Die furchtlose NFL-Vorschau 2013/14: First Down, der Bodensatz

Erster Sonntag im September, das erste Wochenende im College Football ist vorüber, und ehe mir die Augen vom Fernsehmarathon zufallen, sei noch daran erinnert, dass am Donnerstag in Denver/Colorado irgendetwas… losgeht… es…hmm… hmjmlm… fasel*sabber… die National Football League!

Referenzen

Nach einer ganzen Offseason mit ausführlichen Sezierstunden zu allen 32 Mannschaften und Frischzellenkuren zu weniger als allen Zweiunddreißig hat Alexander Herrmann bereits im August zwei Teams unter die Lupe genommen, aber ich lasse es mir ungern nehmen, diesen letzten vier sinnlosen Tagen dieses Jahres eine Existenzberechtigung zu geben, und eine Viererserie zu schreiben mit einer Einordnung einer jeden der 32 Franchises. Es ist kein klassisches Power-Ranking, sondern mehr ein Vergleich, was für die Team dies’ Jahr drin ist: Wer hat keine Aussichten auf den Titel, wo tummeln sich die grauen Mäuse, wo keimt die Hoffnung, und wo erwartet man den Ring?

Beginnen wir mit dem zu erwartenden Bodensatz dieser Saison, und nennen wir diese Gruppe die „Ciao im November“-Sektion. Es ist die Gruppe, die sich in erster Linie um die Preise Clowney und Bridgewater balgen wird und die Lombardi Trophy nur vom Hörensagen kennt.

Oakland Raiders

Division   AFC West
Headcoach  Dennis Allen
2012       4-12
Tipp 2013  Vierter

Die Oakland Raiders sind der einfachste Ausschlusskandidat zur Frage „Wer wird dieses Jahr die Superbowl gewinnen?“ Die Gründe sind einfach zu sehen: GM Reggie McKenzie rückte in der Offseason mit Schubkarre und Mistgabel an, schmiss alles, was nicht niet- und nagelfest an die Franchise gebunden war, raus und vollzog damit die seit vielen Jahren überfällige Generalsanierung. So kommt es, dass in diesem talentarmen Kader der teuerste Spieler nur als Geist in Form von Al Davis des berüchtigten dead moneys existiert, das weit mehr als ein Drittel des Gehaltsbudgets der Raiders für sich beansprucht. So notwendig die Generalüberholung war, so sehr kastriert sie Oakland für diese Saison.

Head Coach Dennis Allen hat nur wenige richtig gute Bausteine, und von den besten sind etliche richtige Fragezeichen: RB Darren McFadden ist Label „elektrisierend“, aber leider auch „Glasknochen“ und verpasst jedes Jahr minimum fünf Partien mit Zerrungen und kaputten Knochen. Rookie-CB D.J. Hayden, der Top-Draftpick dieses Jahr, ist ein ernsthaftes mentales Fragezeichen nach einem potenziell lebensgefährlichen Venenriss im letzten Herbst.

Der WR-Corp um die geschwindigen Denarius Moore und Jacoby Ford macht Hoffnung, aber wer soll ihnen die Bälle zuwerfen? Matt Flynn, dessen Ruf auf zwei phänomenalen Starts in Green Bay gründet, ist ein völliges Fragezeichen. Flynn war letztes Jahr in Seattle, wo viele ehemalige Packers-Offizielle den Laden schmeißen, ging als angedachter Starter ins Trainingslager und verlor den Starter-Job an einen spät gedrafteten Rookie-QB namens Wilson. Flynn ging nach Oakland, wo ein ehemaliger Packers-Offizieller den Laden schmeißt, geht als Favorit ins Trainingslager, wo er sich mit einem spät gedrafteten Rookie-QB namens… Wilson messen musste. Und gewann. Nicht ganz. Die QB-Position in Oakland ist weiterhin ungelöst, und mancher vermutet gar, dass QB Terrelle Pryor seine Chance bekommen wird. Pryors größtes Assett: Er kann unter Druck scrambeln. Das geht selten länger als zwei Spiele gut.

