The Countdown, T-minus 47: Ole Miss Rebels

The Countdown

#47 Ole Miss Rebels.

In den letzten Jahren hielt ich es stets so, dass die Ole Miss Rebels von der University of Mississippi aus den Sümpfen von Oxford den Abschluss der großen Preview-Serie im College-Football machten. Diesmal ist das anders, denn der Countdown tickt diesmal nach sportlichen Kriterien. Dort ist Ole Miss noch etliches vom Spitzenfeld entfernt, obwohl der vergangene Herbst unter dem neuen Head Coach Hugh Freeze als großartiger Erfolg gewertet wurde: Die Endbilanz war „nur“ 7-6, aber die Advanced-Metrics lassen ein viel besseres Team vermuten (u.a. eine 1-3 Bilanz in engen spielen).

Das ist auch einer der Gründe, wieso Ole Miss – obwohl kein BCS-Contender – vor dem anstehenden Herbst brutal viel Buzz als möglicher Sleeper kriegt. Der andere Grund ist die Recruiting-Klasse (u.a. die landesweite Nummer 1, DE Robert Nkemdiche) von 2013, die der Trainerstab um Freeze einfuhr: Diese ist so sensationell gut für eine kleine Uni wie Mississippi, dass sämtlichen Experten erstmal die Spucke im Hals stecken blieb, ehe die unvermeidlichen Rufe von wegen Beschiss aufkamen.

Was dran ist oder nicht, lässt sich aus den Südtiroler Alpen nicht beurteilen, aber dafür hat ja Andy Staples von Sports Illustrated einen prächtigen Beitrag geschrieben, der die Vorgehensweise (zumindest die offizielle) von Freeze nachzeichnet:

Starke Recruiting-Klassen garantieren natürlich noch längst keinen Erfolg, und solche Breakout-Teams wie Ole Miss von 2012 laufen oft Gefahr, dank des Phänomens „Regression zur Mitte“ erstmal einen eher enttäuschenden Herbst folgen zu lassen, noch dazu wenn sie so extrem jung sind wie diese 2013er-Rebels, aber alle geschilderten einzelnen Bausteine fügen sich in ein afregendes Gesamtbild: Ole Miss ist nach Jahren des Siechtums plötzlich wieder wer, und wenn schon die Siege nicht sofort kommen, so gibt es doch genügend Stoff, um erregte Gespräche über die potenziell tolle Zukunft zu führen.

GFWTC – Team Herrmann (Runden 9-12)

Auf der defensiven Seite des Balles habe ich noch einen aggressiven playmaker für die Mitte gesucht. Arizonas Daryl Washington ist dafür genau der richtige Kerl. In Runde neun wäre er auch fast ein steal  – wenn da nicht seine 4-Spiele-Sperre wegen PEDs und seine Aggressivität auch außerhalb des Sports wären. Kein Inside Linebacker macht mehr Sacks und Terror rund um die line of scrimmage und kurz dahinter. Zum Publikumsliebling wurde er in der Wüste (und bei mir) durch seine überbordende Energie. Typ: Mensch gewordener Flummi auf Speed. Da ich mich auf eine 3-4-D festgelegt habe, ist er ein perfect fit.

In Runde zehn war noch ein anderer Liebling zu haben: Cincinnatis CB Leon Hall. Jonathan Joseph hat man vor zwei Jahren auch ziehen lassen, weil man mit Hall schon eine exzellenten Ersatz für den CB-1 hatte. Hall ist mit 1,80m und 90kg ein sehr kräftiger Corner. So wertvoll für mich ist er, weil er auch häufig und erfolgreich im Slot eingesetzt wird.  Mit seinem physischen Spiel schubst er dort gerne die kleinen Welkers und Amendolas rum.In den Runden 11 und 12 war es dann dringend geboten, wieder etwas für die offensive Seite zu tun.

Der höchstgerankte Angriffspieler war Kansas Citys WR Dwayne Bowe. Der 100kg-Mann ähnelt Anquan Boldin – nur schneller und jünger. Nachdem Brandon Marshall (erst) in Runde 10 von @42661977 gedraftet wurde, war Bowe der letzte verbliebene “echte” Nr. 1 WR. Wenn er in seiner Zeit bei den Chiefs ein einigermaßen vernünftiges Team um sich hatte, war die 1000-Yard-Marke für ihn kein Problem. Das erste Jahr der beginnenden Andy-Reid-&-Alex-Smith-Ära will Bowe als statistisch bester WR der Liga abschließen. Und das ist nicht soo abwegig, wie es sich anhört.

In Runde 12 an Position 117 wollte ich dringend das Laufspiel verstärken, für das in meiner Offense eine große Rolle vorgesehen ist.  Meine erste Wahl war Tampas Doug “alberner Spitzname” Martin. Den hat sich @maschemist an 112 geschnappt. Grrr. Zweite Wahl war San Francisco RG Alex Boone, der sich perfekt zwischen seinem Teamkollegen Mike Iupati und RT Sebastian Vollmer eingefügt hätte. Aber @FloBlogs krallte sich Boone an 115. Grrrr.

Danach fiel die Wahl auf den besten verbliebenen Left Tackle auf dem Board: Cincys Andrew Whitworth. Wie auch Hall leidet Whitworths Wahrnehmung unter der allgemeinen Langweiligkeit der Bengals. Zusammen mit Andre Smith bildet er eines der besten Tackle-Duos der Liga. Seine Stärken liegen vor allem im pass blocking. Wenn man zwei Tackles wie die Bengals hat, kann man auch ruhigen Gewissens einen blassen Rookie wie Andy Dalton starten lassen und trotzdem in seinen ersten beiden Jahren zwei Mal die Playoffs erreichen.

Team Herrmann nach 12 Runden

Position Name Position Name
LT Andrew Whitworth, CIN (12) DE J.J. Watt, HOU (1)
LG Mike Iupati, SF (8) NT
C DE Calais Campbell,ARI (4)
RG OLB DeMarcus Ware, DAL (3)
RT Sebastian Vollmer, NE (7) ILB Daryl Washington, ARI (9)
TE Vernon Davis, SF (6) ILB
QB OLB
RB CB Darrelle Revis, TB (2)
WR Vincent Jackson, TB (5) CB Leon Hall, CIN (10)
WR Dwayne Bowe, KC (11) S
? S
? DB
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Ei-Pods in KW 29

Zwei Podcasts hätte ich heute anzubieten.

Season Preview 2013/14: Denver Broncos und New York Giants

In der gestrigen Big-Show 110 von Sportradio360 gab es ein Segment, in dem ich mit Nicolas Martin/GFL-TV und Heiko Oldörp/freier Journalist aus Boston die Denver Broncos und New York Giants vor der Saison 2013/14 unter die Lupe nahm. Die Themen dabei waren:

  • Denver Broncos: Wir gehen die Broncos damit um, diesmal als Topfavorit ins Jahr zu starten? Wie kriegt man Rahim Moore gebacken? Wo liegen die Stolpersteine in der AFC West? Die Broncos sind ja als Mannschaft auch deswegen nicht unspannend, weil der Kern enorm jung ist, aber drei der wichtigsten (u.a. der wichtigste) Bausteine echte Oldies sind: QB Manning (38), WR Welker (32), CB Bailey (34).
  • New York Giants: Weshalb brachen die Giants letztes Jahr so übel ein? Relativ gute Offense vs grottige Defense. Was hat WR Victor Cruz drauf? Wohin geht die Reise mit dem deutschen DT Markus Kuhn? Wie sind die Giants in der sehr durchgemischten NFC East einzuordnen?

Das Segment ist 23 Minuten lang. Bis zum Saisonstart wird es regelmäßige NFL-Abschnitte in der Big-Show von Sportradio360 geben, u.a. wird am nächsten Donnerstag ein Team aus der AFC North unter die Lupe genommen werden.

Hard Count Podcast #9

Es geht in der neunten Folge bei Flo Zielbauer und Benni Köpfle in der neunten Folge um Jahvid Bests Entlassung in Detroit, die neuen Ausrüstungsvorschriften der NFL, neue Verträge für Dunlap in Cincinnati und Clady in Denver sowie eine Vorschau auf die wichtigsten Spiele im NFL-Schedule 2013/14. Plus: Welches Team schafft die dritte Perfect-Season seit NFL-Zusammenlegung in den späten 60ern, und welche Teams haben die besten Wettquoten für die Superbowl. Ich hab noch nicht alles gehört, aber ich geb dem Podcast einen Vertrauensvorschuss: Hard Count Podcast #9 – Die Top-Spiele der kommenden Saison.

Notre Dame University und ihr Fußvolk

Im letzten Beitrag zu den „Jahrhundertspielen“ im College-Football fragte Kommentator habesha4live, was an Tom Osbornes Entscheidung, aufs Ganze zu gehen, so großartig gewesen sein soll, kostete es doch letztlich den quasi sicheren National Title.

