GFWTC goes Nickel: Stephon Gilmore, verkanntes Genie?

Talking Points

  • Denkprozess
  • Gilmores Tape
  • Scheming-Möglichkeiten im DB
  • GFWTC und Youngsters

Moderne NFL-Defenses spielen überwiegend nicht mehr reine 4-3 oder 3-4 Defenses, sondern zumindest zu einem Drittel eine Form der „Nickel“-Defense, eine Art 4-2-5 Defense mit auf alle Fälle fünf Defensive Backs im Line-Up. Freilich braucht auch meine Defense, die vermutlich viel Passspiel gegen sich ausgespielt sehen wird, dringend einen fünften Defensive Back nach den CBs Peterson/McCourty sowie dem Safety-Duo Thomas/Chancellor.

Bevor ich meine Wahl erkläre, kurz zu den Spielern, die ich mit meinem 16t-Rundenpick (#159) überging.

  • CB Chris Harris, Denver Broncos. Pro Football Focus sieht im eher unbekannten Nickelback Harris einen “blue-chip”, also einen der zwei, drei ligaweit besten Spieler auf seiner Position. Ein Nickelback muss ja nicht unbedingt das gleiche Kaliber sein wie ein Outside-CB, da er häufig schnelle, wendige Jungs verfolgen muss anstelle der 1,96m-Bolzen auf Wideout. Harris soll dabei ein gigantisches Talent sein und zu den meistunterschätzten Spielern der Liga gehören.
  • CB Cortland Finnegan, St Louis Rams. Einer der fiesesten Spieler, ein dreckiger Bursche, der gerne die versteckten Fouls begeht und seine Gegner 60 Minuten plus Overtime verbal attackiert. Finnegan gilt mit seiner unangenehmen Spielweise als einer der Stars, auch im Slot.
  • CB Jonathan Joseph, Houston Texans. Fraglos einer der allerbesten Outside-CBs im Footballsport.

Übrigens: Wäre mir nicht drei Picks vorher DT Michael Brockers vor der Nase weg geschnappt worden, ich hätte ihn ohne mit der Wimper zu zucken gezogen. Weil Brockers aber weg war, fiel mir die Entscheidung letztlich relativ einfach.

Stephon Gilmore: Das Tape

Stephon Gilmore ist kein klassischer Slot-Cornerback. Mehr oder weniger zufällig schaute ich mir am Montagabend beim Durchspulen des All-22 Tapes der Buffalo Bills auf deren Defense. Normalerweise ist das so eine Beschäftigung kurz vorm Einschlafen, aber richtig gepennt hab ich nicht, denn Gilmore fiel einfach zu sehr auf: Was für ein Kämpfer! Was für eine physische Wucht! Es ist nicht so, dass der Trainerstab der Bills den Rookie Gilmore versteckt hätte, nein, DefCoord Dave Wannstett und seine Kollegen ließen Gilmore überwiegend auf den gegnerischen #1-Wideout los.

Das Tape gegen Arizonas WR Larry Fitzgerald im Bills-Spiel gegen die Cards (Week 13) ist unglaublich: Gilmore dominierte in Fitzgerald einen der absolut besten Receiver überhaupt! Fitzgerald ist kein Spielertyp, dem du häufig im Slot begegnen wirst, weswegen ich mir mittlerweile überlege, meine Defense konzeptionell leicht umzustellen, und eventuell Gilmore/Peterson auf außen zu stellen, und McCourty in den Slot.

Ich konnte nach dem Fitzgerald-Spiel noch nicht ganz glauben, und zog mir am späten Mittwochabend noch das Tape vom Rams-Spiel rein. Nicht das ganze Spiel, aber einen Teil. Gilmore war quasi das komplette Spiel über der direkte Gegenspieler von Rams-WR Chris Givens, ebenso ein Rookie und einer, dem man ein recht gutes Jahr nachsagte. Gegen Gilmore machte er keinen Stich. Givens ist mit seiner Anlage als Sprinter mit schnellem Antritt für das vertikale Spiel ein so dermaßen anderer Spielertyp als Fitzgerald, dass der Schluss nahe liegt: Gilmore könnte vielseitig sein.

Cards wie Rams ist gemeinsam, dass sie jeweils unterdurchschnittliche Quarterbacks besitzen. Ich konzentrierte mich in meinem „Scouting“ aber jeweils in erster Linie isoliert auf das direkte Duell WR-vs-CB, also (hoffentlich) so QB-unabhängig wie möglich. Und da sah Gilmore wie ein verkanntes Genie aus gegen zwei komplett unterschiedliche Spielertypen.

Ich war begeistert, warf meine Pläne, zwei „1er-Cornerbacks“ und einem klassischen Slot-Cornerback zu holen, über Bord, und ging mit Gilmore. In Gilmore und Peterson habe ich zwei sehr junge Defensive Backs, die jeweils bereits lernen mussten, sich auf einer Insel ohne Tagesmutti und Frischmilch vom Ziegenbock zurechtzufinden. Ich kann die beiden gegen die beiden Top-Receiver beim Gegner matchen, und McCourty in den Slot stellen. Ob Gilmore auch auf einen Tight End abstellbar ist, konnte ich nicht überprüfen – aber bei der bulligen Statur halte ich nix für ausgeschlossen.

