GFWTC, Week 1 im Rückspiegel: Die Denke vom „Value“ und warum ich selbst beim Besten mit mir kämpfen musste

Völlig unüberraschend habe ich schnell Gefallen gefunden an der German Football Writers Team Challange (GFWTC), dem von Hard Count iniziierten Draft-Spiel. Die erste Woche ist um, die ersten Picks sind gemacht. Ich werde mein Big Board erst im späteren Verlauf der GFWTC veröffentlichen, aber erstmal so viel: Ich konnte mich nicht 100%ig daran halten, und ich hatte schon einen WTF-Moment.

Das begann mit der Auslosung. Es mag komisch klingen, aber ich hatte schwer gehofft, nicht unter den ersten zwei picken zu müssen. Erklärung gleich. Wie es natürlich kam: Ich wurde an #2 gelost.

Pick #2: QB Aaron Rodgers

Aaron Rodgers ist der attraktivste Spieler im Pool der GFWTC: Quarterback, keine 29 Lenze alt, bester Spieler der Liga. Aaron Rodgers ist der beste Quarterback, den ich in meinem Leben bisher gesehen habe, besser als Peyton Manning, Drew Brees oder Tom Brady in ihrer Blütezeit. Wenn Rodgers noch 2-3 Jahre die Pace der letzten 3-4 Jahre halten kann, ist er eine Allzeitgröße wie Manning, Brady und Brees, mittendrin in der Diskussion um die besten zehn Quarterbacks ever.

Rodgers geht diesen Herbst in sein mittlerweile neuntes (!) NFL-Jahr, was man nicht denken möchte, aber Rodgers hat drei Jahre praktisch einen auf „Redshirt“ hinter Brett Favre gemacht (oder machen müssen). Seit 2008 ist er der Starter in Green Bay, und seit 2009, spätestens seit Mitte Saison 2010 der beste Quarterback in der Liga. Und Rodgers ist trotz der Erfahrung noch ein relativ junger Spieler, mit knapp 29 erst am Tor zur Blütezeit. Er hat noch sechs, sieben Jahre auf höchstem Niveau im Tank, sofern nicht zu viele Bänder reißen sollten oder seine Gehirnerschütterungsprobleme wieder einsetzen. Es gibt keine bessere Kombination aus gegenwärtiger Stärke und Zukunftsfähigkeit.

Rodgers war aus diesen Gründen der #1-Spieler auf meinem Big Board. Insofern hätte ich eigentlich in die Luft springen müssen, als Andy Goldschmidt mit dem Top-Pick Colin Kaepernick zog (mein #5-Quarterback, aber nicht in den Top-20 overall) und ich freie Bahn auf Rodgers hatte.

Es gibt da nur ein kleines Problem, und das hat mit der Anzahl der GFWTC-Teilnehmer zu tun: Es sind „nur“ zehn. Hätten wir, sagen wir 20 oder gar 32, die Diskussion wäre per sofort im Keim erstickt: Ziehe Rodgers, wenn du die Chance bekommst. Aber bei bloß zehn Teilnehmern werden alle Mannschaften saustark, und der Qualitätsunterschied zwischen dem besten und zehntbesten Quarterback ist geringer als die Qualitätsunterschiede auf anderen wichtigen Positionen.

Das entwertet die Quarterback-Position für dieses Spiel. Mein #2-Spieler auf dem Big Board war Andrew Luck, auch ein Quarterback und die zweitbeste Kombination aus Jugend und Talent: Aufgrund seiner Unerfahrenheit noch so etwas wie eine Unbekannte, aber Luck ist für sein junges Alter schon so reif, dass man ihn schlicht ziehen muss, wenn man die Chance bekommt. Ich weiß aber nicht, ob ich Luck gezogen hätte, wäre Rodgers vom Board gewesen, da ich hatte einen Sinneswandel hatte.

Denn mein #3-Spieler war DE J.J. Watt, der eigentlich in einem Zehner-Teilnehmerfeld der attraktivste Spieler hätte sein müssen, und zwar aus einem Grund: Er ist auf der zweitwichtigsten Position im Footballsport der aktuell meilenweit beste Spieler (wie sagen Amerikaner da? Best by a landslide). Und Watt ist mit bloß zwei Jahren Profierfahrung blutjung. Watt war meine heimliche Nummer 1, und daher hatte ich insgeheim darauf gehofft, nicht vor die Wahl „Rodgers oder Watt“ gestellt zu werden.

Ich hatte Watt schon eingetippt, gegen mein Big-Board, aber ich zog dann doch den Quarterback, im Wissen, dass ich mit Rodgers per Autopilot schonmal eine konkurrenzfähige Offense stellen würde. Ich wusste, dass Watt an #19 (meinem Zweitrundenpick) nicht mehr verfügbar sein würde, da ich keine Zweifel hatte: Watt wird nicht an #4 (Herrmann) vorbeirutschen.

Pick #19: DE Jason Pierre-Paul

Ich habe nun erklärt, warum die Quarterback-Position in einem Zehner-Feld an Wert verliert und warum ich trotzdem Rodgers zog, mit einem zwiespältigen Gefühl zwar, aber du weißt, dass das Spiel nicht einfach ist, wenn du den besten Spieler der Liga auf der wertvollsten Position bekommst und du dir trotzdem nicht 100%ig sicher bist, dass es die richtige Entscheidung war.