Nun, es hatte 17 Jahre zuvor eine vergleichbare Situation gegeben, im November 1966 zwischen den #1 Notre Dame Fighting Irish und den #2 Michigan State Spartans, und Michael Weinreb – oh Wunder – schrieb auch da schon drüber. Es ist ein politisches Stück, eine Abhandlung über Rassentrennung, den Süden, mediale Rezeption, und den Anti-Osborne.

Die 60er Jahre waren die Zeit, in der die Menschenrechtsbewegungen in den Vereinigten Staaten mächtig Aufwind bekamen. Es war die Zeit des Malcolm X, Martin Luther King und Mississippi Burning. Der zutiefst rassistische Süden gegen den sich öffnenden Norden. Radikale gegen Gemäßigte. Und der College-Football als Spiegelbild der Zeit.

#3 Alabama Crimson Tide

Die #3 Alabama Crimson Tide stellten die dominante Mannschaft des Landes, aber da enden die Ähnlichkeiten mit der heutigen Bama-Truppe: Der Head Coach war Bear Bryant, ein hoffnungsloser Alkoholiker und eine der berühmtesten Gestalten der amerikanischen Football-Mythologie, sowas wie der Sepp Herberger des US-Football. Die Videoaufnahmen von Bryants Mannschaften wirken heute so bizarr, dass man im ersten Moment gar nicht glauben möchte, was man da sieht: Kleine, schmale weiße Jungs, selbst die Offense Liner brachten kaum 100kg auf die Waage, und schwarze Spieler suchte man mitten im Herzen des Bible-Belt vergeblich.

George Wallace war der Gouvernor (bzw. späterer Gatte der Gouverneurin) des Bundesstaates Alabama, und Wallace war bis in die letzte Vene Rassist und einer der letzten Hardcore-Verfechter der Rassentrennung. Wallace galt als einziger Mann im Bundesstaat, dem sich Bear Bryant beugen musste. Bryant durfte keine Schwarzen in sein Team aufnehmen. Er wusste 1966, dass dies wohl seine letzte rein weiße Mannschaft war, mit der er um die Meisterschaft spielen konnte. Er wusste, dass sich die Zeit auch im rückständigen Alabama nicht aufhalten lassen würde. Er wusste, dass die dominierenden nationalen Medien „da droben“ (New York und Umgebung) seine Crimson Tide verachteten und dass das National Title Race auch von der Politik mitentschieden werden würde.

#2 Michigan State Spartans

Aber noch durfte er seine Truppe unter Druck der Politik nicht färben. Die besten Schwarzen aus seinem Staat empfahl Bryant an seinen Kollegen Duffy Daugherty weiter. Der war Head Coach an der Michigan State University, die landesweite #2 in diesem November 1966. Daugherty hatte im demokratisch dominierten Michigan keine Scheu, eine überwiegend schwarze Mannschaft auf das Spielfeld zu schicken, mit Athleten aus dem tiefen Süden, aus dem fernen Kalifornien oder Hawaii. Die Spartans von 1966 waren der erste mehrheitlich schwarze Titel-Anwärter ever. Und viele spotteten, Michigan State sei der „wahre Vertreter des Südens“, im Gegensatz zu den knäbischen Milchbubis von Bryants University of Alabama.

Michigan State spielte die vielleicht beste Saison seiner Geschichte, man war drauf und dran, die perfect season zu komplettieren (man war 9-0-0), aber das war auch noch eine andere Mannschaft. Nicht irgendeine, sondern die #1 Notre Dame Fighting Irish, denen ein Ruf wie ein Donnerhall vorauseilte, und die als das Footballprogramm schlechthin galten: Geliebt von den katholisch dominierten großen New Yorker Medien, und mit ihrer taktischen Lage unweit von Chicago (Notre Dame hat seinen Campus in South Bend in Indiana) auch mit der Nähe zu einem zweiten großen Markt gesegnet.

#1 Notre Dame Fighting Irish

#1 Notre Dame ging wie #2 Michigan State und #3 Alabama ungeschlagen (8-0-0) in dieses sein vorletztes Spiel der Regular Season, um das es in diesem Beitrag eigentlich geht: Das Rivalry-Game gegen Michigan State. Jeder wusste, dass Michigan State gewinnen musste, um an den Fighting Irish vorbeizuziehen, denn jeder wusste, dass die meisten Stimmberechtigten in der Entscheidung um den Titel katholisch waren. Während Alabama sich beklagte, aufgrund seiner Weißheit (nicht „Weisheit“) benachteiligt zu werden, witterte man bei Michigan State eine Verschwörung, weil man zu schwarz sei.

Notre Dame war das Mittelding. Man hatte einen schwarzen Starter, aber im Herzen war man weiß. Die Konfession der Uni war die richtige. Jeder wusste: Notre Dame musste geschlagen werden, wollte man den National-Title gewinnen. Das war schon immer das Problem im College-Football: Die Meisterschaft ist abhängig von einer Abstimmung. Und es ist nicht wie im Turmspringen, wo die Jury vom Beckenrand aus zuglotzt. Nein, es ist College-Football in den Sechzigern, wo du 95% des Geschehens nur über ein Zeitungspapier mitkriegst, und du dir dein Bild nicht von dem machst was war, sondern was du liest was war, denn nur ein einziges Spiel einer jeden Mannschaft durfte landesweit übertragen werden.

Das ist dann auch der Witz an dieser Sache: #1 Notre Dame – #2 Michigan State durfte nicht landesweit gezeigt werden, weil beide ihr Kontingent schon erschöpft hatten. Eine 50.000 Unterschriften starke Fan-Petition erwirkte zumindest eine zeitversetzte Ausstrahlung im ABC-Network, aber live sahen nur wenige Hunderttausend in der Region um die Großen Seen das Treiben in South Bend.

An jenem verdammten Samstag

Nochmal: Alabama würde mit 11-0 durch die Saison gehen, war zweifacher Titelverteidiger, aber die politische Stimmung drückte die Crimson Tide auf #3. #2 Michigan State war 9-0-0 und ging in sein letztes Regular Season Spiel. #1 Notre Dame war 8-0-0 und erwartete nach dem Lokalderby noch den Rivalen USC.

Die Ausgangslage durch die Polls ist also geklärt. Zumindest zwischen Irish und Spartans konnte man eine sportliche Meisterschaftsentscheidung erwarten… dachte man.

Viertes Viertel.

Längst schwer angeknockte Irish mit einem zuckerkranken Ergänzungsspieler als notgedrungenem Starting-QB wurstelten sich durch die letzten Minuten. Spielstand 10-10. Michigan State hatte gerade innerhalb der letzten 120 Sekunden bei 4th-und-4 gepuntet, und Notre Dame hatte die Chance, den Sack zuzumachen.

Aber Head Coach Ara Parseghian, ein ehrenwerter Mann nach allem, was man über ihn liest, ließ die Uhr runtertickern und sagte Run-Plays an im Wissen, dass er mit einem Sieg über USC in einer Woche den National Title wohl sichern würde. Parseghian spielte auf unentschieden. Das Spiel endete 10-10. Ara Parseghian nahm das Schicksal über den Titel nicht wie 17 Jahre später Tom Osborne selbst in die Hand, sondern er legte es in die Hände der Voter.

Eine Woche später bügelte Notre Dame die USC Trojans mit 51-0 nieder. Tage später wurde Notre Dame zum National-Champion der Saison 1966 erklärt.

Das Wesen des Sports

Sieht so eine ehrliche Meisterschaftsfindung aus? Stellt uns das wirklich zufrieden? Ara Parseghian machte den richtigen Call, weil er den Titel holte. Aber ist der Titel wirklich alles? Können wir es einfach so hinnehmen, dass die politische Lage die Meisterschaft entscheidet? Weiße beschuldigen Schwarze beschuldigen Katholiken, dass der Titel über die Menschenrechtskämpfe entschieden wurde. Und das alles, weil der Head Coach der Notre Dame „Tying Irish“ das Schicksal über den Titel in die Hände von Journalisten und Trainern legte, anstelle es wenigstens zu versuchen.

Parseghian nutzte die komplett rückständigen Strukturen im College Football aus, und man möchte fast nichtmal ihm die Schuld dafür geben. Und doch ist es auch fast fünf Jahrzehnte später schade, dass es Ara Parseghian zuließ, den Titel vom Zeitgeist vergeben zu lassen. Die Hauptschuld trug indes freilich das Wesen des College-Footballs, dem Parseghian direkt in die Karten spielte:

Of course, what Ara did was not driven by antiestablishment thought; it was driven by just the opposite. What he did appealed directly to the establishment, which at that point happened to consist of that rarefied group of people who voted in college football polls. Notre Dame finished first in every poll that mattered in 1966. By playing to his base, Ara won the election.

