NFL-Franchises im Kurzporträt, #18: Arizona Cardinals

Was kaum einer weiß: Die Cardinals sind die älteste Franchise der NFL. Bis sie aber überhaupt in der Wüste gelandet sind, musste sie Ortswechsel, Dürreperioden und viel, viel Spott über sich ergehen lassen.

That’s not maroon!

In einem Viertel von Chicago formierte sich 1898 der Morgan Atletic Club, ein Amateur-Ballsportverein. Seit 1901 heißt man „Cardinals“. Grund: Die Amateure bekamen einen Trikotsatz spendiert. Der war jedoch nicht braun (maroon), sondern kardinalrot. Deswegen „Cardinals.“

Man war bald ein Profiteam, das in den Anfangsjahren arge Probleme hatte, adäquate Gegner zu finden, weswegen die „Profis“, auch aufgrund von Krankheitsserien und Weltkriegen, eigentlich nur Teilzeitprofis waren. Bis in die 20er, als man in die blutjunge NFL eintrat. Profi-Football, zur damaligen Zeit in etwa so bedeutend wie die ostfriesische Frauenboßelmeisterschaft. Immerhin: 1925 gewann man per Liga-Dekret den Titel, den ersten von zweien in der Vereinsgeschichte.

Die Cardinals waren danach ein verspottetes Verliererteam, das nur Ende der 40er Erfolge einheimsen konnte: Je einmal Titelgewinn und Finalniederlage gegen die Eagles, doch in den 50ern war man so schlecht, dass die Zeitungen nicht mal mehr über die Mannschaft berichteten und entsprechend schlechte Zuschauerquoten eingefahren wurden. Die Ownerfamilie Bidwell sah sich genötigt, gen Westen auszuwandern.

Cardiac Cardinals

„Gen Westen“ heißt: Sie blieben am Tor zum Westen hängen. In St Louis. Dort gab es dummerweise bereits eine Baseball-Mannschaft namens St Louis Cardinals (soll es by the way heute noch geben) und trotzdem gab es keine Umbenennung. Verwunderlich, dass es gerade in Amerika keine Klage von Seiten der einen oder anderen Mannschaft gab, die das alleinige Namensrecht für sich beanspruchte.

Anyhow, die Cardinals waren zwar eine bessere Mannschaft und deutlich lieber gesehen als in Chicago, aber viele Playoffs gab es nicht. In den 70ern machte man sich aber einen Namen als Cardiac Cardinals – als Team, das für spektakulär knappe und spannende Spiele stand – mit einem Ausgang mal pro, mal contra. Das Contra kam aber stets vor der Superbowl.

Wenn du nicht gewinnst, schaut dir im Land der Amerikaner über kurz oder lang keiner zu. So auch in St. Louis. 1988 setzte Bidwell nach dem 28jährigen Zwischenstopp in St Louis seine Reise gen Westen fort und zog weiter nach Phoenix, Arizona.

In der Wüste

Ob als Phoenix Cardinals oder ein paar Jahre später als Arizona Cardinals: Man stand für die Niederungen der NFL. Ob der Verbleib in der NFC East und der dadurch hohe Reiseaufwand mitschuldig war? Da waren zwar attraktive Gegner (Dallas, Washington, Philadelphia), aber die Reisekosten, baby. Verheerend auch: Der eigene Markt und der zweite Zielmarkt New Mexico waren als Cowboys-Terrain verschrien. Das eigene Stadion war meistens dreiviertel leer, Folge: Keine Übertragungen im Heimatmarkt Phoenix, was natürlich auch bedeutet: Keine Sau weiß, dass es dich überhaupt gibt.

Keine Zuschauer, keine Erfolge. Man stand für Tristesse. Einzig der Lokalheld QB Jake Plummer sorgte für etwas Erheiterung und führte Arizona 1998/99 mit seinem spektakulären Spielstil mal in die Playoffs, wo – bitte festhalten – die Cowboys (!) auswärts (!!) in Grund und Boden (!!!) gespielt wurden. Man kann sich vorstellen, wie fürchterlich es um eine Franchise steht, wenn man sich an so einem einzigen wunderbaren Tag jahrelang aufrichten muss.

Rising up

Auch die 2000er begannen fad, bis 2004 um WR Larry Fitzgerald ein echter Kern gedraftet wurde, auf dem sich aufbauen ließ. Ein Jahr später kam der schon als verbraucht geltende QB Kurt Warner, der einst sensationell die Rams zum Titel ge-quarterbackt (oder so) hatte und nur noch zwei Gehirnerschütterungen vom Karriereende entfernt war, ein weiteres Jahr später der Heiland: QB Matt Leinart.

