The Countdown, T-minus 62: Tennessee Volunteers

Paul Myerberg ist in seinem College Football Countdown bei der #62 angelangt, den Tennessee Volunteers aus Knoxville. Für uns, die den College-Football erst seit wenigen Jahren verfolgen, ist der Dauerhype, der um dieses Team veranstaltet wird, etwas merkwürdig, aber man muss einfach mal in die Geschichte dieses Bundestaates, dieser Region, blicken um zu verstehen, warum die Vols als eines der Teams in diesem Sport gelten. Tennessee liegt in den nördlichen Ausläufern des footballverrückten Bible-Belts und ist ein eher rural geprägter Staat, der bis rein in die 90er Jahre keine Profimannschaft zum Bejubeln hatte (Titans kamen erst Ende der 90er). Die Vols dagegen waren Gesetz. Mit ihrem 102.000er-Riesen, dem Neyland Stadium mit seinem extrem steilen Rängen, verfügt die Universität über eines der größten Stadien der Welt und das charakteristische Tailgating auf den Booten des Tennessee Rivers vor der Arena sowie den Fan-Traditionen („Rocky Top“) hat man Geschichten zu erzählen, die in keinen Dreierband reinpassen.

Diese Tennessee Volunteers stecken gegenwärtig sportlich im Niemandsland fest: Man kriegt keinen Zugriff mehr auf Unis mit ähnlichen Voraussetzungen wie beispielsweise LSU, aber man ist auch nicht so abgestürzt wie zum Beispiel Colorado. Tennessee ist für mich mit meinen sechs, sieben Jahren Erfahrung in dieser Materie in erster Linie ein klassischer underachiever, der seine phänomenalen Ressourcen nur unzureichend nutzt. Der im Winter nach nur drei Jahren geschasste Head Coach „Betonfrisur“ Derek Dooley war der Posterboy für dieses Image: Ein sympathischer Kerl, immer für einen launigen Spielzug gut, aber letzten Endes zu schlampig, zu überfordert mit vielen Verletzungen, und glücklos in haarigen Spielsituationen oder irren letzten Spielsekunden (dieses Video habe ich glaube ich ein Dutzend Mal gepostet).

Dooley ist jetzt weg, der Neue ist Butch Jones, der von Cincinnati kommt und ähnlichem seinem Vorgänger nicht die ganz große Aura und Erfahrung mitbringt. Aber Jones könnte ein guter Griff sein. Er sorgt für Luftveränderung. Über sein bisheriges Auftreten hört man nur Gutes und selbst dass er seine komplette Sippe aus Cincinnati mitschleppt, nimmt ihm keiner übel.

Jones kriegt in Knoxville einen jungen, hungrigen Kader vorgeworfen (sein Recruiting für 2014 verläuft auch besser als erwartet). Er muss aber noch die Puzzleteile nur zusammenstellen. Die Offense Line und das Laufspiel gelten als absolute Stärken, aber im Passspiel müssen viele Jungs ersetzt werden, die im Vorfeld des NFL-Drafts 2013 rauf und runter diskutiert wurden: QB Tyler Bray, WR Cordarrelle Patterson, WR Zac Rogers, WR Justin Hunter. Die Ersatzleute sind durch die Bank unerfahrene Teenies, die teilweise noch kein einziges Down College-Football gespielt haben (z.B. der mögliche Starter-QB Nathan Peterman: 0 Snaps).

Wenn wir mal davon ausgehen, dass Davis die Offense hinbiegen kann, bleibt die Baustelle Defense, die letztes Jahr geschwächt durch zu viele Verletzungen Team und Coach Dooley in die Scheiße ritt. Es gibt in MLB A.J. Johnson eine NFL-reife Präsenz in der Spielfeldmitte, aber rundherum war vogelwildes Treiben zu beobachten. Es liegt am neuen Trainerstab, hier Struktur und klare Aufgabenverteilung hineinzukriegen.

Tennessees Schedule ist Wahnsinn: Auswärtstrips nach Alabama, Florida und Oregon (!) beenden auch gute Teams schon mal mit 0-3, und dazu empfängt man Georgia und South Carolina. Für ein so grünes Team, sei es noch so vollgestopft mit begehrten Highschool-Athleten, sind in diesen fünf Partien ein oder zwei Siege schon ein Erfolgserlebnis. Das Gute für die Vols: Mit Mizzou und Vanderbilt gibt es daneben nur noch zwei mittelprächtige Teams, der Rest im Schedule ist Kanonenfutter. Die Kombination aus brutalen Kalibern „top-end“ und quasi geschenkten Spielen „low-end“ sowie zwei 50/50-Spielen könnte durchaus dafür sorgen, dass Jones gleich im ersten Jahr die Qualifikation für die Bowl-Season schafft und mit Schwung ins nächste Jahr geht.

(BTW lt. Myerberg gibt es im Kader einen Burschen namens Pig Howard? „Pig“? Really?)