Ausgerechnet der größte Traditionalist, der Option-Freak Tom Osborne aus dem ländlichen Nebraska, spielte 17 Jahre später genau gegen dieses Establishment. Alle Achtung.

Die Akademische Viertelstunde: Atlantic Coast Conference (ACC) im Sommer 2013

Die A.C.C. durchlebte in den vergangenen 15 Jahren einen schleichenden Niedergang und lebte lange Zeit nur noch von ihrem Ruf früherer Tage. In den letzten paar Jahren nicht mal mehr davon: Sie wird mittlerweile nur noch als mittelmäßig wahrgenommen, obwohl sich einige der bekanntesten Footballmannschaften des Landes (Florida State, Miami, Clemson, North Carolina) darin tummeln. Aber die letzten TV-Verhandlungen haben der Liga die Augen geöffnet: Sie fielen mit 150 Mio./Jahr um fast die Hälfte schlechter aus als jene in vergleichbaren Ligen wie der Big Ten.

Die Reaktion war die Hereinnahme von zwei Universitäten aus der Big East Conference: Pitt und Syracuse. Beide haben nicht den größten Sex-Appeal, aber sie sind wenigstens sehr gute Basketball-Unis, was in einer Conference, die sich rühmt, auch im Basketball gut sein zu wollen (immerhin sind Duke und North Carolina zwei der erfolgreichsten BB-Programme), nie von Nachteil ist.

Sportlich befürchten viele eine Verwässerung. Andere halten das Feld eh schon für so verwässert, dass da nix mehr schief gehen kann. Und im nächsten Jahr wird Maryland abspringen und dafür das attraktivere Louisville dazustoßen. Louisville wollte aber eigentlich immer mit aller Gewalt in die Big 12 Conference, musste sich dann aber mit dem „Trostpreis“ ACC zufrieden geben. Damit ist der Status der ACC auch am besten beschrieben.

Und seine Hand ins Feuer legen will noch niemand, ob Florida State, Miami und Clemson wirklich dauerhaft in dieser Conference bleiben wollen. Immerhin: Die nächsten zwei, drei Jahre wird es Stillhalten geben.

Sehen wir’s sportlich: Der korsakoff-Take

Dachterrasse: Florida State, Clemson
Zweiter Stock: Virginia Tech, UNC, Pitt
Erdgeschoss: Miami/FL, Georgia Tech, NC State, Syracuse, Duke
Kellerkinder: Boston College, Wake Forest, Virginia, Maryland

BCS-Titelkandidaten: keine.

Bei der ACC ist, wie wir mittlerweile wissen, der Name größer als die Qualität. Selbst die beiden Favoriten FSU und Clemson haben viele Fragezeichen, weil inmitten oder kurz vor einem Umbruch. Beide dürften 2013 chancenlos in Sachen BCS-Titel sein, denn dafür reicht wohl noch nicht einmal eine ungeschlagene Saison.

Es gibt ein extrem dünnes Verfolgerfeld, dafür aber sehr viele schwächelnde Teams in den unteren Ebenen, bei denen viele vor einer ungewissen Zukunft stehen. Virginia Tech und UNC sind immerhin wieder auf dem Weg nach oben, und bei den quasi toten Miami Hurricanes rührt sich zumindest irgendwas, aber im Prinzip ist 2013 die halbe Liga sportlich nicht ernst zu nehmen und wird nur 5-6 Siege zusammenkratzen, weil irgendjemand in der ACC ja die Spiele gewinnen muss. Ach, und: Miami und UNC könnten aufgrund diverser aufgedeckter Skandale noch eins auf die Fresse bekommen; der NCAA-Hammer ist da relativ unberechenbar.

GFWTC, Rd 14 und 15

Pick #139 – S Kam Chancellor. Meine Seahawks-Combo ist komplett. Kam Chancellor ist der zweite Safety in meiner Mannschaft, und er ist im Gegensatz zum Freelancer Earl Thomas mehr der Strong-Safety für den Run-Support, der Mann, der die harten Hits austeilt. In meinem Rückblick auf den starken Seahawks-Draft von 2010 schrieb ich über Kam Chancellor, damals ein Prospect, das erst in der fünften Runde vom Board ging, er sei das Kronjuwel dieser Draftklasse gewesen – ein Spieler, ein Zwitterwesen zwischen Safety und Linebacker, dem man wenig zutraute, der aber in ein System eingebaut wurde, das auf seine Talente zugeschnitten war. Chancellor ist im Gegensatz zu Earl Thomas kein Spieler, der die Seattle Seahawks definiert oder ihnen die Möglichkeit gibt, verrückte schematische Dinge zu implementieren, aber er ist der fehlerfreiere der beiden: Sicherer, solider Tackler, der hie und da über die Strenge schlägt und einen zu fiesen Hit austeilt. Pro Football Focus, das sich in erster Linie auf die Ausführungsqualität der einem Spieler zugeteilten Aufgaben konzentriert, sieht in Chancellor den besseren Spieler im Vergleich zu Thomas, und rankte ihn 2011/12 auf #87 der besten 101 Spieler der Saison.

Ich hätte noch zwei andere Alternativen in Betracht gezogen: Mark Barron, junger Safety von den Tampa Bay Buccs, ein Spieler, der letzten Herbst als Rookie häufig im Run-Support zuständig war und dort mit grundsolidem, sicherem Tackling eine Waffe war. Oder einen der beiden Großmeister vergangener Tage, Ed Reed oder Troy Polamalu. Beide sind noch überdurchschnittliche Safetys, wenn sie nicht gerade Wehwehchen auskurieren, aber beide haben den Zenit überschritten, und ich gehe im Zweifelsfall halt mit dem jüngeren Prospect.

Coole Secondary: CB Patrick Peterson, CB/FS Devin McCourty, FS Earl Thomas, SS Kam Chancellor. Wer will da durchkommen, wenn vorne Pierre-Paul und Orakpo Dampf auf DE machen und über die Mitte McCoy und Super-Blitzer Cushing durchbrechen?

Pick #142 – OT Nate Solder. Irgendwann muss ich beginnen, Offensive Tackles zu draften, und in Nate Solder von den New England Patriots kriege ich einen ebenso guten wie jungen (Draftklasse 2011) Left Tackle, der zu den überdurchschnittlichen Jungs im Pass-Blocking gehört und im Run-Blocking phasenweise brillierte. Solder galt als Draft-Prospect als zu schleifendes Naturtalent, ein ehemaliger Tight End, der noch nicht viel Offense-Line gesehen hatte. In New England wurde Solder relativ rasch mit der LT-Aufgabe als Tom Bradys Leibwächter betraut, und glauben wir dem verlässlichsten, was wir an O-Line-Bewertungsmaßstäben haben (Pro Football Focus), ist Solder schon nach zwei Jahren ein richtig starker, wertvoller Tackle geworden.

Damit sind in Solder und den Guards Zeitler/Nicks drei von fünf Offensive Linemen fix.

Empty Bottles zur GFWTC-Halbzeit

Nach meinem 15ten Pick, also zur Halbzeit mit 3 Runden Nachspielzeit, wird es Zeit, dem Team korsakoff einen offiziellen Namen zu geben. Die Wahl fiel auf den Titelsong dieses Blogs, mein ehemaliges Motivationslied aus alten Zeiten: Team korsakoff = ab sofort bitteschön Empty Bottles. Als Chef-Drafter und Traps rechte Hand passe ich schon auf, damit die Jungs ihrem Namen nicht gerecht werden. Das Team sieht grad so aus:

OFFENSE                      DEFENSE
---------------------------------------------------
QB   Aaron Rodgers           DE   Jason Pierre-Paul
RB   Jamaal Charles          DT   Gerald McCoy
WR   Julio Jones             DE   Brian Orakpo
WR   Victor Cruz             OLB 
TE                           ILB  Brian Cushing
OT   Nate Solder             OLB
OG   Carl Nicks              CB   Patrick Peterson
C                            CB   Devin McCourty
OG   Kevin Zeitler           S    Earl Thomas
OT                           S    Kam Chancellor
Opt                          Opt
Opt                          Opt
Opt                          Opt

Rodgers, Pierre-Paul und Thomas waren die jeweils #1-gerankten Spieler auf meinem Positionsboard. Charles, McCoy und Cruz (für Slot-WR) die #2. Julio Jones (für Nummer-1-Receiver), Nicks, Cushing und Peterson jeweils die #3. Zeitler war mein #4-Guard, Solder und Chancellor waren meine #5-gerankten auf ihren Positionen, McCourty mein #7-Cornerback, und Brian Orakpo mein #6-OLB. Orakpo ist für mich in meiner Defense momentan eine Schachfigur, die ich möglicherweise in Nickel-Situationen als Passrush-Spezialist einwechsle, und ansonsten mit der Von-Miller-Rolle als 4-3 OLB betraue, etwas, das er als Rookie bei den Redskins schon machte – nicht so gut wie Miller, aber annehmbar.