Mit meinem zweiten Pick wollte ich einen Star-Abwehrspieler holen. Mein Big-Board gab mir vor: #3 Watt, #4 Von Miller, #5 Revis, #6 Geno Atkins. Watt und Miller hatten wie zu erwarten war nie eine Chance, ans Ende der zweiten Runde zu fallen. Revis und Atkins hätte ich fast bekommen, aber Herrmann (erneut!) machte den bestmöglichen Draftpick mit seiner #17 und zog mir meinen letzten no brainer vor der Nase weg.

Was macht man also mit #19?

Ich zog DE Jason Pierre-Paul von den New York Giants. Die Logik hinter diesem Pick war: So früh im Draft kommt nur eine extrem wichtige Position infrage, also Quarterback (erübrigte sich), Pass Rusher oder Cornerback. Pierre-Paul war nicht mein höchster verbliebener Spieler am Big-Board (ich hatte ihn an #9 im Big-Board), aber er war derjenige, der qualitativ weiter über seinen Positionskollegen stand als die anderen verbliebenen Spieler. Und er ist ein extrem junger Spieler (drei Jahre NFL). JPP war ein value pick.

Pierre-Paul ist zweifelsohne ein kompletter Spieler, und dieses Paket aus Supertalent, jungem Alter und trotzdem Erfahrung macht ihn auch mal ungeachtet der GFWTC zu einem „logischen“ Top-20 Draftpick in einem Pool mit allen NFL-Spielern (man könnte auch sagen: sein Trade-Wert gehört zu den 20 höchsten in der Liga).

Insofern bin ich fast glücklicher mit dem JPP-Pick als mit dem Rodgers-Pick. Weil er spannender ist, und einfacher zu erklären.

Pick #21: DT Gerald McCoy

Gerald McCoy war mein #8-Spieler auf dem Big Board. Ich hatte ihn höher eingestuft gehabt als Pierre-Paul, aber die Umstände und die Tatsache, dass ich wusste „ich bin zwei Picks später erneut dran“, ließen mich Pierre-Paul vorziehen. Zumal ich wusste, wer die beiden Picks dazwischen hatte: Andy Goldschmidt, Giants-Fan. Ich war mir 100%ig sicher, Pierre-Paul an #21 nicht mehr zu kriegen.

Man muss ja flexibel sein, aber das war nicht der einzige Grund, warum ich mein Big-Board diesmal missachtete (übrigens war auch meine #7 zu dem Zeitpunkt noch aufm Tableau): Bei McCoy ist der Unterschied zum nächstbesten Spieler auf der Position (in meinem Big-Board: Ndamukong Suh) einfach geringer als bei Pierre-Paul. Hätte ich McCoy nicht mehr bekommen, hätte ich bedenkenlos Suh genommen, mit nur wenig Qualitätsunterschied. Das ist das, was ich bei JPP mit value pick meinte.

Gerald McCoy ist ein fantastischer Spieler: Ich hatte in der Offseason wenig Zeit mich mit Football-Details zu beschäftigen, aber unter den wenigen Studien, die ich machte, war McCoy. Der ist seit drei Jahren in der Liga, und in den ersten beiden war er häufig verletzt. 2012/13 war der erste Herbst, wo der Mann halbwegs heil durchkam. Zusammenfassendes Statement: Gigantisches Talent.

Es gab Spiele (v.a. Week-1 gegen die Panthers), da gab es kein Down, an dem McCoy nicht zum Moment des Snaps schon im Backfield des Gegners wütete. Ein Teil davon war scheme-bedingt (ich werde das im Juli in einem gesonderten Blogeintrag erklären), aber auch im 1-vs-1 musst du deine direkten Gegenspieler erstmal so pulverisieren wie McCoy.

Der Junge ist – yup – „jung“, und er ist ein idealer Nebenmann für DE Pierre-Paul. Wenn du mit deiner Front-Four genügend Druck machen kannst, bist du in der Defense immer flexibel: Du kannst bedenkenlos ein paar Drives die Cover-2 Defense spielen und bist nicht per Design auf reine Manndeckung angewiesen.

Fazit: Der Kampf gegen den inneren Schweinehund wurde schon in den ersten drei Runden beansprucht, aber ich konnte die Kernelemente meiner Philosophie bereits umsetzen:

  • Ein Quarterback in jungem oder bestem Alter, der die Offense auch mit weniger als 100%-Talent zusammenhalten kann und Punkte vorlegt, damit ich in meiner Defense nicht ständig hopp-oder-topp spielen muss.
  • Eine Front-7 mit kompletten Spielern: Die Lauf-Defense ist jetzt schon garantiert keine Gurkentruppe (es sei denn, ich muss Juan Castillo zum DefCoord bestellen), und dank des zu erwartenden Passrushes muss ich in der Deckung nicht in jedem Spielzug Harakiri spielen.
  • Analytisch hast du die beste Siegchance, wenn du mit deiner Pass-Offense Punkte vorlegen kannst, damit du dich in der Defense auf deine Pass-Defense konzentrieren kannst, weil der Gegner versuchen muss, mit ebenso schnellem Passspiel nachzuziehen.

Team korsakoff blickt zuversichtlich in die vierte Runde des Drafts.