The Countdown, T-minus 4: Oregon Ducks

The Countdown

#4 Oregon Ducks.
Pac-12 Conference, North.
2012: 12-1.

Disclaimer: Ich habe den Eintrag schon heute morgen online gestellt und bin mir nicht 100%ig sicher, dass es Oregon sein wird. Aber Myerbergs Frage beantwortet sich so: Oregon mit 8 Seniors, 11 Juniors und 3 Sophomores. Ich denke, Myerberg hat nur die ersten beiden Zahlen verwechselt, nachdem die drei anderen verbleibenden Teams weiter von der Frage entfernt sind.


Manchmal braucht es ein Weilchen, bis man eine Entscheidung zu verstehen beginnt. Bei den Oregon Ducks aus der Pac-12 Conference dauerte es in etwa ein halbes Jahr, bis klar war, warum der superbe Head Coach Chip Kelly letztendlich doch so überstürzt den Weg in die NFL suchte und seine Ducks, sein Lebenswerk, hinter sich ließ: Kelly hatte ziemlich üble Recruiting-Verletzungen begangen, und sah sich einer Bestrafung durch die NCAA ausgesetzt, die ihn wahrscheinlich spätestens diesen Sommer eh den Job gekostet hätte: Kelly wäre vermutlich entlassen worden. Aber weil Kelly noch Ende Jänner den Weg zu den Philadelphia Eagles fand, blieben die (letztlich windelweichen) NCAA-Sanktionen gegen ihn gänzlich folgenlos und gegen die University of Oregon nahezu folgenlos.

Kelly bestimmte noch kurz vor Abgang schnell seinen Nachfolger, OffCoord Mark Helfrich, und verschwand. Helfrich übernimmt als neuer Head Coach den vielleicht besten Kader, den Oregon jemals hatte. Helfrich kennt die Kultur, die Denke an der Universität, und Helfrich schaffte es, den von vielen fürchterlich unterschätzten DefCoord Nick Aliotti im Trainerstab zu behalten. Denn das vergisst man im Angesicht der blendenden Oregon-Offense ganz gern: Die Defense ist mittlerweile auch eine der besten im Lande.

Zuerst aber zur Offense

Muss ich noch einmal meiner Begeisterung über die sensationellste, atemberaubendste Offense im American Football kundtun? Nein? Dann eben nur mehr so viel: Dieses Spread-Option-Laufspiel der Ducks, quasi ohne Huddle und ohne Verschnaufpause, ist meine Lieblings-Offense. Ever. Auch wenn sie noch keinen National Title auf dem Konto hat. Das muss sie auch nicht, denn Oregons Offense ist mehr, sie ist stilbildend und ein ästhetischer Hochgenuss. Wer über die Details lernen will, der sollte öfters mal bei FishDuck vorbeischauen oder in deren Archiv stöbern. Dort werden die Feinheiten auf adäquat amüsante Weise erklärt. Wer sich ganz ohne Lesen einfach nur unterhalten möchte: Bitte einschalten und Oregon zuschauen.

Der Angriff ist um die Hochgeschwindigkeits-Wusler im Backfield gebaut. Die Star-RBs der letzten Jahre, Lamichael James und Kenjon Barner, sind mittlerweile weg, was nicht weiter auffällt, da Jungs wie Byron Marshall, Ayele Forde oder Thomas Tyner nachrücken, alles Jungs, die unter 6 Fuß und 200 Pfund gelistet sind. Ach, und The Black Mamba ist da auch noch: Offensiv-Allrounder De’Anthony Thomas, der zirka ein Meter einunddreißig (glaubwürdige Körpermaße gibt es nicht) und zweiundvierzig Kilo leichte Super-Zwerg, eine unglaubliche Waffe, die alles kann: Sprinten wie der Weltmeister (7.5yds/Lauf), Fangen (mit 15% Anspielen der meistinvolvierte Ballfänger trotz weniger Snaps) und Returnen (bester Kick- und Puntreturner im Land). Einzige Frage bei der Black Mamba: Verkraftet Thomas eine deutlich heftigere Workload, nun, wo er nicht mehr bloß 92 Läufe und 55 Anspiele sehen wird?

Ein Charakteristikum der Ducks-Offense ist neben den kleinen Backs und 1-2 untersetzten Receivern eine massiv gebaute Offensive Line sowie ein Hüne auf Tight End. Bei Oregon 2013/14 wird dies der fast 2m große Colt Lyerla sein, der wie eine Schachfigur zwischen WR, TE und Fullback herumgeschoben wird und eine Art Aaron Hernandez minus Tattos und Knarren für diesen Angriff ist. Ein Name zum Vormerken.

