NFL Close Win Percentage: Würfelspiel

Ich habe oft darüber geschrieben, wie viel Zufall im Ausgang eines NFL-Spiels und einer NFL-Saison stecken. Dieser Anteil Zufall an ersterem erklärt sich größtenteils so: Die Qualitätsunterschiede zwischen den NFL-Franchises sind zwar existent, aber relativ gering, weswegen die meisten Spiele über lange Zeit sehr eng bleiben. Das führt oft dazu, dass überwiegend schwer kontrollierbare Dinger wie Fumbles, Interceptions oder ein langer Return zur rechten Zeit Spiele zwischen zwei gleich guten Teams entscheiden. Der Zufall über die Saison ist dann ein Produkt der wenigen Spiele: 16 pro Team. Das ist wahnsinnig wenig für eine Liga, in der dann drei, vier geglückte Spielzüge zur rechten Zeit aus einem 5-11 Team mit Top-10 Draftpick ein 9-7 Team für die Playoffs machen kann.

Es hat sich gezeigt, dass zwischen 40% und 50% einer Saisonbilanz eines NFL-Teams mit Zufall erklärt werden können, vom richtigen Hüpfer des Eies im rechten Moment. Es hängt vielleicht nicht direkt damit zusammen, aber rein zufällig sind in jedem der letzten elf Jahre NFL (seit die NFL mit 32 Teams spielt) zwischen 45% (in absoluten Zahlen: 117) und 53% (absolut: 136) Spiele mit maximal einem einzigen Score Differenz (also 8 Punkte) entschieden worden.

Diese knappen Spiele sorgen auf diesem und anderen Blogs immer wieder für kontroverse Diskussionen. Die eine Fraktion hält die dicken Eier in der Crunch Time für eine herausragende Qualität, die nur wenige haben; die andere hält den Ausgang dieser knappen Spiele für überwiegend zufällig. Schauen wir uns alle Bilanzen aller Franchise in diesen engen Spielen über die letzten elf Spielzeiten an (zum Vergrößern bitte klicken):

NFL Close Win Index 2002-2012. "Anzahl" beschreibt die Summe aller engen Spiele jeder Franchise über den Zeitraum 2002-2012; OVR ist die Gesamtbilanz 2002-2012; CW% ist die Close-Win Percentage.

NFL Close Win Index 2002-2012. „Anzahl“ beschreibt die Summe aller engen Spiele jeder Franchise über den Zeitraum 2002-2012; OVR ist die Gesamtbilanz 2002-2012; CW% ist die Close-Win Percentage.

Korrelieren wir nun alle Bilanzen einer Franchise aus einer Saison (n) mit der jeweiligen Nachfolgesaison (n+1), also Arizonas 2002 mit 2003, Arizonas 2003 mit 2004 usw. für alle Teams, erhalten wir bei den 320 Pärchen eine Korrelation von 0.04; das ist quasi Münzwurfniveau. Ein Team, das in einer Saison, sagen wir, 8-0 in engen Spielen war, von dem würde man erwarten, in der zweiten Saison eben doch nur wieder 4-4 darin zu sein. Ebenso bei einem 0-8 Team: Von dem erwartet man sich in der nächsten Saison eben auch wieder ein 4-4.

Das bedeutet (Achtung, Annäherung): Ein Team, das in der ersten Saison eine Standardabweichung über der erwarteten Close-Win-% von .500 ist, ist in der zweiten Saison trotzdem nur wieder 0.04 Standardabweichungen darüber zu erwarten, also quasi wieder genau bei .500. Das ist Regression zur Mitte par excellence. Das ist, wenn die Korrelation fast genau null ist.

Das legt den Schluss nahe, dass der Ausgang von engen Spielen in einer von Parität regierten Liga wie der NFL unkontrollierbar ist. Dass der Record in engen Spielen von fast allen Teams auf lange Sicht gen .500 tendiert, bestätigt diese Annahme.

Die Ausnahmen

Teams wie New England unter Belichick/Brady oder Indianapolis unter Peyton Manning haben erstaunlich hohe Win-%. Sie könnten besonders „Clutch“ sein, aber auf der anderen Seite sind ihre Power-Ranking-Werte durch die Bank weit überdurchschnittlich, sodass man auch argumentieren kann: Sie gewinnen mehr enge Spiele, weil sie bessere Teams sind und damit per se die höhere Chance auf den Sieg haben. Umgekehrtes ist bei den Buffalo Bills zu beobachten: Sie haben eine unterirdische Bilanz. Kann das daran liegen, dass die Bills seit vielen, vielen Jahren stets im unteren Viertel der Advanced-Stat Sheets liegen? Dass sie einfach stets ein schlechtes Team hatten und daher für sie ein „knappes Spiel zu bestreiten“ per se schon als Erfolg zu werten war? Letztere Erklärung scheint mir in beiden die Fällen die plausiblere zu sein.

