NFL Notizblock, Week 8: TNF Carolina Panthers @ Tampa Bay Buccaneers

Die Lage der Tampa Bay Buccaneers (0-6) hat korsakoff gestern bereits in der Vorschau ausführlich beleuchtet. Die Lage ist hoffnungslos und alle warten nur noch auf die Implosion. Damit waren die Carolina Panthers (3-3) in einer undankbaren Lage: sie mußten überzeugend gewinnen, andererseits wären sie bis Sonntag die Trottel vom Dienst gewesen, für die sogar ein sinkendes Schiff eine zu große Herausforderung darstellt; Wasser auf die Mühlen derer, die das recht patente Auftreten der Cardiac Cats in den letzten Wochen auf das ihnen zum Fraß vorgeworfene Fallobst schieben.

Aber schon im ersten Viertel hat Carolina deutlich gemacht, wer hier auf dem aufsteigenden und wer auf dem absteigenden Ast ist. Nachdem die Verteidigung Tampa nach drei snaps zum punten zwingt, marschiert der Angriff neun Minuten lang in aller Seelenruhe in die gegnerische Endzone. Was sofort auffiel, war die Kreativität Mike Shulas. Ich nörgel ja schon seit Jahren an dieser plumpen, ideenlosen pass-first offense rum. Gestern im ersten Drive Carolinas gab es so viele verschiedene Formationen und personnell groupings wie in den letzten drei Jahren und unter Shula und seinem Vorgänger als Offensive Coordinator Rob Chudzinski zusammen.

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Gamebook Panthers@Buccaneers

Was gleichzeitig auffiel, war die Rolle, die Tampas coaching staff Darrelle Revis zugedacht hatte. Zugegeben: er verteidigte und verfolgte immer mal wieder WR Steve Smith in enger Manndeckung über das gesamte Spielfeld. Aber immer mal wieder stand er eben auch als Zonenverteidiger in der/die/das rechten flat (der Raum einige Yards hinter der Anspiellinie) rum und langweilte sich. So kam es auch gleich in der ersten Serie, daß Smith seinen längsten catch der Saison hatte (21 yards). Er lief unbewacht zur Mitte des Feldes, suchte sich ein lauschiges Plätzchen zwischen Linebackers und Safeties, winkte kurz Cam Newton zu und machte das first down – es war ein 3rd&9. Wenn nicht bei einem 3rd&long, wann denn sonst soll Revis Smith ausschalten? Völlig unverständlich. Zumal die anderen WRs, Brandon LaFell und Ted Ginn kaum eine Gefahr darstellen.

Es half natürlich auch nicht, daß Newton ohne blitzes nicht unter Druck gesetzt werden konnte. Aber gerade wenn ich mit meiner front four keinen pass rush bringe, dann kann ich doch keine simple Zonenverteidigung spielen! Es sei denn, ich habe einen Weltklassedeckungsspieler, der eine Sonderaufgabe bekommt und – äh, nee, das hatten wir ja gerade schon.

Die Bucs mit ihrem Milchbubi-QB Mike Glennon versuchten händeringend irgendwie im Spiel zu bleiben. Teilweise war das run blocking ganz gut, und manchmal machten Vincent Jackson oder Tiquan „Hightop“ Underwood starke Fänge, aber dann lagen sie eben schnell mit 14-3 hinten. Glennon spielte den typischen Rookie: viele Würfe weit daneben (meist zu hoch); zwei fumbled snaps (beide aber recovered, sonst wär das ein richtig häßlicher Abend geworden); und manchmal auch ein guter Wurf, bei dem er sein Talent aufblitzen läßt.