GFWTC, #121: RB Jamaal Charles

Wer dieses Blog regelmäßig verfolgt, wird sich vielleicht wundern, wie „früh“ (13te Runde) das Team korsakoff mit einem Running Back beglückt wird, hab ich doch oft genug darüber geschrieben, wie überschätzt die Position doch immer noch ist. So let me explain.

Es war, wie so oft im GFWTC-Draft, eine Frage der Werte: Was will ich für mein Team? Was brauche ich? Auf welchen Positionen sind die Unterschiede am eklatanstesten? Beim Blick über die Positional-Rankings fällt auf, dass auf erstaunlich vielen Positionen noch ausreichend gute Spieler zur Verfügung sind, die man auch in späteren Runden ziehen kann:

  • WR und TE – sämtliche Superstars sind weg, die verbliebenen Optionen sind größtenteils mehr oder weniger solide, und vor allem gibt es noch viele ähnlich gute WR-Typen, mehr als es in der GFWTC brauchen wird. Dank QB Rodgers kann das Talent-Level auch eine Ecke niedriger sein.
  • OT – sind noch etliche überdurchschnittliche Jungs auf dem Tablett.
  • C – die Granaten sind weg; die verbliebenen Jungs sind alle mehr oder minder gleich einzustufen. Late round picks.
  • DL – dito, und vor allem bin ich mit drei Superstars dort bereits recht tief besetzt.
  • LB – Position hat im Moment zu wenig Wert, weil nicht so wichtig und die verbliebenen Spieler alle ähnlich stark sind.
  • CB – ein guter Nickelback wird auch später abzugreifen sein.
  • S – mjam, wäre attraktiv. Aber der Spieler, der mir im Auge ist, könnte später noch zu haben sein.

Bleibt Running Back, wo viele der besten und attraktivsten Spieler bereits vom Tablett waren: C.J. Spiller, mein #1-gerankter Back, Doug Martin (#4), Ray Rice (#5), Adrian Peterson (#7), LeSean McCoy (#8). Peterson hatte ich etwas unfair gerankt, weil ich wusste, ich krieg ihn eh nicht, aber auch, weil ich bei aller Genialität Petersons ursprünglich sowieso einen kompletteren Back haben wollte. Marshawn „beast mode“ Lynch und Matt Forté wären Spieler gewesen, die ich fast in Betracht gezogen hätte, und Chris Johnson aus Tennessee hätte ich genommen, wenn ich früher an meiner Offensive Line gearbeitet hätte, aber da mein Team eben momentan so aussieht wie es aussieht, sah ich nur mehr drei ernsthafte Möglichkeiten bei den Running Backs:

Darron Sproles (Positional-Ranking #6). Der Superzwerg passt konzeptionell wie Arsch auf Eimer in meine Offense, als Allzweckwaffe aus dem Backfield heraus. Aber Sproles ist mir zu wenig Ballträger, bei allen zusätzlichen Dimensionen, die meine Offense durch ihn kriegt, und Sproles ist bereits 30.

Trent Richardson (Positional Ranking #3). Richardsons Rookie-Jahr galt mit 3.6yds/Carry als leichte Enttäuschung, ist aber aus vielen Gründen (Verletzungen, schwächelndes Passspiel, gute Success-Rate) noch kein K.o.-Argument. Richardson galt letztes Jahr als bestes RB-Paket seit vielen Jahren, und in der Tat ist er ein kompletter Back, der laufen, fangen und blocken kann. Vor allem diese Bereitschaft, die Drecksarbeit zu übernehmen und zum Blitz-Blocking beizutragen, hatte es mir angetan. Richardson ist zudem mit 22 noch extrem jung. Dass der Mann bereits dreifacher Vater ist und seine älteste Tochter bereits sechs Lenze gesehen hat (!), ist auch immer nett fürn Kaffeeklatsch.

Long story short, ich überlegte ernsthaft, Richardson einzutippen. Der Value war mir allerdings mit #121 eine Spur zu hoch, und ich war hin- und hergerissen in der Überlegung, ob er mit meinem nächsten Pick Ende der 14ten Runde noch zu haben sein würde. Ich wollte bei Richardson lieber noch eine Runde warten, aber dann wäre ich möglicherweise ohne einen Running Back von Wunsch da gestanden bzw. hätte eine wichtige Dimension im Angriff anders gestalten müssen als ich es am Anfang der GFWTC wollte.

Ich halte Running Back für überschätzt, aber da mein Team dank des Pass-Trios Rodgers-Jones-Cruuuuuuuz Punkte vorlegen wird, und meine Defense sich auf die Pass-Defense konzentrieren kann, werde ich am Spielende häufig gezwungen sein, Führungen nach Hause zu bringen. Und da ist exzellentes Laufspiel gefragt. Ich werde wahrscheinlich durch das viele Passspiel einige Incompletions erleben und deshalb auch viele 3rd downs ausspielen müssen. Für dritte Downs ist Laufspiel oft nützlich.

Warum ich schließlich zu Jamaal Charles von den Kansas City Chiefs griff, auf das Pass-Blocking scheißend, ist Charles‘ gigantische Big-Play Fähigkeit: Wenn meine Pass-Offense variabel genug ist und gleichzeitig mein Laufspiel eine ständige Bedrohung für einen 80yds-TD ist, kann sich durchaus ein explosiver Mix ergeben, der den gegnerischen Passrush schon allein deswegen eindämmt, weil der Gegner gezwungen ist, zu vorsichtig zu werden.

Jamaal Charles ist in vielerlei Hinsicht ein gigantischer Running Back: Seine 2010/11er-Saison gilt bei Pro Football Focus immer noch als episch, und als ich Charles zum ersten Mal bewusst als Allstar-Kaliber wahrnahm, im Wildcard-Playoffspiel gegen Baltimore, fackelte er einen der atemberaubendsten Touchdowns ab, die ich bisher gesehen habe:

 

Dieser Antritt. Dieses Schweben über dem Spielfeld. Charles ist ein Weltklassesprinter, dem die kleinste Lücke reicht, um durchzustarten, und ist er erstmal in voller Fahrt, ist jeder Linebacker in Gefahr, überlaufen zu werden. Charles ist kein extremer Back für Broken-Tackles. Er lässt auch nicht allzu viele Tackler aussteigen, aber er muss auch nicht: Gibt es erstmal Anflüge von Raum, schrillt die Alarmglocke, weil Charles an allen vorbeidüst.

In dieser Hinsicht ist Charles eine ähnliche Waffe wie Chris Johnson, mit dem Unterschied, dass Johnson eine sehr viel bessere Offense Line braucht. Charles geht eine in Kansas City ab – seit Jahren. Charles geht übrigens auch nur mittelmäßige Unterstützung durch ein Passspiel ab – seit Jahren. Und trotzdem ist er der Running Back mit der besten Yards/Carry-Statistik in der NFL-Geschichte: 5.8yds/Carry über die Karriere, Baby. Der NFL-Schnitt ist dieser Tage 4.1yds/Carry. Nuff said.

Ein relativ guter Fänger ist er auch – wichtig. Pass-Blocking: Da reden wir mal nicht drüber. Aber ich hab eh schon geschrieben, dass ich qua Offense-Design hoffe, den Passrush einzudämmen. Fumbles sind mit 1.9% im Auge zu halten, aber kein übergroßes Problem. Man mag sich nicht ausmalen, was mit einem Offensive-Backfield mit Rodgers und Jamaal Charles alles drin ist.

Ich kriege da einen Back, der mit 26 Jahren noch 3-4 Saisonen im Tank hat. Charles‘ Workload mit bisher 784 Carrys in der Regular Season ist auch überschaubar – das sind nur zweieinhalb „Arbeitstiere“-Saisons. Und ich werde ihn nicht öfters als 12-18x/Spiel brauchen. Eine schwere Verletzung hatte er – Kreuzbandriss – okay, aber die hatte Peterson auch. Und beide sind davon relativ flott zurückgekommen.

Charles ist auch nicht bloß „Boom-or-Bust“, wie man annehmen würde; seine Success-Rate war 2010 die viertbeste der Liga, und war auch ansonsten meistens über 40% (durchschnittlicher Wert ist 42%). Das ist ein Zeichen dafür, dass er im Notfall schlau genug ist, sich auch nur bloß die Lücke auszugucken, die reicht, das 3rd-und-3 zu verwerten um den Drive am Leben zu erhalten.

Ich fürchte, ich musste mit Pick #121 ein bissl überbezahlen, aber angesichts geschilderter Umstände ist es mir das wert. Charles ist vielleicht einen Zapfen unter Peterson anzusiedeln, was das reine Laufen angeht. Er ist ein etwas besserer Fänger, und im Pass-Blocking sind beide keine großen Helden. Ich kriege 98% von Peterson plus eine noch gewaltigere Big-Play Fähigkeit im offenen Raum, und ich kriege das alles 118 Picks nach Peterson. Damit bin ich zufrieden.

