GFWTC, #121: RB Jamaal Charles

Wer dieses Blog regelmäßig verfolgt, wird sich vielleicht wundern, wie „früh“ (13te Runde) das Team korsakoff mit einem Running Back beglückt wird, hab ich doch oft genug darüber geschrieben, wie überschätzt die Position doch immer noch ist. So let me explain.

Es war, wie so oft im GFWTC-Draft, eine Frage der Werte: Was will ich für mein Team? Was brauche ich? Auf welchen Positionen sind die Unterschiede am eklatanstesten? Beim Blick über die Positional-Rankings fällt auf, dass auf erstaunlich vielen Positionen noch ausreichend gute Spieler zur Verfügung sind, die man auch in späteren Runden ziehen kann:

  • WR und TE – sämtliche Superstars sind weg, die verbliebenen Optionen sind größtenteils mehr oder weniger solide, und vor allem gibt es noch viele ähnlich gute WR-Typen, mehr als es in der GFWTC brauchen wird. Dank QB Rodgers kann das Talent-Level auch eine Ecke niedriger sein.
  • OT – sind noch etliche überdurchschnittliche Jungs auf dem Tablett.
  • C – die Granaten sind weg; die verbliebenen Jungs sind alle mehr oder minder gleich einzustufen. Late round picks.
  • DL – dito, und vor allem bin ich mit drei Superstars dort bereits recht tief besetzt.
  • LB – Position hat im Moment zu wenig Wert, weil nicht so wichtig und die verbliebenen Spieler alle ähnlich stark sind.
  • CB – ein guter Nickelback wird auch später abzugreifen sein.
  • S – mjam, wäre attraktiv. Aber der Spieler, der mir im Auge ist, könnte später noch zu haben sein.

Bleibt Running Back, wo viele der besten und attraktivsten Spieler bereits vom Tablett waren: C.J. Spiller, mein #1-gerankter Back, Doug Martin (#4), Ray Rice (#5), Adrian Peterson (#7), LeSean McCoy (#8). Peterson hatte ich etwas unfair gerankt, weil ich wusste, ich krieg ihn eh nicht, aber auch, weil ich bei aller Genialität Petersons ursprünglich sowieso einen kompletteren Back haben wollte. Marshawn „beast mode“ Lynch und Matt Forté wären Spieler gewesen, die ich fast in Betracht gezogen hätte, und Chris Johnson aus Tennessee hätte ich genommen, wenn ich früher an meiner Offensive Line gearbeitet hätte, aber da mein Team eben momentan so aussieht wie es aussieht, sah ich nur mehr drei ernsthafte Möglichkeiten bei den Running Backs:

Darron Sproles (Positional-Ranking #6). Der Superzwerg passt konzeptionell wie Arsch auf Eimer in meine Offense, als Allzweckwaffe aus dem Backfield heraus. Aber Sproles ist mir zu wenig Ballträger, bei allen zusätzlichen Dimensionen, die meine Offense durch ihn kriegt, und Sproles ist bereits 30.

Trent Richardson (Positional Ranking #3). Richardsons Rookie-Jahr galt mit 3.6yds/Carry als leichte Enttäuschung, ist aber aus vielen Gründen (Verletzungen, schwächelndes Passspiel, gute Success-Rate) noch kein K.o.-Argument. Richardson galt letztes Jahr als bestes RB-Paket seit vielen Jahren, und in der Tat ist er ein kompletter Back, der laufen, fangen und blocken kann. Vor allem diese Bereitschaft, die Drecksarbeit zu übernehmen und zum Blitz-Blocking beizutragen, hatte es mir angetan. Richardson ist zudem mit 22 noch extrem jung. Dass der Mann bereits dreifacher Vater ist und seine älteste Tochter bereits sechs Lenze gesehen hat (!), ist auch immer nett fürn Kaffeeklatsch.

Long story short, ich überlegte ernsthaft, Richardson einzutippen. Der Value war mir allerdings mit #121 eine Spur zu hoch, und ich war hin- und hergerissen in der Überlegung, ob er mit meinem nächsten Pick Ende der 14ten Runde noch zu haben sein würde. Ich wollte bei Richardson lieber noch eine Runde warten, aber dann wäre ich möglicherweise ohne einen Running Back von Wunsch da gestanden bzw. hätte eine wichtige Dimension im Angriff anders gestalten müssen als ich es am Anfang der GFWTC wollte.

