Der Nachwuchs der Detroit Lions 2013

Es dürfte sich herumgesprochen haben, welcher NFL-Mannschaft ich in erster Linie die Daumen drücke. Daher heute mal etwas ungewöhnlich ein etwas genauerer Blick auf die einzelnen Moves und der Versuch, die angeknackste sportliche Leitung einzuordnen. Die einzelnen Picks im Überblick:

DE Ziggy Ansah. Ich schrieb schon direkt nach dem Draft, warum ich Ansah mag. Der Spieler selbst gilt als exorbitantes Risiko: Riesentalent, aber noch wenig Zeit im Vorlesungssaal verbracht. Am College mag dieser „Theorie ist nicht gleich Praxis“-Ansatz gut gegangen sein, weil Ansah kleine Jungs übers Feld schieben durfte. In der NFL ist die Konkurrenz eine andere, und reine körperliche Wucht reicht nicht mehr. Die Hoffnung ist, dass der hoch geschätzte DL-Coach Jim Washburn und HC Jim Schwartz, der von der Defense Line kommt, Ansah innerhalb von zwei, drei Jahren fit kriegt. Der Knackpunkt ist aber, dass Schwartz dead man walking ist und schneller als gedacht auf dem Markt sein wird, wenn dieses Jahr erneut eine unterdurchschnittliche Bilanz eingefahren wird.

Detroit hat zu wenig Kadertiefe, um Ansah gemächlich an die NFL heranzuführen. Die Ends sind teuflisch dünn besetzt, wenn schon Leute wie Young und Jason Jones, eigentlich eher Tackles als Ends, die großen Starter geben müssen. Ziggy wird mehr Snaps sehen als man einem Rohdiamanten seiner Güteklasse zumuten möchte. Dass er sich dabei nur nicht verbrennt.

CB Darius Slay. Wie Ansah auf Defensive End ist auch der Cornerback Slay ein Prospect, das eine seit Jahren offene Baustelle schließen soll. Slay gilt als fassungslos schnell und lernbereit, aber das zeigte sich im Spiel bei Mississippi State nur allzu selten. Die anhaltenden Knieprobleme sind ein weiterer Punkt mit Fragezeichen für einen Spieler auf einer Position, auf der Detroit zuletzt extrem viele Verletzungsausfälle hatte und wo man endlich Stabilität braucht. Die Moves der Offseason waren immerhin allesamt gut: Der bei mir hoch geschätzte FS Louis Delmas wurde gehalten, mit S Glover Quin kommt etwas Erfahrung aus Houston, S Spievey als Backup – nimmste gern. Bei den Cornerbacks bleibt Chris Houston der erste Starter, dahinter dürfte sich Slay mit den Youngsters Bentley, Greenwood und Green um die Hackordnung balgen. Letzteres Trio geht ins zweite Jahr NFL, und die Jungs hinterließen offenbar genügend Eindruck, dass Detroit keine weiteren Defensive Backs nach dem Abgang von Lacey holte.

Eine Art Zusatzaufgabe schimmert bei Slay auch schon durch: Return-Spiel als Ergänzungsspieler für Reggie Bush und Stefon Logan.

RG Larry Warford. Warford ist ein Spieler, bei dem sich Mike Mayock gar nicht mehr einkriegen konnte, als er gedraftet wurde. Soll ein gigantisches Talent sein, ein extrem muskulös gebauter Mann für die seit Jahren vakante Guard-Position in der Line der Detroit Lions. Ich kann nachvollziehen, warum man selbst nach dem Rücktritt von LT Backus und RT Cherilus keinen Tackle holte: QB Matt Stafford kriegt den Ball wenn nötig schnell genug aus der Pocket, weil es kaum einen Quarterback gibt, der schneller beim Rausfeuern ist. Stafford ist allerdings immer dann gefährdet, wenn der Spielzug gewollt (per Design) oder ungewollt (also wenn Druck über die Mitte kommt) aus der Pocket hinausführt. Und da kommen die Guards ins Spiel. Nicht nur für offenere Bahnen im Laufspiel, sondern auch für bessere Pass-Protection gegen Defensive Tackles oder blitzende Linebackers. Das Fragezeichen ist freilich, weshalb der offenbar so großartige Warford in Runde drei purzelte, aber wollen wir im Zweifel doch mit Mayock gehen.

DE Devin Taylor. Taylor ist der erste der Spieler in diesem Lions-Draft, die für diese Saison nicht als Starter eingeplant sind. Taylor ist ein 2m-Hüne mit Armlänge einer Spinne, und schaut eigentlich aus wie der Prototyp von Defense End, den die NFL immer sucht. Ich hab Taylor bei den South Carolina Gamecocks häufig gesehen und hatte stets eine gute Meinung von diesem Prospect, aber er soll nicht agil, nicht sauber genug für die NFL sein. Taylor könnte wie Ansah ein Fall für das Feintuning bei Coach Washburn sein, aber der Punkt, dass Taylor es in vier Jahren am College nicht hinbekam, zumindest NFL-ähnliche Technik zu entwickeln, hinterlässt mich doch stutzig und fragend ob seines NFL-Potenzials. Liest sich wie der nächste Spieler, der in Detroit vor allem deswegen gedraftet wurde, weil er was werden könnte. Irgendwann.

Taylor ist immerhin ein „need“-Pick für die Kadertiefe, für 15 bis 25 Snaps jedes Spiel zum langsamen Einlernen. Ein kluger Plan könnte sein, Taylor, Ansah und den ebenso noch jungen DE Ronnell Lewis (letztes Jahr gedraftet) jeweils in Teilen einzusetzen und so langsam an die NFL zu führen. Mit einem situational player wie DE Willie Young und an der Seite der Tackle-Giganten Suh und Fairley sollten es diese jungen Spieler auch einfacher haben, sich bei den Profis einzugewöhnen.

