Sideline Reporter on Tour #2: Offseason Power Ranking

Das Abschluss der Sezierstunden ist diesmal extern: Beim frisch preisgekrönten Portal der Herren Reiterer und Gindelhumer, NFL-Crush, gibt es das Offseason Power Ranking der Mannschaften und Divisionen eine Woche vor dem Draft:

Cincinnati ist möglicherweise das aktuell drittbeste Team in der AFC und prinzipiell vor allem einen Quarterback vom großen Wurf entfernt. Kriegen die Bengals QB Andy Dalton gebogen, ist das hässliche Entlein ein Titelanwärter.

Die anderen 31 nach dem Klick. Die Sezierstunden müssten alle unter dem Tag Sezierstunde 2013 erreichbar sein. Und nach diesem Schlussstrich startet morgen die Draft-Coverage 2013 mit einem Doppel-Header. Rücksichtslos. Eine ganze Woche lang.

Baltimore Ravens in der Sezierstunde

Stat Line 2012

Record        10-6    SB
Enge Spiele    6-4 
Pythagorean    9.4   (11)
Power Ranking   .538 (10)
Pass-Offense   6.3   (15)
Pass-Defense   6.1   (14)
Turnover        +9

Management

Salary Cap.
Free Agents.

S’Leben ist manchmal komisch. Da bauen die Baltimore Ravens seit der Inthronisierung von Head Coach John Harbaugh vor fünf Jahren in Windeseile einen jahrelangen Contender mit Titelaspirationen, nur um im ersten Jahr mit erkenntlichem Leistungsabfall und deutlichen Warnsignalen (Alterungsprozess!) grad noch die Kurve zu kratzen und vor dem Auseinanderfallen die Lombardi Trophy abzustauben. 2009 und 2010 war diese Mannschaft auf der Höhe ihres Schaffens und stand sich selbst im Weg, 2011 war man immer noch gut genug, erledigte sich aber in New England im Alleingang – und erst 2012, mit der schwächsten Ravens-Variante seit vielen Jahren, blasen LB Ray Lewis und Co. ihr letztes Halali und wandern mit dem Superbowl im Gepäck in den Sonnenuntergang. Und genau deswegen schließen die Ravens als die Ringträger 2012/13 auch die Sezierstunde-Serie dieses Frühjahrs ab.

Das Ozzie-Spiel

Es blieb auch seither nicht still. QB Joe Flacco, der Superbowl-MVP, bekam eine rekordverdächtige und für einen durchschnittlichen Quarterback wie eben ihn exorbitant ausschauende Vertragsverlängerung als Belohnung, aber rundherum brachen einige Dämme. LB Ray Lewis machte seinen lange angekündigten Rücktritt perfekt. Eckpunkte wie der legendäre FS Ed Reed oder OLB Ellerbe und DE Kruger wurden ziehen gelassen, S Pollard wurde gefeuert, für WR Boldin konnte man immerhin noch einen billigen Draftpick mitnehmen.

Es mag für Fans schmerzhaft gewesen sein, aber sehen wir es mal anders: Der Schnitt hätte so oder so kommen müssen – und bei einem Strategen wie GM Ozzie Newsome wäre er auch gekommen. 2012/13 war der letzte offene Spalt für die Titelträume dieser Ravens-Generation. So sehr es schmerzt, einen Ed Reed in einem Texans-Trikot spielen zu sehen: Jetzt muss die Generalsanierung erfolgen, und sie musste immer jetzt passieren, weil die Vertragssituation entsprechend darauf ausgerichtet war.

Die Offense

Der kurioseste Move von Newsome war zweifellos dieser monströse 20 Mio./Jahr-Move mit gut und gerne 50 Millionen Dollar guaranteed-Money für QB Flacco, der eine neue Ära in der Vertragspolitik in der NFL einläutete: Ab sofort kriegen auch mittelmäßige QBs – und wenig anderes ist Flacco trotz des vierwöchigen Laufs zuletzt – gigantische Gehälter. Der Markt wird sich in wenigen Jahren von selbst regulieren, aber bis dahin verbluten Teams wie Baltimore zwangsläufig. Sei’s drum: Flacco gibt dir, was er dir immer gab – ein vertikales, tiefes Element.

Der pfeilschnelle WR Torrey Smith ist da genau der richtige Mann, wie auch der sehr flexible RB Ray Rice oder der kräftige RB Bernard Pierce. Alles andere in Baltimores „Skill“-Offense ist austauschbar bzw. schreit nach Upgrades. Nach Boldins Abgang fehlt der kräftige Receiver für die Mitteldistanzen, und die Tight Ends sind in Baltimore seit Heaps Abgang eh nur noch opportunistisch besetzt.

In der Offense Line stehen LT Oher, LG Grubbs und RG Yanda fix, aber die anderen Jungs können schon seit Jahren keine vier Monate mehr oder Ausfallszeiten durchhalten. Bissl was wird man – auch bei den Backups – unternehmen müssen.