In der Defense muss man fast die komplette Line überarbeiten, nachdem Seymour, Kelly und Bryant abwanderten. Im Draft wurde die Position fast gänzlich ignoriert, weswegen es mit DE Lamarr Houston nur ein echtes Kaliber gibt – zu wenig für eine Defense, deren Linebacker-Corp schon in der jüngeren Vergangenheit durch eine Unzahl an missed tackles aufgefallen war. Immerhin konnte DT Walker aus Atlanta für moderate Preisvorstellungen geholt werden.

Große Sorgen bereitet die Secondary: Hayden bereitet bekannte Sorgenfalten. Der für gutes Geld zurückgeholte FS Charles Woodson kroch zuletzt schon in Green Bay nur mehr auf dem Zahnfleisch, und von den Cornerbacks gibt es nicht viel Vertrauen erweckendes zu berichten. Ohne adäquaten Passrush wird das Harakiri in jedem Pass-Down.

Es ist nicht alles hoffnungslos. Allen wird aus seinen Fehlern im ersten Jahr als Cheftrainer lernen und kann – allem Anschein nach – zumindest noch dieses Jahr relativ ungestört arbeiten. Der Schedule ist eher einfach, die Division AFC West auch. In einer Liga, in der jedes Team tendenziell gen .500 strebt, sind auch fünf, sechs Saisonsiege für Oakland nicht ausgeschlossen. Das wäre dann aber vielleicht nicht so erstrebenswert, denn das bedeutete wohl ein Verpassen des #1-Draftpicks, und damit wohl auch kein Clowney oder Bridgewater.

Jacksonville Jaguars

Division   AFC South
Headcoach  Gus Bradley
2012       2-14
Tipp 2013  Vierter

Die lebloseste NFL-Franchise zuckt seit eineinhalb Jahren wieder ansatzweise. Seit der Halb-Pakistani Shadid Khan und seine Gefolgschaft die Jaguars für wenig Kohle übernommen haben, regt sich einiges, von Wembley über Advanced-Stats hin zu neuen Coaches. Der neueste davon ist der glatzköpfige Head Coach Gus Bradley, ein Energiebündel, das aus Seattle zu den Jaguars stieß und mit dem x-ten Neuaufbau beauftragt wurde. „Neuaufbau“ ist dann auch das Stichwort, das Jacksonville am besten schnell beschreibt.

Der erste Hoffnungsschimmer für 2013: Bradley ist nicht von Anfang an lame duck wie es das Versuchskaninchen Mike Mularkey letztes Jahr war. Bradley bringt eine Reputation mit, und er begann, diese gemeinsam mit dem exzellenten jungen GM David Caldwell schnell umzusetzen. Im Draft holte man in Ermangelung eines potenziellen Nachfolgers für den QB-Bust Blaine Gabbert einen Offense Tackle in Luke Joeckel, und sollte somit auf Jahre die Grundlage für gute Protection gesichert haben.

Vielleicht ist Gabbert auch noch kein total hoffnungsloser Fall. Auf alle Fälle wurde ihm versucht, auch mit neuen Waffen zu helfen: Die OWs (nicht „Oh Weh!“, sondern „Offensive Weapons“)) Robinson und Ace Sanders sind ungeschliffene Wusler, und WR Blackmon ist trotz aller Probleme immer noch ein relativ solider Wide Receiver. Sofern RB Jones-Drew wieder fit ist und sich nicht durch seine Vertragsstreitigkeiten aus dem Konzept bringen lässt, gehen Gabbert die Ausreden aus.

Das Gute: Ohne Anflüge von Passrush war Gabbert sogar brauchbar. Das Schlechte: Zu oft fühlt Gabbert Passrush, den es nicht gibt. Der Mann hat Angst. QB Henne sitzt ihm im Nacken, aber für so unterschätzt ich Henne noch immer halte: Die paar Einsätze letztes Jahr waren auch keine Offenbarung.

Bradleys Spezialgebiet ist aber die Defense, die 2012 aber total kollabierte. Das Defensiv-Genie Bradley ist schon drauf und dran, seine Vorstellungen von der hybriden Defense umzusetzen. Für die extrem wichtige „LEO“-Position (der Star-Passrusher) könnte erstmal Oldie Jason Babin den Statthalter geben. Tyson Alualu wurde in einem letzten verzweifelten Move, eine stagnierende Karriere zu retten, auf DE geschoben – analog Bradleys Schachspiel mit Red Bryant in Seattle. Ob auch Alualu damit den Breakout schafft?

