Notre Dame University und ihr Fußvolk

Im letzten Beitrag zu den „Jahrhundertspielen“ im College-Football fragte Kommentator habesha4live, was an Tom Osbornes Entscheidung, aufs Ganze zu gehen, so großartig gewesen sein soll, kostete es doch letztlich den quasi sicheren National Title.

Nun, es hatte 17 Jahre zuvor eine vergleichbare Situation gegeben, im November 1966 zwischen den #1 Notre Dame Fighting Irish und den #2 Michigan State Spartans, und Michael Weinreb – oh Wunder – schrieb auch da schon drüber. Es ist ein politisches Stück, eine Abhandlung über Rassentrennung, den Süden, mediale Rezeption, und den Anti-Osborne.

Die 60er Jahre waren die Zeit, in der die Menschenrechtsbewegungen in den Vereinigten Staaten mächtig Aufwind bekamen. Es war die Zeit des Malcolm X, Martin Luther King und Mississippi Burning. Der zutiefst rassistische Süden gegen den sich öffnenden Norden. Radikale gegen Gemäßigte. Und der College-Football als Spiegelbild der Zeit.

#3 Alabama Crimson Tide

Die #3 Alabama Crimson Tide stellten die dominante Mannschaft des Landes, aber da enden die Ähnlichkeiten mit der heutigen Bama-Truppe: Der Head Coach war Bear Bryant, ein hoffnungsloser Alkoholiker und eine der berühmtesten Gestalten der amerikanischen Football-Mythologie, sowas wie der Sepp Herberger des US-Football. Die Videoaufnahmen von Bryants Mannschaften wirken heute so bizarr, dass man im ersten Moment gar nicht glauben möchte, was man da sieht: Kleine, schmale weiße Jungs, selbst die Offense Liner brachten kaum 100kg auf die Waage, und schwarze Spieler suchte man mitten im Herzen des Bible-Belt vergeblich.

George Wallace war der Gouvernor (bzw. späterer Gatte der Gouverneurin) des Bundesstaates Alabama, und Wallace war bis in die letzte Vene Rassist und einer der letzten Hardcore-Verfechter der Rassentrennung. Wallace galt als einziger Mann im Bundesstaat, dem sich Bear Bryant beugen musste. Bryant durfte keine Schwarzen in sein Team aufnehmen. Er wusste 1966, dass dies wohl seine letzte rein weiße Mannschaft war, mit der er um die Meisterschaft spielen konnte. Er wusste, dass sich die Zeit auch im rückständigen Alabama nicht aufhalten lassen würde. Er wusste, dass die dominierenden nationalen Medien „da droben“ (New York und Umgebung) seine Crimson Tide verachteten und dass das National Title Race auch von der Politik mitentschieden werden würde.

#2 Michigan State Spartans

Aber noch durfte er seine Truppe unter Druck der Politik nicht färben. Die besten Schwarzen aus seinem Staat empfahl Bryant an seinen Kollegen Duffy Daugherty weiter. Der war Head Coach an der Michigan State University, die landesweite #2 in diesem November 1966. Daugherty hatte im demokratisch dominierten Michigan keine Scheu, eine überwiegend schwarze Mannschaft auf das Spielfeld zu schicken, mit Athleten aus dem tiefen Süden, aus dem fernen Kalifornien oder Hawaii. Die Spartans von 1966 waren der erste mehrheitlich schwarze Titel-Anwärter ever. Und viele spotteten, Michigan State sei der „wahre Vertreter des Südens“, im Gegensatz zu den knäbischen Milchbubis von Bryants University of Alabama.

Michigan State spielte die vielleicht beste Saison seiner Geschichte, man war drauf und dran, die perfect season zu komplettieren (man war 9-0-0), aber das war auch noch eine andere Mannschaft. Nicht irgendeine, sondern die #1 Notre Dame Fighting Irish, denen ein Ruf wie ein Donnerhall vorauseilte, und die als das Footballprogramm schlechthin galten: Geliebt von den katholisch dominierten großen New Yorker Medien, und mit ihrer taktischen Lage unweit von Chicago (Notre Dame hat seinen Campus in South Bend in Indiana) auch mit der Nähe zu einem zweiten großen Markt gesegnet.

#1 Notre Dame Fighting Irish

#1 Notre Dame ging wie #2 Michigan State und #3 Alabama ungeschlagen (8-0-0) in dieses sein vorletztes Spiel der Regular Season, um das es in diesem Beitrag eigentlich geht: Das Rivalry-Game gegen Michigan State. Jeder wusste, dass Michigan State gewinnen musste, um an den Fighting Irish vorbeizuziehen, denn jeder wusste, dass die meisten Stimmberechtigten in der Entscheidung um den Titel katholisch waren. Während Alabama sich beklagte, aufgrund seiner Weißheit (nicht „Weisheit“) benachteiligt zu werden, witterte man bei Michigan State eine Verschwörung, weil man zu schwarz sei.

