College-Football 2013/14, Week 11: Die erste Nacht der Entscheidung

Der College-Football biegt in die Zielgerade ein, und wie es der Schedule will, stehen heute Nacht gleich zwei wichtige Spiele zwischen Top-10 Unis auf dem Programm. Keines von beiden wird von SPORT1 US übertragen (es steht auch NFL an), aber eines hat der ESPN-Player im Programm (und SPORT1 US wird am Freitag und Samstag davon Aufzeichnungen bringen).

#6 Baylor Bears – #10 Oklahoma Sooners

1h30, für Trüffelschweine

Der Kracher der Big 12 Conference kommt aus Waco: Die an #6 gerankten Bears von der Baptistenuni Baylor (7-0, 4-0 Conf) treffen auf den Giganten #10 Oklahoma Sooners (7-1, 4-1 Conf) im Spiel der beiden vermeintlich besten Teams der Conference. Das heißt: Es geht zumindest um eine BCS-Bowl; es könnte aber für Baylor sogar noch um das BCS-Finale gehen.

Baylor gegen Oklahoma, da war schon vor zwei Jahren mal was, als Robert Griffin III die Sooners versohlte. Es war damals das erste Mal, dass Baylor auch landesweit großes Aufsehen erregte, und als mehr als bloßes Gimmick-Team wahrgenommen wurde. Seither hat Head Coach Art Briles die Mannschaft stetig weiterentwickelt, obwohl das Supertalent RG3 und dessen Nachfolger QB Nick Florence mittlerweile weg sind.

Briles ist es wurscht, denn seine wahnwitzige Spread-Offense funktioniert auch ohne RG3: Eine mächtige Offense Line, ein fantastischer RB Lache Seastrunk, eine Handvoll Wide Receiver zwei Fuß von der Sideline, und ein QB Bryce Petty, der „nur noch“ seine Stationen bedienen muss. Baylor spielte bisher einen nicht wirklich BCS-würdigen Schedule (Iowa State, Wofford, Buffalo, ULM, WVU daheim, Kansas und K-State auswärts), aber die Resultate lesen sich trotzdem eindrucksvoll: In schöner Regelmäßigkeit werden 70 Punkte aufs Tablett gelegt, das Yards-Duell in der 700-zu-170 Region gewonnen, und ab drittem Viertel die Backups eingewechselt. Angeblich hat Petty dieses Jahr nur 23 Pässe in der zweiten Halbzeit geworfen (und nur eine Completion im vierten Quarter!).

Das ist Boise-like. Allein: Bei Boise wusste man auch, die Broncos haben schon BCS-Granden geschlagen. Baylor kriegt heute erstmals die Chance, und wird im November noch weitere respektable Gegner wie Texas, TCU, Oklahoma State oder Texas Tech sehen.

Wieviel kann die Offense heute scoren? Hält die Defense weiterhin so gut wie bisher? Letztes Jahr konnte man die Baylor-Defense noch mit „inexistent“ abkanzeln, aber diesmal sind die Jungs immerhin soweit, dass man unterklassige Gegner komplett abwürgt. Wie wird das gegen respektable aussehen?

Oklahoma hätte ich vor der Saison höher eingestuft als +9.7 im Simple Ranking System; die Sooners haben noch von der grausigen Vorstellung in der Red-River-Rivalry Mitte Oktober was guzumachen. Damals ließ sich die Defense völlig überlaufen und die Offense kam nur müßig in Gang.

Fazit: Oklahoma ist der große Name. Baylor der Zwerg. Man misstraut Baylor nur allzu gerne. Ich bin zugegebenermaßen gespannt, was Baylor heute aufstecken wird, wenn zum ersten Mal ein „richtiger“ Gegner kommt. Als jemand, der jahrelang Boise verteidigte – und mit gutem Grund verteidigte – sehe ich keinen Grund, Baylor heute nicht eine klare Favoritenrolle zuzugestehen. Es wird vielleicht nicht zwingend ein 23pts-Sieg, aber ich tippe auf Baylor.