Es sind einfach zu viele Fragezeichen, und die Befürchtungen, dass QB Gabbert es nicht packen wird, sind berechtigt. Jacksonville muss die Saison als Aufbaujahr sehen. Es wird garantiert nicht wieder ein 2-14. Die natürlichen Verbesserungen („schlimmer kanns nimmer werden“, Pythagorean von 3.3 Siegen), die einfache Division und die Regression in Sachen Verletzungen (2012 war man #31 in Sachen Adjusted Games Lost mit 99 verpassten Starts, acc. Football Outsiders) kann man als positive Elemente am Firmament ausmachen.

Buffalo Bills

Division   AFC East
Headcoach  Doug Marrone
2012       6-10
Tipp 2013  Vierter

Seit vielen Jahren werden die Bills gelobt für ihr kluges und geduldiges „Team-Building“, aber viel zu lange wurde darüber hinweg gesehen, dass solide Grundlagenarbeit ohne die Addition von echten Playmakern ein Muster ohne Wert bleiben. Buffalo hat seit Jahren ordentliche Statistiken, mit zwei negativen Ausreißern: Lauf-Defense und Quarterback. Beide sorgen dafür, dass die generische 7-9 Bilanz nun auch offiziell „Buffalo Bills Season“ getauft wurde: Gut, aber für den Durchbruch zu wenig.

Jetzt wurde erstmals seit einem Jahrzehnt wieder probiert, über den Draft einen Franchise-QB zu holen. Der Auserwählte ist E.J. Manuel von der Florida State University, alles andere als eine sichere Kiste. Aber Manuel ist im Portfolio vom neuen Head Coach Doug Marrone ein nicht unspannender Mann, weil er die Chance bietet, read-option zu spielen. Das Dumme: Manuel fällt zum Saisonbeginn erstmal verletzt aus, weswegen der ungedraftete Rookie-QB Jeff Tuel in den ersten Wochen ran muss. Bei Tuel wärste am College nie drauf gekommen, dass er eine NFL-Offense anführen könnte.

Es gibt trotzdem Potenzial: RB C.J. Spiller machte letzten Herbst 6.3yds/Carry und war einer der spektakulärsten Offensivspieler ligaweit. Spiller wird heuer eine höhere Workload sehen, was fast immer zu weniger effizienten Zahlen führt. Auf Wide Receiver ist abseits von Stevie Johnson wenig Erfahrung: Rookie-WR Robert Woods gilt als solider possession receiver, aber nicht mehr. Der andere Rookie-WR Goodwin ist mehr Leichtathlet als Footballer. Und am schlimmsten, vor allem mit diesen jungen Quarterbacks: Die Offense Line ist ein Fragezeichen. Sie ist es umso mehr, weil der beste Mann, G Levitre, nach Tennessee abgegeben wurde.

Sorgen macht mir in Buffalo aber vor allem die Abwehr: Die Lauf-Defense ist seit vielen Jahren eine der schlechtesten (2012 mit mickrigen 52% Success-Rate die #32), und das trotz großer Namen: DT Kyle Williams und DE Marcel Dareus gelten eigentlich als potenzielle All-Pros, DE Mario Williams zumindest als sehr guter Durchschnitt. Auf Linebacker gibt es abseits Kiko Alonso (ein Rookie) überhaupt nix Bekanntes, und im Backfield humpelt in S Jairus Byrd der beste Mann verletzt übers Spielfeld.

Die Pass-Defense musste einen herben Schlag einstecken, als bekannt wurde, dass CB Stephon Gilmore, einer meiner Lieblingsspieler, die erste Saisonhälfte verletzt ausfällt. Ohne dominanten Passrush riskieren die Bills der ersten Wochen, abgeschossen zu werden. Was kann der neue DefCoord Mike Pettine, bekannt durch seine Mitarbeit an der „hybriden“ Jets-Defense der letzten Jahre ausrichten, jetzt, wo in Gilmore sein „neuer Revis für Arme“ wegbricht?

