Unsere Freunde, die NFL-Kommentatoren

Kommentatoren-Bashing ist in jedem Land Volkssport, und ich versuche so weit es geht, dem auf diesem Blog auszuweichen. Im US-Football waren die Männer und Frauen hinter dem Mikro für mich stets weniger Ärgernis als z.B. im Fußball, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht ist es diese tief in meine hintersten Hirnkammern eingeprägte, positive Erinnerung an den besten ever, Christopher D. Ryan, der einst im ORF als NFL-Announcer kommentierenderweise Monat für Monat meinen Verstärker abrauchte. Herr Ryan, wann zahlen Sie mir die Rechnung dafür?

Aber selbst bei C.D. Ryan liebte ich nur Football und Triathlon. Vielleicht war es, weil er in diesen beiden Sportarten selbst am meisten mitfieberte?  Weil die Begeisterung auch im Studio knisterte? I don’t know. Kommentatoren-Beschreibung ist immer unfair. Sie ist immer persönlich. Daher heute mal ausnahmsweise ein Blick auf die US-Duos hinter den Mikros, die in den großen US-Networks die Spiele in Originalsprache begleiten, und damit wieder einen Herbst lang unsere Begleiter sein werden.

NBC (Sunday Night Football)

NBC – Al Michaels/Cris Collinsworth. Die Sunday Night Game Crew. Michaels ist nicht nur für mich der souveränste Play-by-Play Mann, eine Institution, der man auch beim tausendsten Mal und nach vielen Stunden Madden-Football noch gut zuhören kann. Collinsworth kann extrem gut seine Sichtweisen schildern, aber er geht vielen auf den Geist, weil er eine arrogante Attitüde („ich erklär dir jetzt mal, wie das mit dem Football geht!“) mitbringt, die dazu führt, dass man ihn manchmal etwas herablassend erfährt. Collinsworth ist ein ehemaliger Footballprofi (WR der Bengals), aber er hatte keine Hall of Fame-Karriere. Deswegen ist er unter Aktiven auch der verhassteste aller Analysts.

ESPN (Monday Night Football)

ESPN – Mike Tirico/Jon Gruden. Das Monday Night Game-Duo, zu dem ich meine Einstellung über die Jahre komplett geändert habe. Was ist mir der Schreihals Gruden früher mit seinen Plätzchen auf die Eier gegangen. Mittlerweile empfinde ich Gruden trotz these guys und that guy als angenehme Abwechslung zur ansonsten oft steifen kommentierenden US-Reportergilde. Yup, Gruden ist Freund aller, aber das sind Assinger und Hinterseer in Österreich auch. Mal was anderes. Und Tirico hat seit dem fantastischen Call beim Seahawks/Packers-Spiel letztes Jahr sowieso einen Freischuss gut.

NFL Network (Thursday Night Football)

NFL Network – Brad Nessler/Mike Mayock. Ich gebe zu, Mayocks Stimme ist gewöhnungsbedürftig und ja, sie verbraucht sich mit der Zeit. Aber Mayocks Detailwissen ist fassungslos tief, und er schafft es anhand der TV-Bilder auch, es adäquat rüberzubringen. Nessler ist ein grundsolider Mann, der sich zurückhält, damit der Color-Commentator Mayock glänzen kann. 2011 waren die beiden unangefochten die besten. Letztes Jahr war es knapper, aber ich ziehe die beiden immer noch allen anderen Kommentatoren-Teams vor.

CBS (sonntags, Auswärtsspiele der AFC-Teams)

CBS #1 – Jim Nantz/Phil Simms. Die beiden sind CBS‘ #1-Crew, und sie sind nicht unterirdisch, aber es ist schwierig, mein Verhältnis zu den beiden zu beschreiben. Es gibt immer wieder lichte Beobachtungen, auch wenn sie faktisch nicht immer topp vorbereitet sind. Der Ruf der beiden leidet bei mir mehr… ach, sagen wir so: Nantz ist ein Privatspezl des Bush-Clans, und ich habe Nantz schon die eine oder andere Sichtweise offenbaren hören, die ich schlicht nicht teile. Und Phil „talked about“ Simms? Die Betonfrisur geht mir schlicht auf den Geist. Es brauchte eine katastrophale Simms’sche Kommentierleistung in der letzten Superbowl, dass der Mann in den amerikanischen Medien mal in etwa so über den Scheitel bekam wie ich es schon lange für angemessen halte. Störend ist an diesem Duo das krampfhafte Aufrechterhalten ihrer a priori gestrickten Storyline „Simms’ Spotlights“. Hey: Die Storyline ist das Spiel. Darum strickste deinen Faden. Und weil die Jungs das nicht abzeptieren, läuft es bei Nantz/Simms, wie es immer läuft: Wenn das Spiel vom roten Faden abweicht, wirken sie gekränkt.

