Frischkellykur in Philadelphia: Eine Statue für Chip

Denken wir nochmal dran zurück, was wir von Chip Kelly bereits wussten: Er gilt als Meister der schnellen Offense, liebt groß gewachsene Athleten und hybride Defensiv-Aufstellungen. Was wir nicht in Betracht gezogen hatten: Chip Kelly kann einen reinrassigen Pocket-Passer holen.

Vor lauter Fokussierung auf die wendigen Quarterbacks auf flinken Füßen hatte ein Move wie die Einberufung von QB Matt Barkley mit dem ersten Pick der vierten Runde (98ter Pick overall) völlig ausgeschlossen geschienen. Kelly begründete Barkley mit lieber einen gescheiten Pocket-Passer als einen lauwarmen Scrambler. Ein Move, der total unerwartet kam, aber was wissen wir schon, wie die Eagles ihre Offense tatsächlich gestalten werden. Den Reaktionen nach zu urteilen hatten die Eagles Barkley als Top-50 Spieler gesehen und ergo an #98 erfreut zugegriffen. Pocket-Passer und No-Huddle schließen sich ja nicht grundsätzlich aus.

Das Quarterback-Karussell

Der Move für Barkley schiebt Michael Vick in Philadelphia gewaltig ins Abseits. Bisher hatte es so ausgesehen, als sei QB Nick Foles, Drittrundenpick im letzten Jahr, die lame duck, als eher hüftsteifer Werfer ohne große Scramble-Fähigkeiten. Mit der Ankunft von Barkley und dem nicht passierten Verkauf von Foles sendete Kelly ein Signal: Keine prinzipielle Abneigung gegen die Statuen. Vick ist maximal noch Statthalter, bis sich die beiden Jungen den Starter untereinander ausgeschnapst haben.

Das dürfte kein großes Problem sein. Vick gilt als menschlich gereift und es ist unwahrscheinlich, dass ein Vick im Kader zu einem Krebsgeschwür á la McNabb wird. Die Mitspieler lieben Vick und den Support, den er in den letzten Jahren auch von der Bank gab. Sollte Kelly bereits kurzfristig ohne Vick planen, könnte dessen Entlassung dank dessen billigen Vertrags immer noch erfolgen.

Vick ist 33 und hatte zuletzt zwei extrem fehleranfällige Jahre. Er ist noch flott bei Fuß und seine Rakete von Arm ist noch intakt, aber da Vick nie wirklich lernte, wie man Defenses liest, und stets auf seine herausragende Athletik baute, sind kleinste Alterserscheinungen tödlich für so einen QB-Typus. Vick ist ein brutal harter Knochen, der nicht zurückstecken wird. Mann kann ihm alles vorwerfe, aber nicht, dass er nicht immer vollen Einsatz bringt. Trotzdem ist er maximal die Gegenwart, aber gewiss nicht die Zukunft bei den Iggles.

Kelly liebt es, im Training Konkurrenzkampf zu schüren. Mit Dennis Dixon gibt es noch ein dark horse als vierten Mann, ein ehemaliger Oregon Duck, der einst kurzzeitig bis zu einer schweren Verletzung für den damaligen OffCoord Kelly gespielt hatte. Würde ich raten, so hat Barkley als der Kelly-Mann von 2013 einen leichten Kreditvorsprung, aber gleich dahinter kommt Foles als möglicher Erbe Vicks.

Matt Barkley

Matt Barkley - Bild: Wikipedia

Matt Barkley – Bild: Wikipedia

Für Barkley selbst dürfte Philadelphia eines der bestmöglichen Szenarien sein. Er kann sich sicher sein, dass sein Coach besser als die meisten anderen um seine Stärken und Schwächen weiß, schließlich musste sich Kelly am College einmal pro Jahr auf Barkley und seine USC Trojans vorbereiten.

Barkley ist kein unreifer Jüngling, der mit überzogenen Erwartungen in die NFL kommt. Spätestens der letzte Herbst dürfte ihm die Illusionen von einem beschwinglichen Leben als Profi genommen haben, aber Barkley hatte schon vorher einen Haufen Scheiße gesehen. Wenn du ans College kommst und plötzlich ist da nicht mehr „dein“ Coach, der dich rekrutiert hat, sondern ein beratungsresistenter Windhund wie Lane Kiffin dein Vorgesetzter, ist das eines. Wenn aber dann deiner Mannschaft Dutzende Stipendien und der BCS-Traum aberkannt werden und du wider Erwartungen zwei Jahre außer Konkurrenz in der Anonymität (ein relativer Begriff für USC, ich weiß) spielen musst, ist das schon was anderes.

Wenn du deines Traumes vom BCS National Championship willens dein letztes Jahr am College bleibst und einen Status als quasi fixer Top-10 Pick aufgibst, und dann mit deinem hochgejazzten Footballteam auf die Grausige abschmierst und in die vierte Runde des Draft fällst, weißt du, dass dir fortan nichts mehr geschenkt wird.

Matt Barkley dürfte ein reifer Mann sein. Er ist auf alle Fälle gewandt im Umgang mit den Medien, den er an einem der hitzigsten Colleges besser als alle anderen erlernen durfte – da ist USC sicher die beste Schule dafür. Und guter Umgang mit den Medien ist in einem Haifischbecken wie Philadelphia niemals eine zu unterschätzende Voraussetzung.

Dass Matt Barkley als Workaholic gilt, kann ihm im Ansehen des Trainerstabs nicht schaden; Kelly liebt Arbeiter, und er versuchte schon am College, auch für die besten Spieler gute Schüler als Backups zu rekrutieren, um den Konkurrenzkampf immer und immer wieder neu zu beleben. Und Konkurrenzkampf dürfte in Philly mit dieser QB-Situation durchaus massiv sein.

Das heißt nicht, dass Barkley es schaffen wird, oder dass er schon dieses Jahr der Starter sein wird. Es heißt bloß: Die erste Profistation hätte für Barkley eine weitaus schlimmere sein können. Barkley ist kein Wurftalent wie Luck oder RG3, seine besten Eigenschaften sind die, die ich eben beschrieb, und sie sind nicht direkt Football-lastig.

Aber ich würde doch mehr als ein paar Cents drauf wetten, dass Kelly mit Barkleys Football-Voraussetzungen – schneller Release, gute Wurfpräzision auf Mittel- und Langdistanzen, Spielintelligenz – etwas anzufangen weiß, das einem Eagles-Quarterback Barkley zumindest eine gute Chance zum Erfolg gibt.