Go for the Win

Michael Weinreb schreibt auf Grantland.com über einen der größten Momente in der Geschichte des US-College Sports: Die Orange Bowl von 1984, die zwischen den ungeschlagenen #1 Nebraska Cornhuskers und den #2 Miami Hurricanes (eine Niederlage) in der Miami Orange Bowl ausgetragen wurde. Auf dem Spiel: Der National Title.

Es war eine wilde Zeit im College-Football. Jedes Jahr flogen 1-2 renommierte Programme durch zu üble Bestechungen und Recruiting-Verletzungen auf. Die Conferences waren gerade inmitten eines Vermarkuntgs-Streits mit der NCAA. Korruption in NCAA, Bowl-Veranstaltern und Universitäten war mit der von heute kaum vergleichbar (das heißt was!). Und an der University of Miami („The U“) war gerade ein neureiches Programm drauf und dran, unter dem schrulligen Head Coach Howard Schnellenberger nach oben zu stürmen.

Okay. Orange Bowl 1984, Halbzeit eins: Nebraskas PlayCalling tanzt Rock’n’Roll, und die Huskers scorten mit dem l-e-g-e-n-d-ä-r-e-n Fumblerooski, einem Spielzug, den man bei uns dank The Longest Yard und so als eher kitschig aufnehmen würde – aber, Nope: Das Ding wurde wirklich mal in nem quasi-National Championship Game angesagt! Aber das ist hier nicht mal der Punkt, denn der kommt jetzt.

Das ganze Spiel

Miami/FL – Nebraska 1984

Miami führte vor dem letzten Drive der Huskers 31-24. Nebraska marschierte in den letzten 107 Sekunden downfield, ohne seinen besten Running Back Mike Rozier. Einmal mitten im Drive ließ der beste Wide Receiver der Universitätsgeschichte, Irving Fryar, späterer NFL-Star, einen sicheren Touchdown so absurd beschissen fallen, dass es keine andere rationale logische Erklärung als „Schiebung“ gibt. Die drei Meter hinter Fryar in der EndZone vor Freude über den Drop tanzenden Veranstalter (!) der Orange Bowl geben eines der bizarrsten Bilder, die ich im Sport kenne – und sie sind Symbol für die komplett verschobenen Strukturen jener Zeit.

Tom Osbourne

Tom Osbourne

Nebraska scorte schließlich den Touchdown zum 31-30, und Nebraskas Head Coach Tom Osbourne, ein als langweilig empfundener Traditionalist, machte den geilsten Call, den du als Head Coach in dem Moment machen kannst: Go for two. Man muss wissen, dass es zu jener Zeit keine Verlängerung gab, und das Spiel remis geendet hätte. Ein erfolgreicher P.A.T. hätte die Partie ausgeglichen, und weil Nebraska als #1 ins Spiel gegangen war und von der #2 Miami in deren Stadion nicht bezwungen werden konnte, hätte ein 31-31 den sicheren National Title bedeutet – den ersten für Nebraska seit Äonen, den ersten überhaupt für Osbourne.

Er ging trotzdem auf den Sieg – und scheiterte.

(Man sieht eingangs dieses Videos übrigens auch noch einmal den wahnwitzigen Drop von Fryar und links oben die tanzenden Offiziellen) 

Der Newcomer Miami/FL wurde infolge des Überraschungssiegs erstmals zum National-Champion gewählt, auch dank einer Entscheidung, die die Landschaft im College Football nachhaltig und für immer veränderte. Eine neue Supermacht war geboren, und sie hatte eine alte Supermacht geschlagen.

Obwohl: Osbourne war kein Verlierer. Er bewies Courage. Go for the win. Leider murksen heute viel zu viele Coaches in blanker Angst um ihren Job und drücken sich, und verschieben die Entscheidung auf die Verlängerung. Osbourne wurde erst elf Jahre später belohnt: Ungeschlagen und punktgleich mit Penn State, und die Voter gaben Nebraska die Stimme und den Titel der Saison 1994/95, in erster Linie, weil Osbourne auch dann noch titellos gewesen war.

Die Entscheidung, auf das remis zu verzichten, half auch langfristig, den Meisterfindungsprozess, der im College-Football ja schon immer sagenhaft beknackt gewesen war, war, und ist (und möglicherweise auch sein wird), zu verändern. Wie schreibt Weinreb nochmal?

Osborne’s choice did not alter anything overnight, because college football seems to pride itself on the glacial nature of its decision-making process. But it moved us steadily forward, toward the realization that the current system was inherently flawed and purposefully nebulous — that it almost seemed designed to punish those who pushed for any sort of definitive resolution. It set us on a path toward overtime and toward the BCS and eventually toward a playoff system, and it rewarded Osborne with a lifetime of solid karma from the people of his state.

Für den, der sich für die Football-Folklore aus der guten, alten Zeit interessiert, hier nochmal: Tom Osbourne Goes for Two.