Und weil wir grad noch die typischen Eigenschaften einer Ducks-Offense herunter rattern, wollen wir nicht außer Acht lassen, dass Oregon in den letzten Jahren etliche verschiedene Quarterbacks einsetzte, die alle a) mobil waren und b) funktionierten. Jeder einzelne. Der aktuelle QB ist der Sophomore Marcus Mariota, der bisher beste Quarterback, der diese Spread-Offense das Feld hinunter jagt, weil er nicht bloß ein erstklassiger Scrambler ist, sondern in erster Linie ein präziser, explosiver Werfer. Schwer zu sagen, ob Mariota NFL-Material ist, aber auf alle Fälle gibt er dank seiner Klasse als Werfer eine weitere gefährliche Dimension, die die Kollegen Dixon, Masoli und Darron Thomas vor ihm nicht soooo anzubieten hatten.

Oregons Offense steht etwas im Ruf, zuviel „Gimmick“ zu sein, weil sie gegen die erstklassigen Defenses manchmal Probleme hat. Ich halte das für selektive Wahrnehmung. Auch Alabamas Defense wird manchmal überrollt. Hätte Oregons Kicker nicht in den letzten beiden Jahren jeweils spielentscheidende Kicks in den letzten Sekunden versemmelt, die Ducks hätten drei BCS-Titelendspiele en suite bestritten, und niemand würde was Verdächtiges bemerken.

Es bleibt zu konstatieren, dass die einzige echte Schwäche dieser Offense dann zum Tragen kommt, wenn es der Gegner wirklich konsequent schafft, die ersten beiden Downs abzuwürgen. Dritter-und-lang, das schmeckt den Ducks nicht, obwohl Mariota ein guter Werfer ist, aber in diesen Situationen ist Oregon nicht „superb“, sondern schlicht „überdurchschnittlich“.

Defense

Ein oft unterschätzter Mannschaftsteil bei Oregon ist die Defense von DefCoord Aliotti. Sie gibt viele Punkte ab, u.a. weil sie wegen der schnellen Offense extrem viele Drives gegen sich ausgespielt sieht, aber sie ist konzeptionell genau an die Stärke der Offense angelehnt: Der Angriff gibt die Pace vor, die Defense ist in erster Linie darauf ausgerichtet, aggressiv das Big Play zu suchen. Obwohl „vorne“ nicht der größte Wirbel veranstaltet wird und obwohl die Linebacker ganz gerne mal einen Tackle versäumen: Die Secondary reißt alles wieder raus.

Turnovers kommen zum großen Teil in zufälligen Momenten, aber eine Defense kann darauf ausgerichtet sein, besonders viele Turnovers zu forcieren. Oregons „Back-Five“ spielt einen hopp-oder-topp-Stil, und was weiß ich, wie viele INTs die Jungs um den unglaublichen CB Ifo Ekpre-Olomu abfingen: Das hat System.

Großer Vorteil für die Ducks: Die neun besten Defensive Backs bleiben im Team. Schwerwiegendste Abgänge sind bei den Linebackers OLB Dion Jordan und Kiko Alonso. Es bleiben aber die nächstbesten sechs Front-7 Spieler im Kader, und sie alle sind Hünen wie Jordan: 2m Körpergröße und mehr. Kelly-Style at his best.

Ausblick

Diese meine ständige Kelly-Fokussierung ist kein Zufall. In dieser Ducks-Mannschaft schwebt weiterhin der Geist, die Philosophie Chip Kellys, der aus die vielen Millionen des Nike-Gründers Phil Knight und die Geduld im Biberstaat ausnutzte, um ein Powerhouse der ganz speziellen Sorte zu bauen: Nicht bloß alljährlicher Titelkandidat, sondern Vorreiter einer völlig neuen Footballkultur. Das NCAA-Damoklesschwert hilft mit zu erklären, weshalb Kelly seinen Lebensendejob in Eugene/OR aufgab um ins Haifischbecken NFL zu gehen, und dieser Abgang des großen Visionärs ist es auch, weswegen man etwas skeptisch ob Oregons BCS-Aussichten 2013/14 sein sollte.

Möglich, dass Helfrich den Laden zusammenhalten kann und sogar neue Impulse geben kann. Aber die Person Helfrich mixt auch eine Portion Unsicherheit in den Mischmasch Oregon. Nicht immer sind solche Trainerwechsel erfolgreich, schon gar nicht, wenn der Abgelöst die definierende Persönlichkeit des kompletten Programms war.

Möglich, dass die Ducks zur perfect season durchmaschieren. Der Schedule ist nicht der allerschwerste, aber der gefährlichste Gegner ist mit Stanford ein Auswärtsspiel… we’ll see.

The Countdown, T-minus 5: South Carolina Gamecocks

The Countdown

#5 South Carolina Gamecocks.
SEC, Eastern Division.
2012: 11-2.

Historisch gesehen sind die South Carolina Gamecocks aus Columbus/Süd-Carolina keines der ganz großen Programme im College-Football, was aber nicht heißt, dass Universität und Mannschaft nicht „ziehen“: Die Fanbasis gilt als extrem loyal und füllte die Hütte selbst in Zeiten, in denen man sieglos durch die Saison stolperte. Und seit mit Steve Spurrier ein ebenso kultiger wie klingender Name auf Head Coach übernommen hat, geht es auch sportlich nach oben.

