Der Wunschtrainer: Jim Schwartz

Die Entscheidung des Front-Office der Detroit Lions, Head Coach Jim Schwartz nach dem erneuten Verpassen der Playoffs zu entlassen, kam nicht sonderlich überraschend, und die Beweggründe sind relativ einfach nachvollziehbar: Es ist nicht so sehr das Verpassen der Playoffs, sondern die Murmeltierschleife, in der die Schwartz’schen Lions stecken geblieben sind. Punxatowney Phil meldet: Schlampige Spielzugausführung, dumme Penaltys, schlimmes Timeout-Management und als Resultat zu viele unnötig verlorene Spiele. Das stumpft dich als Fan ab, und es fällt unweigerlich – ob fair oder nicht – auf die Führungsfigur, in diesem Fall Jim Schwartz, zurück.

Persönlich geht für mich damit mein Lieblingstrainer verloren. Ich habe 2009, kurz nach Ende der legendären 0-16 Saison der Lions und einen Tag nach der Entlassung von Rod Marinelli und dem kompletten Trainerstab in einem italienischen Forum folgendes gepostet (lose übersetzt):

Wenn ich eine Wahl hätte, sie würde auf Jim Schwartz fallen, und die Entscheidung ist keine knappe. Schwartz steht für so vieles in einem Head Coach, was ich sehen will. Er steht für Defense. Detroit braucht zu allererst Defense. Ich würde im Normalfall immer schreiben „wir brauchen Offense“, aber die Offense ist nicht einmal das große Problem in Detroit. Es fehlt an der Abwehr. Schwartz hat jahrelange exzellente Arbeit in Tennessee geleistet, obwohl er neben Haynesworth keinen zweiten exzellenten Spieler hatte. Als ehemaliger Offensive Consultant kennt Schwartz aber auch die Wichtigkeit von Offense.

Schwartz ist ein studierter Ökonom. Das zeigt sich in der Arbeit. Er gilt in Footballkreisen als Pragmatiker. Er führt Sheets in denen die Spieler Down für Down nach ihren Leistungen bewertet werden. Das ist methodisch um mehrere Welten von allem entfernt, was Detroit in den letzten Jahren gesehen hat und in der NFL noch immer nicht gang und gebe. Insofern ist Schwartz ein Vorreiter.

Schwartz hat bei den besten gelernt: Bei Belichick, als Belichick noch Wunderknaben produzierte, und später bei Jeff Fisher. Fisher schwärmt noch immer in den höchsten Tönen von Schwartz, auch wenn er ihn jetzt verlieren könnte. Belichick war aktiver Förderer von Schwartz noch bevor Belichick zu „Belichick“ wurde und noch als junger Hüpfer in Cleveland seine ersten Coaching Erfahrungen machte.

Dungy wird vielleicht zurücktreten, aber er wird danach sicher keinen anderen Job annehmen, zumindest nicht 2009. Damit fällt die einzige akzaptable Alternative flach bevor sie eine Chance hat diskutiert zu werden. Dadurch wird Schwartz zur mit meilenweitem Abstand besten Wahl. Also nehmen wir ihn. In bocca al lupo!

Martin Mayhew griff danach tatsächlich zu Schwartz, dem damaligen Defensive Coordinator von Tennessee. Ein Jahr später schrieb ich im selben Forum.

Das erste Jahr war richtig schlecht. Diese Lions haben zwar zwei Spiele gewonnen, aber vielleicht waren sie noch schlechter als ihre Vorgänger, die kein einziges Spiel gewonnen haben, aber mal ehrlich: Wer irgendwas anderes erwartet hatte, möge die Hand heben und das Wort ergreifen.

Um das Jahr zu rekapitulieren: Ich war von Anfang an gegen Matt Stafford als QB, und die Schlechtigkeit der Offensive Line hat mich bestärkt in meiner Meinung, dass die Lions ihren Franchise QB verheizen. Aber ich gebe zu, dass der Move ein Jahr später besser aussieht als vorher. Stafford hat sich zwar zweimal verletzt und er hat oft schlecht gespielt, aber who cares? Das ist ein Rookie in einer grottenschlechten Mannschaft, da willst du erstmal sehen ob du einen Kämpfer hast oder einen mutlosen Schisser. Alles andere ist eh zweitrangig. Es liegt jetzt an Stafford und den Coaches die richtigen Schlüsse aus dem Rookie-Jahr zu ziehen. Staff hat das Potenzial, und die Spiele wie Cleveland [s. hier] sind das, wofür ich die NFL und Spieler wie Stafford so liebe. Grade: Vielleicht eine 7 [dt. Note in etwa zwischen 3 und 4] für Matthew. Jetzt bitte noch etwas O-Line einkaufen.

Die Lions haben nun den zweiten Pick im Draft und existiert irgendein Zweifel, wen wir nehmen müssen? Nein, Suh ist ein Gigant, ein Monster, und ich stimme [User carroba41] uneingeschränkt zu: Die Rams werden einen QB nehmen, und Suh wird auf den zweiten Platz fallen. Es gibt keine Position die für die Lions 2010 wichtiger ist als DT und Suh. Jeder der Suh gegen Nebraska gesehen hat, weiß das das der Spieler ist, den dieses Jahr alle wollen.

