Date am Donnerstag, #4: St Louis Rams – San Francisco 49ers Preview

Das letzte Septemberwochenende in der NFL bedeutet den Beginn der vierten Spielwoche. Den Auftakt machen in der Nacht auf morgen, 02h (live bei SPORT1 US) die St Louis Rams (1-2) und die San Francisco 49ers (1-2) im direkten Duell zweier Mannschaften aus der NFC West. Das Spiel hat aufgrund der Siegbilanzen beider Mannschaften bereits erhöhte Brisanz.

Bei den 49ers herrscht nach der zweiten Pleite en suite zwar noch keine Panik, aber doch dezente Beunruhigung: In Seattle kann man bei beschissenem Spielverlauf schonmal auch höher verlieren, aber zuhause gegen die Colts – und dann auch noch höchst verdient? No way, dass nach so einer Leistung einer der dominantesten Mannschaften des letzten Jahres alles ruhig bleibt.

Wenn die 49ers den Ball haben

Gegen die Colts wurde man nicht nur von einem superben QB Andrew Luck besiegt; es war schlicht und einfach frappierend, wie San Francisco, diese physische Gewalt, körperlich unterlegen war. Es gab einen einzigen guten Drive, und zwar den ersten oder zweiten in der ersten Halbzeit, als das 49ers-Laufspiel um RB Frank Gore und RB Kendall Hunter wieder an gute alte Tage erinnerte: Superbes Vorblocking, und die Backs, die jede Lücke nutzten um zu beschleunigen und durchzubrechen. Das war’s dann aber auch. Danach wurden 2-3 Läufe eingebremst, und dann gab der Coaching-Staff in der zweiten Hälfte komplett das Laufspiel auf.

Mehr Passspiel ist bei fast allen Mannschaften eine gute Idee, aber San Francisco ist ein etwas speziell gelagerter Fall mit seinem jungen QB Kaepernick und seinem Einmann-Receiving Corp Anquan Boldin. TE Vernon Davis ist nicht fit, und dann gibt es niemanden mehr. Eigentlich unglaublich, aber Kaepernick hatte nur zwei vollständige Pässe zu Wide Receivers, die nicht Boldin hießen (2x Williams, 12yds).

Diese Eindimensionalität ist ein Problem. Ein Problem ist auch Kaepernicks zuletzt wieder verstärkt gezeigte Tendenz, seinen Receiver (Boldin) bis zum letzten Moment anzustarren und dann trotzdem den Pass zu werfen. Wenn der Gegner merkt, dass der Quarterback nur zu einem einzigen Receiver werfen möchte weil er nur diesem einzigen vertraut, ist es einfach, seinen GamePlan danach auszurichten. „Kaep“ ist ein junger Spieler, für den solche Krisen normal sind, aber aus Niners-Sicht könnte es in der derzeitigen Divisions-Konstellation (bereits eine Divisions-Niederlage) ein größeres Problem werden…

…sofern die „wahre“ Defensive Line der Rams jene aus den ersten beiden Spielen (ARI, @ATL) ist und nicht jene aus dem dritten (@DAL). Jeder bescheinigte den Rams und vor allem DE Robert Quinn nach zwei Spielen sensationelle Frühform. Ohne richtig darauf geachtet zu haben: Die Offense Lines von Arizona und Atlanta sind nicht dafür bekannt, zu den besseren zu gehören. Im ersten „echten“ Test gegen Tyron Smith sah Quinn wie ein Normalsterblicher aus, und DE Chris Long völlig von der Rolle: Langsam, träge und wenig Gegenwehr.

San Francisco hat eine Unit im Angriff, die derzeit kein Problem stellt, und das ist die O-Line. Dominiert diese auch die Rams (und die Wetten stehen gut), sehe ich gute Chancen, dass die 49ers zurück in die Spur finden.


Wenn die Rams den Ball haben

Aber auch das andere Duell hat seine Reize: San Franciscos plötzlich recht marginal aussehende Defense gegen die eher schwache Rams-Offense. Zuerst zu den Rams, wo QB Sam Bradford auch im vierten Profijahr keinen rechten Fortschritt machen möchte. Den Rams geht rein vom Spielertypus abseits von vielleicht WR Chris Givens ein echtes deep threat ab. Trotzdem ist es schwer erklärbar – und fällt irgendwann auf den Quarterback zurück – wenn zwei von drei Passversuchen 3yds-Checkdowns für die Runningbacks sind. Checkdowns sind nicht per se zu verachten (sie bringen immerhin relativ sichere kurze Yards und sind weniger turnover-anfällig), aber wenn sie der Kernbestandteil bzw. fast der einzige Bestandteil der Offense sind, wird das zum Problem.

(Täuschte es oder wurde LT Jake Long am Sonntag tatsächlich auf die Bank gesetzt?)

Gut möglich, dass wir uns vom extrem langweiligen Eindruck, den St Louis im Angriff hinterlässt, in die Irre führen lassen, aber auch fortgeschrittene Stats unterstützen die These, dass Bradfords übervorsichtiges Spiel (bzw. übervorsichtiges PlayCalling des Coaching-Stabs) ein Handicap stellen.

San Franciscos Defense 2013? Kränkelnd. Die Unit kämpft mit Verletzungssorgen und Alkoholproblemen beim wichtigsten oder zweitwichtigsten Passrusher Aldon Smith (Smith für die nächste Zukunft: Inactive wegen Entziehungskur). LB Patrick Willis ist alles andere als fit. Und was fast alle anderen Mannschaften schon lange kennen, schlägt nun auch bei den Niners zu: Wenn die Superstars fehlen oder nur mit halber Kraft spielen können, müssen die Backups ran, und das führt natürlich häufig zu Qualitätsverlusten.

Wenn sich dann noch dazu eine ganze Latte an uncharakteristischen Fouls (late hits, Pass-Interferences) gesellen, sieht die einst beste Defense im Lande schonmal schnell aus wie eine ganz gewöhnliche Abwehr der Güteklasse Detroit. Genau das ist in den ersten drei Spielen (mit Ausnahme vielleicht einer Halbzeit in Seattle) der Niners 2013 der Fall.

Es steht also heute Nacht ziemlich vieles auf dem Spiel; und weil beide Teams klar ersichtliche Probleme haben, werden wir hoffentlich auch viele optische Eindrücke sammeln können. Letztes Jahr gingen beide Spielen zwischen diesen Teams in die Overtime (ein Remis, ein Rams-Sieg). Beide Spiele waren Abwehrschlachten mit zwar immer wieder guten Anflügen in beiden Offenses, die aber mit brutal disziplinierter Spielweise jeweils wieder schnell eingebremst wurden. Vor allem die Rams werden heute weiter so diszipliniert spielen müssen, weil sie die immer noch schwächere Offense besitzen.

Ich tippe auf San Francisco, weil die 49ers trotz allen aktuellen Problemen mehr Wucht in ihrem Angriff haben.