Chip Kellys Offense: Klatsch und Tratsch (1)

Disclaimer: Der Artikel ist als Fortsetzung des Kelly-Eintrags vom März 2013 zu verstehen. Wer den noch nicht gelesen hat, ist dazu angehalten.

Es geht heute um ein paar Gedanken, ein Assoziationsblaster, zu Kellys Offense, und unten noch einen lesenswerten Link. Ich hab oben eine (1) gesetzt, weil ich möglicherweise mal eine Fortsetzung schreibe. Das heute ist ohne viele Bildchen eine simple Gedankenansammlung, die ich mir aus dem Schauen vieler Oregon-Spiele gesammelt habe, und auch aus einem sehr faszinierenden Kelly-Vortrag, den ich mir vor eineinhalb Jahren mal als Videoclip auf irgendeinem Pac-10 Board reingezogen habe. Ich weiß nimmer alles, aber ich will auch nur ein paar Eindrücke rüberbringen.

Chip Kellys Offense ist vermutlich die beste Einstiegsdroge um in die Faszination Football einzusteigen. Nirgendwo sonst gibt es solchen atemberaubenden Speed. Die Offense ist eigentlich sogar relativ simpel gestrickt, aber sie ist trotzdem nicht leicht zu sezieren.

Chip Kelly - Foto: Wikipedia.

Chip Kelly – Foto: Wikipedia.

Chip Kelly spielt in seiner Offense kein System. Er spielt nicht nur Zone-Read. Wie ich schon im März schrieb: Kelly spielt Mathematik. Wie verbessere ich numerisch meine Chancen gegen die Defense? Kelly legt viel Wert auf Training: Wer perfekt die Plays ausführen kann, hat die besten Chancen. Er spielt nicht viele Plays. Er spielt jene, die der Situation angepasst sind. Dabei ist es wichtig, dass seine Spieler verstehen, warum welche Plays wann zu spielen sind. Kelly kann exzellent erklären. Erklärung ist im wichtig. Er interpretiert sich nicht als klassischer instructor, der Anweisungen gibt, sondern als Lehrer. Die Spieler sind seine Schüler. Sie sollen in der Prüfung nicht auswendig den Lösungsweg runterkritzeln, sondern den Sprung von (a+b)² zu (a+b)(a+b) und (a²+b²+2ab) erklären. Wie biste da hingekommen? Warum laufen wir gegen eine 3-3 Defensive Front mit Nose Tackle einen Inside-Zone Play? Und warum laufen wir ihn so wie wir ihn laufen?

Kelly kennt im Kern nur vier Laufspielzüge: Inside-Zone, Outside-Zone, Counter, Draw. Das reicht. Diese vier Spielzüge müssen perfekt drauf sein. Die Spieler müssen genau wissen, was wann zu tun ist. Sie sollen sich nicht sekundenlang mit dem Lesen der Defense beschäftigen. Das muss intuitiv gehen. Du siehst im A-Gap eine heiße Schnitte, also lauf dorthin.

Im A-Gap sind zwei Blocker angehalten, den Nose Tackle zu blocken. Zwei. Wir haben den einen Mann identifiziert, der ganz sicher ausgeschaltet werden muss. Und es muss ein Defense Liner sein. Defense Liner machen Tackles für Raumverlust, wenn du sie nicht kontrollierst. Wenn der Linebacker den Tackle macht – bitte. Der kriegt mich erst frühestens 3yds nach der Anspiellinie zu fassen, da hab schonmal auf alle Fälle nicht verloren. Also, liebe Blocker: Lasst vom Double-Team erst dann ab, wenn einer von euch den Nose Tackle  100%ig im Griff hat. Dann sind wir wenigstens pari. Raumverlust ist tödlich. Wir brauchen eine Situation, von der aus wir beginnen können zu gewinnen.

Den Rest müssen die Ballträger machen. Ballträger sind bei mir in allerallererster Linie die Running Backs. Wer sagt, mein Quarterback muss scrambeln können, liegt falsch. Mobilität ist eine erwünschte Nebenwirkung, aber für meinen Laufspielzug nicht lebenswichtig. Ich schaue mir an, welchen RB-Typ ich habe. Ist er schnell, stelle ich ihn einen Schritt weiter nach hinten, damit er Fahrt aufnehmen kann. Ist er langsamer, eineinhalb Schritte nach vorne. Ich will, dass der Back 100% Speed aufgenommen hat, wenn er im A-, B- oder C-Gap ist.

