Einen Superbowl für den Reißverschluss

Heute soll die Entscheidung über den Austragungsort von Super Bowl L (also die Jubiläumsausgabe 50) fallen. Dabei tritt Miami/FL als krasser Außenseiter gegen die Bay Area (San Francisco/Silicon Valley) an, obwohl Miami neben New Orleans vielleicht die klassischste Superbowl-Stadt überhaupt ist und es im Grunde keinen „logischeren“ Ort für die 50te Ausgabe gäbe. Aber Miami hat Probleme, die Finanzierung für dringend notwendige Stadion-Upgrades sicherzustellen. Öffentliche Gelder zur Sanierung des Sun Life Stadiums gibt es längst nicht in dem Ausmaß wie sich die Eigentümerfamilie der Miami Dolphins es wünschen würde, und so ist mehr als ungewiss, ob bis Februar 2016 (dann findet SB 50 statt) alle Verbesserungen am Stadion durchgeführt sein werden.

Die Alternative steht bereits mit ausgestrecktem Arm da und ruft ganz laut „hier!“: Santa Clara, die Heimat der San Francisco 49ers, wo im nächsten Sommer ein hochtechnologisiertes neues Stadion eröffnet wird. Die Stadionbetreibergesellschaft gab vor zehn Tagen den neuen Namen des Stadions bekannt: Levi’s Stadium, benannt nach einem großen Jeans-Hersteller. Einzelheiten des Deals hat die Mercury News abgehandelt; im Kern ist es ein 20-Jahres-Deal über 220 Mio. Dollar.

Die Gesamtkosten vom Levi’s Stadium betragen geschätzte 1,2 Milliarden US-Dollar – eine wahnsinnige Summe für ein Stadion mit 68.500 Sitzplätzen. Die Arena ist als Aushängeschild für die komplette Region (das Silicon Valley) gedacht, inklusive WiFi im gesamten Gebäude, Nutzung von Solarenergie und stark „grün“ angehauchtem Daumen. Der Fan soll ohne Bargeld im Stadion alle Bedürfnisse abgedeckt bekommen und muss nur noch zum Klogang von seinem Sitz aufstehen. Es ist ein offenes Stadion ohne Dach, um die kalifornische Sonne genießen zu können, und um dem Besucher einen möglichst spektakulären Rundblick auf die umgebenden Technologiehochburgen zu bieten.

Diese Arena – bzw. etwas genereller das Thema „neues 49ers-Stadion“ – war viele Jahre lang ein Streitobjekt an der Bucht. Der Name San Francisco 49ers hat aufgrund der sehr erfolgreichen Zeit in den 80er und 90er Jahren mit attraktivem Offensivfootball und vielen charismatischen Charakteren eine Strahlkraft, die weit über die NFL-Welt hinaus geht, und ein solches Team aus der Heimatstadt abziehen zu sehen, fühlt sich ein bissl „falsch“ an. Zumal Santa Clara kein Steinwurf von San Francisco und auch nicht von deren bisherigem Stadion (Candlestick Park) entfernt ist. Die Stadt liegt eine knappe Autostunde (in Stoßzeiten deutlich mehr) südlich, bildet gemeinsam mit dem Nachbarn San José das Epizentrum des Silicon Valley, jener Technologiehochburg, die einer guten halben Million Menschen auf engstem Raum Arbeit verschafft.

Microsoft, Apple, HP, Google, eBay, Nvidia, Intel, Yahoo!, Cisco und wie sie alle heißen – sie alle haben in der Umgebung ihre Firmenhauptsitze. Allein Cisco ist so groß wie eine Kleinstadt. Santa Clara ist zwischen den ganzen gigantischen Firmen noch einer typischen amerikanischen Stadt am ähnlichsten. Auf dem Weg runter von Palo Alto teilt die Autobahn immer wieder die amerikanischen Mittelstandswohnungen von den großen Industriebetrieben und Flughäfen, und erst als man an der Stadt Sunnyvale vorbeigefahren ist und links nur noch Sumpf und Mohr zu sehen ist, nähert man sich dem Stadiongelände, das im Norden von Santa Clara liegt.

