Big Show 107: Der Fall Aaron Hernandez

Big Show 107 ist raus, und ein Segment befasst sich diesmal mit der NFL (Part 5), besser: Mit dem Fall Aaron Hernandez. Ich war gemeinsam mit Andreas Renner/SKY und Heiko Oldörp/freier Journalist (DPA, ARD) eingeladen, um ein paar Worte über den Fall, die Entlassung und die Auswirkungen auf die Patriots zu diskutieren: NFL-Segment zum Fall Hernandez.


Aufnahmezeitpunkt war Mittwochabend (MESZ); Hernandez war da schon verhaftet und entlassen. Seither ist gegen Hernandez offensichtlich bereits Mordanklage erhoben worden. Laut verlinktem Artikel in der USA Today geht die Staatsanwaltschaft von folgendem aus:

  • Das Opfer Odin Lloyd (Lebensgefährte der Schwester von Hernandez’ Freundin) war mit Hernandez am 14.6. in Boston in einem Nachtclub und sprach dort mit Hernandez nicht genehmen Leuten.
  • Hernandez holte Lloyd gemeinsam mit zwei aus Connecticut geholten Leuten am 17.6. nachts ab und fuhr zum Tatort (wohl eine Industriezone). Dort wurde das Auto von einer Überwachungskamera eingefangen.
  • Lloyd wurde physisch angegangen und anschließend erschossen. Vom wem ließ die Staatsanwaltschaft offen. Die Schüsse sollen zwischen 3h23 und 3h27 morgens gefallen sein. Am Tatort wurden Autospuren gefunden, die mit Hernandez’ geliehenem Wagen zusammenstimmen. Im Auto wurden Patronenhülsen gefunden, die zu den Kugeln passten.
  • Auf Hernandez’ hauseigenem Videoüberwachungssystem spaziert Hernandez kurze Zeit später mit einer Waffe in der Hand durchs Haus. Die Waffe wurde offenbar noch nicht gefunden. Zwei Stunden Videoaufzeichnungen sollen fehlen.

Die Polizei konnte einen beträchtlichen Teil der Autofahrt anhand von Hernandez’ Handysignalen nachvollziehen. Hernandez’ Haus wurde später von der Polizei mehrfach durchsucht. Sein Handy wurde in zerstörtem Zustand übergeben. Das Videoüberwachungssystem soll zerstört worden sein. Angeblich engagierte Hernandez Tage später eine Reinigungsfirma, um seine Villa zu putzen. Die Patriots schmissen Hernandez ohne zu zögern raus, und ohne erstmal auch die Konsequenzen (Vertragsstrafen) zu beachten.

Die Mordanklage ist nur Teil der gesamten Anklage (siehe ganz unten): Die anderen fünf Anklagepunkte zielen auf unerlaubten Waffenbesitz.

Der Fall ist aus Football-Fansicht auch deswegen spektakulär, weil er nicht irgendeinen Spieler betraf, sondern einen Superstar, einen der besten Spieler in der Liga, einer, der für einen gewissen Grad an Philosophiewandel in den Trainerstäben (Tight Ends, vielseitige Spieler) mitverantwortlich war.


Ich gebe zu, das Thema zu diskutieren war für mich kein Zuckerschlecken. Ich bin Footballfan. Für mich war Hernandez stets in erster Linie ein Footballspieler. Man wusste beiläufig, dass er immer mal wieder seinem Umfeld Kopfschmerzen bereitete. Interessant war dies meistens erst dann, wenn er mal wieder kurz vor der Suspendierung stand bzw. wenn man wieder Urban Meyer (Hernandez‘ College-Coach in Florida) für seine Nachsicht verteufelte. Dann wurde diese Komponente als Teil des Spiels diskutiert. Dann war es auch bei uns auf dem Schirm.

Charakterliche Probleme oder gar Kriminalität sind bei US-Sportlern keine Seltenheit. Es ist – wie wir diskutierten – auch auffallend häufiger als z.B. im europäischen Spitzensport.

Ich weiß nicht, ob und inwiefern dies damit zusammenhängt, dass das soziale Gefälle in den Vereinigten Staaten eklatanter ist als selbst im südlichsten Zipfel Italiens. Ich kenne das Land zu wenig. Ich merkte, dass mitten im Herzen der Staaten Zustände wie in einem Entwicklungsland herrschen. Sind Auswüchse wie bei Aaron Hernandez da nur logische Folge?

