Die Defensive Line im NFL-Draft 2013

Die Front-Seven im American Football ist eine hochkomplexe Geschichte, da sie aus so vielen Positionen bestehen kann, dass es schwierig ist, die richtigen Athleten in die richtigen Slots zu stellen. In Kurzfassung: Es gibt zwei Basis-Systeme, die 4-3 Defense und die 3-4 Defense. 4-3 ist das System mit vier Defensive Linern mit Händen im Dreck, bei der 3-4 Defense sind es folgerichtig nur drei, mit vier Linebackers dahinter.

Es gibt im Detail unendlich viel Feintuning, weswegen die Techniker und Coaches unter den Footballern von so fremdelnden Begriffen wie „3-technique“ oder „Gaps“ reden. Das Konzept dahinter: Du spielst gegen die Offense Line. Deine Defense Liner sind für gewisse „Gaps“, also quasi die Zwischenräume zwischen den Offense Linern, verantwortlich (verantwortlich = Assignments). Wo sie den Spielzug beginnen, regelt eine Zahl von 1-9 mit Zusatzcode „technique“, die den Plätzen zugeordnet wird: 0-technique ist zum Beispiel direkt vor der Nase des Centers, von wo dann auch der Terminus des Nose Tackle kommt. Der ist dann unter Umständen für beide A-Gaps verantwortlich usw. Kleines Schema zum besseren Verständnis:

Pos.     TE     T     G     C     G     T     TE
------------------------------------------------
Gap          C     B     A     A     B     C
tech.   987    654   321    0    123   456    789

Häufig ist zum Zeitpunkt des Drafts noch nicht ganz klar, welches Prospect am besten für welche Position ist, und es wird viel rumgerätselt, ob der Spieler besser als 4-3 DE oder 3-4 OLB ist oder ein 4-3 DT oder 3-4 DE. Gemeint sind dabei die Gaps und Assignments, die aber bei vielen Coaches variieren können. Ein 3-4 DE ist zum Beispiel oft ein 5-technique, der in erster Linie für das B-Gap zuständig ist. Ein 3-4 DT ist oft 3-technique, und auch ein 4-3 DT ein 1-technique oder 2-technique. Und ab ins Gewühl.

Defensive Ends

Der deutsche Defense End Björn Werner [unser Scouting Report von Flo Zielbauer] galt lange Zeit als möglicher Top-10 Pick, aber diese hohe Wertschätzung hat sich nicht bis zum Draft gehalten. Zu unspektakulär ist Werner, zu wenig explosiv. Alle halten ihm zugute, ein ehrlicher, fleißiger Arbeiter zu sein, relativ komplett, aber die ganz hohen Picks gehen am Ende des Tages in der NFL nur für die ganz gewaltigen Passrusher weg. Das ist Werner nicht. So bleibt am Donnerstag aber das Label des ersten deutschen 1st round picks, denn niemand sieht, wie Werner aus der ersten Runde fällt. Und ein Fallen im Draft hat auch sein Gutes: Dann kommst du zu einem wahrscheinlich besseren Team.

Trotzdem ist Werner höchst willkommen, da er eine gute Geschichte abgibt: Junge aus Berlin, der in die Staaten ging um an der Highschool in Connecticut zu spielen, der erst mal Englisch lernen musste, dann von FSU rekrutiert wurde, heiratete und die einheimischen Talente das Fürchten lehrte. Jede Wette, dass Mike Mayock dann übermorgen noch den einen oder anderen Fakt aus der Nase zieht.

Prospects 2013

Name                  Rd
Ezekiel Ansah         1
Björn Werner          1
Datone Jones          1-2
Damontre Moore        1-2
Tank Carradine        1-2
Alex Okafor           1-2
Margus Hunt           2
Corey Lemonier        2-3
LaVar Edwards         3-4
Malliciah Goodman     3-4
Sam Montgomery        3-4
Joe Kruger            4-5
David Bass            4-5
Devin Taylor          5-7
William Gholston      5-7

Mayocks Top-5

4-3 DE

1 - Ansah
2 - Werner
3 - Moore
4 - Carradine
5 - Okafor

3-4 DE

1 - Lotulelei
2 - Jones
3 - Hunt
4 - Gholston
5 - Williams

Werners Studienkollege Cornelius Carradine, genannt „Tank“, gilt bei manchen Scouts als mittlerweile besseres Prospect: Etwas kleiner gewachsen, aber wuchtiger, schneller. Carradines größte Fragezeichen rühren von einer verletzungsgeplagten Vergangenheit, und Carradine ist Stand heute so wenig Muskelberg, dass ihn manche Coaches am liebsten erstmal eine Woche zum Kraftbolzen in den Fitnessraum stellen wollten.