Ohne die Zone-Coverage genau studiert zu haben, ist festzustellen, dass Gilmore in der Zonendeckung nicht annähernd so brilliert. Gegen die Rams machte er in klarer Zonendeckung zwar eine Interception, aber in beiden angeschauten Spielen, gegen Rams und Cardinals, sieht die Zonendeckung nicht gut aus. Zugegeben, die Bills-Defense spielte auch nicht annähernd aggressiv – da haste ohne echten Passrush schnell mal Probleme in einer Cover-2. Wenn ich dran denke, dass Gilmore nächstes Jahr DefCoord Mike Pettine kriegt… das wird der neue Revis für Mittelständler. Oder, vom Spielstil her noch näher dran, der neue Sherman. Und eines ist eh klar: Meine Defense wird aggressiv spielen. Zu viele Zonen wird es nicht geben.

Möglichkeiten im „Scheming“

Eine Idee, die mir den Gilmore-Pick noch schmackhafter machte: Blitzing. Patrick Peterson dürfte mit seinem sensationellen Antritt und seinem Speed wie gemacht sein für Cornerback-Blitzes aus dem Backfield heraus. Eine Möglichkeit im „Scheming“ ist es, Gilmore auf die Insel zum gegnerischen #1-WR zu stellen, um Peterson als ernst zu nehmende Blitz-Waffe auf den Quarterback loszulassen.

Gilmore gibt mir auch die Möglichkeit, große, physische Receiver wie Calvin Johnson besser zu decken. Ein Peterson ist mir dafür zu wenig aggressiv, zu wenig hauteng am Mann. Ich hätte Bedenken, dass Peterson einen Calvin im Alleingang halbwegs unter Kontrolle bekommt. Hin und wieder ein Big Play, eine INT, okay: Das kriegt ein Peterson immer hin. Aber Gilmore würde ich eher zutrauen – schon jetzt! – ein Monster wie Calvin über weite Strecken der Partie in Schach zu halten.

Und weiter: Peterson ist auch ein relativ okayer Spieler im Slot, und mit einem potenziellen „Shutdown-Cornerback“ wie Gilmore auf außen kann ich Peterson in meiner Defense besser umher schieben. Meine einzige Angst mit einer Einberufung von Gilmore über einen erfahreneren CB im Slot: Peterson hat häufig Probleme mit extrem wendigen, wuseligen kleinen Receivern á la Welker oder Amendola. Recap:

  • Gilmore (Profi seit 2012, Pick #10): Möglicherweise mein neuer #1-Corner, den ich 1-vs-1 gegen physische Freaks wie Calvin Johnson stellen kann, der auch ganz gut gegen Intelligenzbestien wie Reggie Wayne kann und von der Statur her auch einen Gonzalez oder Gronkowski in Schach halten können müsste.
  • Peterson (Profi seit 2011, Pick #5): Mein athletischer Wunderknabe gegen die meisten prototypisch gebauten WRs, ein potenziell großartiger Blitzer, recht okayer Mann für die Zonendeckung, aber bloß nicht zu oft gegen die Harvins dieser Welt!
  • McCourty (Profi seit 2010, Pick #27): Vielseitiger, wendiger Mann, der häufig auf Big Plays geht, und athletisch auch in den Slot passt.

Plus ein Safety-Duo Thomas/Chancellor: In drei Jahren ist dies das beste Defensive Backfield, das es im American Football gibt. Es wäre heute schon eines der besten.

Vom Rohdiamantentum

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, Spieler, nur Spieler mit mindestens zwei Jahren Profi-Erfahrung in mein GFWTC-Team zu draften (einzige Ausnahme wäre QB Andrew Luck gewesen): Zu oft lässt man sich in der NFL von einem sehr guten oder besonders schlechten Rookiejahr verarschen. Das ist ähnlich wie ein Breakout oder eine schwere Enttäuschung eines Draft-Prospects im letzten Jahr am College: Das sind dann häufig Spieler, die in der NFL wegen zu hoher/zu tiefer die Erwartungen nicht erfüllen können bzw. sich die Fans und Trainer wundern, was für einen sensationellen Rohdiamanten sie da plötzlich im Kader haben.

Ich mache für Gilmore eine Ausnahme (eine zweite folgt sogleich mit Dont’a Hightower, aus anderen Gründen). Gilmore hatte bei South Carolina nur drei Jahre Erfahrung im Defensive Backfield sammeln können, und entsprechend ungeschliffen war er letztes Jahr in die NFL gekommen. Aber der Lernprozess muss gewaltig gewesen sein, wenn ein Spieler wie er zu einem so frühen Zeitpunkt in der Karriere einen Mann wie Fitzgerald so dermaßen pulverisieren kann.

Gilmore war vor GFWTC-Start mein an #10 gerankter Cornerback, vornehmlich wegen seines Potenzials und seines jungen Alters. Würde ich mein Board nach dieser unfreiwilligen Scouting-Session umstellen, ich würde ihn an #4 hinter Revis, Sherman und Haden stellen, vor Peterson, den ich vor weit über 100 Picks geholt habe. Just my opinion.

8 Kommentare zu “GFWTC goes Nickel: Stephon Gilmore, verkanntes Genie?

  1. Genial, muss mir dann gleich mal bei Gelegenheit diese beiden 22-Tapes ansehen und auf #24 Gilmore achten! 🙂 Ich steh auf solche Artikel… 😀

  2. Hey korsa, ich kann zu diesem Pick nur gratulieren, was ich, als Bills Fan, in der bisherigen Offseason über ihn gelesen hab, muss er ja heuer nochmals einen gewaltigen Schritt machen und ich hoffe er wird es.
    Dazu kommt noch, dass er und die Bills heuer endlich mal einen ordentlichen Coaching Staff haben (was ich bisher üb die gelesen und verfolgt hab wären/hoffe die Bills sind heuer ein Sleeperteam)

    Also ich kann nur gratulieren für mich ist er viel zu spät weg gegangen.

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