Oder ist das Problem auch über die sozialen Unterschiede hinaus sport-spezifisch: Kümmern sich Universitäten und Profimannschaften im Sportsystem der Staaten zu wenig um ihre Angestellten? Die NFL ist beispielsweise eine kalte Maschinerie, die das hire and fire-Prinzip widerspiegelt wie keine andere Liga weltweit. Wo selbst der Spitzenfußball wie die wärmste Familienzusammenführung daneben ausschaut. Im Fußball scheint es zumindest ansatzweise personelle Betreuung von Klein-auf zu geben.

Oder ist der Fall Hernandez (wahlweise auch: der Fall Belcher) bloß ein Zufall? 0,005% der Amerikaner greifen zu den ganz drastischen Methoden, und diesmal war – *vielleicht* – halt ein Footballprofi involviert?

Richtige Worte und richtigen Ton dafür zu finden: Schwierig (gelinde gesagt).

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14 Kommentare zu “Big Show 107: Der Fall Aaron Hernandez

  1. einfach nur krass…
    will jetzt nicht missverstanden werden und ähnliche taten relativieren etc…

    aber hernandez hatte alles!
    wie kann man so dumm sein!(vorausgesetzt ihm wird der mord nachgewiesen). aber selbst wenn nicht; wegen kinkerlitzchen seine komplette karriere und leben zu gefährden… unglaublich…

    ähnliches konnte ich bei den vergewaltigungsvorwürfen gegen Big Ben vor paar jahren auch nciht glauben….

    oder ist es diese superstarkultur, die diese leute seit jahren (vorallem auch auf dem college) umgibt, dass sie denken, sie stehen über dem gesetz und kommen mit so schweren straftaten durch….???

  2. Man hat das Gefühl, dass man moralisch nicht die Werte hat, wie zum Beispiel in Deutschland. Man muss ich ja nur mal anschauen, wer so in dieser Offseason alles in den Arrest gekommen ist und wofür. Da ist vom Drogendelikt über häusliche Gewalt oder Kindesmissbrauch bis hin zu Mord alles dabei.

    Das beste Beispiel ist ja Ray Lewis, der unglaublich medial gehuldigt wird trotz seiner Geschichte damals in Atlanta.

    Dann hast du immer diese Geschichten, wo du dir in Deutschland denkst: Okay, seine Karriere ist am Ende.

    Leute wie Donte Stallworth, der unter Alkohol- & Drogeneinfluss jemanden überfährt. Oder Leonard Little.

    Man hat das Gefühl, dass die NFL immer einen Job hat, wenn du Football spielen kannst.

  3. Das ganze wirkt immer…krasser.
    Ein Footballstar…also nicht irgendein NFL-Spieler, der als Zweitjob Gangster ist und eiskalt Leute erschiesst? An dem Vorfall im Juli 2012 ist Hernandez zumindest auch beteiligt, da man ja seinen gemieteten SUV erkannt hat. Das WÜRDE heißen, dass er schon mal 3 Morde begangen hat. Wahnsinn.

    Für mich ist das allerdings schon etwas mehr, als einfach in seiner Freizeit Killer zu sein. Da deutet sich ja schon eher eine Persönlichkeitsspaltung ab.

    Als er im vergangenen Jahr seinen Vertrag verlängert hat, hat er angeblich geheult vor Freude, erzählt, wie die Patriots ihn verändert hätten. Er hat noch während der Vertragsunterschrift 100.000 Dollar in die Kraft-Foundation gesteckt, mit den Worten, er müsse unbedingt etwas zurückgeben. Ein paar Wochen später war er dann auch noch angehender Vater.
    Aber wer weiß…vielleicht hat er sich einfach gefreut, dass er für die Morde den Monat zuvor (natürlich nur Spekulation) auch noch so belohnt wird.

    Das hat nichts mehr mit Doofheit, wie zum Beispiel bei Titus Young zu tun.
    Bin gespannt, was sich da noch alles auftun wird.

  4. Wie schon im Beitrag und von euch in den Kommentaren erwähnt finde ich den Unterschied zwischen der NFL und dem europäischen Spitzenfußball imens.

    In keiner anderen Sportart, gibt es mehr Fälle von Spielern, die wegen Drogen oder anderen Starftaten festgenommen wurden.

    Nur woran kann das liegen ?
    immerhin ist doch ein Footballer genauso unter Druck wie ein Fußballer oder sehe ich das falsch ?

    Klärt mich auf, wenn ihr anderer Meinung seit 🙂 ?