Der einstige große Favorit DE Damontre Moore von Texas A&M fiel in der Scouting-Phase jede Woche ein bis zwei Plätze nach hinten und gilt heute „nur“ mehr als 1st round pick, anstelle des möglichen Top-Picks. Die Hauptkritikpunkte: Zu wenig Schmalz in den Schenkeln dies- und jenseits der Hüften, zu wenig explosiv gegen die ganz fetten Säcke. In etwa so schnell wie Moore in der Gunst der Scouts sank, stieg Datone Jones von UCLA nach oben: Noch etwas ungeschliffen gegen Doppeldeckungen („double teams“), aber alle Voraussetzungen um jegliche Position und technique in der D-Line spielen zu können.

Das fünfte Rad am Wagen ist Ezekiel Ansah, genannt Ziggy, ein Ghanaer von der Brigham Young University und eine Wundertüte pax excellence, der klassische Freak, der Scouts abspritzen lässt weil er so prototypisch gebaut ist, aber gleichzeitig den Schweiß auf die Stirn treibt, weil er keine drei Jahre Erfahrung im Football hat. Ansah wollte eigentlich Leichtathlet oder Korbballer werden, verirrte sich dann aber auf der grünen Wiese und spielte alle erfahrenen Teamkollegen gleich mal zum Einstand an die Wand. Ansah ist technisch noch ein sehr unsauberer Spieler und wird etliche Feinheiten erst erlernen müssen. Er ist ein Fall für Parcells‘ Planet Theory: Einen solchen Athleten kriegste nicht jedes Mal, also greif zu. Den Feinschliff sollen die Coaches geben. Ansah gilt mittlerweile als sicherer Pick in den Top Ten.

Werner und Ansah sind die Stars, aber es gibt einen dritten Ausländer mit genügend Buzz für die erste Runde: Margus Hunt, ein Kraftbolzen aus Estland, der bei Southern Methodist spielte und dort mehr als graduellen Fortschritt über die letzten beiden Jahre zeigte. Hunt spielte eine sensationelle Hawaii Bowl und galt in der Scouting-Phase als Workout Warrior, aber seine Senior Bowl war schwach. Zweiter Knackpunkt: Das Alter. Hunt ist bereits 26, eine Phase, in der der Mensch normalerweise physisch am Höhepunkt ist. Man kann also nicht unbedingt von einer massiven Steigerung Hunts ausgehen, im Gegensatz zu den 21jährigen Kids, die sonst in die NFL kommen. Das eine oder andere Team soll an ihm in der ersten Runde interessiert sein, auch wenn sich Hunts Bewerbung nach all meinen bisherigen Erfahrungen klassisch wie „zweite Runde“ anhört.

Irgendwo am Eck rumhängen werden auch Ends wie Alex Okafor von Texas oder Sam Montgomery von LSU. Letzterer galt auch lange Zeit als hoher Pick, aber es gibt Abschreckendes: Zum ersten hat er nicht die Ausdauer für mehr als 25 gleichwertig intensive Snaps. Zum anderen werden die Trainerköpfe von LSU immer noch knallrot und fletschen die Zähne, wenn sie nach Montgomerys (mangelndem) Trainingseinsatz befragt werden.

Defensive Tackles

Prospects 2013

Name                  Rd
Star Lotulelei        1
Sharrif Floyd         1
Sheldon Richardson    1
Jesse Williams        1
Sylvester Williams    1-2
Jonathan Hankins      1-2
Kawann Short          1-2
Jon Jenkins           1-2
Brandon Williams      2-3
Montori Hughes        2-3
Akeem Spence          3-4
Bennie Logan          3-4
Jordan Hill           4-5
Everett Dawkins       4-5

Mayocks Top-5

4-3 DT

1 - Floyd 
2 - Richardson 
3 - Williams 
4 - Short 
5 - Hankins

3-4 DE

1 - Lotulelei 
2 - Jones 
3 - Hunt 
4 - Gholston 
5 - Williams

Diese Position gilt als die bestbesetzte nach den Offense Tackles, und kein Spieler bekam mehr Presse als Floridas Sharrif Floyd, vor wenigen Wochen noch eine komplette Unbekannte. Der Hype beginnt schon auf der Straße. Floyds Geschichte liest sich drehbuchreif, ein kleiner Junge, der im Säuglingsalter den Vater verliert, Mutter spritzt sich eine Piepe nach der anderen rein und Klein-Sharrif schlägt sich unter der Brücke durch. Bekam Hilfe von einem weichherzigen Mann. Ging ans College. Bekam von besagt weichherzigem Mann Kohle und Scooter. Wurde deswegen von der NCAA gesperrt – illegales Boostertum. Zögerte nicht lange und ließ sich von besagtem Mann adoptieren. Und ist heute ein sicherer Top-10 Kandidat. Floyd macht wenige spektakuläre Plays, ist aber feingeschliffen und weiß genau seine Assignments. Floyd ist kein Kraftbolzen, sondern beweglich wie ein End und übertölpelt den gegnerischen Guard mit seiner Beweglichkeit. Alle gehen davon aus, dass er sein Versprechen – sehr, sehr sicherer, guter Tackle – einlösen wird.