CBS #2 – Greg Gumbel/Dan Dierdorf. Bei diesem Duo bin ich extrem innerlich zerrissen. Gumbel hat schon in der Football-Urzeit kommentiert und entsprechend routiniert sind seine Ansagen. Bei Pornoschnäuzer Dan Dierdorf kriegste auch Tapes von Superbowls aus den 80ern mit ihm am Mikro. Er ist ein Kommentator, der die Phrasen nur so runterdrischt, dass es dir die Haare aufstellt. Der ORF hat auch so einen ähnlichen Kommentator (Erwin Hujchek?). Dierdorf ist alles Gute und Schlechte in einem Kommentator, was man sich vorstellen kann: Seine „Analysen“ verdienen ihren Namen nicht, weil er nicht mehr kann als zwischen Lauf und Pass zu unterscheiden (alles Gehobenere wird unter Garantie falsch analysiert). Aber sein Retrostyle, seine Affinität für 95% Laufspiel-Offense sind niedlich und zeugen davon, dass auch schon in den 20er Jahren Football gespielt wurde. Es ist also eine Sache was du von den Jungs erwartest: Wenn es das ist was ich beschrieben habe, kannste dich mit ihnen köstlich unterhalten. Erwartest du eine Erklärung zu einer Slant-Route, gehste dir lieber gleich das Eingeweihde rauskotzen.

CBS #3 – Ian Eagle/Dan Fouts. Ein tolles Duo. Eagle macht keine Fehler und hat eine Stimme, hmm… souverän, markant. Wiedererkennbar. Ich mag aber auch und vor allem Dan Fouts, der als recht kultige Erscheinung des Weges kommt. Man möchte gar nicht glauben, dass Fouts einst der beste Quarterback war, der den NFL-Football revolutionierte und nur unglücklich knapp vor der Superbowl scheiterte.

CBS #4 – Marv Albert/Rich Gannon. Gannons Stimme ist mir ziemlich sympathisch, und bei ihm muss ich immer an diese NFL Films-Sequenzen denken, in denen ein zirka dreiundsiebzigjähriger Raiders-QB namens “Gannon” per Pump Fake die ganz tiefen Bomben vorbereitet. Leeeeeider, leider ist Gannon ein sehr banaler „Experte“, wenn er etwas anderes als ein Passspielzug samt Catch erklären muss. Defense? Nie gehört. Die hohe Kunst des Vorblockens? Für den ex-QB Gannon unter seiner Würde.

CBS #5 – Kevin Harlan/Solomon Wilcots. Bei Harlan und Wilcots ist als allererstes fix: Die beiden pallavern! Geschwiegen wird hier die kürzeste Zeit, dass es fast manchmal zu viel ist. Als jemand, der fast alle Fußballspiele mit italienischen Kommentaren schaut, stört mich ein Radiokommentar zum Fernsehbild vielleicht weniger als die meisten. Und inhaltlich: Harlan ist einer meiner Favoriten.

CBS #6 – Bill Macatee/Steve Tasker. Fällt mir jetzt beim besten Willen nix zu ein. Die beiden kommentieren auch nicht regelmäßig, sondern nur, wenn CBS wirklich mal sechs Sonntagsspiele auf dem Programm hat.

CBS #7 – Spero Dedes/Steve Beuerlein. Dedes kenne ich von der March Madness, wo er mir zweimal extrem positiv aufgefallen ist. Beuerlein? Mutiger Mann, weil manchmal schon mit sehr kritischer Meinung zu dem, was sich ihm da drunten auf dem Feld offenbart.

FOX (sonntags, Auswärtsspiele der NFC-Teams)

FOX#1 – Joe Buck/Troy Aikman. Das #1-Duo von FOX, das alle Topspiele der NFC kommentiert – leider. Bei Joe Buck habe ich immer den Eindruck, er verachtet das, was er da grade macht – Sport kommentieren – da schlicht kein Fetzen Begeisterung zu spüren ist. Buck kommentierte einst einen der spektakulärsten Spielzüge in der Superbowlgeschichte als wäre der Schwiegertante der Keks durch die Finger geflutscht. Ein Hilfselektriker im dreiundzwanzigsten Jahr seiner Tätigkeit bringt mehr Empathie für seinen Job auf. Aikman ist Aikman. Sagt dir jedes Mal pro Viertel, wieviele Superbowlringe er gewonnen hat und steuert zum Spiel bis auf den offensiven Passspielzug inhaltlich nix bei.

