Die Offensive Liner im NFL-Draft 2013

Sie sind die stillen Helden einer Footballmannschaft, mit ihrer Masse, Physis und körperlichen Wucht prototypisch für den „harten Sport“ Football, und eben auch die anonymsten aller Stammspieler. Es gibt keine verlässlichen objektiven Maßstäbe, ihre Leistung zu messen, weil ihre Hauptaufgabe – der Schutz des Quarterbacks – eine abwehrende und keine angreifende ist. Die Offensive Line ist eines der großen Mysterien im Footballsport, weil sie schließlich und endlich nur als Einheit funktionieren kann. Auf keiner anderen Position ist es so schwierig, die Performance eines Einzelnen isoliert zu betrachten.

Die Offensive Tackles

Prospects 2013

Name                  Rd
Luke Joeckel          1
Eric Fisher           1
Lane Johnson          1
D.J. Fluker           1
Menelik Watson        1-2
Kyle Long             1-2
Terron Armstead       2-3
Brennan Williams      2-4
Oday Oboushi          2-4
Jordan Mills          2-4
Reid Fragel           3-4

Mayocks Top-5

1 - Fisher
2 - Joeckel
3 - Johnson
4 - Fluker
5 - Watson
5 - Pugh

Die wertvollste Position – und die dank des Buches Blindside von Michael Lewis auch noch am ehesten glorifizierte – ist die des Left Tackles, der am linken Ende der Offense Line spielt und somit die Blindside – den „blinden“ Punkt – des Quarterbacks (der in den allermeisten Fällen Rechtshänder ist) beschützt. Left Tackles müssen häufig gegen den besten gegnerischen Passrusher spielen, und das zumeist ohne Unterstützung eines Tight Ends. Das bedeutet: Sie müssen die beweglichsten Jungs in der Offense Line sein. Flinke Füße und extrem viel Spielverständnis sind gefragt.

Die „sicherste“ Left Tackle-Option in diesem NFL-Draft ist LT Luke Joeckel von der Texas A&M University, kein überragender Athlet, aber einer, der in vier Jahren College nachweisen konnte, dass er konstant, Down für Down, Leistung bringt. Joeckel galt über viele Monate als Favorit auf den #1-Draftpick, aber weil ihm etwas die Leichtfüßigkeit abgeht, gibt es Experten, die LT Eric Fisher von der kleinen Central Michigan University vorziehen. Bei Fisher ist der größte Stirnrunzler – eben – die kleine Uni, die in der MAC spielt, eine Conference, die man nicht vergleichen kann mit den Kalibern, die Joeckel aus Big 12 und SEC gewohnt war. Worin sich alle einig sind: Beide Spieler haben gute Chancen, es in der NFL zu packen und werden OffCoords und Fans ruhig schlafen lassen.

Wer es lieber aufregend hat, greift zu OT Lane Johnson, dem dritten Tackle mit anerkanntem Top-10 Potenzial. Johnson kommt von der großen University of Oklahoma und gilt als ungeschliffener Rohdiamant: Vor vier Jahren noch ein Quarterback (!) an der Highschool, und nach etwas Einlernzeit zuletzt zum Beschützer seiner Zunft transformiert. Wer Johnson im laufenden Spiel sah, lobt eine bis dato ungesehene Athletik und Potenzial für eine Allzeitgröße, aber man ist dann schnell versucht, auf die vielen Aussetzer hinzuweisen, Momente, in denen Johnsons Unerfahrenheit in aller Härte durchschlägt. Zu viele Ausrutscher willst du auch von einem Rookie-Tackle nicht sehen, und so geht man gemeinhin davon aus, dass Johnson „nur“ der dritte Tackle sein wird, der vom Tablett geht (common sense: spätestens an #11 greifen die Chargers zu).

Hinter den großen Drei wird das Feld der Tackles undurchsichtiger. Es ist die Region, wo die Jungs zwar noch schwer sind, aber nicht mehr super-beweglich. Das sind dann die Tackles, die gerne mal auf die rechte Seite (Right Tackle) geschoben werden, wo man nicht so allein starkem Passrush ausgesetzt wird, dafür aber eine wichtigere Rolle im Laufspiel einnehmen muss (Laufspielzüge werden lieber über rechts exekutiert). Mit dem Aufkommen von Elementen der read-option Offense könnte der Right Tackle aber auch eine leichte Aufwertung erfahren.

