Haben die Minnesota Vikings richtig gehandelt?

Die Minnesota Vikings haben am Donnerstag die dicken Klöten ausgepackt und als erstes Team seit Äonen gleich drei Erstrundenpicks gedraftet. Zwei hatten sie bereits vor dem Donnerstag gehalten (#23 und #25 für den Harvin-Trade), ein dritter kam ganz am Ende hinzu, als sie sich den 29ten Pick von den New England Patriots kauften, um WR Cordarelle Patterson einzuberufen. Der Gegenwert: Pick #52 (Runde 2), Pick #83 (Runde 3), Pick #102 (Runde 4) und Pick #229 (Runde 7).

Die Vikings holten sich mit den Picks Patterson, DT Sharrif Floyd und CB Xavier Rhodes – allesamt Spieler, die im unteren Drittel der ersten Runde als „guter Value“ eingestuft werden und die Needs der Vikes stopfen. Aber war der Trade rational betrachtet eine gute Entscheidung?

Case Massey präsentierte auf der Sportkonferenz auf der SLOAN (MIT), einer Tagung der amerikanischen Mathleten, das Ergebnis einer Studie über den Zeitraum 1991-2004, das prinzipiell zwei Dinge besagt:

  • Ja, die Prospects in den frühen Draftrunden werden bessere Spieler als jene in den späteren Runden.
  • Zwischen den 32 Teams aber gibt es kaum Unterschiede in der Effizienz, der Qualität der Spieler, die die Teams draften.

Letzteres mag überraschen. Andererseits aber auch nicht: Der Draft ist ein relativ geschlossenes System, in dem alle Teams mehr oder weniger die gleichen Zugänge haben (Tapes, Combines, Pro Days) und mehr oder weniger die gleichen Informationsquellen (Scouting-Netzwerke, Interviews). Dazu kommt der schwer prognostizierbare Prozess am Draftwochenende, mit etlichen unkontrollierbaren Faktoren („hab keinen Tau, ob das Team vor mir meinen Favoriten vor der Nase wegschnappt“).

Das heißt im Umkehrschluss: Teams, die mal zwischendurch bedeutend besser draften, sind in erster Linie glücklich. Teams, die mal schlecht draften, hatten hauptsächlich Pech. Und es ist was dran: Gute Draft-Teams werden immer und immer wieder plötzlich zu schlechten und umgekehrt. Auch schlechte Front-Offices zaubern immer mal wieder einen sensationell guten Draft aus der Tüte. Indianapolis mutierte unter GM Bill Polian von einem Tag auf den anderen von einer der besten zur vielleicht schlechtesten Draft-Organisation. Dito San Diego unter GM Smith. Belichick war vor zehn Jahren das Genie, produzierte dann fünf Drafts nur Müll.

Wenn wir – dank Masseys Studie kann man sagen: richtigerweise – davon ausgehen, dass Erfolg und Misserfolg eines Draftpicks größtenteils dem Zufall zuzuschreiben ist, ist die beste Strategie einer Mannschaft, möglichst viele Picks zu sammeln, denn: Zweimal 1/10 Chance ist besser als einmal 1/7 (denn 2/10 oder 1/5 > 1/7).

Ich wette, viele im Scouting ist verbesserungswürdig (zum Beispiel die Entwicklung einer Franchise-eigenen Spielphilosophie und das Abstellen der hire and fire-Mentalität in den Scoutingabteilungen). Aber wenn alle 32 Teams so weiterwursteln wie bisher, macht es Bill Belichick am besten: Macht per Trade einen 1st rounder zu drei bis vier Picks in der zweiten bis vierten Runde und kann sich zwei komplette Flops erlauben und steht am Ende immer noch besser da als vorher.

Insofern: Natürlich kann Patterson wie eine Granate einschlagen. Aber man vergesse nicht die Opportunity Costs der verkauften Picks und auch nicht, dass man seine Chancen am meisten dann verbessert, wenn man viele mittelhohe anstelle von wenigen hohen Picks sammelt. Die beobachteten Daten (s. oben verlinkte Massey-Studie) sprechen eine klare Sprache.

Ich schrieb schon mal auf diesem Blog, dass das von vielen Franchises benützte Jimmy-Johnson-Rechenmodell ein längst überholtes ist, da es die hohen Picks massiv überschätzt, und die klügeren Teams längst andere Modelle benutzen. Chase Stuart zum Beispiel kreierte ein Modell, das den Karrierewert von Draftpicks besser annähert. Den Trade gewannen *Überraschung* die Patriots um Längen (ROI: 159% für die Pats!).

Fazit: Minnesota machte rational betrachtet einen Fehler auf vielen Fronten.


Sie auch: Advanced NFL Stats mit dem ursprünglichen Kommentar zur Massey-Studie und HardCount Blog, wo Flo Zielbauer heute Nachmittag einen Artikel veröffentlichte, der die Gegenseite vertritt, vor allem mit dem Argument der limitierten Roster Spots. Wie schon geschrieben: Der zum Exzess getriebene Trade nach unten ist nicht ratsam, da die hohen Picks höheren Wert besitzen. Aber alle empirischen Daten deuten im Falle des Patriots/Vikes-Trade darauf hin, dass Belichick Spielman/Frazier übern Tisch gezogen hat. Cordarrelle Patterson legt mal besser eine deutlich überdurchschnittliche Karriere für einen 29ten Draftpick hin.

Edit 6. Mai 2013: Die Angaben zur Sportkonferenz stimmten ursprünglich nicht. Die SLOAN ist natürlich die Business-School des MIT und nicht die Konferenz selbst. Danke an Leser Ben für die Korrektur.

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4 Kommentare zu “Haben die Minnesota Vikings richtig gehandelt?

  1. Guter Artikel. Vor allem darf man beim Jimmy-Johnson-Modell nicht vergessen, dass die fixierten Werte in Wahrheit ein völliger Blödsinn sind – man vergleiche einfach mal die letztjährige Draftclass mit der heurigen und überlege welchen Unterschied für den Pick Value die Qualität der Spieler (2 Elite QBs vs. 2 LTs) haben. Das wird da ja überhaupt nicht berücksichtigt – genausowenig wie die Needs der Teams. Die Tackles wären heuer – unabhängig davon wie gut sie sind – nicht so gedraftet worden, wenn die Needs der Teams auf diesen Positionen nicht so eklatant wären.

  2. Ich habe nun den Satz mit der SLOAN-Conference ausgebessert. SLOAN = Business School des MIT und nicht der Name der Konferenz itself.

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