The Countdown, T-minus 56: Auburn Tigers

The Countdown ist mittlerweile bei der 56 angelangt, und Paul Myerberg schreibt darin über die Auburn Tigers (für mich überraschend hoch gerankt an #56), den National Champion von 2010/11, der seither innerhalb kürzester Zeit zu einem zahmen Kätzchen verkommen ist und im Winter den Meistertrainer Gene Chizik feuerte – so kurz nach einem Titelgewinn wie nie zuvor ein anderer Coach. Die Meister-Tiger von damals bestanden in erster Linie aus drei Protagonisten: DT Nick Fairley, QB Cameron Newton und OffCoord Gus Malzahn, ein Guru der Spread-Offense. Malzahn wurde letztes Jahr gefeuert um eine NFL-„typische“ (für Mitte 2000er Verhältnisse) Offense zu implementieren, die viele begehrte Talente der Region anspricht. Die Folge war der Einbruch auf eine unerhörte 3-9 Bilanz, inklusive der ersten sieglosen SEC-Saison seit über 30 Jahren. Das passiert, wenn dein Cheftrainer keine Ahnung hat und deine rekrutierten Spieler für was ganz anderes gedacht waren.

Nun ist Malzahn wieder zurück – als Head Coach. Die Anstellung Malzahns ist ein unausgesprochenes Schuldeingeständnis der sportlichen Leitung, mit Malzahn letztes Jahr den falschen Kopf rasiert zu haben (Chizik wäre schon da fällig gewesen). Jetzt kann Malzahn „seine“ Offense mit „seinen“ (also den schon vor Jahren von ihm rekruitierten) Spielern installieren.

Spielermaterial ist zuhauf da: Die Running Backs waren selbst in dem Schrotthaufen von 2012 Spitzenklasse, die Combo aus dem Sprinter Jonathan Ford und Tre Mason sucht vielleicht sogar in der SEC ihresgleichen. Wenn ein Guru der spread-run offense wie Malzahn da nix draus macht, dann Gute Nacht. Viel mehr Sorgen macht das „Passspiel“ (Anführungszeichen absichtlich gesetzt). Letztes Jahr kassierte man in jedem sechsten Spielzug einen Sack und in jedem zwölften eine Interception. Wenn du noch beachtest, dass nur knapp über 50% der Pässe überhaupt komplettiert wurden, kann bei nix rum kommen.

Die Hoffnung ist, dass der Scrambler QB Kiehl Frazier, ein einst gehyptes QB-Prospect, zu seiner Form findet, wenn er keine West Coast Offense mehr spielen muss. Oder dass der junge Jonathan Wallace übernehmen kann. Oder der aus dem Junior-College geholte Nick Marshall, ein ehemaliger Defensive Back. Zu wem sie alle werfen sollen? Das wissen die Götter, aber Gus Malzahns Offenses brauchen keine überragenden WR-Athleten, bloß einen soliden Tight End und ein paar Buben aus dem Vorlesungssaal; leider ist der einzige brauchbare TE Lutzenkirchen mittlerweile Bachelor mit Diplom und nicht mehr im Kader.

In der Defense soll der zuletzt bei seinem ersten Versuch als Head Coach in Southern Miss spektakulär gescheiterte Ellis Johnson (Bilanz: 0-12 mit einer Mannschaft, die im Jahr zuvor Conference-Sieger und 11-2 gewesen war) als DefCoord übernehmen. Es gibt dort junge Talente, die auch die ganz großen Unis verpflichten wollten, und glauben wir den Pundits, soll sich auch die Breite im Kader verbessert haben. Die Defense war im Gegensatz zum komplett überforderten Passspiel aber längst nicht das größte Problem.

Von Auburn sollte man keine schnellen Wunderdinge erwarten; zu sturzflugig war die Leistungskurve in den letzten beiden Jahren. Was mit Malzahn aber schnell zurückkehren dürfte: Ästhetik. Identität. Selbst in der Niederlage wird der gemeine Tigers-Fan Positives finden, aus dem heraus er Hoffnung für die Zukunft ziehen kann. Die Bowl-Season wäre für diese Mannschaft gewiss schon ein Erfolg, aber sie ist nur drin, wenn einer der Quarterbacks den Groove findet, und zwar besser früher als später.

So, das war in erster Linie meine Intrepretation des verfügbaren Materials über Auburn. Paul Myerberg ist da optimistischer: Zum Original-Countdown.

GFWTC, #119: OG Kevin Zeitler

Das Guard-Phänomen im 10-Teilnehmer-Feld der GFWTC habe ich schon im Blogeintrag zu Carl Nicks erklärt, und weil es sich bei einem Aaron Rodgers gut trifft, und dieser mein GFWTC-Quarterback seine einzige wirkliche Schwachstelle hat, wenn die Offensive Guards zu schnell den Passrush durchkommen lassen, ziehe ich auf #119 quasi mit Halbzeit der Team Challenge alle Register und verpflichte den jungen Offensive Guard Kevin Zeitler, der rein zufällig von der besten (und manche behaupten: weltweit einzigen) Schule für Offensive-Linemänner: Der University of Wisconsin. Mal ehrlich: Ein Team korsakoff ohne Blocker von Wisconsin – das hatte doch niemand ernsthaft erwartet, oder?

Zeitler war mein #4-gerankter Offensive Guard, nach Yanda, Iupati und Nicks (der in meiner Mannschaft den anderen Guard gibt), und er war es nicht nur, weil er eine sehr gute Rookie-Saison 2012/13 spielte, sondern auch wegen seines Alters. Klar hätte ich Jahri Evans, Mankins oder Brandon Moore draften können, aber die haben alle bereits ihre herbstlichen Nachmittage auf dem Buckel – und bei allen hat man ihre Flauseln schon entdeckt. Beim jungen Zeitler haste wenigstens noch Hoffnung, dass sie sie bei ihm nie finden werden.

Mal im Ernst: Ich hätte ohne mit der Wimper zu zucken auch einen David DeCastro gezogen, selbst nach dessen durchwachsenem und verletzungsgeplagtem Rookie-Jahr. Es ist erst ein Jahr her, da war im direkten Duell Zeitler vs DeCastro klar, wen die Pundits für den besseren, kompletteren Spieler hielten. Der Zeitler-Pick ist für mich in dieser Hinsicht auch ein Tribut an einen jungen Guard, der als Rookie in einer beinharten Division gegen exzellente Defensive-Fronts gehalten hat und sich somit das Privileg, Aaron Rodgers zu beschützen, verdient hat.

The Countdown, T-minus 57: West Virginia Mountaineers

Die West Virginia Mountaineers gehörten zu den exzentrischsten Teams in der letzten Saison, ihrer Debütsaison in der Big 12 Conference: Mal top mit sensationellen Punktezahlen in der Offense, mal flop mit Debakeln und katastrophalsten Defensiv-Vorstellungen. Ergebnisse wie 70-63, 700yds-Passoffense in einem Spiel, oder 350yds Laufspiel für einen Wide Receiver in einem Spiel? Es war alles dabei, ebenso wie 600 aufgegebene Passyards in der Abwehr.

West Virginia und die Rednecks (das Gros der Big 12 ist in den Rednecks zuhause) haben geographisch aber mal gar nix miteinander zu tun (suche den Ausreißer), aber kulturell passt die Offensivgewalt der Mountaineers wie Arsch auf Eimer in die Big 12. Diese Offense trägt die Handschrift vom Head Coach Dana Holgorsen, einem der kreativsten Köpfe im Football-Business. Holgorsen kommt aus der Air Raid-Offense, und es wurden viele, viele Einträge geschrieben, wie Holgorsen sein System implementiert.

Die kommende Saison wird Holgorsens größter Test: 2012 war mit ihrer 7-6 Bilanz das schlechteste Jahr der Mountaineers seit einem Jahrzehnt, und nun ist auch noch fast alles an Spielermaterial weg, was Rang und Namen hatte: QB Geno Smith, WR Stedman Bailey, WR Tavon Austin. Läuft Holgorsens Offense auch geschmiert, wenn nur noch unbekannte Spieler dabei sind?

Charakteristisch für die Mountaineers ist eine Orgie an schnellen Kurzpässen, die häufig (Schätzungen sind 1/3 der Passversuche) schon hinter der Anspiellinie gefangen werden und dann von schnellen, wendigen kleinen Receivern mit vielen Yards after Catch nach vorne getragen werden. Die Offense ist, wenn sie „klick macht“, super effektiv, aber es hängt vieles an der Offensive Line, die bei mir im Ruf steht, zuviel Auf und Ab zu sein. Werden zu viele Assignments verpasst, werden die Spielzüge zu schnell abgewürgt, und dann kommen eine Woche nach einem Punktefestival plötzlich scheinbar unerklärlicherweise nur mehr 14 Offense-Punkte raus.