2008, und der uralte Warner zeigte dem Jungspund Leinart, wo der Hammer hing, führte die Mannschaft erstmals seit Äonen wieder in die Playoffs. Und dort spielte sich Unglaubliches ab: Arizona siegte (Atlanta) und siegte (Carolina) und siegte (Philadelphia) und stand in der Super Bowl. Arizona! Die Cardinals!

Super Bowl XLIII wird als eines der besten NFL-Spiele aller Zeiten angesehen. Arizona verlor, 23-27. Aber das war nicht der Punkt, denn wenn du so spielst, dann kannst du mit erhobenem Haupte gehen. Irgendjemand, der noch weiß, wer 1982 die Meisterschaft gewann? Nein? Aber jeder weiß, wer sie 2008 verlor. Und niemand wird es je vergessen.

Im Jänner 2010 sorgte man mit einem spektakulären, quasi ohne Verteidigungen gespielten 51-45 gegen Green Bay für einen Playoff-Punkterekord. Eine Woche später trat Warner nach einem Bodycheck, der ihm alle Extremitäten vom Körper riss, zurück. Seither ist Arizona auf der Suche nach einem neuen Quarterback.

Das Stadion

University of Phoenix Stadium

University of Phoenix Stadium – Bild: Wikipedia.

Arizona mag als eher langweilige Franchise daherkommen, aber das Stadion ist großartig – das University of Phoenix Stadium (63.000 Plätze), seit 2006 in Betrieb und eine futuristische Arena mit verschließbarem Dach und ausfahrbarem Rasen. Kurios: Die Uni von Phoenix ist weder Besitzer der Arena, noch hat sie eine Footballmannschaft. Sie ist einzig Namenssponsor. Obwohl noch so jung, dass man immer noch den Lack aufm eigenen Sessel riechen kann, hat das Stadion schon die ganz großen Spiele erlebt, an die man sich noch in 150 Jahren erinnern wird: Super Bowl XLII (Manning to Tyree) und Fiesta Bowl 2007 (das unvergessene Boise-State-vs-Oklahoma-Spiel).

Rivalitäten

So richtige Rivalitäten haben die Cardinals trotz einer extrem langen Historie nicht entwickeln können. Gründe könnten das sportliche Siechtum sein und in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten der hohe Lebensstandard in Phoenix: Den Leuten geht es dort einfach zu gut, um sich mit so unwichtigen Dingen wie Footballrivalitäten auseinanderzusetzen. Am ehesten haben sich die Duelle mit den San Francisco 49ers in den letzten Jahren zu heißen Auseinandersetzungen entwickelt.

Gesichter der Franchise

  • Larry Fitzgerald – WR, und was für einer. Dürfte schon jetzt als bester Spieler der ansonsten wenig ruhmreichen Clubgeschichte gelten.
  • Pat Tillman – patriotischer Safety. Meldete sich, obwohl Pro Bowler und kurz vor einem schweren Millionenvertrag, freiwillig zum Kriegsdienst in Afghanistan, wo er durch friendly fire ums Leben kam.
  • Kurt Warner – QB und Gutmensch. Ich werde Warner so schnell nicht vergessen. Vor allem die Playoffs 2008/09 waren absolut fantastisch. Kein Spieler, der so cool gegen den Pass Rush spielt, obwohl er schon fuffzich Mal mit Brummschädel im Bett liegen musste. Eine ausführlichere Warner-Story habe ich schonmal früher geschrieben.

korsakoffs Highlight

Super Bowl XLIII – Ein Spiel mit fantastischen individuellen Leistungen und einem richtig tollen Schlussviertel. Ich habe es glaube ich schon ein halbes Dutzend Mal gespostet, aber es ist so grandios, dass ich es immer wieder bringen muss: Der Mitschnitt der ORF-Kommentierung von Christopher D. Ryan und Michael Eschlböck beim Touchdown Larry Fitzgeralds zur zwischenzeitlichen Führung von Underdog Arizona im letzten Viertel: Touchdown Arizona.

Eckdaten

Gegründet: 1898 als Morgan Athletic Club
Besitzer: Bill Bidwell (Hauptberuf Erbe)
Division: NFC West
Erfolge: Superbowl-Verlierer 2008, NFL-Champ 1925, 1947, 8x Playoffs (5-6)

2 Kommentare zu “NFL-Franchises im Kurzporträt, #18: Arizona Cardinals

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.