(Die Partie wird in den Staaten von FOX übertragen, ergo wäre sie auch in den letzten Jahren nicht bei ESPN America gekommen)

#5 Stanford Cardinal – #3 Oregon Ducks

3h, live im ESPN-Player (Freitag, 16h15 und Samstag, 10h30 Tape bei SPORT1 US)

Die noch wichtigere Partie dürfte Stanford – Oregon sein, wo sich mit hoher Wahrscheinlichkeit das Schicksal der Pac-12 North Division entscheiden wird: Der Sieger wird im Pac-12 Finale antreten, und dort fast sicher Heimvorteil genießen.

Oregons Offense ist bekannt. Die letzten Jahre zeigten vage, wie man diese Offense einbremsen kann, und am besten machte es letztes Jahr… Stanford. Das Mittel damals war Verhindern des Big-Plays um jeden Preis, dichte Schotten in der RedZone und exzellente Special-Teams. Die Blaupause beschränkt sich gegen Oregon aber nicht bloß auf die eigene Defense, sondern auch auf die Offense: Stanford rannte letztes Jahr eine Unzahl an Laufspielzügen, und limitierte somit die Anzahl der Drives (Stanford hatte 38 Minuten den Ball, nur acht Drives für Oregon) – eine Underdog-Strategie.

Das Mittel klingt relativ simpel, ist aber extrem schwer ausführbar, und 60min keine Fehler zu machen, schafft fast niemand. Stanford könnte es schaffen. Die Jungs von Head Coach David Shaw haben die vielleicht beste Defense im Lande. Ich hab schon im Sommer vom unglaublichen Outside Linebacker #93 Trent Murphy erzählt, der IMHO sofort in die NFL gehört, weil in dem Alter schon so komplett. Diese Physis, mit der Stanfords Front-Seven an der Anspiellinie operiert, dürfte für Oregon schwere Kost sein.

Aber alleine Physis und Disziplin reichen nicht; es gibt zwar gute Punter und Returner bei Stanford, aber es gibt keine wirklich gute Lauf-Offense; jedenfalls überzeugt mich nix, was nicht über den QB#8 Kevin Hogan und den Luftweg läuft.

Dürften zwei tolle Spiele werden; zu schade, dass man Baylor im besten Fall am Sonntag auf Youtube sehen wird können. Ich würde tippen, Oregon gewinnt in Stanford. Marcus Mariota wird seine Bewerbung auf die Heisman-Trophy vorantreiben.

Date am Donnerstag #10: Washington Redskins @ Minnesota Vikings

Vor der Saison hatten sich das die Spielplanmacher der NFL bestimmt so richtig schön ausgemalt: Washington als das Schwergewicht einer NFC East im Umbruch, mit einem aufregenden Robert Griffin, der zu neuen Höhen aufläuft gegen die Minnesota Vikings, die nach einem easy early schedule (nur ein letztjähriger Playoffteilnehmer) noch voll drin sind im Wild-Card-Rennen, vielleicht sogar noch im Kampf um die NFC North. Adrian Peterson, erneut auf der Jagd nach dem rushing record gegen RGIII, der wie AP ein Jahr zuvor spektakulärer denn je aus der Reha zurückkommt. Aber nun ist es einfach nur grauer Ligaalltag.

Die Minnesota Vikings (1-7) spielen nur noch um die goldenen Ananas. Aber die will Head Coach Lezlie Frazier anscheinend ganz dringend gewinnen: letzten Sonntag, dreieinhalb Minuten vor Schluß beim Stand von 23-20 an Dallas´ 36-Yard-Linie läßt er punten. Natürlich verlieren die Vikes und scouten jetzt schon was das Zeug hält. Vor allem den eigenen Quarterback. Chris Ponder, 1st-rd pick 2011, spielt so schlecht wie letztes Jahr, kam auf die Bank und hat den großen BUST-Stempel am Hals. Dann spielte mal Matt Cassel (der gar das einzige Spiel der Saison gewann) bevor man Josh Freeman von der Straße auflas und ihn ohne jede Vorbereitung sofort den Giants vorwarf, auf daß diese sich endlich mal ein wenig Selbstvertrauen holen.