Holgorsen steht im Verdacht, sich zu sehr auf seine Kernkompetenzen (er war jahrelang WR-Coach) zu konzentrieren und alles weitere (O-Line, Defense) zu stark zu vernachlässigen. Die Defense muss nicht spektakulär sein, aber sie sollte wenigstens etwas mehr Passrush zustande bringen: 23 Sacks sind bei der Unzahl an Würfen, die die WVU-Defense gegen sich ausgespielt sah, viel zu wenig. Die Hoffnung ist auch, dass die mittlerweile etwas erfahreneren Defensive Backs aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Zumindest eine 6-6 Bilanz und die damit einher gehende Qualifikation für die Bowl Season sind aufgrund des Schedules wohl drin – viel mehr könnte aber schon zuviel verlangt sein, wenn die Offense zu stark nachlässt und die Defense zu wenig verbessert auftritt. WVU 2013 = Mittelklasseteam in der Big 12.

GFWTC, #101: DE/OLB Brian Orakpo

Brian Orakpo ist mit dem 101ten Pick in meiner Defense ein bissl ein Freak-Pick, weil er konzeptionell schwierig einzubauen ist… und dann doch wieder bei genauer Betrachtung eine wertvolle Schachfigur sein kann. Ganz kurz zu meiner persönlichen „Beziehung“ zu Orakpo, der einer der ersten College-Spieler war, die ich intensiver verfolgte, weil sie einfach ins Auge stachen, vor fünf Jahren, 2008/09, als er sein Senior-Jahr an der University of Texas spielte. Orakpo war der absolut dominierende Verteidiger in einer Longhorns-Mannschaft, in der jeder unendliches Potenzial sehen konnte (ins BCS-Finale schafften es die Jungs erst ein Jahr später, da war Orakpo schon in der NFL).

Im Vorfeld des NFL-Drafts 2009 erlebte ich bei Orakpo erstmals das Phänomen „one year wonder“ am eigenen Leibe mit, denn „Rak“ war quasi der erste Spieler, bei dem ich die Skepsis von NFL-Scouts gegenüber Spielern erlebte, die zwei, drei durchschnittliche Jahre spielten, und dann im Jahr vor dem Draft massiv aufgeigten. Ich hatte Orakpo nur als Naturgewalt kennengelernt, und insofern wunderte ich mich damals über die ihm gegenüber vorgebrachten Vorbehalte. „Dank“ Orakpo begriff ich erstmals live, dass das Studium von einem Jahr Tape im Draftprozess nicht reicht (bewusst hatte ich praktisch nur die „Senior-Version“ Orakpos erlebt).

Anyhow. Er galt als Erstrundenpick, und ich hoffte, dass er vielleicht bis zu den Detroit Lions durchfallen würde (die hielten Pick #20 oder so). Not gonna happen: Die Washington Redskins griffen ihn an #13 ab. Seither hat Orakpo vieles gesehen.

Als Rookie wurde er vornehmlich mit der Von-Miller-Rolle betraut, spielte häufig 4-3 OLB, aber es zeigte sich, dass Orakpo bei allen Passrush-Fähigkeiten Probleme in der Pass-Deckung hat. Weil er auch als DE in Nickel-Situationen eingesetzt wurde, und dort als reinrassiger Passrusher brillierte, schaffte der Rookie Orakpo 11 Sacks und war schnell eine landesweit große Nummer.

Im Jahr darauf wechselten die Redskins unter dem neuen Head Coach Shanahan das Abwehrschema, spielten ab sofort 3-4 Defense, mit Orakpo in der Rolle als 3-4 OLB, und zwar nicht – wie es traditionell mit solchen Spielertypen gemacht wird, als Weakside-OLB, sondern gnadenlos auf der Strongside, wo du eigentlich meinen würdest, dass dein Star-Passrusher verbrannt wird. Orakpo war’s wurscht. Sacks kamen zwar nicht ganz so häufig wie in der Rookie-Saison, aber man sagt ihm mittlerweile ein viel kompletteres Spiel nach: Elite-Passrusher, der nur ein Jota unter der absoluten Spitzenklasse der Clay Matthews, Watts oder Millers agiert, und ein deutlich verbessertes Spiel gegen den Lauf und in der Passdeckung.

Orakpo ist kein Gesamtpaket wie Von Miller oder auch Matthews, Gott bewahre, aber er ist auf mehreren wichtigen Defensivpositionen keine Unbekannte, exzellent im Passrush und zumindest besser als der durchschnittliche NFL-Spieler in den anderen wichtigen Bereichen, die ein Front-Seven Spieler können muss. (dank meiner Offense werde ich sowieso nicht allzu viel Laufspiel gegen mich sehen)

Was den Wert von Orakpo etwas drückt, dürfte seine schwere Verletzung aus dem letzten September sein: Orakpo fiel zuletzt fast die gesamte Saison aus; was dabei aber gleich wieder den Wert erhöht: Washingtons Defense hatte nach dieser season ending injury am zweiten Spieltag erstmal viele Wochen lang üble Probleme, seine Defense wieder halbwegs auf die Reihe zu bekommen. Für die GFWTC hat die Verletzung wohl geholfen, dass Orakpo aus dem Fokus geriet, und für den relativ spottbilligen Preis an #101 noch zu haben war. Er war mein #6-gerankter OLB (ich hatte ihn nicht in den DE-Rankings), aber ich hatte ihn schon von Beginn an im Auge als möglichen Star-Passrusher in meiner Mannschaft.

Und ganz nebenbei bemerkt: Die GFWTC gibt mir Gelegenheit, über Spieler zu schreiben, über die ich schon immer mal das eine oder andere Wort mehr verlieren wollte. Man lernt im College-Football so viele Jungs kennen, die in der NFL-Masse etwas untergehen, dass man sonst nie dazu käme. Ich versuche zwar nach Kräften, meine Spieler in erster Linie nach sportlichen Kriterien einzuberufen, aber wenn der Unterschied gering genug ist, ziehe ich manchmal – glaube ich wenigstens – auch einen Kopf, über den sich eine Geschichte erzählen lässt, an den ich mich gerne erinnere, mit dem ich versuchen kann, ein Football-Konzept zu schildern. Auch das ist GFWTC.

Die Akademische Viertelstunde: Pac-12 Conference im Sommer 2013

Die Pac-12 Conference ist in pumperlgesundem Zustand: Sie ist nicht die stärkste Conference und auch nicht die wertvollste, aber sie hat in dem Re-Alignment Knuddelmuddel erreicht, was sie erreichen wollte. Nein, sie hat keinen Superconference-Status erreicht, weil Oklahoma/staatliche texanische Hochschulen nicht rüber an den Pazifik gewechselt sind, aber das war egal: Die Pac-12 hat viele attraktive Unis und ein Conference-Finale, für das Millionen gezahlt werden. Dass es letztes Jahr vor fast leeren Rängen stattfand, geschenkt.

Commissioner Larry Scott kann sich dick hinter die Ohren schreiben, aus der versnobten Eliteliga mit ihren Superhochschulen Stanford, Cal-Berkeley, U.C.L.A. und U.S.C. ein ziemlich anmutiges Dutzend an Schulen zusammengerobbt zu haben, in dem es mit Washington State und Oregon State nur zwei Unis gibt, die wirtschaftlich nicht viel zum Gesamterfolg beitragen (aber beide sind historisch gewachsen und somit nicht wegzudenken).

Zum Erfolg beitragen die TV-Deals mit Fox und ESPN und auch das liga-eigene Network, das schon im ersten Jahr einen Profit einfuhr. Die Deals mit Fox/EPSN starteten 2012 und bringen in über zehn Jahren schätzungsweise 3 Milliarden Dollar ein, also über 20 Millionen pro Saison pro Universität. Ein Problem, das Scott und die Pac-12 noch nicht gelöst bekamen, ist der fehlende Deal mit DirecTV, ohne den das Pac-12 Network keine richtig weite Verbreitung erreichen kann.

Die Conference steht für Stabilität und attraktiven Offensiv-Football. Wenn sich Unis wie Boise State oder B.Y.U. in den nächsten Jahren sportlich, wirtschaftlich und akademisch entwickeln, gibt es im Einzugsgebiet gute Optionen für Neuaufnahmen. Noch ist kein Handlungsbedarf, und noch kostet die Pac-12 sowieso die jüngsten sportpolitischen Erfolge aus.