Den Touchdown zum besagten 14-3 machte RB DeAngelo Williams mit einem Lauf über 12 Yards und wie bereits vorher im selben Drive bei einem Lauf von Mike Tolbert über 24 Yards zeichneten sich LaFell und Ginn als gute blockers aus und Tampas Verteidiger durch missed tackles und bad angles. Auch Newton sammelte bei seinen scrambles fleißig Meilen. Die Drei zusammen benötigten in Q1&2 nur 11 Läufe für 75 Yards. So kann man mit vier Absätzen die erste Halbzeit (14-6 Carolina) zusammenfassen – danach passierte nichts mehr.

Tampas Offense machte im dritten Viertel ein First Down; Freaking´Ron Rivera läßt natürlich wieder einen 4th Down ausspielen – RIVERA!  because that´s just what he does, folks!  – und beim Stand von 21-6 fumblet ein gewisser Herr Page einen Punt und das Spiel ist vorbei.

Am interessantesten wird in den nächsten Wochen sein, wie Carolinas Angriff sich präsentiert, wenn sie mal unter Druck stehen, unbedingt Punkte machen zu müssen. In den letzten drei Wochen waren die Panthers von Anfang an in Führung und konnten dank ihrer Verteidigung auch ganz ruhig und unaufgeregt spielen. Wie entwickelt sich das playcalling, wenn Not am Mann ist;, wie reagiert Newton (der auch gestern wieder wirklich cool, calm and collected war) auf einen Rückstand, auf eine eklige aggressive Defense – sie werden in den nächsten Wochen wahrscheinlich oftmals auf diese Fragen Antworten finden müssen: vs Falcons; @49ers; vs Patriots (MNF); @Dolphins; Ruhepause gegen Bucs; @Saints; vs Jets; vs Saints; @Falcons. Ohne großen Sieg gegen ein großes Team bisher und mit diesem schedule sind die Panthers immer noch borderline Playoff-Kaliber und nicht mehr.

Jacksonville Jaguars vor ihrer Wembley-Premiere

Um einen potenziell ausufernen Einleitungsabsatz kurz und knackig zu halten: Am Sonntag findet das zweite Saisonspiel er NFL-International Series statt. Mit dabei sind diesmal die San Francisco 49ers (waren schon 2010 eingeladen) und das designierte Heimteam für NFL-Wembley, die Jacksonville Jaguars. Zu denen gleich mehr. Es ist die London-Premiere der Jaguars. Aufzupassen ist wie immer Ende Oktober auf die Kickoffzeit: Diese ist 17h Ortszeit oder 18h MEZ, da die Vereinigten Staaten wie immer ihre Zeitumstellung auf Winterzeit nicht schon morgen Nacht, sondern erst nächste Woche vornehmen.

Nein, ich werde nicht vor Ort dabei sein, und nein, ich bin diesmal auch nicht „einfach so“ in London. NFL-Wembley gibt es für mich wieder vom Arbeitszimmer aus, aber ich weiß von einigen Lesern, dass sie dort sein werden. Wer Fotomaterial oder einen kurzen Erlebnisbericht beisteuern will, möge mir entsprechende Unterlagen in textlicher oder bildlicher Form zukommen lassen (eMail Adresse ist im Impressum zu finden). Ich werde es gerne veröffentlichen, wenn gewünscht.


Zustand der International Series

Schon letztes Jahr erörterte ich den Zustand der NFL-International Series und insbesondere auch der für vier Jahre zum Heimteam deklarierten Jacksonville Jaguars. Seither wurde bekannt, dass ab 2014 noch ein drittes Wembley-Spiel installiert wird, was mich verblüffte, da die NFL jahrelang ergebnislos versuchte, ein zweites Europaspiel zu implementieren, ehe es nun innerhalb kürzester Zeit gar zu einem dritten kommt. Man muss wissen, dass für das UK-Territorium Wembley seit Jahren die Exklusivrechte auf die NFL-Spiele besitzt, und es hatte lange den Anschein, als dass weder London/Wembley, noch irgendeine andere Stadt innerhalb oder außerhalb des UK bereit war, die finanziellen Forderungen auf das Heimspielrecht (die nicht gering sind), zu erfüllen.