Das Stadion wird derzeit in unmittelbarer Nähe der 49ers-Geschäftsstelle (ist schon seit ein paar Jahren in Santa Clara) gebaut. Es ist Teil einer großen Freizeit- und Unterhaltungszone. Vor dem Stadion wird man von Norden kommend erstmal von einer gigantischen Parkplatz-Landschaft begrüßt, und beim Rundgang trifft man auf haufenweise Fußball- und Tennisplätze, einen Golfplatz hinter dem Stadion, und im südlichen Teil einen riesigen Freizeitpark mit Namen „California’s Great America“. Da drinnen stehen u.a. acht Achterbahnen, von denen allerdings keine einer Silver Star das Wasser auch nur annähernd reichen kann (die achte ist derzeit in der Testphase, sieht aber auch nicht furchterregend aus).

Der Stadionbau selbst ist soweit, dass alle Tribünen bereits stehen. Man kann den Baufortschritt im Internet quasi live miterleben, da aus mehreren Perspektiven Webcams zur Verfügung stehen: Levi’s Stadium Baufortschritt live. Im Zeitraffer nachvollziehen, wie so ein Ding hochgezogen wird, geht übrigens auch.

Der Stadionbau dürfte spätestens im Hochsommer 2014 abgeschlossen sein (scheint mir ein realistischer Termin). Etwas unangenehm könnten Montagnacht- oder Donnerstagnachtspiele werden, obwohl die Parkplatzsituation trotz der vielen potenziellen Attraktionen in der unmittelbaren Umgebung gut ist: Vielmehr ist es so, dass der Kickoff bei „Nachtspielen“ an der Westküste in etwa halb sechs Uhr Ortszeit ist, also mitten im Feierabendverkehr. Ich kann mir vorstellen, dass die NFL für die 49ers künftig vorsichtig sein wird, wenn es ums Vergeben von Primetime-Spielen an Werktagen geht. Die Super Bowl selbst ist bekanntlich an einem Sonntag (Ortszeit) und dürfte insofern ein „kleineres Übel“ darstellen.

Das Levi’s Stadium hat zwar grad auch für diese Region einen bizarren Namen, sollte aber auf alle Fälle ein würdiger Rahmen für die Jubiläums-Superbowl sein. Noch ist nicht ganz abzuschreiben, dass Miami nicht doch noch die Sensation schafft, aber es soll unwahrscheinlich sein.

Der Verlierer der Abstimmung für Superbowl 50 tritt dann heute im Anschluss in der Abstimmung über den Austragungsort für Superbowl 51 gegen das wunderschöne Reliant Stadium von Houston (zuletzt Anfang 2004 Superbowl-Austragungsort) an. Auch hier gälte Miami nur als Außenseiter.

12 Kommentare zu “Einen Superbowl für den Reißverschluss

  1. Verstehe auch nicht, was daran „bizarr“ sein soll. Eher der logischste aller möglichen Stadionsponsornen, da Levi’s = San Francisco.

  2. Die Entscheidungen sind gefallen, und sie gehen beide gegen Miami. SB L für Silicon Valley, SB LI für Houston, und beide Entscheidungen waren klar (1. Wahlgang). Das ist mal ein deutliches Zeichen in Richtung Miami.

  3. Mag sein, aber imho ein bedenkliches Zeichen! Eine klare Ansage der Owner an Städte, die sofort Hurra schreieb, der Liga Steuermillionen für die Stadien in den Allerwertesten zu blasen…

  4. Microsoft sitzt in Redmond, Washington (u.a. darum ist Paul Allen ja auch Besitzer der Seahawks).

  5. @Gamecock: Es ist aber nicht nur „ach die reichen NFL Owner nehmen die armen Kommunen aus“. Es wurde gewiss viel Schindluder getrieben mit solchen öffentlichen Finanzierungen, aber weshalb sollte ein Owner alle Kosten allein tragen müssen, wenn eine Region wie Miami & Umgebung an einem einzigen Super Bowl Wochenende 400-500 Millionen Dollars umsetzen kann? Geld, das überwiegend von außen kommt, von zugereisten Fanscharen. 400-500 Mios überwiegend ohne Opportunity Costs für den Austragungsort. Noch dazu Miami, das den Super Bowl mehr als einmal bekommen würde. Dann die Werbung, die bei solchen Events quasi nebenher läuft.

    Worüber man diskutieren kann, ist eher die Frage, ob es immer das luxeriöseste und teuerste an Stadiontechnik auf dem Markt sein muss. Aber da sind die NFL Owner auch nicht allein schuldig, sondern in erster Linie der Fan, der nicht mehr mit 0/8/15 Sitzschalen und langweiligem Stadion Design zufrieden ist, sondern auch noch am liebsten im Stadion auf das iPad schaut statt auf das Spielfeld…

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