5 Kommentare zu “NFL Close Win Percentage: Würfelspiel

  1. Könnte nicht eine weitere Erklärung für einen Teil der engen Spiele sein, dass die „besseren“ Teams häufig mit 2-3 Touchdowns im letzten Viertel führen und dann ein wenig lascher spielen, sodass das „schlechtere“ Team wieder auf einen Score Differenz herankommt?

    Wieviel machen denn solche Spiele an den hier aufgelisteten Spielen aus. Könnte man ja zum Beispiel insofern identifizieren, als dass man schaut, wie häufig bei diesen Spielen mit einem Score Differenz die führende Mannschaft in den letzten Minuten vor dem Schlusspfiff in Ballbesitz war und einfach die Zeit runterlaufen ließ. Solche Spiele sollten doch eigentlich nicht in diese Berechnung mit eingehen, da sie eben gerade nicht „enge“ Spiele waren…

  2. Dass die engen Spiele nur ein Indiz sind, aber kein vollständiges Beweismittel, haben wir glaube ich schon einige Male auf diesem Blog diskutiert.

    Am Beispiel der Indianapolis Colts sieht man, dass es vorkommt. Aber in 92 am Ende „engen Spielen“ waren sie nur 9x nach dem dritten Viertel mit zehn oder mehr Punkten vorn. Das ist relativ selten, vor allem, weil ein 10pts-Führung durchaus keine sichere Tüte ist, die man als sich anbahnenden Blowout sehen könnte:

    Bei den Patriots war es z.B. etwas häufiger (16x in 73 Spielen mit 10 oder mehr Punkten, die am Ende noch enge Spiele wurden). Aber an den Pats sieht man auch: 10pts sind keine sichere Kiste (2 der 16 Spiele haben sie noch verschenkt und verloren).

  3. Das sind ja alles nette Spielereien nur alleine
    Was haben Turnover, Returns mit Zufall zu tun ?

    Da reicht z.B. ein Blick auf Charles Tillman. Der macht daraus eine Meisterarbeit Turnover „zu erzielen“.

  4. Alles hat mit Zufall zu tun., manches mehr, manches weniger. Kein Mensch ist eine Maschine, die immer 100% ihrer Leistungsfähigkeit abrufen kann. Selbst die besten QBs bringen nur 70% der Pässe an den Mann, und es ist zum großen Teil zufällig, wenn die 30% Incompletions kommen.

    Bei vielen Dingen gleicht sich das Zufallselement mit der Zeit aus, siehe: Gesetz der großen Zahlen, Regression zur Mitte.

    Die NFL hat aber nur wenige Spiele, und somit ist vergleichsweise viel Raum für Zufälle. Interceptions, Returns, enge Spiele usw. sind alles Dinge, die nur in kleinen Mengen vorkommen. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass eine NFL-Mannschaft in 10 Saisonspielen 9-1 in engen Spielen ist als dass sie in 100 Spielen 90-10 ist (s.o. Colts als meilenweit bestes Team kriegen es „nur“ auf 70%).

    Dito Fumbles: Es werden nur in ca. 1,5% der Spielzüge Fumbles erzwungen, das sind pro Team zirka 40 jede Saison (bei je 1000 Spielzügen in OFF und DEF). Über die lange Sicht ist die Fumble-Recovery danach ein Münzwurf (50% Chance). Aber in einer einzigen Saison kann schonmal ein Team 70% der Fumbles erobern und somit statt der erwarteten 20 Fumble-Recoverys eben 28 haben und somit 8 reine Zufalls-Turnovers mehr als erwartet. Frag nach bei den Detroit Lions (letztes Jahr nur 9 von 33 Fumbles aufgenommen!).

    Natürlich ist es möglich, mit Scheming oder besonderen Fangkünsten eines Spielers mehr Interceptions zu fangen als der Durchschnitt. Aber wenn ein Tillmann und ein Rashean Mathis jedes Jahr nur ca. 80 Bälle gegen sich geworfen sehen, kann ein Steinhand wie Mathis schonmal in zwei oder drei Jahren mehr INTs fangen als Tillman. Wenn beide jedes Jahr 800 Bälle gegen sich sehen würden, würde Tillman fast sicher jedes Jahr mehr INTs fangen. Siehe Gesetz der großen Zahlen.

    ich bezweifle auch nicht, dass es Kicker mit besserer oder schlechterer Accuracy gibt oder bessere und schlechtere Returner. Aber weil beide Sorten nur recht wenige Versuche jedes Jahr haben und dazu viel Einfluss von unkontrollierbaren Elementen (Kicker: Wind, Distanzen / Returner: Kickofflänge, Punt Höhe, Punt Platzierung, Blocking-Unit usw.), zeigt sich das in den maximal 40 Versuchen pro Jahr nicht auf dem Stat-Sheet.
    usw. usf.

  5. Noch ein Zusatz zum genannten Beispiel Tillman: Dessen 10 forcierte Fumbles im letzten Jahr schreien nach Regression zur Mitte. Sie sind für Tillman (der konstant 4 FF pro Jahr hat) ein gigantischer Ausreißer nach oben. Jede Wette, dass es diese Saison näher an der Zahl „4“ ist als an der „10“, was FF bei Tillman 2013 angeht.

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