Sehen wir’s sportlich: Der korsakoff-Take

Dachterrasse: Oregon, Stanford
Zweiter Stock: UCLA, USC, Oregon State
Erdgeschoss: Arizona, Arizona State, Utah, Washington
Kellerkinder: Washington State, Cal, Colorado

BCS-Titelkandidaten: Oregon

Erste und zweite Klasse geben sich nicht viel, nachdem Oregon einen Trainerwechsel und Stanford ziemlichen Aderlass verkraften müssen und somit beide als Fragezeichen gelten. Es dürfte dieses Jahr keine herausragenden Teams geben, dafür viele mittelmäßige bis gute, und drei echte Gurkentruppen.

Das dark horse ist USC: Sind die Trojans wirklich so grottenschlecht wie es die letzte Saison andeutete? Dann ist Lane Kiffin am Saisonende mit 38 Lenzen auf ewig als Head Coach verbrannt. Sollte UCLA tatsächlich die sportliche Hohheit im Einzugsgebiet Los Angeles übernehmen, dann ist bei USC die Hölle los. Auf der anderen Seite ist dort genügend Potenzial, dass USC die kurze Schwächephase anderer (bzw. im Oregon-Fall die Fragezeichen) zum Conference-Sieg nutzt. Die beiden Unis aus Arizona haben jeweils charakterlich nicht unumstrittene Head Coaches, aber beide wissen, wie man Offenses implementiert.

Utah bewegt sich langsam am Scheideweg: Man war einer der ersten wirklich großartigen Mid Majors, und die Saison 2008 beendete man als #2 in den großen nationalen Polls, aber seither hechelt man den ganz großen Erfolgen etwas hinterher. Der neue OffCoord Dennis Erickson dort ist ein spaltender Mann mit Potenzial zum Rohrkrepierer.

Unter den Kellerkindern dürfte Cal vorerst die besten Voraussetzungen für eine schnelle sportliche Besserung haben; Washington State und Colorado gehören momentan sportlich eher in die Sunbelt Conference als in die Pac-12.

GFWTC, zehnte Runde: Victor Cruz, Aschenputtel

Ein mittlerweile fast vier Jahre alter Artikel über Aaron Rodgers und die Offense der Green Bay Packers ist mir immer noch im Ohr: „Für bessere Protection braucht es weniger Blocker“. Kontra-intuitiv, aber nicht unwahr. Die weiteren Kernaussagen dieses Artikels befassen sich mit Block-Philosophien, aber ich beschränke mich mal auf die Anzahl der Blocker, die natürlich direkt mit der Anzahl an potenziellen Ballfängern zusammenhängt.

Ich habe schon geschrieben, warum ich bei Aaron Rodgers lieber einen breit aufgestellten WR-Corp besitze als eine monströse Offensive Line: Rodgers kommt mit Druck ganz gut klar, vor allem wenn er über die Flanken kommt, denn Rodgers ist wendig und intelligent genug in der Pocket und Rodgers‘ Offense arbeitet mit einer Unzahl an schnellen, quirligen Receivern.

Einen hatte ich schon: Julio Jones, einen klassischen #1-Receiver, aber der reicht nicht. Es müssen keine Calvin Johnsons sein, aber es müssen drei, vier schnelle, athletische Jungs sein. Da Jordy Nelson zum Zeitpunkt des 99ten Picks bereits vom Tablett war, richtete ich meinen Fokus auf den Slot, den Platz in der Spielfeldmitte innerhalb der beiden Wideouts.

Der Slot ist der Ort, der den American Football in den letzten Jahren massiv veränderte, weil er die Defense mit einer dritten Anspielstation in der Aufstellung mittlerweile dazu zwingt, einen Linebacker vom Feld zu nehmen, und einen Nickelback einzuwechseln. Es gibt vielfältige Möglichkeiten: Quirlige Receiver oder hünenhafte Tight Ends. Die drei (für mich) attraktivsten WR-Optionen für den Slot sind:

  • Percy Harvin: Einer meiner absoluten Lieblingsspieler, aber da ich nicht bereit war, ihn in Runde fünf oder sechs zu bezahlen, war klar, dass ich ihn nicht bekommen würde.
  • Randall Cobb: Schon zu Kentucky-Zeiten einer meiner Favoriten, hat sich Cobb bei den Packers recht schnell einen Ruf als Allzweckwaffe im Slot und als exzellenter Returner gemacht.
  • Victor Cruz.

Nachdem Harvin und Cobb vom Tablett waren, griff ich zu Cruz. Ich bin mir nicht sicher, ob Cruz mit der #99 nicht ein „reach“ ist, aber da der Talentabfall (bzw. Alters- und offenkundige Verletzungsrisiken) im Slot nach diesem goldenen Trio doch recht eklatant ist und Tavon Austin ineligible ist, musste ich zugreifen. Zumal die beiden Draftpicks danach beide Andy Goldschmidt gehören, der an einem Cruz möglicherweise nicht gänzlich uninteressiert ist.

Victor Cruz ist eine dolle Geschichte, nicht bloß eine für’s All-Pro Team, sondern für das All-Madden Team, eine fast noch höhere Auszeichnung, weil sie nicht nur sportlich einen herausragenden Akteur verlangt, sondern auch einen entsprechenden Typen bzw. Hintergrund. Den hat Victor Cruz. Cruz ist ein Underdog aus dem Bilderbuch: Am College bei UMass (damals noch FCS, ehem. Div I-AA) nicht weiter aufgefallen, als ungedrafteter Free Agent im Sommer 2010 aber einer der Glücklichen, die von einem Profiteam in der Nähe (New York Giants) einen Kaderplatz als Sparringspartner für die Trainingslager bekam („practice squad“), und nur eineinhalb Jahre später mit über 1500yds der wichtigste Offensivspieler nach QB Manning in einem sensationellen Superbowl-Run war.

Die sportliche Komponente

Cruz halte ich nicht für den besten Slot-Receiver in der Liga (das ist Harvin), und beim Durchschauen der Tapes wundert man sich schon, wie ein Mann mit diesen körperlichen Voraussetzungen (nur 1,83m, 94kg) und einem eigentlich relativ unspektakulären Spiel so gute Zahlen anschreiben kann. Cruz ist kein quirliger Mann wie Welker und kein Bolzen wie Boldin oder einst Terrell Owens. Cruz ist schlicht intelligent und sehr präzise, sehr exakt in dem, was er macht (sensationell wichtig für Aaron Rodgers). Ich interpretiere das Cruz’sche All-22 Tape so: Er wird seine Pace der letzten zwei Jahre (vor allem 2011/12) kaum halten können, weil einfach physisch zu limitiert. Aber er wird nicht von der Bildfläche verschwinden, weil  exzellente Spielauffassung.

Eine potenzielle „Gefahr“ ist Cruz von wegen seiner Anlage: Gemacht ist er in erster Linie für etwas tiefere Routen. Es fällt bei den Giants auf, wie frappierend oft Cruz die tiefe „wheel route“ über die Spielfeldmitte läuft. Cruz wird relativ selten sehr kurz angespielt; Cruz läuft häufig 10, 15yds downfield, ehe der Ball kommt. Insofern war ich etwas überrascht, dass Cruz letzten Herbst nur 12.7yds/Catch machte. Ich bin mir nicht 100%ig sicher, inwiefern diese Spielanlage in eine Offense mit QB Rodgers passt.

Cruz galt in der abgelaufenen Saison 2012/13 als leichte Enttäuschung (logisch, nach dem unglaublichen Breakout 2011/12), der teilweise katastrophale Spiele einbaute. Einen Teil davon schreibt man dem fehlenden Support durch die häufig verletzten Nebenleute Nicks bzw. den abgewanderten Manningham zu, einen Teil dem heißkalten QB Eli Manning. Ein QB Rodgers dürfte konstanter spielen, und mit seinem Monsterarm durchaus auch froh sein um ein deep threat über die Spielfeldmitte.

Dass mein GM ihm diese Woche einen 5yrs-Vertrag über 43 Mio. Dollars gab, könnte angesichts manch anderer Verträge, mit denen in der NFL um sich geworfen wird, an der Grenze zum Schnäppchen sein, wenn wir bei Cruz den „guten“ Fall annehmen. Für den einst schon abgeschriebenen Cruz dürfte die Summe aber gigantisch sein; so gigantisch, dass ich hoffe, dass er nicht vom Phänomen des satten Profis erfasst wird.

Wenn wir aber davon ausgehen, dass 2012/13 die Norm ist, sind über 8 Mio./Jahr eher leicht überbezahlt. Ich nehme eventuell den hohen Preis (und den vielleicht hohen Draftpick), weil mir die verbliebenen Slot-Optionen nach Cruz, Harvin und Cobb missfallen und ein Cruz gepaart mit Julio Jones und Rodgers durchaus das Fundament für eine großartige Pass-Offense sein können, in der der Gegner nicht bloß mit zwei Outside-Cornerbacks verteidigen kann.

Der Pick macht mich nicht 100%ig glücklich, weil er möglicherweise keinen optimalen ROI bringt, aber angesichts der Umstände sah ich mich dazu gezwungen.