Ich halte Running Back für überschätzt, aber da mein Team dank des Pass-Trios Rodgers-Jones-Cruuuuuuuz Punkte vorlegen wird, und meine Defense sich auf die Pass-Defense konzentrieren kann, werde ich am Spielende häufig gezwungen sein, Führungen nach Hause zu bringen. Und da ist exzellentes Laufspiel gefragt. Ich werde wahrscheinlich durch das viele Passspiel einige Incompletions erleben und deshalb auch viele 3rd downs ausspielen müssen. Für dritte Downs ist Laufspiel oft nützlich.

Warum ich schließlich zu Jamaal Charles von den Kansas City Chiefs griff, auf das Pass-Blocking scheißend, ist Charles‘ gigantische Big-Play Fähigkeit: Wenn meine Pass-Offense variabel genug ist und gleichzeitig mein Laufspiel eine ständige Bedrohung für einen 80yds-TD ist, kann sich durchaus ein explosiver Mix ergeben, der den gegnerischen Passrush schon allein deswegen eindämmt, weil der Gegner gezwungen ist, zu vorsichtig zu werden.

Jamaal Charles ist in vielerlei Hinsicht ein gigantischer Running Back: Seine 2010/11er-Saison gilt bei Pro Football Focus immer noch als episch, und als ich Charles zum ersten Mal bewusst als Allstar-Kaliber wahrnahm, im Wildcard-Playoffspiel gegen Baltimore, fackelte er einen der atemberaubendsten Touchdowns ab, die ich bisher gesehen habe:

 

Dieser Antritt. Dieses Schweben über dem Spielfeld. Charles ist ein Weltklassesprinter, dem die kleinste Lücke reicht, um durchzustarten, und ist er erstmal in voller Fahrt, ist jeder Linebacker in Gefahr, überlaufen zu werden. Charles ist kein extremer Back für Broken-Tackles. Er lässt auch nicht allzu viele Tackler aussteigen, aber er muss auch nicht: Gibt es erstmal Anflüge von Raum, schrillt die Alarmglocke, weil Charles an allen vorbeidüst.

In dieser Hinsicht ist Charles eine ähnliche Waffe wie Chris Johnson, mit dem Unterschied, dass Johnson eine sehr viel bessere Offense Line braucht. Charles geht eine in Kansas City ab – seit Jahren. Charles geht übrigens auch nur mittelmäßige Unterstützung durch ein Passspiel ab – seit Jahren. Und trotzdem ist er der Running Back mit der besten Yards/Carry-Statistik in der NFL-Geschichte: 5.8yds/Carry über die Karriere, Baby. Der NFL-Schnitt ist dieser Tage 4.1yds/Carry. Nuff said.

Ein relativ guter Fänger ist er auch – wichtig. Pass-Blocking: Da reden wir mal nicht drüber. Aber ich hab eh schon geschrieben, dass ich qua Offense-Design hoffe, den Passrush einzudämmen. Fumbles sind mit 1.9% im Auge zu halten, aber kein übergroßes Problem. Man mag sich nicht ausmalen, was mit einem Offensive-Backfield mit Rodgers und Jamaal Charles alles drin ist.

Ich kriege da einen Back, der mit 26 Jahren noch 3-4 Saisonen im Tank hat. Charles‘ Workload mit bisher 784 Carrys in der Regular Season ist auch überschaubar – das sind nur zweieinhalb „Arbeitstiere“-Saisons. Und ich werde ihn nicht öfters als 12-18x/Spiel brauchen. Eine schwere Verletzung hatte er – Kreuzbandriss – okay, aber die hatte Peterson auch. Und beide sind davon relativ flott zurückgekommen.

Charles ist auch nicht bloß „Boom-or-Bust“, wie man annehmen würde; seine Success-Rate war 2010 die viertbeste der Liga, und war auch ansonsten meistens über 40% (durchschnittlicher Wert ist 42%). Das ist ein Zeichen dafür, dass er im Notfall schlau genug ist, sich auch nur bloß die Lücke auszugucken, die reicht, das 3rd-und-3 zu verwerten um den Drive am Leben zu erhalten.

Ich fürchte, ich musste mit Pick #121 ein bissl überbezahlen, aber angesichts geschilderter Umstände ist es mir das wert. Charles ist vielleicht einen Zapfen unter Peterson anzusiedeln, was das reine Laufen angeht. Er ist ein etwas besserer Fänger, und im Pass-Blocking sind beide keine großen Helden. Ich kriege 98% von Peterson plus eine noch gewaltigere Big-Play Fähigkeit im offenen Raum, und ich kriege das alles 118 Picks nach Peterson. Damit bin ich zufrieden.