mann, der besser als der offensichtlich in der Laufverteidigung überforderte Irvin in klaren Lauf-Situationen eingewechselt werden kann. Ob sich aus dem Haufen Namenloser in Seattle was rauskristallisiert? Möglich, aber möglich auch, dass die Hawks ihren ersten Pick (den in der zweiten Runde) für einen guten Laufverteidiger investieren.

In der Secondary haben wir ein absolut fantastisches Starting-Quartett: CB Richard Sherman, SS Kam Chancellor, FS Earl Thomas, CB Brandon Browner. Bei den Jungs gibt es nur die blanke Angst, dass sie sich mal verletzen oder dass mal wieder einer für ein paar Wochen in die Dopingsperre geschickt wird. In Kombination mit einem (wie man erwarten sollte) aufgemotzten Passrush dürfte die Pass-Defense der Seahawks auch diesen Herbst wieder stark sein. Vielleicht wird noch ein Pick in einen Cornerback für ganz krasse Spread-Aufstellungen mit 5 WR investiert.

Ausblick

Der Preis für Harvin war hoch, aber es ist einer der Moves, die man machen kann: Seattle ist ein win now-Team, trotz des noch jungen Durchschnittsalters. Wilson wird noch zumindest zwei Jahre unter einem absurd billigen Vertrag spielen und während sämtliche Teams mit etablierten QBs 15-20 Mio./Jahr für den Spielmacher aufwenden, kostet jener in Seattle nicht eine einzige Million! Du hast 15-20 Mio. um dich anderswo zu verstärken und kriegst mit Wilson 95% des Leistungsvermögens eines Superstar-QBs. Diese 2-3 Jahre musst du nutzen, es gibt kein besseres Fenster für die Lombardi Trophy.

Ein bisschen Skepsis bleibt bei mir noch. Seattle 2012/13, das war auch eine stark von Verletzungen verschonte Mannschaft. Dass man gesünder durch die Saison kommt, ist bei jungen Mannschaften wahrscheinlicher als bei älteren, aber trotzdem: Wenn dein einziger nennenswerter Ausfall eines richtigen Leistungsträgers erst in den Playoffs kommt (Clemons), dann warste schon sehr vom Glück begünstigt. Wenn hier Regression zur Mitte einschlägt und Seattle drei-vier wichtige Starter für weite Teile der Saison vorgeben muss, wäre das schon eine herbe Schwächung.

Soll hier aber nicht das Thema sein, denn die Sezierstunden interessieren sich vor allem auf die Dinge, die man bevorzugt kontrollieren kann: Das Kadermanagement. Und das ist in Seattle – ich wiederhole mich gerne, weil ich es lange nicht wahrhaben wollte – eine Eins mit Sternchen.

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