The Countdown, T-minus 6: Georgia Bulldogs

The Countdown

#6 Georgia Bulldogs.
SEC, Eastern Division.
2012: 12-2.

Die Georgia Bulldogs kommen mal wieder aus einer Saison Marke „fast dran gewesen“: Die Jungs von Head Coach Mark Richt spielten eine überwiegend wechselhafte Saison mit großartigem Schlussspurt, qualifizierten sich primär dank ihres recht einfachen Schedules anstelle von Florida oder South Carolina für das SEC-Endspiel, und spielten dann ein derart faszinierendes Endspiel gegen Alabama, dass jedem Kritiker die Spucke im Hals stecken blieb: Im besten Footballspiel der kompletten letzten Saison verlor man nach einem grandiosen Spielverlauf erst im allerletzten Spielzug wenige Yards von der EndZone des hohen Favoriten Alabama entfernt knapp 28-32.

Richt hängt quasi seit jeher der Ruf des Ewigen Zweiten nach, ein Coach, dessen Mannschaften Jahr für Jahr die hohen Erwartungen nicht erfüllen können. In einer Footballschmiede wie Georgia, dem Epizentrum des College Football, sind die Fans erst dann zufrieden, wenn nach über 30 Jahren mal wieder ein National Title geholt wird; Richt hat das in über einem Jahrzehnt nicht geschafft, aber seit zwei, drei Jahren hat er wieder einen meisterhaften Spieler- und Trainerkader beisammen und glänzende Voraussetzungen, auf Jahre oben mitzuspielen.

Die Offense hat Potenzial, die beste im College Football zu sein: OffCoord Mike Bobo, obwohl in weiten Teilen der College-Community mit argwöhnischen Augen bedacht, gilt unter neutralen Beobachtern als Genie, was Spielzugdesign und -ansagen angeht (Bobo hat keine Furcht vor aggressiven PlayCalls), und Bobo hat in den letzten zwei Jahren immer größeres Vertrauen in seinen QB Aaron Murray gezeigt. Murray ist vielleicht nicht das großartige NFL-Prospect wie ein Andrew Luck, aber Murray ist ein cooler Hund mit präzisen Pässen und bewies im SEC-Finale eisenharte Klöten in der Crunch-Time.

Murray wird sein letztes Jahr am College spielen, und er wird bessere Unterstützung als letztes Jahr haben, als Georgia eine Top-5 Offense besaß: Die RB-Combo Gurley/Marshall gehört zum feinsten, was man bestaunen kann. Letztes Jahr waren beide Jungs Freshmen, und während Todd Gurley der brachiale Power-Back ist, gibt Keith Marshall den change-of-pace-Back für die großen Raumgewinne zwischendurch.

Der WR-Corp ist NFL-reif: Mitchell dürfte der neue #1-Mann werden, während in der Hinterhand sensationelle Sprinter wie Chris Conley und mehrere Top-Recruits auf den Durchbruch hin arbeiten. TE Arthur Lynch dürfte in spätestens zwei Jahren die NFL aufmischen. Es ist eine Offense, die zu denen gehört, auf die ich mich am meisten freue. Einziges Problem ist die geringe Kadertiefe hinter den ersten beiden Running Backs, bzw. die Frage, was passiert, wenn Murray mal ausgeknockt wird.

Die Defense war in der letzten Saison über weite Strecken der Schwachpunkt, bis sie im letzten Saisondrittel zündete und über die Einmann-Abrissbirne Jarvis Jones hinaus ging. Jones ist nun wie auch LB Alex Ogletree, S Bacarri Rambo oder DT John Jenkins und einige andere in der NFL. In allen Mannschaftspositionen (DL, LB, DB) kommen jeweils vier der besten fünf Spieler  abhanden, was automatisch den Fokus auf das richtet, was in der SEC wirklich wichtig ist: Recruiting – und da gilt Georgia unter Richt als famos.

