The Countdown, T-minus 1: Alabama Crimson Tide

Bryant-Denny Stadium von Tuscaloosa - ©Latics/Wikipedia

Das Bryant-Denny Stadium von Tuscaloosa als Heimat der aktuell dominierenden Dynastie im College-Football

The Countdown

#1 Alabama Crimson Tide.
SEC, Western Division.
2012: 13-1, National Champ.

Es sollte niemanden überraschen, dass Paul Myerberg den College Football Countdown dieses Jahr mit den Alabama Crimson Tide beschließt, die drei der vier letzten BCS-Titel gewannen und auch dieses Jahr wieder als Topfavorit in die Saison gehen. Alabama ist derzeit in einer eigenen Liga im College Football, verliert jedes Jahr 4-5 sehr hohe Draftpicks an die NFL und ist doch im nächsten Jahr immer wieder noch besser aufgestellt als zuvor. So auch diesmal: CB Milliner und G Warmack waren Top-10 Picks, LT Fluker war als elfter Pick nicht weit von weg, RB Lacy, OG Jones und DT Williams gingen in den Runden 2 bis 4. Aufgestellt ist Alabama deswegen aber nicht viel schlechter.

Der Mann, der alles zusammenhält, ist Head Coach Nick Saban, ein Musterschüler von Bill Belichick, und Saban ist für viele sowas wie der „Satan“ in diesem Sport: Man achtet seine Erfolge, aber geliebt wird er nicht. Saban ist wortkarg und seine Recruiting-Methoden sind nicht unumstritten, aber jeder gibt zu, dass es keine Uni gibt, die erfolgreicher im Recruiting ist – obwohl viele Unis eigentlich bessere Voraussetzungen hätten. Saban lässt einen furztrockenen Football in Offense und Defense spielen, und weil da kein Schnickschnack dabei ist und Spieler wie Trainer sich in keinem Interview zu sowas wie einer originellen Phrase hinreißen lassen, entsteht oft der Eindruck einer kalten Maschine, die gewinnt und gewinnt und gewinnt und… funktioniert. Wie langweilig.

Die Offense

Da ist man um einen Jungen wie QB A.J. McCarron schon heilfroh. McCarron ist kein großartiges QB-Talent, um das sich schon jetzt die NFL reißt, aber er heult wenigstens mal Rotz und Wasser, wenn es die Situation hergibt, und schleppt so scharfe Schnitten ab, dass greise TV-Reporter bei laufender Kamera ins Mikro spritzen. McCarron ist im Herzen ein „Game-Manager“, ein Bürokrat, der das Spiel nicht aus der Hand gibt, aber er hat auch immer wieder gezeigt, dass er zumindest für Spielabschnitte über einem strauchelnden Laufspiel stehen kann und das Spiel notfalls auch allein in die Hand nimmt.

Oft passiert das mit dem schwächelnden Laufspiel aber nicht, und wer hoffte, dass nach RB Ingram, RB Richardson und RB Lacy nun endlich mal genug sei, dem sei empfohlen, mal nen Blick auf den RB T.J. Yeldon zu werfen, einen sophomore, der besser, explosiver aussieht als alle drei Genannten zusammen. Yeldon – was für ein Talent! Und wird noch mindestens zwei Jahren in Tuscaloosa spielen. Die Hoffnung für die Gegner ist, dass die Offense Line nach dem Verlust der drei besten Leute etwas einbricht, aber selbst dann dürfte die Qualität noch beträchtlich sein.

Wer mit Yeldon nicht genug zu tun hat, der sei auf WR Amari Cooper aufmerksam gemacht. Cooper (letztes Jahr als Freshman 58 Catches, 999yds) ist mit 1.84m nicht der größte unter der Sonne, aber ich hab selten einen so jungen Spieler mit so guter Technik und so wendigen Hüften gesehen. Und Cooper ist pfeilschnell: Lass die Jungs 100m downfield sprinten und Cooper ist zwei Sekunden vor allen anderen dort. Über diverse noch unbekannte Supertalente, die Saban in der Hinterhand hält, wird momentan noch nur gemunkelt – bis Jungs wie der freshmanTE O.J. Howard im ersten Spiel 7 Catches für 95yds und 2 Touchdowns produziert haben.

