Die Akademische Viertelstunde, Woche 3: Geschlagen mit den eigenen Waffen

Das Spitzenspiel in Woche 3 war zweifelsohne #6 Texas A&M Aggies gegen #1 Alabama Crimson Tide auf dem Campus von Texas A&M in College Station. Es war das Revanche-Spiel für die Alabama-Demontage im November 2012, als die Aggies Alabama schlugen und damit mehrere Dinge heraufbeschwörten:

  • Heisman Trophy für Johnny Manziel.
  • Spannende Endphase im Rennen um die B.C.S., in der Alabama am Ende doch noch durch die Hintertür ins Finale schlüpfte.
  • Diskussion darüber, ob der Manziel-Football über kurz oder lang Nick Saban ablösen würde.

Saban stellte damals offen provokativ die Frage „ist das, was Manziel und Texas A&M spielen, das, wie der Football zukünftig aussehen soll? Ist es wirklich das, was wir wollen?“ Und er gab am Samstag selbst die Antwort. Saban sprach nicht viel, aber das Gebotene auf dem Feld sprach eine klare Sprache: Ja. Zumindest hatte Saban eingesehen, dass er Manziel nicht mit seiner Defense schlagen konnte, sondern nur mit seiner eigenen Medizin: Offense.

Am Ende gewann Alabama 49:42 in einem spannenden Spiel, in dem es lange Zeit hin und her ging. Die Highlights in GIF-Formaten hat die USA Today zusammengeschnitten. Manziel eröffnete mit zwei Touchdowns, aber danach beging er zwei böse Fehler und Alabama machte lupenrein fünf TD hintereinander. Ab dem Ende des dritten Viertels war das Spiel ein Katz-und-Maus Rennen, immer Alabama zwei TD vorne, A&M mit der Verkürzung auf einen TD, und wieder Bama auf zwei TD davongezogen.

Alabama war körperlich überlegen und drückte seinen Willen im Notfall im Alleingang durch. A.J. McCarron, der Quarterback, musste nur die einfachen Würfe nehmen ohne große Böcke abzuschießen, und beendete den Tag mit einwandfreien Werten. Der wahre Star ist aber die Offensive Line. Diese ist konkurrenzlos in diesem Lande.

Johnny Manziel verlor. Aber es ist trotzdem eine tolle Augenweide, diesem Spieler zuzuschauen. Seine Improvisationskünste sind unerreicht, und nur weil das geordnete Chaos auf dem Feld in zwei vermeidbaren Fehlern endete, verlor Texas A&M. Manziel wird auch diesen Herbst nicht im B.C.S.-Finale spielen, und er wird am Ende des Jahres in die N.F.L. gehen. Ob er dort den Durchbruch schaffen kann, steht natürlich noch in den Sternen.

Die Top Ten

#2 Oregon hatte mit den Tennessee Volunteers überhaupt keine Probleme und gewann mit 59:14 so klar, dass es in der Heimatstadt der Vols, Knoxville, schon wieder um den Kopf des Trainers geht. Der hohe Sieg ist für Oregon auch deswegen wichtig, weil er gegen ein mittelklassiges S.E.C.-Team kam. Das ist gut für die Glaubwürdigkeit der Ducks.

#4 Ohio State hatte mit California auch ohne den Quarterback Braxton Miller keine Probleme und gewann 52:34. #5 Stanford war gegen die Army nur in der ersten Halbzeit in Schwierigkeiten und gewann am Ende locker 34:20.

Glanzlose Siege holten #7 Louisville (27:13 gegen Kentucky) und #8 L.S.U. (45:13 über Kent State), und die #10 Florida State Seminoles konnten erneut auf ihren QB Jameis Winston vertrauen, der eine fast fehlerlose Leistung beim 62:7 gegen Nevada beisteuerte.

Upset der Woche

#11 Michigan zog beim 28:24 gegen Akron in letzter Minute noch den Kopf aus der Schlinge und rettete sich vor einer peinlichen Niederlage. Dafür verlor #20 Wisconsin sein Auswärtsspiel bei den Arizona State Sun Devils, nicht allerdings ohne ein denkwürdiges Ende. Das ist sogar eine Übertreibung, denn das Finish in diesem Spiel, das 32:30 pro Arizona State endete, gehört zu den skurrilsten, die es bisher gab.

Die Ausgangslage: Zwei Punkte Führung für die Sun Devils, aber Wisconsin ist in der allerletzten Spielminute in der Nähe für ein Field Goal. Und dann passierte folgendes:

Die Abwehr wollte einen Fumble gesehen haben (Ball vom Quarterback vorsätzlich auf den Boden gelegt), aber das Knie vom QB Joel Stave war am Boden gewesen. Während die Referees noch mit dem auf dem Ball liegenden Abwehrspieler diskutierten, rannte die Uhr runter. Die Spielverzögerung der Defense war am Ende entscheidend. Hauptschuldig an dem Desaster sind die Schiedsrichter, die sich in Diskussionen verstricken ließen. Eine wirklich sehr spezielle Szene.