Tut mir leid um Buffalo. Ich mag diese sympathische kleine Franchise. Ich mag auch den Head Coach. Ich mag Underdogs generell. Ich bin auch ein stiller Anhänger E.J. Manuels, wenn er denn mal das Spielfeld betritt. Aber dieses Jahr ist Buffalo näher an Clowney oder Bridgewater als an leisen Playoff-Ambitionen. Und das behaupte ich, obwohl ich weiß, dass Buffalo letztes Jahr eher ein underachiever war, der wohl besser als seine Bilanz war.

Tennessee Titans

Division   AFC South
Headcoach  Mike Munchak
2012       6-10
Tipp 2013  Dritter

Wenn man die Aussichten einer Franchise an ihrem Glamour-Faktor festmachen möchte, sind auch die Titans ein hoffnungsloser Fall. Gibt es eine Franchise, die momentan weniger Sex-Appeal versprüht? Ein greiser Owner Bud Adams, ein nahezu völlig unbekannter Head Coach Mike Munchak, dessen Football-Philosophie so schwammig ist wie die Wurftalente des jungen QBs Jake Locker. Immerhin verspricht der unausweichliche Clash der beiden „DefCoords“ Jerry Gray und Gregg Williams unterhaltsam zu werden.

Die Defense war zuletzt extrem enttäuschend: Trotz solider D-Line waren die Zahlen niederschmetternd (u.a. meiste Gegenpunkte), und es gibt keine Anzeichen, dass Tennessee sowas wie Playmakers besitzt. Gray (bleiben wir mal konservativ) und Williams (alles oder nix!) haben auch nicht die homogensten Weltanschauungen, und so gibt es durchaus schon in Munchaks Stab potenziellen Sprengstoff.

In der Offense wurde immerhin begonnen, sich auf gute alte Zeiten zu berufen. Der ehemalige Hall-of-Fame-OL Munchak griff im Draft nach dem brachialen OG Chance Warmack und verpflichtete OG Andy Levitre für gutes Geld aus Buffalo, um wieder Schwung in das verwaiste Laufspiel um RB Chris Johnson zu bringen. Die Idee ist nicht idiotisch: Kriegt Johnson „Running-Lanes“, gibt es aufgrund seines Speeds wenige gefährlichere Runningbacks. Und weil auch Locker flott bei Fuß ist, könnte die Offense durchaus wieder etwas ähnliches wie den triple-option Look von 2009 bekommen, als Johnson 6.1yds/Carry und über 2000yds fabrizierte.

Freilich ist Locker alles andere als eine g’mahnte Wiesn: Seine Vorstellungen letztes Jahr waren so horrend wie die Zahlen es vermuten lassen, und es gibt viele Indizien, dass Lockers „locker“es Abzugshändchen eher früher als später den Weg auf die Ersatzbank nehmen wird. Der Name ist Programm.

Jedenfalls ist Locker angesägt. Ihm wurde in einem letzten Verzweiflungsmove mit dem heimischen WR Justin Hunter genau das noch fehlende physische Bauteil neben der echten Nummer 1 Kenny Britt, dem soliden WR Washington und dem Slot-WR Kendall Wright geholt, sodass die Ausreden ein Ende haben: Tennessees Skill-Player sind abseits des Quarterbacks richtig, richtig ansehnlich. Leider hätten es NFL-Manager lieber umgekehrt: Erstmal den richtigen QB, alles andere kommt danach.

Es ist zu befürchten, dass es nicht reichen wird. Ohne eine extreme Steigerung Lockers – die eher unwahrscheinlich ist – geht da nicht viel, und sämtliche Advanced-Metrics lassen nicht drauf schließen, dass wir es hier mit schlafenden Riesen zu tun haben. Selbst in der schlimmen AFC South wird das nix.

New York Jets

Division   AFC East
Headcoach  Rex Ryan
2012       6-10
Tipp 2013  Dritter

Wir kommen zum ersten Team, das zumindest Unterhaltung verspricht. Die Jets um ihren kultigen Head Coach Rex Ryan werden – so sehr sie Beispiel für alle klassischen Managementfehler in der NFL sind – immer Schlagzeilen produzieren, egal wie gut oder schlecht sie spielen werden. Die Zeichen stehen übrigens eher auf „schlecht“.