Mir ist nicht bekannt, ob die NFL sich den Wembley-Spaß mittlerweile aus eventuell strategischen Gründen weniger fürstlich entlohnen lässt und wenn ja, warum, oder ob Wembley auf der Suche nach Auslastung (oder aus anderen Motiven) mehr Geld in die Hand nimmt, um eine bis dato noch immer ausverkaufte Veranstaltung weiter auszubauen. Werden die Grenzen von „NFL in Europa“ ausgelotet? Verfolgt die eine (NFL) oder andere (Wembley) Partei damit wirklich längerfristige Ideen mit Blick auf eine zukünftige NFL-Franchise in London? Fragen, auf die ich keine Antwort liefern kann.

London Jaguars

Meine Überraschung zum Thema „Jaguars und London“ habe ich schon vor fast genau einem Jahr kundgetan. Meine Einstellung Richtung der neuen Besitzerfamilie Khan hat sich seither entwickelt, und das zum Positiven: Ich halte Khan für einen ambitionierten Owner, der viele Bausteine bewegt hat, um die kleinste und anonymste NFL-Franchise auf Vordermann zu bringen. Nicht nur, dass sich die Auslastungsproblematik bei Heimspielen verbessert hat: Senior Shadid Khan hat mittlerweile eine neues Front-Office unter der Aufsicht seines Sohnes installiert, einen neuen General Manager im ambitionierten David Caldwell, der aus dem Hause der Atlanta Falcons kommt, und einen Trainerstab um Gus Bradley.

Freilich fruchtet das noch nicht in einem sportlich brauchbaren Produkt, das zweifellos dringend notwendig ist, um die Jaguars auch als „Marke“ in London und Europa zu implementieren bzw. zu platzieren. Schlimmer: Die Jaguars 2013 sind auf dem Weg, die schlechteste Saison ihrer Franchise-Geschichte (2012 mit 2-14) nochmal zu unterbieten.

Bei aller guten Grundlagenarbeit, die Khan in den nunmehr fast zwei Jahren seit Besitzübernahme der Franchise gemacht hat, sind leblose 2-14 oder 1-15 Saisons für schnelle Fanbindung nicht gut. Denn der gemeine Fan will für einen Sieger jubeln, und nicht einen Loser.

Jacksonville Jaguars 2013

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Sieben Spiele, sieben Niederlagen. Schlechteste Punktausbeute in der Offense (76 in sieben Spielen). Zweitschlechteste Punktausbeute in der Defense (222 in sieben Spielen). Pythagoreische Erwartung von 1.1 (!) Spielen – das gab so noch nichtmal 2008 bei den Lions. Platzierung im Power-Ranking: 32. Dazu ein Kader, aus dem man selbst mit etwas Wohlwollen nur RB Jones-Drew und LB Poluszny als sowas ähnliches wie „Stars“ herauspicken kann. Mal ehrlich: Der momentane Kader der Jaguars ist so schwach wie gesichtslos. Da kann ein Trainerstab eben nur Begrenztes herausholen, selbst wenn das bedeutet, dass meine Ankündigung von Saisonbeginn, Jacksonville werde „deutlich mehr“ als zwei Saisonsiege holen, mittlerweile zu hoch gegriffen klingt.

Die Defense ist dabei noch das kleinere Übel, auch wenn diese am Sonntag gegen San Diego die bisher schlechteste Saisonleistung zeigte und absolut kein Land gegen den „underneath“-Stuff der Chargers sah. Ein Hoffnungsträger ist Poluszny. Die anderen der zukunftsträchtigeren Spieler sind im Defensive Backfield aufgestellt: FS Jonathan Cyprien gefällt mir ungemein mit seiner Dynamik, und manch einer sieht auch im 6th-Rounder SS Josh Evans einen echten Hoffnungsträger. Nun ist eine Defense, die auf ILB und Safety gut, im Rest schwach besetzt ist, nie die Vertrauen erweckendste, aber immerhin: Es sind einige Bausteine für Bradley vorhanden.