Drei andere Ergebnisse ragen noch heraus: Das 44:23 von #25 Mississippi gegen Texas. Das ist technisch gesehen kein „Upset“, weil Ole Miss höher gerankt war, aber allein von der Reputation der beiden Colleges ist nicht nur der Sieg überraschend, sondern auch und vor allem die Höhe. #24 T.C.U. verlor 10:20 gegen Texas Tech. Angesichts der hohen Erwartungen vieler an T.C.U. ein unerwartetes Ergebnis. Tja, und #16 UCLA mit seinem 41:21 gegen #23 Nebraska ist ein „Upset“, weil Nebraska im Coaches-Poll höher gerankt gewesen war (Nebraska war im Coaches-Poll die #17 gewesen, UCLA dort die #15).

Stiller Protest der Woche

Es ist kein Geheimnis, dass Lane Kiffin, der Head Coach der U.S.C. Trojans, in Los Angeles alles andere als beliebt ist. Kiffin gehört zu der Sorte Mensch, bei denen es nicht schwer fällt, sie zu verachten: Kind eines bekannten und reichen Mannes, vorlaut und mit steiler Karriere in jungen Jahren. Demut ist etwas, das Lane Kiffin nicht kennt, dafür lieber offen andere Menschen beleidigt. Das geht dann nach hinten los, wenn die Erfolge ausbleiben. Dann schlägt der Neid in Spott um.

Stillen Spott erntete Lane Kiffin am Samstag beim Heimspiel gegen Boston College in Form von ausbleibendem Publikum: Das Los Angeles Coliseum, in dem Southern Cal seine Heimspiele austrägt, fasst über 90.000 Menschen. Gegen Boston College war es nur zu einem Viertel oder einem Drittel gefüllt. In einem so großen Stadion kommt dann schnell Geisterstimmung auf, und das war es auch, das die Trojans in diesem Spiel fühlten. Die Atmosphäre glich jener auf dem Zentralfriedhof. Das ist die Quittung der U.S.C.-Fans für die schlechten Leistungen unter Lane Kiffin: Missachtung.

Schock der Woche

Minnesotas Head Coach Jerry Kill ist Epileptiker. Jeder weiß das, und auch das Programm der Golden Gophers wusste das bei seiner Anheuerung als neuer Cheftrainer zur Saison 2011. Das Unangenehme an der Situation: Kill hatte schon mehrere epileptische Anfälle unter Stress während eines Spiels. Am Samstag war es erneut soweit, und Kill musste kurz vor der Halbzeit zum vierten Mal in zwei Jahren ins Krankenhaus abtransportiert werden. Jedes Mal aufs Neue sind diese Bilder erschreckend, und die Frage, ob sich ein Mann das antun muss, kommt auf.

Inspiration der Woche

Rutgers ist keine Uni, an die man beim Gedanken an College-Football sofort denkt. Sie liegt in New Jersey, einem Staat, in dem man sich zu allererst für Profisport interessiert. Der Unisport kommt erst auf Seite fünf, und selbst dort sind die Meldungen eher klein. Am Samstag war das anders, denn Rutgers lieferte eine emotionale Geschichte mit der Ehrung von Eric LeGrand. Der ist ein ehemaliger Spieler der Universität, und bekannt wurde er, weil er in einem Spiel gegen Army vor wenigen Jahren schwer verletzt wurde, so schwer, dass er querschnittgelähmt zurückblieb.

LeGrand tourt seither als eine Art Maskottchen durch das Land, als Symbol für unbändigen Willen. Sein ausgemachtes Ziel ist es, bald wieder erste Gehversuche zu unternehmen. LeGrand wurde im letzten Jahr sogar von Greg Schiano in einem symbolischen Akt ein Eintagesvertrag bei den Tampa Bay Buccaneers in der NFL gegeben. Schiano war der Rutgers-Trainer von LeGrand in jenem Schicksalsspiel gewesen. Am Samstag wurden Videobotschaften unter anderem von Greg Schiano im Stadion von Rutgers abgespielt, als die Uni zum allerersten Mal eine Trikotnummer zu Ehren eines Spielers sperrte. Zu Ehren von Eric LeGrand.

Das AP Poll nach Woche 3

Die neuen Top Ten im AP Poll lauten nach den Ergebnissen vom letzten Wochenende wie folgt:

#1  Alabama Crimson Tide      2-0
#2  Oregon Ducks              3-0
#3  Clemson Tigers            2-0
#4  Ohio State Buckeyes       3-0
#5  Stanford Cardinal         2-0
#6  Louisiana State Tigers    3-0
#7  Louisville Cardinals      3-0
#8  Florida State Seminoles   2-0
#9  Georgia Bulldogs          1-1
#10 Texas A&M Aggies          2-1

Das kommende Wochenende bringt für diese Mannschaften nur langweilige Spiele. Denkt man. Denn im College-Sport ist ein Upset immer und gerade bei scheinbar schlechten Ansetzungen möglich.

2 thoughts on “Die Akademische Viertelstunde, Woche 3: Geschlagen mit den eigenen Waffen

  1. Ich konnte das Ende des Wisconsin Spieles einfach nicht fassen. Das kann doch einfach nicht wahr sein? Ich mein die Badgers waren nicht gut an diesem Tag aber so verlieren? Und die Schiedsrichter verlassen einfach das Spielfeld…

  2. Öh… Das ist wirklich das kurioseste Ende eines Spiels, dass ich bislang gesehen habe…. An alle Defenses dieser Erde: Es reicht, wenn man sich in den letzten Sekunden des Spieles auf den Ball wirft und auf doof macht… Bei entsprechenden Refs ist der Erfolg garantiert…

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