Die Defense

Fraglich ist noch, wie die Defense in der Zeit nach dem Urgestein Lewis aussehen wird. Baltimores Abwehr war nun jahrelang um die Stärken der „Achse“ gebaut: Haloti NgataTerrell Suggs – Ray Lewis – Ed Reed. Individuelle Power kombiniert mit fassungslos viel Defensiv-Wissen in der besten Abwehrschmiede der Liga. Von den Indiviualisten sind nur noch Ngata und Suggs dabei, und beide hatten in jüngster Vergangenheit Verletzungssorgen. Weil mit DE Kruger und LB Ellerbe zwei Talente ziehen gelassen wurden, steht die Abwehr vor dem Neuaufbau.

DefCoord Dean Pees ist gefragt. In der Defensive Line wurden DT Chris Canty (möglicherweise für die NT-Position) und DE/OLB Elvis Dumervil (Passrush!) geholt – zwei Verpflichtungen, die etwas Erfahrung in einen jungen Kern bringen sollten. Gut möglich ist übrigens auch, dass Dumervil als Outside Linebacker auf der anderen Seite von Suggs aufgestellt wird. Suggs/Dumervil: Riecht nach 10-15 Sacks per capita. Höhö, und in der Hinterhand gibt es noch OLB Courtney Upshaw, der vom College als faszinierender Spieler in Erinnerung blieb, und als Rookie vor allem für seine Arbeit gegen den Lauf gelobt wurde.

In den vielen „Hybrid“-Packages kann Pees im Optimalfall die Jungs Suggs/Dumervil/Upshaw hin- und herschieben, zwischen D-Line und OLB. Dafür braucht es allerdings womöglich noch etwas Verstärkung neben Ngata und Canty in der Defense Line, vor allem innen: Der unglaublich fette DT Terrance Cody hat seine Versprechen noch immer nicht einlösen können, und die DT/DEs Jones/McPhee/Spears gelten maximal als Ergänzungsspieler.

Gebastelt wird auch noch an der ILB-Position, die nach den Abgängen von Lewis und Ellerbe vakant ist: Niemand geht davon aus, dass die „Macs“ McClellan und McClain die Langzeitlösung sind, weswegen viele spekulieren, dass Manti Te’o im Draft am Ende der ersten Runde nach Baltimore geht. Te’o – ein charismatischer Führungsspieler-Typ, der auf den Leadertypen Lewis folgt? Klingt gut? So „logisch“ der Move klingt, muss man jetzt schon Angst haben um das Seelenleben Te’os, wenn er in der Testosteronhochburg Baltimore ob des Catfishing-Skandals zerfleischt wird.

In der Secondary muss man nach dem Abgang von bei John Harbaugh angeblich verhassten (!) Ed Reed den Abgang des Ankermanns verkraften. Neuzugang S Michael Huff dürfte die Lücke halbwegs adäquat stopfen, aber weil auch Pollard flöten ging, könnte Baltimore im Draft auch im Rennen um einen Safety sein.

Auf Cornerback sind die Abgänge unspektakulärer: Der Superbowl-Schläger Cary Williams ist weg, aber dafür sollte CB Ladarius Webb wieder genesen sein – quasi ein „Zugang“ im Vergleich zu letzter Saison. Webb deckt zwar selten die Ecken ab, geistert aber als permanente Bedrohung für Interceptions durch die Spielfeldmitte. Dazu sollte es Zeit sein für den jungen CB Jimmy Smith, den nächsten Entwicklungssprung zu machen. Weil CB Corey Graham und CB Chykie Brown (geiler Vorname) als grundsolide eingestuft werden, glaube ich nicht, dass Baltimore sich weit vorne eines Cornerbacks bedient.

Ausblick

Für mein Ermessen sind die Ravens nicht viel schlechter als vor der letzten Saison aufgestellt. Wichtigstes Need ist für mein Ermessen ein groß gewachsener, kräfter Wide Receiver für die Zeit nach Boldin. Es ist schwer vorstellbar, dass Torrey Smith als go to guy in dieser Offense überlebt ohne einen Partner, der erhöhte Aufmerksamkeit der Defense auf sich zieht.

Die nächsten Needs sind in der Defense: Safety und Inside Linebacker. Ich glaube, ein mittelmäßiger Safety kann durch den auf dem Blatt weiterhin exzellenten Passrush kaschiert werden, aber irgendwo liest sich Ihedigbo (der aktuelle Mann neben Huff) nicht mal wie „mittelmäßig“. ILB ist sicher wichtig, aber im Zweifelsfall überlebst in der heutigen NFL auch ohne Topmann dort.

Baltimore ist als Titelverteidiger nicht der Topfavorit, aber weil die AFC nicht furchteinflößend stark besetzt ist, sehe ich durchaus auch weiterhin Playoffchancen.