Jamaal Charles und die Weisheit der Vielen

Pro Football Focus‘ Sam Monsen hat in einem Artikel erklärt, warum Chiefs-RB Jamaal Charles trotz 1509yds Laufspiel und 5.3 Yards/Lauf über die Saison nicht in der Liste der Top-101 Spieler von 2012/13 aufscheint.

Jamaal Charles - welchen Anteil hat der Running Back am Erfolg des Laufspiels?

Jamaal Charles – welchen Anteil hat der Running Back am Erfolg des Laufspiels?

Monsen geht detailliert auf diverse Aspekte der Saison des Jamaal Charles ein:

  • Breakaway Percentage – Charles erzielte 42% seiner Yards in ganzen 19 Läufen: Das sind die big play-Läufe. Nur Adrian Peterson hatte noch mehr.
  • Elusive Rating – Charles hatte wenige missed tackles, als wenige Läufe, in denen er Verteidiger aussteigen ließ.
  • Damit zusammen hängt die Offensive Line der Chiefs, deren Lauf-Blocking laut Monsen ein völlig unterschätzter Faktor in der vergangenen Saison war.
  • Charles hatte kein gutes Jahr als Ballfänger und sein Pass-Blocking ist schwach.

Das richtige Lehrstück steckt im Schwall an Kommentaren, den Monsen damit auslöste: Alles gute Punkte und Gegenpunkte, die zum Teil die gleichen Behauptungen beweisen und widerlegen. Einer der Kern-Kritikpunkte, die ich unterschreiben würde: Es ist fast unmöglich, den Erfolgsanteil von Back und Line an einem Laufspielzug gerecht aufzuteilen.

Charles ließ wenige Verteidiger ins Leere greifen? Vielleicht rannte er dafür einfach an ihnen vorbei! Charles als ehemaliges Weltklasse-Sprinttalent von der Leichtathletikschmiede Texas würde man es zutrauen. Charles brach wenige Tackles? Wenn der Verteidiger mit zu viel Schwung ins Backfield rauscht, viel Spaß beim Brechen von Tackles, wenn du selbst noch nicht auf 180 bist.

Charles hatte die allermeisten Yards vor dem ersten Kontakt mit einem Abwehrspieler? Kann an exzellenter Arbeit der Offensive Line liegen, aber auch an exzellenter „Vision“, also dem Screening des Spielfeldes: Wo öffnen sich Lücken? Wo lohnt es sich, hineinzurennen? Das ist eine extrem unterschätzte Fähigkeit bei Running Backs; Chris Johnson bzw. die Titans können ein Lied davon singen. Wenn der Mann wenigstens in der Hälfte der Carries ein bissl nachdenken würde, bräuchten wir uns in der Diskussion „bester Runnning Back der NFL nicht weiter zu unterhalten“. Macht er nicht.

Ich weiß nicht, welche Argumente oder Gegenargumente bei Charles zutreffen oder nicht; der Punkt ist mehr, dass es schwer ist, die beiden Kernkomponenten am Laufspielzug, Offense Line und Running Back, zu isolieren. Und von den beiden Faktoren Play-Call und Defensiv-Aufstellung reden wir noch nicht.

Pro Football Focus macht bewundernswerte Arbeit und viele ihrer eingeführten Statistiken (wie Elusive Rating oder Breakaway Percentage fürs Laufspiel) schärfen gewisse Aspekte von Individualleistungen, aber wir sind meilenweit davon entfernt, den Impact des Individuums zur Gänze zu erfassen – mit hoher Wahrscheinlichkeit wird es in einem hochkomplizierten Spiel wie Football nie gänzlich möglich sein, obwohl ein jedes Down im Vergleich zu anderen Sportarten ein relativ „geschlossener“ Vorgang ist.

Der Play-by-Play Bericht der Gamebooks diverser Anbieter (offizielle NFL-Gamebooks, aber auch PFF oder PFR) lässt statistische Auswertungen zu, die den Erfolg der gesamten Offense als Einheit (inklusive Play-Call des Coaches oder Quarterbacks) messen; diese Messung der Effektivität der Einheit hat richtige Aussagekraft. Jede Individualbewertung oder jeder Schluss aus Individual-Statistiken (mit Ausnahme vielleicht bei Quarterbacks) ist zu einem beträchtlichen Teil mit Vorsicht zu genießen, weil sie stark von anderen Dingen abhängt (natürlich hängt auch unsere Sicht auf die Offense Line von der Leistung des Running Backs ab).

Es ist also wie beim Draft-Scouting: Die Weisheit der Vielen (engl. wisdom of crowds) kann man als guten Maßstab hernehmen – ein Gesamtbild, das sich aus der Summe von Augentest, diversen Statistiken und simplem „Gefühl“ formt.