Der ganz große Knackpunkt ist weiterhin die Offense, die auch nach dem Austausch des espritlosen OffCoords Sparano durch Mornhinweg zu wenig Talent auf den „Skill-Positionen“ besitzt, um ernsthaft dauerhaft vorne mitzuspielen. Zwar wurden die großen Löcher auf der rechten Seite Offense Line mittlerweile halbwegs gestopft, aber dafür mangelt es nun eklatant an Spielern, die mit dem Ball und der Zeit etwas anzufangen wissen.

Geno Smith - Bild: Wikipedia

Geno Smith – Bild: Wikipedia

Es ist nicht nur der überforderte QB Mark Sanchez, der schon qua seiner unglücklichen Vergangenheit in exponierter Stellung für die Flakgeschütze der New Yorker Presse steht. Es ist auch das Material, das ihn umgibt. Der notorische Troublemaker WR Santonio Holmes ist noch der zuverlässigste Mann, und das heißt einiges. Sanchez könnte aufgrund seines horrenden Vertrags der Starter bleiben, aber beim ersten Fehler werden die Rufe nach dem Rookie-QB Geno Smith laut werden – und Smith ist seinerseits ein Prospect, das aufgrund diverser medial durchgekauter Aktionen nicht für Langeweile abseits des Platzes steht. Die Rufe nach Sanchez‘ Ablösung haben was von self fulfilling prophecy.

Bleibt der Hoffnungsträger Defense. Dort sind DefCoord Pettine und der sensationelle CB Revis weg, aber mit DT Richardson und CB Milliner wurden wenigstens Löcher im Kader angegangen. Die Jets-Defense zeichnet sich durch ein gekonntes Gewurrl mit vielen Aufstellungswechseln aus, und bei aller Grottigkeit der Offense war sie immer noch in der Lage, New York so lange wie möglich im Spiel zu halten.

Die Advanced-Metrics lassen nicht auf einen Sleeper schließen. Der Trainerstab ist angesägt und der eher unbekannte GM John Idzik getraut sich nicht, klare Statements abzugeben. Die drohende QB-Controversy verspricht nicht nur Spannung, sondern auch negativen Einfluss auf die Mannschaftsleistung, und im schlimmsten Fall nicht nur die Verbrennung von QB Sanchez, sondern auch jene von QB Smith.

Arizona Cardinals

Division   NFC West
Headcoach  Bruce Arians
2012       5-11
Tipp 2013  Vierter

Die Arizona Cardinals waren im letzten Jahr zwischenzeitlich 4-0 und ganz heiße Ware… und niemand beachtete die unterirdische Pass-Offense, die unvermeidlich zum Totalkollaps führte: 5-11 waren die Cards am Saisonende, HC Whisenhunt wurde rasiert und durch einen ehemaligen Arbeitskollegen in Pittsburgh ersetzt: Bruce Arians, der Coach des Jahres 2012 in Indianapolis, wo er als Interimstrainer die blutjungen Colts völlig überraschend in die Playoffs brachte.

Nun ist Arians nicht der konventionelle Head Coach-Debütant: Er ist nördlich der 60-Jahre-Marke und ohne irgendeine Cheftrainererfahrung außer zehn Spielen Colts. Arians ist ein Fan vertikaler Offense (sagte 2012 über 100 tiefe Pässe an) und hatte mit QBs wie Luck, Manning oder Roethlisberger beachtlichen Erfolg. Aber die ganze Einstellung, sie ist irgendwie… uninspirierend. Spät, aber doch krieg ich die Chance. Probieren wir’s einfach mal. Mehr als schief gehen kanns eh nicht.

Das Gerüst in Arizona steht: Die Defense gehört mit großartigen Individualisten wie DE Campbell, LB Washington oder CB Peterson zu den attraktivsten Units in der NFL. Die Offense bekommt in QB Carson Palmer, RB Ellington und RB Mendenhall solide neue Spieler, die drei Klassen besser sind als ihre Vorgänger (u.a. mit 4.5 NY/A im Passspiel und nur 32% Success-Rate im Laufspiel jeweils die #32, dead last). Und die Offensive Line wurde versucht, mit OG Jonathan Cooper und RT Eric Winston zu stabilisieren. Blöd gelaufen nur, dass Cooper mit Fußbruch fürs ganze Jahr ausfällt.