Und dann war Freeman verletzt und dann dann kam Ponder wieder und jetzt ist Freeman wohl wieder fit und Ponder spielt trotzdem. Daß Ponder nicht der Mann für die Zukunft ist, wissen alle. Ob Freeman das vielleicht sein könnte, sollte man herausfinden, aber da ist wohl niemand dran interessiert in Minnesota. Komischerweise. Allein durch dieses QB-Geeier war die Saison bereits ziemlich früh im Eimer.

Dabei sah es so gut aus im Sommer: gleich drei 1st-rd picks zogen sich die Wikinger! Mit WR/KR Cordarrelle Patterson und DT Sahrrif Floyd sogar zwei Spieler, die bei den meisten pundits vom Talent her Top-10-Kaliber waren. Patterson fiel aufgrund von character concerns, Floyd war in den 20ern dann tatsächlich besser aufgehoben als in den Top-10, wie man jetzt sieht. Der dritte in diesem Bund, CB Xavier Rhodes, sah oftmals ein wenig vertrottelt aus, wenn ich ihn bisher gesehen habe (was aber durchaus üblich ist bei Rookie-CBs).

In Minnys Verteidigung halten zwei unauffällige Spieler den Laden zusammen. Die Linebackers Erin Henderson und Chad Greenway sind so erfahren und solide, wie man sich Männer in der Mitte nur wünschen kann. Durch ihre gute Arbeit in der Paßverteidigung spielen sie auch alle Downs und Minnesota kommt ohne dime personell aus (wofür sie im übrigen auch gar keine fähigen DBs hätten). Für den Zuschauer heißt es bei den Minnesota also: Hobbyscouting der Rookies (und hoffen auf ein, zwei spektakuläre Returns von Patterson) und die Klasse Adrian Petersons bewundern.

Für die Redskins geht es immerhin noch um irgendwas. Mit ihrer 3-5 Bilanz sind sie nur 1,5 Spiele hinter dem Divisionleader aus Dallas (5-4). Es hängt für einen Sieg alles an einer starken Leistung von RGKnee. Mittlerweile läuft er schon wieder besser, aber mit dem Passen hapert es wie eh und je. Letztes Jahr ist das nicht so sonderlich aufgefallen, weil seine WRs oft mutterseeelenallein irgendwo rumstanden. Mittlerweile fallen die Verteidiger nicht mehr auf jeden play fake rein und lassen lieber einen Lauf zu als einen tiefen Paß.

Allein durch das Laufspiel (zweitbester Wert ligaweit nach Yards/attempt) sollte Washington hier einen klaren Vorteil gegen Minny haben. Zumal die große Schwäche der Skins, das peinliche Defensive Backfield (zweitschlechtester Wert nach Y/A), eben nur Ponder gegen sich hat.

Interessanter Nebenaspekt an diesem match-up: Washingtons relative Schwäche rührt auch daher, daß sie so viele (hohe) picks für Girffin eingetauscht haben. Nun fehlen ein zweiter guter WRs, geschätzt sechs gute Defensive Backs und depth auf vielen Positionen. Minnesota hatte in den letzten Jahren diese vielen hohen Draftpicks und trotzdem müssen sie schon an die nächste Saison denken. Was lernen wir daraus? Es gibt verschiedene Strategien einen guten Kader zusammenzustellen. Aber egal, für welche man sich entscheidet: man sollte sich dabei nicht doof anstellen. Oder so.

Washington mit dem Glauben an die Divisionskrone läuft das hier nach Hause.

Herrmann