DefCoord ist Todd Grantham. Grantham könnte hie und da etwas Nachhilfe in Sachen anger management gebrauchen, und was seine Qualitäten als Football-Stratege angeht, bin ich mir auch noch nicht gänzlich im Klaren: Die Georgia-Defenses der letzten Jahre wirkten nur selten wie eine in sich homogene Einheit, in der alle Star-Athleten wussten, was sie zu tun hatten.

Potenzieller Stolperstein könnte der Schedule werden: In einer Saison, in der insbesondere die Defense die eine oder andere Woche brauchen wird, um sich einzugrooven, geht es in den ersten vier Spielwochen mit Kalibern wie @Clemson, South Carolina und Louisana State los – nur absolute Spitzenmannschaften kommen da ungeschlagen durch. Wenn Georgia durchkommt, wartet aber nur noch Anfang November Rivale Florida in der Cocktail-Party in Jacksonville als möglicher Plumpser auf dem Weg zum erneuten Divisionssieg.

Wie schon geschrieben: Die Offense ist möglicherweise fantastisch, die Defense ein einziges großes Fragezeichen. Mit voller Überzeugung will ich Georgia noch nicht ins SEC-Finale schreiben, aber es schlummert Potenzial für Großes in dieser Mannschaft.

The Countdown, T-minus 7: Texas A&M Aggies

The Countdown

#7 Texas A&M Aggies.
SEC, Western Division.
2012: 11-2.

Manchmal muss man zu seinem Glück gezwungen werden: Die Texas A&M University vollzog nach langem Hickhack 2012 den überfälligen Wechsel in die Southeastern Conference (SEC), und ist nur ein Jahr später eines der strahlenden Kinder des College-Football: Das Debütjahr im Kronjuwel aller Conferences gelang, man ist plötzlich wer und sexy genug, dass landesweit die Teenies anstehen und für die Aggies spielen wollen. Mit dem frisch gebackenen HeismanTrophy Sieger QB Johnny Manziel („Johnny Football“) hat man die heißeste Ware im College Football, und einen, von dem sich die halbe weibliche Anhängerschaft schwängern lassen möchte.

Ich hatte einen dermaßen souveränen Einstand das Aggies in der SEC nicht erwartet, wenn ich auch häufig darüber schrieb, dass Texas A&M letztes Jahr massiv unterschätzt worden war (2011 war man mit 7-6 Siegen zirka drei bis vier Siege zu schlecht weg gekommen). Aber es kam dann alles noch den Tick besser als beschrieben: Der neue Head Coach Kevin Sumlin, eine coole Socke mit seinen Sonnenbrillen am Seitenrand, machte aus einem Kader, der zuvor deutlich unter den Erwartungen geblieben war, über Nacht einen Giganten, der zum Saisonhöhepunkt die Festung von Alabama stürmte und die hoch gelobten Crimson Tide in deren Hütte platt machte. Die einzigen beiden Niederlagen waren knappe Dinger gegen Florida und LSU, als jeweils der Freshman Manziel Lehrgeld zahlte und sich verarschen ließ.

Johnny Football

Johnny Manziel - Bild: Wikipedia.

Johnny Manziel – Bild: Wikipedia.

Überhaupt Manziel: Das ist der legitime Nachfolger des Brett Favre, ein unbekümmerter Spaß-Footballer, der sich nicht um Konventionen schert, sondern einfach drauflosspielt, -scrambelt und -wirft, und mit unterhaltsamen Tweets ein gefundenes Fressen für den Boulevard ist. Manziel kam aus einer wohlhabenden Familie, beeindruckte im ersten Sichtungstrainingslager und groovte sich blitzschnell in die Mannschaft. Manziel ist mit seinen knapp 1,80m kein typischer Quarterback, hat keine typische Wurfbewegung, ist kein überirdischer Sprinter, aber er ist wuselig und hat ein Näschen dafür, im rechten Moment loszulaufen, und wenn dieser „rechte Moment“ die letztmögliche Zehntelsekunde in einer zusammenklappenden Pocket ist.