    Grüße 🙂

  5. Ich glaube, die Saison ist einfach viel zu kurz. Die haben zwischen Februar und August schlicht nichts zu tun und begehen aus Langeweile Straftaten. Nein, weiss auch nicht…

  6. Die Pats sind damals beim Draft ein Risiko eingegangen welches nicht belohnt wurde….
    Er ist leider nie von seinen Buddies aus Connecticut los gekommen und hatte ausserhalb des Spielfeldes kaum Kontakt zu anderen Mitspielern…

    Wenn man Aaron etwas genauer verfolgt hat wusste man das er ein wandelndes Pulverfass war, die „Explosion“ war nur eine Frage der Zeit.

  7. war ein klasse Spieler,ich denke die Karriere ist vorbei auch wenn es Spieler gab wie vick die nach Gefängnis strafen erfolgreich zurück kamen,aber vick hat nur Hunde getötet Aaron hat ein menschen kaltblütig erschossen.

  8. Ich denke dass die Mischung aus sozialem Gefälle und Erfolgsdruck viel damit zu tun haben. In keiner anderen Sportart wirst du wegen einzelner Aktionen so hochgelobt/runtergemacht wie in der NFL. Das ist quasi „part of the game“ und so akzeptiert. Genauso das ganze martialische Gehabe, die Feindschaft mit Gegnern zum Beispiel. Das alles ist darauf ausgelegt, dass man Typen, die aus sozial oftmals schlechten Schichten kommen ihr Leben lang extrem unter Druck setzt. Das ist dann wie bei einem Kochtopf, irgendwann muss der Dampf raus. Bei den meisten sind´s zum Glück „nur“ Alkohol, Drogen oder kleinere Delikte – irgendwann zuckt dann halt auch mal einer aus.

    Ich bin definitiv überzeugt, dass das viel mit der NFL selbst und der Kultur die dort herrscht zu tun hat. Man braucht ja nur mal in die NHL oder MLB zu schauen – da gibt´s wesentlich weniger solcher Fälle, obwohl die Anzahl der beteiligten Spieler ähnlich ist.

    Mit Hernandez ist sowieso nix vergleichbar (Ray Lewis vielleicht, nur dass hier jetzt die Beweislage eine ganz andere zu sein scheint).

  9. Amerika ist ein Land der Gegensätze, wie man es aus kaum einer europäischen Großstadt kennt. In Tallahassee zum Beispiel ist mitten im Stadtzentrum die Florida State University und Friede Freude Eierkuchen, und vier Straßen weiter davon schießen sich die Straßengangs die Köpfe ein.

    Einige dieser Jungs auf diesen Straßen sind gesegnet mit Sporttalenten, die sie von der Straße holen können. Manche schaffen es zu den Profis, in die NFL. Das sind oft Jungs, die in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen sind in einem Umfeld, das man sich kaum vorstellen kann.

    Diese Jungs kennen nix anderes als dieses Leben, und sie bleiben oft lange in diesem Umfeld. Für den Erfolg akzeptieren viele Trainer und Direktoren aber die Macken und stellen die Versuche zu einer Sozialisierung hinten an. Am College zum Beispiel müssen die Coaches 100 Spieler überblicken, während sie in der ganzen Off-Season unterwegs sind um neue Spieler zu rekrutieren, die oft wieder aus ähnlichen Problemverhältnissen kommen. Da bleibt keine Zeit sich um jeden zu kümmern. Extreme Problemfälle werden gekickt oder man ist sie eh nach spätestens vier Jahren los. Dass ein Zehntel die Schule schwänzt oder sich die Birne zudröhnt, wird billigend in Kauf genommen, schon aus Gründen der eigenen Job Sicherheit. College-Sports ist eben schon mit 17, 18 Jahren Big Business für viel mehr so junge Sportler als in Europa.

    Man denke mal, was ein Aaron Hernandez sich alles erlauben konnte am College. Ich war damals bei Florida State Studentin, und bei Florida (unseren Rivalen, wo Hernandez spielte) war Urban Meyer der Head Coach (der ist jetzt bei Ohio State). Die Spieler durften sich alles erlauben und acht, neun, zehn Jungs wurden pro Jahr verhaftet, aber Disziplinarmaßnahmen gab es nur in ganz krassen Fällen (Hernandez bsp. nur ein Spiel Sperre in 4 Seasons). Urban Meyer ist heute übrigends einer der größten und meist vereherten Coaches im College Football.
    Sachen wie Diebstähle sind Kavaliersdelikte. Ich lernte einen Backup Spieler von F.S.U. auf einer Abendparty kennen. Drei Jahre später war er wegen Ladendiebstahl im Knast. Passiert in Form von Team Strafen ist ihm nichts.

