Gesackt: Deacon Jones

Es gibt Pro Bowler, All-Pros und Hall of Famer, und es gibt Allzeitlegenden. Deacon Jones, Defensive End in den 60er und frühen 70er Jahren, war alles, und vor allem letzteres. Deacon Jones hieß eigentlich „David D. Jones“, aber damit tauchst du in der Masse der siebzigtausend David Jones unter. Also gab sich der gottesfürchtige David den Übernamen „Deacon“ (zu dt. Diakon), unter dem er nicht nur landesweiten Ruhm in den Vereinigten Staaten erlangte, sondern auch als eine der prägenden Gestalten in die NFL-Annalen einging.

Deacon Jones, Tradename „Secretary of Defense“, galt in den 60er Jahren bei den Los Angeles Rams als herausragender Passrusher, als erster Spieler der Neuzeit, der die gegnerischen Offensive Liner gleichermaßen überpowern wie überlaufen konnte. Die 4-3 Defense war erst wenige Jahre zuvor erfunden worden, und Jones gab ihr als erster ein Gesicht als Prototyp für kommende Generationen. Jones galt als fanatischer Passrusher, getrieben davon, Quarterbacks in den Boden zu rammen, zu sacken, und doch gibt es den langen Listen der Ligarekorde keinerlei Hinweis auf Deacon Jones.

Der Grund ist ebenso einfach wie erstaunlich: Zu jener Zeit gab es keine Sacks, oder zumindest wurden sie nicht als solche statistisch erfasst. Deacon Jones gilt heute als der Mann, dem man die Erfindung des Terminus „Sack“ („sacking the quarterbacks“) zuschreibt, eine Statistik, die erst über ein Jahrzehnt nach seinem Karriereende, 1982, offiziell von der NFL eingeführt wurde. Man geht heute davon aus, dass Jones in seiner Karriere inoffiziell zwischen 170 und 190 Sacks einfuhr, was für seine nur 14 Profijahre (bei nur jeweils 14 Saisonspielen) eine alles überstrahlende Zahl ist (der offizielle Rekordler Bruce Smith fuhr in 16 Jahren in einer viel passfreundlicheren Ära exakt 200 ein).

Deacon Jones war Teil, nein‚ Hauptbestandteil, der berühmtesten Defensive Line der NFL: Die „Fearsome Foursome“, die vier Gefürchteten, die in den 60er Jahren bei den Los Angeles Rams die Offensive Lines aufmischten. Titel gewannen sie keine, aber wenn du Charakterköpfe und sportliche Höchstleistung mischst, und einen völlig neuen, markanten Spielstil („head slap“) entwickelst, wirst du trotzdem zur Legende, zumal Jones und Konsorten nicht weit entfernt von Hollywood aufspielten und immer mal wieder einen Abstecher in die Filmstudios wagten.

Jones war aber nicht bloß Footballer, Filmstar und Ikone: Bevor er durch seinen brachialen Stil zum Superstar wurde, hatte er in seiner Jugendzeit als schwarzer Südstaatler mit etlichen Ressentiments zu kämpfen gehabt. Weil er sich als Kämpfer für die Menschenrechte Schwarzer betätigte, flog Jones von der Uni von South Carolina State. Er hatte das Glück, das viele nicht hatten und wurde von einem ebenso geschassten Assistenzcoach mit nach Mississippi genommen, ans Mississippi Vocational College, ein College, das heute Mississippi Valley State heißt und erstaunlicherweise in den 80ern mit Jerry Rice einen weiteren epochalen NFL-Star herausbrachte.

Jones musste mit seinen schwarzen Mannschaftskollegen auf Auswärtsfahrten in extra angemieteten Turnhallen schlafen, da die Motels im Bible-Belt keine Schwarzen akzeptierten. Das prägte Jones. Im NFL-Draft fiel der Schwarze durch in die 14te Runde, aber ein Vorurteil ist kein endgültiges Urteil, und der Rest ist Geschichte.

Am Montag verstarb Deacon Jones 74jährig. Der Tod war ein natürlicher. Sein Geist lebt heute weiter, in unzähligen Defensive Ends, die ihr Leben der Jagd nach Quarterbacks und einer möglichst hohen Anzahl an Sacks verschrieben haben.

2 Kommentare zu “Gesackt: Deacon Jones

  1. Das ist ein sehr schöner Blog zu einem Spieler, den sicherlich niemand von uns jemand live spielen gesehen hat. Deacon Jones war mir durch viele NFL Top 10 Highlights ein Begriff aber die Zusammenhänge und die Sache mit dem College wusste ich noch nicht. Danke dafür.

  2. Pingback: Das beste Team aller Zeiten und seine zwei Sternchen | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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