GFWTC, #101: DE/OLB Brian Orakpo

Brian Orakpo ist mit dem 101ten Pick in meiner Defense ein bissl ein Freak-Pick, weil er konzeptionell schwierig einzubauen ist… und dann doch wieder bei genauer Betrachtung eine wertvolle Schachfigur sein kann. Ganz kurz zu meiner persönlichen „Beziehung“ zu Orakpo, der einer der ersten College-Spieler war, die ich intensiver verfolgte, weil sie einfach ins Auge stachen, vor fünf Jahren, 2008/09, als er sein Senior-Jahr an der University of Texas spielte. Orakpo war der absolut dominierende Verteidiger in einer Longhorns-Mannschaft, in der jeder unendliches Potenzial sehen konnte (ins BCS-Finale schafften es die Jungs erst ein Jahr später, da war Orakpo schon in der NFL).

Im Vorfeld des NFL-Drafts 2009 erlebte ich bei Orakpo erstmals das Phänomen „one year wonder“ am eigenen Leibe mit, denn „Rak“ war quasi der erste Spieler, bei dem ich die Skepsis von NFL-Scouts gegenüber Spielern erlebte, die zwei, drei durchschnittliche Jahre spielten, und dann im Jahr vor dem Draft massiv aufgeigten. Ich hatte Orakpo nur als Naturgewalt kennengelernt, und insofern wunderte ich mich damals über die ihm gegenüber vorgebrachten Vorbehalte. „Dank“ Orakpo begriff ich erstmals live, dass das Studium von einem Jahr Tape im Draftprozess nicht reicht (bewusst hatte ich praktisch nur die „Senior-Version“ Orakpos erlebt).

Anyhow. Er galt als Erstrundenpick, und ich hoffte, dass er vielleicht bis zu den Detroit Lions durchfallen würde (die hielten Pick #20 oder so). Not gonna happen: Die Washington Redskins griffen ihn an #13 ab. Seither hat Orakpo vieles gesehen.

Als Rookie wurde er vornehmlich mit der Von-Miller-Rolle betraut, spielte häufig 4-3 OLB, aber es zeigte sich, dass Orakpo bei allen Passrush-Fähigkeiten Probleme in der Pass-Deckung hat. Weil er auch als DE in Nickel-Situationen eingesetzt wurde, und dort als reinrassiger Passrusher brillierte, schaffte der Rookie Orakpo 11 Sacks und war schnell eine landesweit große Nummer.

Im Jahr darauf wechselten die Redskins unter dem neuen Head Coach Shanahan das Abwehrschema, spielten ab sofort 3-4 Defense, mit Orakpo in der Rolle als 3-4 OLB, und zwar nicht – wie es traditionell mit solchen Spielertypen gemacht wird, als Weakside-OLB, sondern gnadenlos auf der Strongside, wo du eigentlich meinen würdest, dass dein Star-Passrusher verbrannt wird. Orakpo war’s wurscht. Sacks kamen zwar nicht ganz so häufig wie in der Rookie-Saison, aber man sagt ihm mittlerweile ein viel kompletteres Spiel nach: Elite-Passrusher, der nur ein Jota unter der absoluten Spitzenklasse der Clay Matthews, Watts oder Millers agiert, und ein deutlich verbessertes Spiel gegen den Lauf und in der Passdeckung.

Orakpo ist kein Gesamtpaket wie Von Miller oder auch Matthews, Gott bewahre, aber er ist auf mehreren wichtigen Defensivpositionen keine Unbekannte, exzellent im Passrush und zumindest besser als der durchschnittliche NFL-Spieler in den anderen wichtigen Bereichen, die ein Front-Seven Spieler können muss. (dank meiner Offense werde ich sowieso nicht allzu viel Laufspiel gegen mich sehen)

Was den Wert von Orakpo etwas drückt, dürfte seine schwere Verletzung aus dem letzten September sein: Orakpo fiel zuletzt fast die gesamte Saison aus; was dabei aber gleich wieder den Wert erhöht: Washingtons Defense hatte nach dieser season ending injury am zweiten Spieltag erstmal viele Wochen lang üble Probleme, seine Defense wieder halbwegs auf die Reihe zu bekommen. Für die GFWTC hat die Verletzung wohl geholfen, dass Orakpo aus dem Fokus geriet, und für den relativ spottbilligen Preis an #101 noch zu haben war. Er war mein #6-gerankter OLB (ich hatte ihn nicht in den DE-Rankings), aber ich hatte ihn schon von Beginn an im Auge als möglichen Star-Passrusher in meiner Mannschaft.

Und ganz nebenbei bemerkt: Die GFWTC gibt mir Gelegenheit, über Spieler zu schreiben, über die ich schon immer mal das eine oder andere Wort mehr verlieren wollte. Man lernt im College-Football so viele Jungs kennen, die in der NFL-Masse etwas untergehen, dass man sonst nie dazu käme. Ich versuche zwar nach Kräften, meine Spieler in erster Linie nach sportlichen Kriterien einzuberufen, aber wenn der Unterschied gering genug ist, ziehe ich manchmal – glaube ich wenigstens – auch einen Kopf, über den sich eine Geschichte erzählen lässt, an den ich mich gerne erinnere, mit dem ich versuchen kann, ein Football-Konzept zu schildern. Auch das ist GFWTC.

5 Kommentare zu “GFWTC, #101: DE/OLB Brian Orakpo

  1. Sag mal Thomas, weißt du solche Spielerdetails alle auswendig oder musst du das schon noch mal recherchieren? Ich bin immer wieder überwältigt von deinem Wissen über NFL, College und Football allgemein sowie dein Spielverständnis…

    Kann man bei dir Seminare machen? 😀

  2. Ich glaub, das ist eher das Phänomen der Art „selbst erfüllende Prophezeihung“: Man schreibt schlicht eher über Menschen und Vorgänge, die man irgendwann mal genauer zu verfolgen begonnen hat. Da geht es einfacher und man muss höchstens zwischendurch einen Fakt in der Datenbank überprüfen. Und das mit dem „Spielverständnis“ ist sowieso ohne Gewähr. Gerne auch kritisch hinterfragen und Beanstandungen anbringen, wenn Quark verzapft wird.

  3. Bin ja noch in Ausbildung und lern aus Büchern, von dir und anderen Quellen. Ich hab mich leider in meiner ersten Footballphase von 1995-97 gar nicht für die taktische Seite interessiert und dann bis Ende 2011 wieder komplett das Interesse verloren. 2012 war eigentlich die erste volle NFL Season, die ich verfolgt hab und mit College hab ich bissl begonnen.

    Na egal… Weiter so mit dir und deinen Artikeln… Ich les sie einfach irrsinnig gerne, besonders wenn es um Wisconsin geht, wie im Parallelartikel zu Kevin Zeitler… 🙂

  4. Pingback: GFWTC 2013 Recap: Die Empty Bottles sind komplett | Sideline Reporter

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