Bei der Ballübergabe muss er 85% Speed haben. Nicht 83.7%, sondern 85%. Damit wir nicht Unschärfe reinkriegen, muss der Spielzug perfekt drauf sein. Es muss alles passen. Vollspeed erst im Gap. Nicht vorher. Das ist verschwendete Kraft.

Inside Zone Play

Der Inside-Zone Play ist Chips Lieblingsspielzug, und auf ihm fundiert die Offense. Es ist der Spielzug, bei dem der eine Defense Liner (z.B. in einer 3-3 Aufstellung der Nose Tackle) als Opfer für ein Double-Team rausgesucht wird. Es ist kein technisch feiner Spielzug, sondern ein wuchtiger. Wir erkunden nicht die Landschaft, sondern starten downfield. Alle wissen das. Aber wir haben einen Vorteil: Wir spielen Spread-Offense. Das heißt, die Defense kann nicht acht, neun Mann in die Box stellen. Tut sie das, werfe ich rechts raus, und mein Receiver läuft 50yds ungedeckt zum TD durch.

Die Offense Line muss perfekt abgestimmt sein. Der Center muss die Ansage machen, wer mit wie vielen Leuten geblockt wird. Die Offense Line muss funktionieren. Bringen sie fünf Mann in die Box, haben wir leichtes Spiel. Sind es sechs, kommt der Quarterback oder Tight End in die Verlosung. Er muss den sechsten Mann lesen. Hier habe ich einen Vorteil, wenn mein QB mobil ist. Er kann den sechsten Mann nicht blocken, aber er kann den Ball behalten und selbst die paar Schritte laufen. Was mir immer hilft: Mein Tight End. Der blockt einfach seine Seite. Der Tight End muss ein guter Blocker sein.

Chip kratzt sich nicht um Over- oder Under-Fronts. Er lässt seine Offense Liner einfach die Verteidiger in der Box abzählen. As long as jeder Blocker bis seine Griffel bis zumindest acht oder neun abzählen kann und nicht nach „vier“ die „sechs“ kommt, funktioniert dieses stupide einfache System. Was es noch braucht: Einen Konter. Kelly benützt viele Play-Action Spielzüge und Rollouts und Bootlegs. Die sorgen dafür, dass die Defense wachsam bleiben muss. Du kannst dich nicht drauf verlassen, dass der Inside-Zone Play über die Mitte auch kommt, nur weil die Offense ihn optisch vorgibt.

Der Inside-Zone Spielzug selbst hat viele Ausprägungen, weil es einige Optionen („options“) gibt. Die letzte Option ist dabei meistens, dass der QB den Ball behält. Wie schon geschrieben: Im Regelfall soll der RB den Ball tragen. Für Chip ist die Kommunikation wichtig. QB und RB müssen brutal gut miteinander kommunizieren. Sie müssen reden, auch im Moment der Übergabe. Chip lässt QB und RB immer und immer wieder den Snap und die Ballübergabe trainieren. Der QB muss sich zu „drei Viertel“ auf den Snap konzentrieren und zu „ein Viertel“ die Defense (meistens im Inside-Zone Play: Den DE auf der Rückseite des Spielzugs) im Auge behalten. Damit der QB das Multitasking so gut wie seine Freundin drauf hat, wird er gedrillt, gedrillt, gedrillt. Die Snaps im Training werden absichtlich unsauber geworfen, damit er fokussiert bleibt, auch wenn was schief geht.

Outside Zone Play

Stehen die Safetys der Defense weiter vorne, wird aus dem Inside-Zone Play ein Outside-Zone Play. Dabei bleibt „pre-snap“ alles gleich: Alle lesen dieselben Dinger. Aber nach dem Snap ändern sich die Würfel. Der Spielzug soll sich schließlich nicht nach innen entwickeln, sondern nach außen. Chip will um die Außenschultern der Defensive Liner herumlaufen. Nach drei Schritten muss dem Runningback klar sein wohin die Reise geht. Gelingt es ihm um die Line herumzulaufen, ist gut. Wenn nicht, einfach 90 Grad abbiegen und straight in die Fresse der Defense Line laufen, um einen Raumverlust zu vermeiden. Wir können unmöglich zulassen, dass uns die Defense-Front übermannt. Daher stellen wir für gewöhnlich die beiden Backs (QB, RB) einen Schritt weiter vorne auf. Dann sind wir schnell an der Anspiellinie.