OT D.J. Fluker vom National Champion Alabama ist so ein Mann, der sich in erster Linie über die Kraft definiert und somit der Gegenentwurf zu Johnson. Fluker hat lange Arme, aber einbetonierte Füße und man sieht es, wenn er bei einem Passspielzug die Abwehrhaltung einnimmt und dabei fast rücklings ins Gras fällt. Da Fluker Gegenspieler lieber überpowert als austrickst, sehe ich ihn auch nicht als gute Option für die Read-Option. Alles in allem liest sich Flukers Bewerbung nicht wie „Runde 1“. Eigentlich. Denn fast alle Experten sehen Fluker genau dort vom Board gehen.

Größter Konkurrent für Fluker in der Ausschreibung als „bester Right Tackle des Drafts“ ist Menelik Watson von der FSU, ein Brite ohne jahrelange Erfahrung im American Football, aber einer, dem die FSU-Coaches so viel Spielverständnis nachsagen, als hätte er sie.

Hinter diesem Quintett ist alles offen, und es hängt vieles von der Einstellung der Coaches ab. Wer auf den grundsoliden Arbeiter steht, der keine Zaubereien veranstaltet, nie in der Pro Bowl stehen wird, aber auch nicht mehr als fünf Sacks übers Jahr aufgibt, zieht Jordan Pugh/Syracuse. Wer den look’a’like eines Serienschlägers mit Stirnglatze und Vollbart sucht, der im besten Falle den Left Tackle, im schlimmsten Falle deinen Left Guard geben kann, greift zu Oregons Kyle Long. Wer grad Lust auf Poker mit Aussicht auf den Jackpot hat, nimmt Terron Armstead vom FCS-College Arkansas Pine-Bluff. Armstead ist untypischste aller heurigen Offense Tackles, ein Schlaks mit exzellenten Sprinzeiten, Kugelstoßer in seiner Freizeit, und technisch gerade ausgefeilt genug, dass ihn ein mutiger Trainerstab irgendwo Ende erste bis Ende zweiter Runde schnappen wird.

Die Offensive Guards

Prospects 2013

Name                  Rd
Chance Warmack        1
Jonathan Cooper       1
Kyle Long             1-2
Larry Warford         2
Dallas Thomas         2-3
Brian Winters         2-3
David Quessenberry    3
Earl Watford          3-4
Alvin Bailey          4-5

Mayocks Top-5

1 - Warmack
2 - Cooper
3 - Long
4 - Warford
5 - Winters

Guards sind im Vergleich zu den Tackles die gewichtigeren Jungs, eher die Klötze, nicht so beweglich, aber kräftiger, da sie es mehr mit den dickeren Defensive Tackles zu tun haben und mehr damit beschäftigt sind, Löcher für die Runningbacks aufzureißen. Das macht den Guard zu einer etwas weniger bedeutenden Position.

Analog zu den Tackles gibt es bei den Guards zwei Brocken, die über allen anderen stehen: Chance Warmack von Alabama und Jonathan Cooper von UNC. Cooper gilt als der athletischere der beiden und soll eher kompatibel mit einem auf Zonenblocking gründenden Spielsystem sein. Als etwas eindimensionaler, weil vor allem über die Kraft kommend, gilt Warmack, der – erstaunlich, wenn man ihn ansieht – nur 145kg auf die Waage bringt, aber in der härtesten aller Conferences am College, der SEC, auch extrem gute NFL-Talente wie Brockers oder Cox komplett pulverisierte. Warmack ist sowas wie der sprichwörtliche „mauler“, der Würger und Wühler, der den Gegner lieber zum Pfannkuchen plättet als ihn zur Seite zu schubsen.

Es schaut aus wie eine Systemfrage: Wer lieber statisch spielt und die Spielfeldmitte zu nutzen weiß, zieht Warmack. Wer sein Play erstmal horizontal designt und nicht stets sofort downhill schaut, wird in Cooper das bessere, weil beweglichere Prospect bekommen.