Bis auf Coopers Verletzung liest sich das nicht übel, vor allem weil in WR Larry Fitzgerald und WR Michael Floyd zwei erstklassige Ballfänger bereit stehen. Knackpunkt wird allerdings die Zeit, die der Quarterback für die langen Bälle bekommt.

Auf der Soll-Seite steht der drohende Umbau der Defense durch den Abgang vom im Kader v-e-r-h-a-s-s-t-e-n DefCoord Ray Horton. Horton und Cards-Spieler: Das ging offenbar menschlich nimmer, trotz sehr starker Effizienz-Stats (u.a. 6.0 NY/A, #10 in der NFL). Die Safety-Position ist nach der Entlassung von Wilson und Rhodes ein Fragezeichen; will man ernsthaft mit dem Honey Badger Tyrann Mathieu als Free Safety gehen? Dazu kehrt zwar ILB Karlos Dansby zurück, aber der andere Star-Linebacker Daryl Washington wird die ersten vier Spiele Dopingsperre absitzen müssen.

Die Cards sind insgesamt gewiss etwas verbessert, weil sie vor allem die brutalsten Schwachpunkte in der Offense eliminierten. Es ist halt die Frage, ob es reicht. Der Schedule ist knüppelhart in der NFC West und NFC South sowie Eagles und Lions als Positionsspiele. Vor allem der Spielplan zur Saisoneröffnung ist so heftig, dass selbst ein 0-8 zur Bye Week nicht völlig überraschen würde. Das Loch, in das sich Arizona die letzten Jahre gegraben hat, war tief. Ich bin trotz einiger gelungener Einkäufe in der Offense nicht überzeugt, dass die Cards weit nach oben fliegen werden.

San Diego Chargers

Division   AFC West
Headcoach  Mike McCoy
2012       7-9
Tipp 2013  Dritter

Bei den San Diego Chargers wurde der Ära GM A.J. Smith und HC Norv Turnver ein Ende gemacht. Die neuen Strategen sind GM Tom Telesco und HC Mike McCoy, beides ziemlich unbeschriebene Blätter. Telesco kam aus Indianapolis und zog bei den Chargers fürs Erste einen halbherzigen Rebuilding-Versuch durch.

McCoy arbeitete zuletzt zwei Jahre in Denver und zeigte verblüffende Adaptivität, was seine Offensiv-Philosophie anging: McCoy zog nicht stur sein Ding durch, sondern installierte jeweils den Gegebenheiten (Tebow-Manning) angemessene Systeme. Ist das ein Plus? Ist das ein Plus, wenn du dir Ken Whisenhunt in den Trainerstab holst? Ken Whisenhunt, der in Arizona das genaue Gegenteil durchzog: QB-Entlassungen en masse, weil diese seine deep ball Mentalität doch grad nicht schlucken wollten? Ich bin gespannt.

Quarterback in San Diego ist immer noch Philip Rivers, mittlerweile 32jährig und zuletzt mit Anzeichen von Senilität. Rivers war mal der beste downfield-Werfer trotz seines unorthodoxen Wurfstils, aber brach in den letzten eineinhalb Jahren mit dem Verlust etlicher qualitativ hochwertiger Skill-Players in sich zusammen (2012 bodenlose 5.7 NY/A für Rivers). Rivers dürfte bei gegebenen Umständen immer noch ein produktiver Quarterback sein, aber zu wem soll er die Bälle werfen?

WR Alexander ist mit dem vierten Kreuzbandriss out for the season und vor dem Karriereende. Immerhin wurde ihm mit dem Einkauf von RB Danny Woodhead die seit Jahren (seit Sproles‘ Abgang) vermisste Checkdown-Option zurückgegeben. Mit WR Keenan Allen kam via Draft der kräftige possession receiver, der so lange abging. Hat TE Gates ein letztes gutes Jahr im Tank? Ich würde nicht drauf wetten.

Auch darüber hinaus gibt es zu viele Fragezeichen: Die eh schon nicht über alle Zweifel erhabene Offense Line verlor mit G Vasquez ihren besten Mann und sieht einzig im betonfüßigen in Rookie-RT Fluker Blutauffrischung. Und bei den Running Backs ist bei Ryan Mathews nur sicher, dass er minimum fünf Spiele auf der Verletztenliste stehen wird.