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20 Kommentare zu “Go for the Win

  1. Cooler und interessanter Blog, aber eins versteh ich nicht. Er hätte den sicheren PAT nehmen können um höchstwahrscheinlich zu gewinnen und wird gelobt, weil er bei Nullkommanull Nutzen den riskanteren aber spannenderen Call gemacht hat??

  2. ok. also ist das eher die Meinung eines neutralen fans und nicht eines Experten…

  3. weil ich da wegen den von dir angesprochenen Korruptionsfällen eher an Schiebung durch den Coach gedacht habe.

  4. Dixit und Nalebuff haben Osbornes Entscheidung in ihrer Einführung in die Spieltheorie auseinandergenommen und Osborne dabei der naiven Dämlichkeit geziehen:

    Die Huskers lagen im vierten Viertel 17-31 zurück. Wenn Osborne wirklich der ach so aggressive Typ sein will, warum geht er dann nicht schon nach dem TD zum 23-31 für zwei? Verwandelt Nebraska, können sie später mit TD+extra point gewinnen; verwandeln sie nicht, gehen sie beim zweiten TD wieder für zwei: verwandeln sie, steht es unentschieden und sie sind Meister und niemand kann Osborne vorwerfen, nicht aggressiv genug gewesen zu sein.

    Osborne war sehr sympathisch mit seiner Entscheidung für zwei zu gehen – aber eben auch blöd, weil er es nicht schon früher gemacht hat.

  5. Guter Einwurf. Niemand argumentiert dagegen, dass es grundsätzlich lt. Wahrscheinlichkeitstheorie die bessere Entscheidung ist, bei 14pts-Rückstand gleich beim ersten Mal die 2pts-Conversion zu probieren (es ist mathematisch die richtige Entscheidung). Die Vokabel „dämlich“ ist allerdings deplatziert. Das beginnt schon damit, dass der Anschluss-TD relativ schnell im vierten Viertel passierte und noch etliche Zeit zu spielen war; das ändert die Strategie und schwächt diese konkrete Statistik.

    Zweitens: Noch heute sind viele klare Spieltheorie-Konzepte nicht in der NFL angekommen. Wie soll man von Tom Osborne, der in seinem Leben nix von derlei Dingen gehört haben dürfte, vor 30 Jahren in den Kuhdörfern von Nebraska einen Vorwurf machen? Es dürfte wenig Research zu der Zeit gegeben haben. Dixit/Nalebuff brauchten glaube ich ca. ein Jahrzehnt, um die Entscheidung auseinanderzunehmen.

    Tom Osborne wollte nicht als „aggressiv“ gelten. Er wollte in den letzten Sekunden der Saison das Schicksal über den Titel nicht in die Hände der Medien legen. Und daran gibt es wenig auszusetzen.

  6. Wobei die Hauptaussage von Nalebuff und Dixit eigentlich ist: Nimm das Risiko so früh wie möglich, um danach nicht „Do or die“ spielen zu müssen. Sie sagen, das ist ähnlich wie im Tennis, wo die ersten Aufschläge die mit vollem Risiko sind, und die zweiten mit kalkuliertem Risiko geschlagen werden.

    Natürlich weiß man im Tennis immer: Es wird der zweite Versuch kommen. Im Footballspiel ist das nicht so. Auch wenn der TD nicht „früh im vierten Viertel“ 😉 kam, sondern mit 6:55 Minuten auf der Uhr, aber das ist immerhin noch eine ziemlich lange Zeit. Du weißt aber im Unterschied zum Tennis nicht, ob du nochmal eine Chance kriegen wirst und auch nicht, in welcher Situation. Von daher ist die Analogie nicht 100%ig.

    Für die Dramaturgie ist so ein Wagnis aber natürlich genial.

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  15. http://fivethirtyeight.com/features/the-high-school-football-coach-who-never-punts/

    Ich packe das mal hier hin, weil ich irgendwie denke, dass das der artverwandteste Blogeintrag hier ist, den ich kenne.

    Kennst du diesen Fall? Was hälst du davon?

    Im Grunde genommen ja sehr interessant, wie mutig dieser Coach ist, aber IMO ist er zu dogmatisch. Er hat ja nicht mal einen Punter im Kader, das heißt, er würde nicht mal in der letzten Minute bei 4th & whatever in der eigenen Red Zone bei einem Punkt Führung punten? Das finde ich bemerkenswert ignorant. An sich aber eine sehr interessante Geschichte, oder?

  16. @BlauGelb13: Ich kannte die Geschichte in groben Zügen. Ich finde es natürlich sehr spannend, aber man sollte auch beachten, dass rein statistisch „immer ausspielen“ nicht immer die beste Entscheidung ist.

    Die NFL bewegt sich bloß noch immer recht stark unterhalb des Optimums, was Risk/Reward Verhältnis angeht.

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