Die Defense

Die Defense muss in der Front-Seven den Abgang von NT Jesse Williams verkraften; ohne Williams war die Defense zuletzt immer mal wieder verwundbar. Und in der Secondary ging mit CB Dee Milliner der wichtigste Mann in die NFL. Das ist insofern wichtig, weil Alabamas Abwehr ganz stark drauf vertraut, „vorne“ den Lauf abzuwürgen und „hinten“ die beiden Outside-CBs Manndeckung ohne großartige Safety-Unterstützung spielen lässt.

Alabamas Defense besticht nicht durch fabulösen Passrush, aber es ist der schiere Speed, der die tödliche Waffe ist: Jungs wie OLB Adrian Hubbard oder der ewige OLB C.J. Moseley sind noch die besten Passrusher, aber selbst sie fahren keine zweistelligen Sack-Zahlen ein. Dafür sind sie einfach flink genug und haben den „range“, um spätestens nach dem 2yds-Lauf den Running Back zu tackeln, und sie werden deswegen gewiss auch bald in der NFL bestechen.

Zu einer möglichen Anfälligkeit, der Verwundbarkeit der Bama-Defense gegen die nun auch in der SEC aufkommenden Spread-Offenses, werde ich vielleicht im Verlauf der Saison mal was schreiben. Wenn sich die Chance ergibt. Alabama @ Texas A&M am 14.9. wird ja höchstwahrscheinlich nirgendwo in Europa auf normalem Wege zu sehen sein.

Kristallklarer Ausblick

Das Geile ist ja: Obwohl Alabama so brillant aufgestellt ist und so dominant aussieht, so brauchte die Mannschaft zuletzt zweimal trotzdem ordentlich fremde Hilfe, um nach knappen Heimniederlagen überhaupt ins Endspiel zu rutschen. Diesmal hat Alabama die Chance, Geschichte zu schreiben und den vierten National Title in fünf Jahren zu holen. Es gab alles schon, 3x in vier Jahren, 4x in sechs Jahren, dreimal en suite, aber vier von fünf wäre neu.

Der Schedule ist nicht furchterregend, zumindest nicht für ein Team dieser Klasse: Zum Auftakt auf neutralem Boden Virginia Tech aus der ACC als klangvoller Name, aber die Hokies sind im Umbruch. Dann zwei Wochen Pause zum – vielleicht – Spiel des Jahres: Wie besagt auswärts gegen Texas A&M beim Revanchespiel für die letztjährige einzige Niederlage. Und im November LSU, das nach Tuscaloosa muss – der vorletzte Gegner, der Alabama schlug, in der Overtime, vor fast zwei Jahren. Diese Kombination aus „günstigem“ Schedule und mannschaftlicher Klasse macht Alabama zum logischen Favoriten für auch 2013/14 – aber jetzt schon fix von einer weiteren BCS-Kristallkugel ausgehen würde ich nicht.

Morgen geht’s dann richtig los.

The Countdown, T-minus 2: Stanford Cardinal

Footballbegeisterung: Stanfords Studentinnen

Footballbegeisterung: Stanfords Studentinnen

The Countdown

#2 Stanford Cardinal.
Pac-12 Conference, North.
2012: 12-2.

Das Titelbild hat Symbolcharakter: In Palo Alto, der Heimat der Stanford University, interessiert man sich für viele Dinge. Für Football nur nebensächlich. Der Schnappschuss stammt aus einer Liveübertragung eines Cardinal-Heimspiels. Wahnsinnig am Spiel interessierte Studentinnen, oder sind es Mathletinnen, die für den Head Coach David Shaw die Erfolgswahrscheinlichkeiten des nächsten PlayCalls ausrechnen? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Stanford ist ein Freak-Team, und es ist ein Freak-Team im Myerberg-Countdown, da an #2 gerankt.

Die Stanford University hat zwar eines der älteren Footballprogramme in den Vereinigten Staaten, aber viele Jahrzehnte lang interessierte man sich nicht dafür. Stanford stand in erster Linie für erstklassige Ausbildung seiner Studenten und ständigen Forschungstrieb. Erst mit der Ankunft von Head Coach Jim Harbaugh und QB Andrew Luck vor wenigen Jahren änderte sich dies.