Der andere Top-Tackle ist Star Lotulelei von Utah, etwas massiver gebaut und etwas variabler einsetzbar: Während Floyd in erster Linie als Defensive Tackle für 4-3 gilt, kann der 145kg-Bolzen Lotulelei gut und gerne auch in der anspruchsvollen 3-4 Defense mehrere Positionen spielen und gilt am explosivsten dann, wenn er Druck im Passrush ausüben kann. Lotulelei hatte in der Offseason Herzprobleme und könnte deshalb ein Fragezeichen sein; nichtsdestotrotz gilt auch er als recht sicherer Top-10 Kandidat.

Der dritte im Bunde ist mit Mizzous Sheldon Richardson ein Rohdiamant, dessen Ruf vor allem auf der ersten Sekunde nach dem Snap gründet, denn diese gilt als fantastisch, absolut dominierend. Richardson spielte nur zwei Jahre in Missouri, weil seine Schulnoten zuvor zu schlecht gewesen waren um an ein richtiges College zu gehen, und ist daher insgesamt noch etwas grün. Viele Coaches werden aber sagen, gut, dann ist er besser formbar nach unseren Vorstellungen.

Mit dem Australier Jesse Williams gibt es einen zirka ein Meter siebenundzwanzig kleinen anderthalb Zentner schweren Klumpen, dessen Lieblingsposition die des Nose Tackle ist, und der sich schwer tut, sein Lieblingstattoo zu finden, weswegen jede Woche zwei neue Figuren eingestochen werden… die Haut möchte ich nicht sehen, wenn dieser Hulk mal 40 ist. Williams kommt vom Australian Football und Rugby, kann daher auch ganz gut kicken, agierte in Alabama auch als Hobby-Vorblocker und Fullback und gilt heute als 1st round pick. Die Schwächen sind auch schnell beschrieben: Nimmt sich gerne mal ein Päuschen mitten im Spiel, weiß noch nicht, wie man gegen die abgewichstesten Guards und Center spielt. Mit gutem Coaching kann man in drei Jahren von einem australischen All-Pro Tackle ausgehen.

Jon Jenkins aus Georgia ist ein ähnlicher Spielertyp, nur noch zirka dreißig Pfund schwerer als Williams, gewohnt, der Ankermann einer starken SEC-Defense zu sein, aber häufig lustlos, ohne die ganz blütenweiße Weste mit Blick auf den Lebenslauf. Nur mit dem Zusatz „vielleicht“ gilt Jenkins als Erstrundenpick.

Bei so vielen Supertalenten müssen Kawann Short von Purdue und Jonathan Hankins von Ohio State schauen, wo sie bleiben. Beide kriegen einigen Buzz, aber die Mehrzahl der Teams geht wohl davon aus, dass sie am Freitag in der zweiten Runde noch zu haben sein werden.

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5 Kommentare zu “Die Defensive Line im NFL-Draft 2013

  1. Ein Spieler den die meisten Scouts als fixen 1st rounder sehen, sylvester williams, fehlt (vl. auch bewusst von dir)!

    gilt lt. scouts zwar auch noch als etwas rohdiamat und schon etwas älter (wird im sommer 25) aber alle meinen das er spätestens bei den vikings weg is!

    sonst wie immer: 1A preview 🙂

  2. Also , Zufälle gibt`s
    in Mayock´s Mock Draft wird Björn Werner an 26 gelistet
    http://www.nfl.com/draft/story/0ap1000000161676/article/2013-nfl-draft-mike-mayocks-top-100-prospects
    und wer ist Prospect primer , bei den Packers ! http://www.packers.com/news-and-events/article-1/Prospect-primer-DE-Bjoern-Werner-Florida-State/d4cff1d2-46a0-48c8-84c2-26737fdb4464
    + jetzt dürfen alle raten wer an 26 im Draft kommt , genau die Packers , das würde doch passen 😉 , also Björn Werner , go Werner go

  3. werner zu den eagles wäre geil dann könnte ich ihn im herbst live sehen fahr im october nach Philadelphia und schau mir ein spiel der eagles an.übrigens der draft wird kostenlos beim gamepass gesendet.

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