Steve Spurrier wurde bekannt als einstiger Heisman-Trophy Sieger und späterer Coach-Revoluzzer, der der bodenständigen SEC das Passspiel beibrachte („Fun’n’Gun“-Offense). In South Carolina erinnert nicht viel an diese alten Zeiten, in denen Spurriers Mannschaften Wurfrekorde diverser Art sprengten und Titel abstaubten: Die Gamecocks brillieren vielmehr durch grundsolide exekutiertes Laufspiel, Fehlerminimierung und knackige Defense. In den letzten Jahren war man mehrmals nahe am Durchbruch, scheiterte aber immer wieder knapp, mal, weil man auf Übermannschaften im Conference-Finale traf, mal, weil man ungünstige Schedules spielen musste.

Heuer sieht man einen relativ einfachen Schedule: Man muss zwar in Woche 2 auswärts zum Divisions-Mitfavoriten Georiga, aber die beiden einzigen weiteren Kaliber, Florida und Clemson, bekommt man zuhause serviert. Mit Abstrichen UNC, Vanderbilt und Mississippi State (alle ebenso zuhause) sind die drei einzigen weiteren Teams, von denen man diese Saison Gutes erwarten würde.

Aber wie der Teufel es will, muss man haargenau diesmal mit einem personellen Aderlass fertig werden, der sich gewaschen hat. Der herausragende RB Marcus Lattimore ging in die NFL, aber er wäre wohl sowieso nicht fit gewesen und fehlte auch in den letzten Jahren immer wieder im Krankenstand. Vier der fünf besten Wide Receiver sind gegangen, die fünf besten Linebackers, der zweitbeste Defensive End (Devin Taylor) und der beste Safety (D.J. Swearinger) – das ist Material, das auch eine mittlerweile solide SEC-Uni nicht im Handumdrehen ersetzen kann.

Jadeveon Clowney

Der Mann, der trotzdem Hoffnungen auf eine große Saison macht, ist Superstar-DE Jadeveon Clowney, der als Top-Draftpick 2014 gilt und wirklich eine einzigartige Naturgewalt ist. Es gab in der Vergangenheit immer wieder freakige Athleten in der Defense, die alles in Grund und Boden spielten (vor einem Jahrzehnt Peppers, zuletzt Ndamukong Suh), aber Clowney ist selbst für solch epische Standards ein herausragendes Einzeltalent, bei dem man dankbar ist, wenn man es mal hat spielen sehen. Clowney machte in der Bowl Season einen highlight-trächtigen Tackle gegen einen Michigan-RB, der im Laufe der kommenden Scouting-Periode in der Murmeltierschleife durch den Äther gejagt werden dürfte:

Es ist nicht nur dieser Hit; es ist vor allem die Beständigkeit, mit der Clowney Terror veranstaltet. Clowney ist trotz 115kg schlaksig und fassungslos antrittsschnell und wuchtig. Allein, der Hype um diesen Spieler ist so groß, dass er die Erwartungen fast nicht erfüllen kann.

Und es bleiben viele Fragezeichen: Selbst wenn die Defensive Line dominiert – wer macht dahinter die Tackles? Wie viel Freelancing ist ohne Swearinger überhaupt noch möglich für die Defensive Backs? Was passiert, wenn Clowneys Leistung abfällt?

Gamecocks-Offense

Die Offense hatte zuletzt ein bissl was von Chamäleon, was auch an den vielen Verletzungen lag. Die erste QB-Option ist Connor Shaw, ein mobiler Glatzkopf, der die Tendenz hat, entweder den tiefen Ball zu suchen oder den Checkdown zum nahe stehenden Running Back. Fällt Shaw aus, ist mit Dylan Thompson Kontrastprogramm angesagt: Thompson ist keine Statue, aber er scrambelt vergleichsweise selten und zieht bevorzugt ein Mitteldistanzgewichse auf, das stilistisch völlig von Shaw abweicht. Beiden ist gemein, dass sie trotz ihrer Beweglichkeit viel zu viele Sacks einstecken. Wohin sie dieses Jahr werfen sollen, steht noch aus: Kaum Wide Receiver haben Spielerfahrung vorzuweisen.

Dafür sollte das Laufspiel auch in der Zeit nach dem Genie Lattimore halbwegs passen: Die Offense Line bleibt komplett zusammen und mit Mike Davis gibt es einen relativ guten Back, der irgendwann mal auch in der NFL Fuß fassen sollte.

Nochmal: South Carolina ist diesmal deutlich schwächer aufgestellt als in den letzten Jahren, aber sie haben Glück mit dem Schedule (oder anders: Diesmal hat Georgia den schweren Weg). Wenn der Kader im Gegensatz zu den letzten Saisons diesmal gesünder durch den Herbst kommt, dürfte das Conference-Finale drin sein. Man ist allerdings ziemlich abhängig von der QB-Situation im Angriff und Clowney in der Defense. Ich bin nicht allzu zuversichtlich, was die BCS-Chancen der Gamecocks angeht, aber einen Einbruch erwarte ich auch nicht.