    Aaron Hernandez hatte Glück, dass er gesegnet war mit einem Sportkörper. Die Birne kann nicht mithalten. Er hatte keine Lust, sein altes Leben zu verlassen auch nicht nach seinem Mega Contract. Viele haben keine Lust drauf, ihr altes Leben zu verlassen, weil sie sich bei den Schönen und Reichen nicht wohlfühlen. Wer hat mal probiert sich in ner völlig fremden Welt zu Recht zu finden. Wo man vielleicht plötzlich Geld hast aber nicht weißt wie man sich mit den Leuten überhaupt unterhalten kann oder worüber, und man sich wie ein Idiot fühlst weil jeder sie trotz der Kohle für nen Idiot hält?
    So geht es vielen Jungs, wenn sie von der Straße in Charlottesville auf einmal in die VIP Zone von Washington wechseln sollen und sie keine Unterstützung von ihrem Umfeld (Familie…) oder Team bekommen.

    Weitere Gedankenanstöße:
    – Erfolgsorientierung. Wer Football spielen kann, kriegt seine Chance, egal was er in der Vergangenheit verbockt hat. Sollte Hernandez aus welchen Gründen auch immer frei gesprochen werden, kriegt er garantiert nochmal eine Chance in der N.F.L., auch wenn jeder gesehen hat dass er sich kein Jota ändern wird.
    – Einstellung zu Gewalt. Das ist pure Spekulation von mir und trifft erstmal nur auf Football oder Hockey zu. Kann es normal werden zu schlagen, wenn man sein Leben nix anderes macht als zu hitten und Hits einzustecken? Oder noch mehr: Wenn man nix anderes KANN als das?
    – Hirnschäden. Bei Titus Young ist es nicht „Dummheit“, sondern wahrscheinlich eine Persönlichkeitsveränderung. Footballerhirne haben eine Menge Schläge eingesteckt, wenn sie es mal in die NFL geschafft haben. CTE ist aber noch ein sehr unerforschtes Gebiet.
    – Ami-Denke und Waffenlobby. Hier zulande denkt man völlig anders über Waffen als in Deutschland. Das muss keinen kausalen Zusammenhang mit Taten wie bei Hernandez haben, aber eine Waffe als Statussymbol + ein reich gewordener Hohlkopf …

    Das sind alles Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Man darf einfach nicht vergessen, dass die U.S.A. ein extremeres Land sind als wir es in Europa gewohnt sind. Der Profisport ist noch mehr Business und mit dem ganzen Unterbausystem und dem verrohten College-Sports gibt es wenig Freizeitbetreuung für die Jungs.
    Und bitte nicht vergessen: Viele Profisportler sind nicht wegen ihrem Intellekt in der N.F.L., sondern weil sie eine Sport-Gabe geschenkt bekommen haben. Da sind viele Leute in den NFL Rosters, die nicht so wahnsinnig hell beleuchtet sind.

    Und noch was: Wir reden hier über ein allgemeines Phänomen, nicht von Mordfällen, denn diese sind so krass, dass man sie einfach nicht vorhersehen kann. Jeder, der den Patriots vorwirft, sie hätten was ahnen oder wissen können, ist Hindsight Bias und Besserwisser in der Rückschau.

  10. Danke @Seminole, grandioser Beitrag mit mehr Insight als wohl die meisten von uns haben. Dazu möchte ich nochmals unterstreichen, dass wir als Europäer gerne dazu tendieren (wie du eh auch schon angedeutet hast) zu vergessen wie kulturell unterschiedlich die USA ist. Ich persönlich nehme immer mehr Abstand davon von „der westlichen Welt“ zu sprechen – die USA ist in meinen Augen in sehr vielen Belangen weiter von (Mittel)Europa weg als z.B. Russland oder diverse andere Länder. Das ist eine völlig eigene Welt und wir sollten tunlichst davon Abstand nehmen unsere Erklärungsversuche auf unseren europäischen Erfahrungen aufzubauen.

  11. Pingback: Audiosport zum Independence Day | Sideline Reporter

  12. Was ich interessant finde: Wie die Patriots damit umgingen und umgehen. Sie haben Hernandez sofort beim ersten Verdacht entlassen und unternehmen seither jeden Versuch, ihn aus den Teamannalen zu streichen. So z.B. kein Kommentar, nicht wörtlich und nirgendwo schriftlich zu dem Selbstmord. Bemerkenswert, in Anbetracht der Tatsache, dass der Mensch Hernandez seine Strafe bekommen hat, ob sie gerecht ist oder nicht, sei mal dahingestellt.

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