Die Defense ist ein genauso großes Fragezeichen: Der angedachte Passrusher Melvin Ingram fällt mit Achillessehnenriss lange aus, und ansonsten gibt es außer S Weddle wenige Playmaker. Die Secondary ist auf Outside-CB accident waiting to happen. So schwach kannst du in der heutigen NFL dort nicht aufgestellt sein. Wie sich LB Manti Te’o einleben wird, bleibt zu beobachten. Aber hinter einer bestenfalls seichten Defense Line ist der Linebackerjob selten ein Zuckerschlecken.

Die Chargers sind ein merkwürdiges Team: 2012 waren sie konkurrenzfähiger als man vielleicht denken möchte, mit 7-9 Saison und mehreren Halbzeitführungen gegen gute Teams; sie ersetzten den allgemein als schlechten „in game“-Manager angesehenen Norv Turner durch McCoy. Auf der anderen Seite wirkt das Team reif für einen richtigen Umbruch. Es wäre eigentlich sogar ein Sleeper für den Top-Draftpick 2014, wenn da nicht der Faktor Rivers ist. Rivers ist vermutlich zu gut – und die AFC West zu schwach – dass San Diego nicht trotzdem wenigstens sechs, sieben Spiele irgendwie gewinnt und den ganz hohen Draftpicks aus dem Weg geht. Eigentlich ist das fast schade. Aber andererseits: Sollte Rivers noch mal heißlaufen, geht es in dieser AFC auch ganz schnell nach oben…

Cleveland Browns

Division   AFC North
Headcoach  Rob Chudzinski
2012       5-11
Tipp 2013  Vierter

Genau betrachtet sind die Cleveland Browns schon seit geraumer Zeit eine Franchise vor dem Durchbruch. Dass davon niemand Notiz nahm, ist hausgemacht, weil sich alles auf die Streitereien im Front-Office konzentrierte. Dass man den Durchbruch nie schaffte, ist in erster Linie die bisher gescheiterte Suche nach einem echten Franchise-QB: Cleveland ist allein diesen von der Relevanz entfernt (2012 mit 5.7 NY/A nur das 25t-beste Passspiel).

Wohl auch deshalb ging die sportliche Leitung letztes Jahr aufs Ganze, draftete in der ersten Runde den bereits 28jährigen QB Brandon Weeden, der prompt ein durchwachsenes Rookiejahr hinlegte und nun aufgrund seines Alters schon als quasi auslaufendes Modell gilt. Weeden spielte nicht ausschließlich „schlecht“. Er hatte auch lichte Momente, aber es waren zu wenige, um vollen Vertrauens sagen zu können: „Seht her Leute, das ist unser neuer Star-QB. Er ist zwar bald 30, aber er braucht keine Einlernzeit mehr.“

Weedens Standing in Cleveland leidet zudem darunter, dass mittlerweile im bei mir völlig verhassten GM Michael Lombardi ein Manager am Wursteln ist, der Weeden letztes Jahr als TV-Pundit komplett in den Senkel stellte. Lombardi gilt als Machtmensch, und das tut den aufgewühlten Strukturen in Cleveland eher nicht gut. Da haben wir zum einen einen neuen Besitzer, der sich zwar anfangs wie ein junger Vater um sein neues Kind kümmerte, aber mittlerweile keine Zeit mehr dafür hat, weil er mitten im Schulden- und Korruptionssumpf steckt und womöglich sein Kind zur Adoption freigeben muss. Zum anderen haben wir den von Lombardi installierten Head Coach Rob Chudzinski, aus Carolina gekommen, ein ehemaliger Schüler Norv Turners. Dieser Turner ist mittlerweile auch in Cleveland, als Assistent Chudzinskis. Und es gibt in Ray Horton einen neuen DefCoord, der zuletzt in Arizona aus dem Trainerstab geekelt wurde.

Fachlich ist das Trainertrio über alle Zweifel erhaben (Turner gilt als schlechter Headcoach, aber exzellenter Coordinator. Niemand heißt Shurmur. Aber menschlich könnte das mit einem Owner Haslam und Lombardi im Mix eine nette Seifenoper geben.