Center

Prospects 2013

Name                  Rd
Barrett Jones         2-3
Travis Frederick      2-3
Brian Schwenke        2-3
Khaled Holmes         3-4
Joe Madsen            3-5
Braxston Cave         5-7

Mayocks Top-5

1 - Schwenke
2 - Jones
3 - Frederick
4 - Holmes
5 - Cave

Der Center ist der Mann in der Mitte der Offense Line, der jeden Spielzug mit dem Snap beginnt. Für ihn zählen neben Power vor allem Spielverständnis (er sollte im Optimalfall Abwehrtaktiken vor dem Snap erkennen und Protection-Calls machen) und Timing bzw. gute Chemie mit dem Quarterback. Der Center darf nicht nervös werden, wenn die Play-Clock gen quasi null tickt, und er muss sich 50x pro Spiel auffde Arschbacken grapschen lassen.

Bei Spielverständnis ist der Weg zu Barrett Jones nicht weit. Jones gewann in vier Jahren am College drei National Championships auf drei verschiedenen Positionen: Left Tackle, Right Guard und Center. Jones wird als besonnener Charakter beschrieben, der genau weiß, wie man ein amerikanisches Mittelstandsleben abseits der NFL-Welt führt, und galt am College als extrem fruchtbar für den Teamgeist – in einer kalten Footballmaschine wie Alabama!

Die großen Athleten sind eher die anderen. Brian Schwenke zum Beispiel. Oder, weil kein Jahr ohne die Offense Line-Schmiede schlechthin (Sie dürfen raten: WISCONSIN natürlich!), Travis Frederick. Bei den Badgers hoch gelobt, hatte Frederick aber keine gute Combine, als er trotz abgespecktem Gewicht unbeweglich und langsam wirkte.

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6 Kommentare zu “Die Offensive Liner im NFL-Draft 2013

  1. Es gibt auch Scouts, die Lane Johnson als Top 5 Pick sehen, Eric Fisher als Top 3 Pick und Joeckel nur als drittbesten Prospect. Die Tackles sind wirklich alle nahe beieinander. Bei den beiden Top Guards ist das Bild ähnlich: Einige sehen Cooper vor Warmack. Kyle Long ist in den meisten Big Boards als Guard angeführt und nicht als Tackle, aber das ist zum heutigen Tag sicher eine unbedeutende Momentaufnahme.

    Ich finde es jedenfalls spannend, dass fünf Tage vor der Draft noch niemand sagen kann, wer der Top Pick wird. Das wird ein spannender Draft und ich wette, kein Mock Draft kommt in der ersten Runde annähernd nahe an die Realität vom Donnerstag!

  2. @tom: Man kann nix ausschließen, weil viele Teams in den Late Rounds die Prospects oft unterschiedlich raten, aber es hat fast niemand in den Medien Glauser überhaupt auf dem Board, von daher glaube ich nicht dass Glauser gedraftet wird.

    #Thema Top Pick
    Bin ich eigentlich der einzige, der dem Comonn Sense nix abgewinnen kann, daß die Chiefs Albert weggeben sollen für einen OT wie Fisher oder Joeckel? Es rumort, dass die Fins interessiert sind an Albert, aber warum lassen sie dann mit Jack Long einen billigeren und fast sicher besseren eigenen Spieler einfach gehen? Albert ist sicher kein Long, kostet Picks und mehr Geld.

    Dann Albert: Ist unter der Franchisetag. Warum sollte er interessiert an einem Langzeitvertrag sein, wenn er dieses Jahr gutes Geld bekommt und nächstes Jahr eincashen kann. Wer gibt viel Kompensation aus für einen Spieler der in einem Jahr wieder weg ist.

    Warum behalten die Chiefs nicht einfach Albert, geben ihm nen guten Vertrag und holen sich einen DL wie Floyd oder Lotuleile. Das macht 10 Mal mehr Sinn in meinen Augen. Bizarro NFL.

  3. Bin ich eigentlich der einzige, der dem Comonn Sense nix abgewinnen kann, daß die Chiefs Albert weggeben sollen für einen OT wie Fisher oder Joeckel?

    Es ist letztendlich wohl eine Frage des Geldes, weil ein Rookie ca 1/3 von Albert kosten würde und Albert nun auch nicht der Star-Tackle der Liga ist. Die Abnehmer-Geschichte sehe ich ähnlich, würde aber bei Miami und deren GM Ireland gut dazupassen.

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