FOX #2 – Kenny Albert/Daryl Johnston. Mir fiele bei beiden nix Negatives ein. Was an den Übertragungen dieses Duos ärgerlich ist, sind die völlig verdummten Schaltungen runter aufs Spielfeld, wo Tony „Goose“ Siragusa zu 100% belanglose Information liefert.

FOX #3 – Thom Brennaman/Brian Billick. Bei Brennaman bin ich voreingenommen seit seinem leidenschaftlichen „Rant“ in der Fiesta Bowl 2007, als er in der Overtime im landesweiten TV mit Nachdruck die Boise State Broncos ins BCS-Finale hypen wollte. Billick mag ich eigentlich; aber Billick hat immer wieder What the Fuck?-Momente in seiner Kommentierung, wie letztes Jahr in den Playoffs, als er bei Sechspunkterückstand der Seahawks in der letzten Spielminute (!) laut darüber spekulierte, ob es gescheit sei, in der RedZone (!!) ein Field Goal (!!!) zu kicken und danach einen Onside Kick zu probieren.

FOX #4 Kevin Burkhardt/John Lynch. Ich habe genau null Einträge zu Burkhard in meiner Datenbank. Lynch mag ich. Seine Stimme ist soft und deswegen unverwechselbar, und Lynch macht auch nimmer so viele Fehler wie noch vor wenigen Jahren.

FOX #5 – Chris Myers/Tim Ryan. Chris Myers ist eher banal, aber Tim Ryan ist ein interessanter Mann, der mir in den letzten beiden Jahren immer wieder aufgefallen ist: Die Erklärungen Ryans sind nicht immer simpel beschriebene Punktlandungen, sondern können durchaus etwas technischer ausfallen, aber das ist endlich mal was anderes als biederes Aikman-Gefräsel. Ryan ist ein ehemaliger Defensive Liner, und achtet als solcher auch auf Nuancen in einem Spiel. Bei Ryan gefällt mir extrem, dass er auch Fehler von Star-Spielern anspricht und immer wieder Kleinigkeiten thematisiert, die im Eifer des Gefechts untergehen. Und er kann coole Einwände einschieben („but what a cute sack bei Chris Long, are you kiddin’me?“).

FOX #6 – Dick Stockton/Ronde Barber. Der greise Stockton (längst jenseits der 70) ist ähnlich wie Dierdorf einer der lebenden Beweise für die Historie des Footballs. Er kriegt dieses Jahr einen neuen Partner: Ronde Barber, der erst im Frühjahr vom aktiven Sport zurückgetreten ist. Ronde ist der Zwilling von Tiki Barber, dem man einst eine große Zukunft in der Medienwelt voraussagte, der sich aber mittlerweile komplett ins Abseits manövrierte. Hoffentlich macht es Ronde besser.

FOX #7 – Sam Rosen/Heath Evans. Evans ist ein ehemaliger Fullback und fiel in seiner Zeit als Studiopundit beim NFL Network nur durch meinungsstarke Fehlschüsse auf, aber Rosen ist ein Mann, der es mir angetan hat, weil er den Job als Blogger relativ einfach macht: Kein Play, in dem nicht wenigstens die Formation (11-Personal, 12-Personal etc.) genannt wird, und häufig werden vor dem Snap noch schnell die personellen Wechsel runtergerattert. Da weißte wenigstens, wer denn nu’ gleich auffem Spielfeld steht.

Das sind jetzt erstmal alle offiziell gelisteten Kommentatoren-Paarungen (NBC wird sicher für die Wildcard-Playoffs noch eine Paarung benennen), die wir im Laufe des Herbstes in der NFL hören werden. Ich gebe noch mal zu, dass meine Notizen recht subjektiv sind und vielleicht unter der alten Krankheit leiden: Ein Kommentator verbraucht sich. Vielleicht verbraucht er sich umso mehr, wenn du ihn jede Woche hörst – wie bei den Top-Duos von CBS und FOX, die wegen der interessantesten Paarungen auch am öftesten zu hören sind.

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