P Sam Martin. Bei angeblichen number’s guys wie GM Mayhew und Jim Schwartz ist es immer überraschend, wenn sie einen Punter draften. Keine Frage: Das Punt-Spiel der Lions war letztes Jahr schwach, und es ist seit Jahren ein kleines Ärgernis. Insofern kann man die Intention hinter diesem Pick durchaus verstehen. Es ist mehr… alle Zahlen weisen drauf hin, dass a) die Produktivität eines Punters extrem schwer messbar ist und b) die Leistungen von Puntern aufgrund der geringen Anzahl an Versuchen extrem schwankt. Das macht den Punter zu einer verhältnismäßig wertarmen Position, oder wie es ein amerikanischer Kollege mal ausdrückte: Wenn durchschnittliche Teams Punter draften, stellen sie sicher, dass diese auch gebraucht werden. Dass ein Mathe-Stratege und Schachspieler wie Schwartz so stark an Sam Martin interessiert war, dass er ihn per Draftpick golte, überrascht.

WR Corey Fuller. Dafür, dass Detroit seit Jahren konsequent ein bis zwei Wide Receiver draftet, ist die Position immer noch enttäuschend besetzt. Fuller könnte sich bei gutem Verlauf schneller als gedacht etwas Spielzeit kaufen: Calvin Johnson ist gesetzt, aber dahinter ist vieles im Flow. Nate Burleson ist rekonvaleszent und wird nicht jünger, Ryan Broyles hatte zuletzt zwei Kreuzbandrisse en suite, Kris Durham und Mike Thomas sind auch nicht die Granaten, um die du mit heutigem Wissen bauen willst. Fuller wäre das sechste Rad am Wagen, aber bitte nicht überrascht sein, wenn vor Saisonstart entweder Durham oder Thomas zu seinen Gunsten fliegen.

RB Theo Riddick. Es ist zwar eigenartig, einen Running Back zu holen, aber immerhin passt bei Riddick die Anlage: Wendig, fangstark, quick. Riddick ist gebaut wie der typische role player auf Runningback. Problem ist nur, dass mit Reggie Bush schon ein ähnlicher Spielertyp im Kader steht (und, so er die 2%ige Chance nochmal fit zu werden nutzen kann, auch Jahvid Best). Riddick riecht etwas wie ein Streichkandidat und möglicherweise hättest du lieber einen Offense Liner für die Kadertiefe gehabt.

TE Michael Williams und LB Brandon Hepburn kommen aus der siebten Runde und sind größtenteils unbeschriebene Blätter. Williams kommt aus dem stärksten aller Football-Colleges (Alabama), fiel dort aber in Dutzenden Übertragungen fast gar nicht auf. Sehr selten, dass ich von NFL-Kalibern solcher Unis nicht eine einzige Notiz über die Jahre gemacht habe; bei Williams ist das der Fall. Hepburn kommt von Florida A&M, was bei einem Basketballspieler nach dieser March Madness eine coole Geschichte abgeben würde, aber übers Footballteam kann ich wenig bis nix schreiben: Nie gesehen. Beide Positionen waren zudem nicht wirklich problematisch in Sachen depth.

Bei den ungedrafteten Free Agents (UDFA) sticht der Name von QB Alex Carder heraus, der Mann von Western Michigan: Ein wuseliges double threat mit relativ guter Wurftechnik, und einer meiner Lieblingsspieler in den letzten zwei Jahren. Carder war vielleicht der beste, aufregendste Quarterback in der Mid-American Conference, die immerhin auch einen Zac Dysert in diesem Draft schickte. Carder könnte Kellen Moore den Platz als dritter Quarterback im Roster streitig machen.


Man sieht, dass Mayhew/Schwartz unter Druck sind: Die meisten Picks sind auf die großen Baustellen im Kader ausgerichtet, auch wenn sie nicht die risikofreiesten Spieler sind. Die komplette sportliche Leitung muss hoffen, irgendwie eine akzeptable Saisonbilanz (Güteklasse 8-8 bis 10-6) hinzukriegen und nebenbei bei Leuten wie Ansah, Slay oder Taylor wenigstens ein paar Schleifspuren zu hinterlassen. Ich habe prinzipiell nix gegen den Versuch, mögliche All-Pros wie Ansah oder Slay zu holen auf das Risiko hin, dass die Jungs es nicht packen und als Mega-Busts in die Geschichte eingehen. Auf solch wichtigen Positionen willst du möglichst hohes „Upside“. Allerdings ist das Einberufen solch unreifer Prospects normalerweise eine bessere Idee bei eh schon gut besetzten Teams, die sich ein langsames Heranführen leisten können. Detroit ist kein solches Team.

Alle Indizien deuten bei Ansah und Slay auf eher geringe denn höhere Chancen hin, dass sie jemals ihr Potenzial voll ausschöpfen können, aber immerhin haben Mayhew/Schwartz erstmals wirklich mit Nachdruck versucht, an diesen beiden großen Baustellen zu arbeiten.

Sämtliche Neueinkäufe plus Draftees dieser Offseason gelten aber immerhin als einwandfreie oder zumindest nicht skandalträchtige Charaktere. Das ist wichtig, nachdem Detroit zum wiederholten Male mit seinem Versuch, die bad boys II aufzubauen, gescheitert ist. Vielleicht wird es also doch noch was.