Viele der Probleme bei den Jaguars kann man wie so oft in der NFL an der QB-Position festmachen: Der 2011 gedraftete Blaine Gabbert ist aufgegeben und wird mit quasi 100%iger Sicherheit kein Franchise-QB mehr. Backup Chad Henne ist nur marginal besser und mittlerweile auch von mir als einem der wenigen verbliebenen Henne-Gläubigen als Hoffnungsträger abgeschrieben. Mit solchen Quarterbacks geht in der NFL nix.

Jacksonville Jaguars 2014

Das Gute: Im Draft 2014 hat man etliche Optionen, einen guten Quarterback an Land zu ziehen, vom aus Florida stammenden Terry Bridgewater über exotischere Männer wie Mariota, Carr, Boyd, Hundley oder Manziel. Fix ist: Jacksonville wird einen Quarterback draften, und wenn sie den richtigen erwischen, kann es in der NFL innerhalb von 2-3 Jahren schnell mal steil nach oben gehen.

Die Offense Line muss dafür sicher eine zweite Priorität bekommen: Den Left Tackle hat man in Luke Joeckel bereits heuer gedraftet, bloß sitzt der momentan auf der Injuried Reserve Liste. Der Rest der Line ist eine Katastrophe.

Hinter RB Jones-Drew gibt es keine Tiefe im Backfield, aber ich sehe durchaus Potenzial im Corp der Ballfänger: Justin Blackmon mag ein charakterlicher Problemfall sein, aber den lass mal mit einem echten QB spielen. TE Marcedes Lewis gehört zu den überbezahltesten Spielern, aber ein Mittelklasse-TE ist er trotzdem, und als solcher sicher brauchbar. Und in der „Irrwisch-Kategorie“ haben wir drei potenzielle Kandidaten:

  • Denard Robinson
  • Ace Sanders. Finde ich bisher… hm. Gut, er war 5th-Rounder. Insofern für 2013 entschuldigt.
  • Mike Brown. Den habe ich am Sonntag zum ersten Mal registriert. Soll ein UDFA von einem kleinen FCS-College sein, der dort QB spielte. Vom ersten Eindruck ist der klar besser als Robinson und Sanders zusammen. Brown ist mit 1.78m zwar per Definition eher Typ Slot-WR, aber gegen San Diego spielte er meinen Eindrücken nach vor allem außen. Bei diesem Herrn würde ich abwarten, aber wenn das kein einmaliger Ausrutscher nach oben war, ist das ein potenzieller Sleeper für die nächsten Jahre.

Jacksonville könnte ein weiteres dieser Umbau-Experimente werden, das es sich zu verfolgen lohnt. Ich habe es nach der berühmten sieglosen 2008er-Saison der Detroit Lions mit „meinem“ Lieblingsteam erlebt: Ein radikaler Schnitt hat was, und man ist bei allen hohen Niederlagen, die zu Beginn kommen werden, dankbar, es erlebt zu haben. Jacksonville 2014 ist längst nicht so gut aufgestellt wie Carolina 2011 oder Indianapolis 2012 und Lichtjahre von Kansas City 2013 entfernt, aber Jacksonville 2014 hat ein besseres Fundament als die Lions nach 2008.

Ich erwarte, dass man Bradley selbst im „Worst-Case“ (die unwahrscheinliche, aber nicht mehr ganz auszuschließende 0-16 Saison) behalten wird. Dann würde ich alle Ressourcen in der Offseason rücksichtslos in meine Offense stecken, um dem neuen Franchise-QB eine passable Offense Line und Skill-Players zu geben mit denen er arbeiten und sich entwickeln kann.

Also. So vermurkst die Situation im Moment aussieht: Es rührt sich was. Ich sehe einige Hoffnung am Firmament.