Man muss wissen, dass Stanford viele Jahre lang gehandicapt in Sachen Sport war, denn trotz massiven Budgets verlangt der Ethos der Uni nicht bloß Athleten, sondern immer noch den klassischen „Student Athlete“. Ein guter Footballer ist aller Ehren wert, aber wenn er aufm Prüfungsbogen nicht eins und eins zusammenzählen kann, biste trotzdem nicht erwünscht. Der Student in Student Athlete lebt in Stanford noch.

Harbaugh und seinem Coaching-Staff war es wurscht. Sie kamen mit der Einstellung „wenn du gewinnst, kriegst du immer gute Leute, die Biss haben“. Und so drehte Harbaugh innerhalb weniger Jahre eine 1-11 Mannschaft zu einer 12-1 Mannschaft. Harbaugh und Luck sind mittlerweile Geschichte, aber das Werk wird vom Superhirn Head Coach David Shaw weitergeführt, einem unscheinbaren Farbigen, der nicht viel sagt, aber wenn er redet, hat es meistens Hand und Fuß. Shaw fuhr in den letzten zwei Jahren sensationelle Recruiting-Klassen ein, holte Athleten, die man sich an der Bucht bis vor wenigen Jahren noch nicht mal erträumt hatte.

Einer der Treppenwitze der Geschichte ist auch: Erst als Harbaugh und Luck beide weg waren, marschierte Stanford zum Pac-12 Titel und Rose Bowl-Gewinn durch – das war im letzten Herbst. Stanford schloss das Jahr mit 12-2 ab, und auch wenn einige sehr glückliche Siege drunter waren, hatte die Saison Substanz: Die einzigen beiden Niederlagen waren jeweils mit nur einem Score, einmal davon wurde man sogar beschissen (gegen Notre Dame).

Shaws Philosophie knüpft nahtlos an jene Harbaughs an: Tougher, harter Football ohne viel Schnickschnack. Man spielt das, was man kann. Man vermeidet die größten Bolzen und schaut zu, ja keine Verlust-Spielzüge mit der Offense zu produzieren (Sacks und Laufspielzüge für weniger als 0yds sind tabu). Damit gewinnt man keine Schönheitspreise, aber man gewinnt bei entsprechender Ausführungsqualität viele Spiele mit einem Personal, das gut, aber längst keine Alabama-Niveau hat.

Stanford geht mit einem relativ coolen Quarterback in den Herbst 2013: Kevin Hogan rutschte letztes Jahr mehr durch Glück als durch Können in die Starter-Position, spielte aber danach einen erstaunlich ruhigen, souveränen Ball. Hogan macht kein Spektakel, aber er vermeidet Fehler wie Sacks und Interceptions und nimmt lieber den sicheren 3yds-Pass als den potenziellen 40yder. Wie es mit Hogan dieses Jahr aussieht, ist zu beobachten, denn es bricht der Großteil seiner Ballfänger weg, die Offensive Line ist weiterhin ein kleines Fragezeichen und der beste Running Back in Stepfan Taylor ging in die NFL. Schlägt die Stunde des Sohnemanns vom besten ever, RB Barry Sanders jr?

Dafür ist die Defense in diesem Jahr enorm tief besetzt, voller Seniors oder NFL-Prospects. Der absolute Superstar, der in fast jedem Spiel auffällig wird, ist der OLB Trent Murphy, ein Riese von Mensch, bei dem du eigentlich eher einen Defensive Tackle vor dir siehst… bis du Murphy in der Pass-Deckung beobachtest. Dann ist dir klar, wo der Hammer hängt. Super-Spieler.

Und weil Murphy nur der beste unter vielen Sehr Guten ist, kann man von Stanford auch dieses Jahr einigen Lärm erwarten. Verstärkt wird die Saison durch einen günstigen Schedule (Oregon und Notre Dame kommen nach Palo Alto, die schwersten Auswärtsspiele sind @USC und @Oregon State) und vorläufige „Endzeitstimmung“: Dass die Defense so erfahren ist, ist auch ein Zeichen dafür, dass nach Saisonende ein Make-Over einsetzen wird – es ist also das letzte Halali einer extrem guten Stanford-Generation. Ein letzter Kraft-Akt für eine erfolgreiche Generation – wird es nochmal in die Rose Bowl führen, oder… vielleicht… vielleicht… sogar ins BCS-Finale?