Aber wir spielen nicht nur diesen Spielzug aus dieser Formation. Wenn die Abwehr sofort erkennen kann, dass wir anhand unserer Aufstellung einen Outside-Zone Play laufen, hätten wir verloren. Deswegen: Die Defense darf an unserer Aufstellung nicht unsere Intention erkennen. Versucht es die Defense trotzdem, verbrennen wir sie. Denn während sie die eine Sekunde drüber nachdenkt, laufen wir bereits über sie drüber.

Das sind alle so Eindrücke, die mir ausm Petto heraus zu Chip Kellys Lauf-Offense einfallen. So denkt Chip. Man merkt hoffentlich: Es muss auf dem Feld alles schnell gehen. Wenn deine Ideen so einfach sind, musst du sie perfekt ausführen. Und je schneller du sie ausführen kannst, desto besser. Daher ist Kellys Spielzugdesign das eine. Das Andere ist der Speed. Der Speed im Spielzug. Der Speed zwischen den Spielzügen. Die Referee-Aussagen „das Tempo im Spiel machen wir, nicht Chip“ sind somit durchaus ein Faktor. Ich halte die Aufregung für überzogen, da Offenses wie New England die Geschwindigkeit auch schon seit Jahren durchziehen, aber es ist ein Faktor.

Die Konzepte von „Spread“ und „Speed“ müssen bei Chip Kelly verheiratet sein, damit dieses Offensiv-System funktionieren kann. Dadurch wird die Defense in ihren Optionen limitiert: Sie kann weniger wechseln, sie hat weniger Zeit, zu tarnen und muss ihre Intentionen schneller preisgeben. Die Offense hat mehr Zeit, schon vor dem Spielzug den entscheidenden „Read“ zu machen und muss hinterher „nur noch“ perfekt ausführen. Für den letzten Teil ist intensives Training wichtig. Und weil die Trainingszeit mit hohem Tempo besser genutzt ist, haben wir auch gleichzeitig das „Speed“-Konzept mit trainiert. Eine perfekte Symbiose.

Das sind alles Gedanken, die bei Chip Kelly und den Eagles reinspielen. Es ist für die NFL nicht mehr komplett revolutionär, weil New England (Belichick gilt als Bewunderer von Chip Kelly) das seit 2-3 Jahren dort spielt. Trotzdem wird es spannend, wie Kelly sich den Herausforderungen der NFL stellt, und wie sich die NFL den Herausforderungen von Kellys Ideen stellt.

Und jetzt nochmal

Die Executive summary ausnahmsweise nochmal hinten ran: Kelly ist nicht gebunden an die „Zone-Read“ Offense. Es sind Elemente davon vorhanden. Kelly hat vier Run-Plays, auf denen die Offense gründet (Inside-Zone, Outside-Zone, Counter, Draw). Es wird nur das Notwendigste gelesen („read“). Der Rest ist Ausführung. Bäm, bäm, bäm. Wehe, du kassierst Raumverlust. Dann gibt’s sehr warme Worte. Wenn sie uns im ersten oder zweiten Down stoppen, haben wir ein Problem. Minimum 3yds musst du kriegen, andernfalls riskieren wir den Punt.

Ich hoffe, man versteht anhand dieser Ausführungen, warum für Kelly die Offense Line so wichtig ist. Warum sie bullig sein muss. Warum die Runningbacks flink sein müssen. Warum auch die Receiver als gute Blocker gefragt sind. Warum der QB kein Super-Scrambler sein muss. Wenn nein: Einfach mal die Eagles (oder Oregon Ducks) anschauen, und in drei Wochen nochmal hier drüberlesen. Oder fragen.

Das Bild wird sich schärfen. Im ersten Moment hat noch niemand das gesamte Wesen von Chip Kellys atemberaubender Offense verstanden.

Wer eine etwas sophistischere Erklärung mit Bildchen, GIFs und Screenshots zu Chips Offense und ihren ersten Ansätzen in der NFL lesen will, ist wie immer bei Chris Brown (Smart Football) am rechten Ort. Der hat am Montag die ersten Eindrücke der Eagles-Offesne 2013 in einem erstklassigen Artikel bei Grantland verschriftlicht: Same Old Chip.