Ob es für die NFL reicht, da reden wir in ein paar Jahren nochmal drüber. Manziel könnte am Saisonende in die NFL wechseln. Erstmal ist abzuwarten, ob die Rakete Manziel überhaupt noch ein zweites Mal zündet, nachdem die Gegner aktuell gerade fleißig am Studieren seiner Tapes sind.

Oder ob sie zünden darf: Manziel steckt mittendrin in Anschuldigungen um bezahlte Autogrammstunden – ein No Go in der Welt der NCAA. Es ist das alte Manziel-Problem: Der Junge ist neben dem Feld so, wie er drauf ist. Es gibt für ihn kein Morgen. Kein langes Überlegen. Ich lebe hier und jetzt und ich mache, was ich will. Ob es Feten auf dem Campus vom Erzfeind Texas, lustige Twittereien oder ein Sauforgie mit Nachwehen beim „QB-Camp“ der Manning-Brüder ist, oder eben Autogramme – Manziel schert sich nicht um Konsequenzen. Ich beleidige meine eigene Universität? Weil ich es will!

Der Rest im Aggieland

Für Sumlin und Manziel gilt es, die Abgänge von OffCoord Kliff Kingsbury (wird Chefcoach bei Texas Tech), LT Joeckel, RB Michael und WR Swope zu kompensieren. Bei ersterem tappe ich im Dunkeln, weiß nicht, was zu erwarten ist; Sumlin hatte auch ohne Kingsbury großartige Offenses unter seinen Fittichen. Zweiteres wird nicht schwierig, nachdem mit OT Jake Matthews ein weiterer Tackle im Kader steht, der im NFL-Draft in den Top-10 vom Tablett geht. Auch das dritte dürfte machbar sein: RB Ben Malena trug schon letztes Jahr die meiste Last, und in der Hinterhand wartet mit RB Trey Williams einer der spektakulärsten Spieler, die ich bisher gesehen habe. Williams war ein „five star recruit“, d.h. gehörte zur begehrtesten Gruppe an Jungs aus der Highschool. Damit nicht genug: Selbiges 5-Star Talent ist auch der andere Backup-RB, Brandon Williams, auch Sophomore, auch ein Williams. Zwei der heißesten Backs des Landes, und beide sind Backups!

Bei den Receivern muss sich Texas A&M größtenteils auf unerfahrene Jungspunde stützen. Der erfahrenste der angedachten Starter ist mit WR Mike Evans ein Sophomore (Junge, der ins zweite Jahr geht). In der breit aufgestellten Spread-Offense von HC Sumlin aber normalerweise kein allzu großes Problem.

Die Fragezeichen beschränken sich neben dem bangen Warten, ob Manziel seine Form halten kann, vor allem auf die Defense: Es gibt fast keine Defensive Tackles mit Spielpraxis, und in Damontre Moore ist der wichtige „hybrid-DE/OLB“ weg. A&M spielt eine interessante 3-4 Defense mit vielen Aufstellungen mit vier Mann in der Line, und lebt davon, mit maximal drei, vier Leuten Druck zu machen. Wenn du aber so wenig Tiefe im Kader hast, biste spätestens nach den ersten zwei Verletzungen auf den Felgen beziehungsweise möchtest du keine sieben, acht Spiele bestreiten, in denen es bis fünf Minuten vor Schluss spannend ist.

Texas A&M hat eine spannende Mannschaft, die möglicherweise zu viele Flauseln (WR, LB) und zu wenig Kadertiefe für den BCS-Titel hat. Der Schedule sagt, du musst Alabama (daheim, am 14. September!) und LSU (auswärts) schlagen, willst du einen Freischuss auf die Kristallkugel. Wenn Manziel so unbekümmert bleibt und die Offense von Anfang an „klickt“ und die Defense zumindest akzeptable Form zeigt, ist alles drin. Auf der anderen Seite ist die Mannschaft einen Fetzen schlechter aufgestellt als letztes Jahr und man sollte von keinem Spieler erneut ein Saison von „Manziel 2012“-Kaliber erwarten – warten wir die Entwicklung einfach mal ab.