Zwei Jahre danach: Cameron Newton

Eines ist fix: QB Cameron Newton von den Carolina Panthers ist einer der Footballer, die die Geister scheiden. Er war es von Anfang an. Cameron Newton war einst in Florida der Backup von Tim Tebow und als solcher hätte er eigentlich dessen Nachfolger werden sollen, doch der Teenie Newton war unreif, stahl Laptops und wurde selbst vom laxesten aller Coaches, Urban Meyer, von der Uni geschmissen. Erst fast zwei Jahre später, im Spätsommer 2010, tauchte Cam Newton wieder auf der Bildfläche auf, als potenzieller Sleeper auf den Quarterback-Job an der Auburn University, einem Kult-College aus einer Kleinstadt in Alabama, das alle zwei Wochen ein Stadion füllen kann, das locker doppelt so groß ist wie die Stadt selbst.

Newton gewann den Job als #1-Quarterback, und der Rest ist Geschichte: Newton dominierte den College Football wie nie ein Spieler vor ihm. Als 1,96m-Mann, geschmeidiger Scrambler und sehr gute Wurftechnik pulverisierte Newton Schul- und Conference-Rekorde in der hochklassigsten aller College-Ligen, der SEC, und er machte es ohne adäquaten Supporting-Cast: Der Running Back war gut, aber alles andere waren solide Spieler, nicht mehr. Auburn hatte ein Team, das bei gutem Saisonverlauf 8-4 gegangen wäre und an #22 in irgendeiner Silvester-Bowl gespielt hätte – ohne Newton.

Mit ihm gewann Auburn 2010/11 die BCS-National Championship. Auburn scorte 65 Punkte gegen die Arkansas Razorbacks. Auburn drehte ein legendäres Spiel in Alabama, nur das verrückteste von vielen Comebacks. Auburn war nicht dominant, aber Newton war es. Und Newton fand sich alsbald mitten drin in einem Recruiting-Skandal, der ihn fast seine Reputation, Auburn fast den Titel, und die Heisman-Trophy fast ihre Integrität gekostet hätte. Es gilt als sicher, dass Newtons Vater eine sechsstellige Summe von Auburns Boostern für die Dienste seines Sohnes kassierte, dass zumindest einige Dinge nicht rechtens gelaufen waren. Newton kam damit durch, mutierte zwar nicht zu einem Helden der Güteklasse Tebow (der mit sehr viel stärkeren Mannschaftskollegen ähnlich dominant am College war), aber Cam Newton konnte sicher sein, dass er NFL-Talent hatte.

Am College hatte er in der offenen spread offense von Guru Gus Malzahn gespielt, eine Art one read-System, das dem Quarterback sein Leben stark vereinfacht. Trotzdem war nicht zu übersehen, dass der Hüne Newton mit seiner Beweglichkeit und seiner Wurftechnik gutes NFL-Potenzial besaß. Im Draft-Prozess 2011 machte er vieles falsch („Ich werde eine Ikone sein“) und wurde immer und immer wieder als großer Unsympath porträtiert, und am Ende wanderte er tatsächlich, längst nicht von allen erwartet, mit dem Top-Pick an #1 nach Carolina.

Ich gestehe, ich habe Newton gehasst wie die Pest und ich fand, dass Carolinas Trümmerhaufen von Offense vieles vertragen würde, aber an einem unerfahrenen und nur bedingt reifen Rookie-Quarterback, sei er noch so talentiert, zu knabbern haben würde. Ich schrieb:

Bis zu allerletzt hatte ich es nicht geglaubt, aber die Carolina Panthers haben sich unter dem neuen Head Coach Ron Rivera tatsächlich entschieden, gleich zu Beginn die Football-Variante von Russisch Roulette zu spielen. Cameron Newton hat kaum 300 Bälle geworfen und ist nun #1-Pick.

Der Amerikaner sagt dazu: high risk, high reward. Newton ist ein Entwicklungsprojekt für die nächsten Jahre und wird eine sehr speziell auf ihn zugeschnittene Offense brauchen. Carolina hat mit diesem Pick den QBs Matt Moore und vor allem Jimmy Clausen mit beiden Fäusten in die Fresse geschlagen. Der Gedanke hinter diesem Pick ist: Alles oder nichts. Kann zweifellos funktionieren. Aber das Gefühl sagt eher: Nope.

Zwei Jahre später spaltet Newton die Massen noch immer. Seine Mobilität ist unbestritten ein gigantisches asset, und der Trainerstab machte einen exzellenten Job um Newtons Talente zu maximieren. Seine Statistiken sind gewaltig, und Carolina hatte in beiden Saisons mit Newton eine der besten Pass-Offenses mit über 7 NY/A, obwohl es außer einem alternden Steve Smith nicht einen einzigen weiteren Ballfänger von Format gibt. Carolina verlor mehr Spiele, als es gewann, aber die Hauptschuld ist eindeutig an anderen Orten zu suchen: Die Defense zeigte erst ab Mitte Saison 2012 Anzeichen von Leben, und Head Coach Ron Rivera geht in engen Spielen nicht bloß der Killerinstinkt ab, sondern regelrecht die Muffe.

Die, die Newton spielen sehen sehen, berichten ganz gerne kritischere Dinge. Es ist unbestritten, dass der Mann nicht der feingeschliffenste Werfer ist, der jeden Ball sauber in die Dreifachdeckung bekommt. Eindeutig geht Newton auch der letzte Zapfen Spielintelligenz ab und er lässt sich ganz gern auch mal von einfacheren Abwehrschemen verarschen. Newton ist nicht der große Student des Spiels und ist manchmal aufreizend lässig, aber hey: Er kann sich das leisten.

Beweglichkeit und, noch besser, die Option auf 1A-Scrambles, sind Voraussetzungen, die viele dieser Probleme kaschieren. Sie sind positive Attribute, die ein NFL-Quarterback haben kann. Newton hat sie, und es ist dadurch kein allzu großer Schaden, wenn er nicht die präzisesten Pässe der Liga wirft: Carolina kann nämlich die Offense so designen, dass sie offener wird als mit einem generischen Pocket-Passer. Beweis sind die letzten beiden Jahre und die Offensivsysteme, die mittlerweile in anderen Orten Einzug gehalten haben. Wie lange der Trend anhält und ob die Defenses darauf eine schnelle Antwort finden, bleibt abzuwarten, aber ein gewisses Maß an Vorsprung haben sich Scramble-QBs immer schon erarbeitet.

Newton ist auch kein Fragilchen wie ein RG3, um dessen Knochen man bei jeden Sprung ins Getümmel Angst haben muss. Newton ist selbst ein Brocken von Mann, der austeilt. Und er scrambelt intelligent, geht den übelsten Hits ganz gut aus dem Weg, rennt nicht mit 180 Sachen blindlings in die Scheiße. Verletzungsgefahr bleibt, aber sie ist bei Newton minimiert.

Es bleibt festzuhalten, dass Newton nach zwei Jahren gewaltige Effizienz-Zahlen eingefahren hat, noch dazu mit einem bestenfalls lauwarmen Supporting-Cast. Newton hat eine durchschnittliche Turnover-Anfälligkeit. Ballsicherheit und Risikomanagement sind ausbaufähig, aber nix nervös zu werden. Newton ist noch längst nicht mit der Konstanz da, wo ein Rodgers oder Brees sind, aber er bietet einem Coach an, eine Offense allein um ihn herum zu bauen – ein Luxus, den nur wenige Teams haben; zum Beispiel ist das nichtmal in Atlanta der Fall, wo man Matt Ryan teure Waffen geben musste um ähnlich effizient zu spielen.

Newton ist einer der faszinierenden Spieler vor dieser Saison 2013. Er hat alle Tools der Welt. Er muss allerdings mit zwei Schwierigkeiten fertig werden: Erstmals hat er nach Chudzinskis Abgang einen neuen Offensive Coordinator. Und dann ist da noch die Lokalpresse, die sich immer mal wieder gerne auf Newton einschießt – die alte Leier bei Jungs, die ihren eigenen Kopf haben und nicht nach der Pipe der Journaille tanzen. Bei arroganten Jungs wie Newton sicher noch schwerer.

Cameron Newton hat bei mir schon gewonnen. Er hat in den zwei Jahren ausreichend gezeigt, dass die meisten Befürchtungen überflüssig waren. Er hat genügend angedeutet um einen #1-Draftpick zu rechtfertigen. Der letzte Schritt zum Elite-QB (sagen wir: Top-5 auf Jahre hinaus) fehlt freilich noch, aber wenn wir das nach zwei Jahren erwarten, legen wir die Latte bei ihm höher als bei allen anderen.

Vielleicht schafft er den Sprung dorthin nie (nur fünf können die Top-5 bilden!), aber das Experiment Cam Newton ist den Versuch wert und noch besser: Auf gutem Wege, zu gelingen.