Notre Dame war das Mittelding. Man hatte einen schwarzen Starter, aber im Herzen war man weiß. Die Konfession der Uni war die richtige. Jeder wusste: Notre Dame musste geschlagen werden, wollte man den National-Title gewinnen. Das war schon immer das Problem im College-Football: Die Meisterschaft ist abhängig von einer Abstimmung. Und es ist nicht wie im Turmspringen, wo die Jury vom Beckenrand aus zuglotzt. Nein, es ist College-Football in den Sechzigern, wo du 95% des Geschehens nur über ein Zeitungspapier mitkriegst, und du dir dein Bild nicht von dem machst was war, sondern was du liest was war, denn nur ein einziges Spiel einer jeden Mannschaft durfte landesweit übertragen werden.

Das ist dann auch der Witz an dieser Sache: #1 Notre Dame – #2 Michigan State durfte nicht landesweit gezeigt werden, weil beide ihr Kontingent schon erschöpft hatten. Eine 50.000 Unterschriften starke Fan-Petition erwirkte zumindest eine zeitversetzte Ausstrahlung im ABC-Network, aber live sahen nur wenige Hunderttausend in der Region um die Großen Seen das Treiben in South Bend.

An jenem verdammten Samstag

Nochmal: Alabama würde mit 11-0 durch die Saison gehen, war zweifacher Titelverteidiger, aber die politische Stimmung drückte die Crimson Tide auf #3. #2 Michigan State war 9-0-0 und ging in sein letztes Regular Season Spiel. #1 Notre Dame war 8-0-0 und erwartete nach dem Lokalderby noch den Rivalen USC.

Die Ausgangslage durch die Polls ist also geklärt. Zumindest zwischen Irish und Spartans konnte man eine sportliche Meisterschaftsentscheidung erwarten… dachte man.

Viertes Viertel.

Längst schwer angeknockte Irish mit einem zuckerkranken Ergänzungsspieler als notgedrungenem Starting-QB wurstelten sich durch die letzten Minuten. Spielstand 10-10. Michigan State hatte gerade innerhalb der letzten 120 Sekunden bei 4th-und-4 gepuntet, und Notre Dame hatte die Chance, den Sack zuzumachen.

Aber Head Coach Ara Parseghian, ein ehrenwerter Mann nach allem, was man über ihn liest, ließ die Uhr runtertickern und sagte Run-Plays an im Wissen, dass er mit einem Sieg über USC in einer Woche den National Title wohl sichern würde. Parseghian spielte auf unentschieden. Das Spiel endete 10-10. Ara Parseghian nahm das Schicksal über den Titel nicht wie 17 Jahre später Tom Osborne selbst in die Hand, sondern er legte es in die Hände der Voter.

Eine Woche später bügelte Notre Dame die USC Trojans mit 51-0 nieder. Tage später wurde Notre Dame zum National-Champion der Saison 1966 erklärt.

Das Wesen des Sports

Sieht so eine ehrliche Meisterschaftsfindung aus? Stellt uns das wirklich zufrieden? Ara Parseghian machte den richtigen Call, weil er den Titel holte. Aber ist der Titel wirklich alles? Können wir es einfach so hinnehmen, dass die politische Lage die Meisterschaft entscheidet? Weiße beschuldigen Schwarze beschuldigen Katholiken, dass der Titel über die Menschenrechtskämpfe entschieden wurde. Und das alles, weil der Head Coach der Notre Dame „Tying Irish“ das Schicksal über den Titel in die Hände von Journalisten und Trainern legte, anstelle es wenigstens zu versuchen.

Parseghian nutzte die komplett rückständigen Strukturen im College Football aus, und man möchte fast nichtmal ihm die Schuld dafür geben. Und doch ist es auch fast fünf Jahrzehnte später schade, dass es Ara Parseghian zuließ, den Titel vom Zeitgeist vergeben zu lassen. Die Hauptschuld trug indes freilich das Wesen des College-Footballs, dem Parseghian direkt in die Karten spielte:

Of course, what Ara did was not driven by antiestablishment thought; it was driven by just the opposite. What he did appealed directly to the establishment, which at that point happened to consist of that rarefied group of people who voted in college football polls. Notre Dame finished first in every poll that mattered in 1966. By playing to his base, Ara won the election.

Ausgerechnet der größte Traditionalist, der Option-Freak Tom Osborne aus dem ländlichen Nebraska, spielte 17 Jahre später genau gegen dieses Establishment. Alle Achtung.

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6 Kommentare zu “Notre Dame University und ihr Fußvolk

  1. Nun ja. Dieser Artikel ist prinzipiell nicht viel mehr als eine zusammenfassende, kommentierte Übersetzung des Weinreb-Artikels mit der Zusatz-Info, dass Bryant ein Säufer war. Und über diese Info stößt man über die Jahre nicht nur einmal.

  2. Pingback: Gegen den Strom | Sideline Reporter - Eier, wir brauchen Eier!

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