Das Gute an allem: Die Defense ist personell erstklassig besetzt und wurde um zwei brauchbare Bausteine in DT Bryant und OLB Mingo ergänzt. Horton hat ein Faible für aggressives Vorgehen an der Anspiellinie, und das Material gibt es her. Mingo wird zu Saisonbeginn mit Verletzungen und Einlernschwierigkeiten zu kämpfen haben, aber der Keke ist durchaus ein Außenseitertipp auf den Defensive Rookie-Award.

Die großen Fragezeichen sind im Angriff zu finden: Weeden hat null Rückhalt, muss aber mangels Alternativen (Campbell anyone?) schnell liefern. RB Trent Richardson ist zwar ein Supertalent, das einen eher schwierigen Einstand hatte, aber er ist eben nur ein Running Back und hat erneut Verletzungssorgen. WR Josh Gordon ist erstmal zwei Spiele gesperrt. Und so viele Ballfänger von Format gibt es in Clevelands Kader nicht.

Die Division ist auch schwer genug. Ich glaube schon lange an einen Aufwärtstrend, weil wie gesagt nur die Passoffense noch eine echte (wenn auch ernst zu nehmende) Schwachstelle war (5.7 NY/A, #25), und auch weil die Browns dieses Jahr nicht wieder solches Verletzungspech wie im letzten Jahr haben sollten (lt. Football-Outsiders #27 der Adjusted Games Lost-Liste). Trotzdem: Die Kombination aus viel Neuem, schwerer Division und QB-Fragezeichen lässt mich die Browns schweren Herzens für ein hoffentlich letztes Mal in diese unterste Kategorie setzen.

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9 Kommentare zu “Die furchtlose NFL-Vorschau 2013/14: First Down, der Bodensatz

  1. Yeah, klasse Lesestoff. Da ist so viel Info, das muss ich mir noch einmal durchlesen. Für ’s erste bin ich überrascht, dass die AZ Cardinals und San Diego in dieser untersten Kategorie aufscheinen.

    Die Töne auf diesem Blog zu den Cards waren ja immer eher positiv, „es fehlt nur ein QB“ usw. Mit Palmer hat Arizona ja nun einen brauchbaren QB… Aber sicher, schwieriger Spielplan und Verletzungen in der Defense (DE Abraham scheint mir unterschlagen worden zu sein)

    Die Bolts schätze ich höher ein dieses Jahr. Mindestens 7-9, eher 8-8. Einfache Division und die Chiefs werden mir zu viel überschätzt nach Common Sense.

    Aber sonst köstlich geschrieben. „Exponierte Stellung für die Flakgeschütze ….“ sehr geil, hehe 🙂

  2. Schon Wahnsinn, in dem Ranking sind 7 AFC Teams und nur die Cardinals aus der NFC und ich kann nicht widersprechen. Traurig wie diese Conference abgestürzt ist, als ich Football zu gucken begann war es genau umgekehrt. Sogar den Cards würde ich in der AFC eine Playoff Chance zutrauen, jetzt mit dem neuen QB Palmer und neuem HC Ariens.

  3. So ist das halt in der NFL. Es kann sehr schnell gehen, dass sich der Spieß umdreht. Wobei man da auch ganz klar sehen muss, wie stark so etwas am QB hängt. Bei jedem der genannten AFC-Teams in dieser Kategorie ist ein QB am Werkeln, der entweder mehr als fraglich oder gleich ne komplette Niete ist oder (im Falle von Rivers) seinen Zenit überschritten hat. Und das ist der wesentliche Unterschied zur NFC im Moment: es gibt im Prinzip in der ganzen Conference kein Team, das einen wirklich miesen QB hat. Manche sind fraglich, haben Schwächen, aber jedes Team hat einen, der ihnen jedenfalls eine gewisse Chance gibt.

    Dabei meine ich gar nicht, dass der QB das Ding alleine hebt (abermals, siehe Rivers), aber wenn die wichtigste Position klar ist, dann kann man drum herum was aufbauen. Ist das nicht der Fall wird´s schwierig, weil man bauen kann so viel man will, aber am Ende immer wieder der Mangel an der QB-Position zum Tragen kommt (siehe Teams wie Browns, Bengals oder Bills über die Jahre).

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