Zu Schwartz kann man nicht viel Negatives sagen: Er hatte keine Spieler, aber seine Aufgabe dieses Jahr war, sich die wenigen herauszusuchen, die die Seinigen sein werden. Wenn Schwartz so pragmatisch ist wie sie alle behaupten, dann wird er die Richtigen auswählen. Ich bin jedenfalls zuversichtlich. Nächstes Jahr schon werden die Lions mindestens 6 oder 7 Spiele gewinnen.

2010 beendete Detroit mit sechs Siegen. Es war das Jahr, das sich am bisher besten anfühlte, da man stets den Eindruck hatte, dass der Druchbruch kurz bevor stand. Detroit verlor zwar acht der ersten zehn Spiele, und war noch längst nicht wirklich eine richtig gute Mannschaft, aber die Lions verloren damals fast nie hoch, bleiben meistens lange im Spiel, und das, obwohl der QB Matthew Stafford aufgrund einer schweren Verletzung nur drei Einsätze hatte. Das war auch das große Fragezeichen nach 2010. Aus der Sezierstunde nach der Saison 2010:

2010/11 hat uns ein 6-10 beschert. Es passiert nur in Detroit, dass „6-10“ mit gutem Gewissen in das Regal mit dem Aufkleber „Erfolg“ eingelegt werden kann.

2010/11 waren die Lions ein deutlich wettbewerbsfähiger Haufen als in den letzten 2-3 Jahren. Die Schwachstellen sind teilweise eklatant, aber sie haben meist voll durchgespielt und mit ihrem Sieg über Tampa in Woche 15 sogar dem Superbowl-Champ Green Bay überhaupt erst die Playoff-Teilnahme ermöglicht!

Die zehn Saisonniederlagen lesen sich so: -5 gegen Chicago, -3 gegen Philadelphia, -14 gegen Minnesota, -2 gegen Green Bay, -8 gegen die Giants, -3 (OT) gegen die Jets, -2 gegen Buffalo, -14 gegen Dallas, -21 gegen New England (als die jeden Gegner in Grund und Boden gespielt haben) und -4 gegen Chicago. Vier Siege im Dezember, unter anderem gegen Green Bay und Tampa Bay, die beide voll im Saft um die Playoffs waren. Und man bedenke: Über weite Strecken wurde mit Backup-QB und sogar Third Stringer und Backup-RB gespielt. Trotzdem hat z.B. ein Calvin Johnson wieder über 1000yds und 12TDs gefangen.

Das unbeschreibbare Wort „Siegermentalität“ ist zwar nicht so meins. Aber so oft wie die Lions diese Saison an einem Sieg dran waren und trotzdem noch vergeigt haben… Wenn ich an Leute wie C Raiola denke, die seit ungefähr drei Jahrzehnten nur losing seasons erleben mussten, ist das auch kein Wunder. Die wissen gar nicht, wie man das macht, selbst wenn einem mal ein starkes Spiel ausrutscht.

Ein Jahr später folgte die erste Playoff-Qualifikation. Es war aber auch die Saison, in der sich erstmals in eklatanter Weise die Probleme wie Schlampigkeiten zeigten, die nicht ausgemerzt wurden, oder unendliche Serien an Strafen. Diese Undiszipliniertheiten machten durchaus Sorgen, aber der Grundtenor blieb weiterhin optimistisch:

Für die Detroit Lions war 2011/12 trotz einiger Turbulenzen ein sehr gutes, weiteres Jahr des Aufbaus. Mit 10-6 Siegen und einem Ranking im oberen NFL-Drittel in fast allen wichtigen Statistiken zeigt der Trend ein weiteres Jahr steil nach oben, und nach einigen knappen Niederlagen gegen die NFL-Elite brach man im Wildcard-Spiel bei den extrem heimstarken New Orleans Saints erst im Schlussviertel einer auf mehreren Ebenen unglücklich verlaufenen Partie ein. Konzeptionell ist die Mannschaft 1A zusammengebaut: Via Draft, mit einigen ergänzenden Einkäufen vom Transfermarkt. Ohne die vielen Nebengeräusche abseits des Spielfelds wären die Lions ein gigantischer Sleeper.

In der Katastrophensaison 2012/13 lief alles gegen die Lions. Die 4-12 Bilanz war nicht verdient, und auch die Mannschaft kollabierte nicht, verlor nur ein einziges Spiel wirklich hoch (@Arizona spät im Dezember). Aber es zeichnete sich schon zu Thanksgiving ab, dass Schwartz die Felle davon schwimmen. Detroit war zum Zeitpunkt, als ich die Thanksgiving-Preview 2012 schrieb, bei 4-6 Siegen, also noch vor der finalen Pleitenserie und kurz bevor Schwartz den „Schwartz“ (den ominösen Flaggenwurf gegen Houston) machte:

Klingt alles nicht gut für Detroit – aber: Die Defense ist diese Saison ein eher kleines Problem, hielt Detroit selbst gegen starke Angriffe meistens lange im Spiel.

Dennoch: Ich bin etwas besorgt. Nicht wegen einer potenziell weiteren Niederlage – die Playoffs hatte ich dieses Jahr von den Lions ebenso wenig „erwartet“ wie eine 11-5 Bilanz. Aber die Stimmung in Mannschaft, Trainerstab und auf den Rängen müffelt bereits dezent angefäult; die merkwürdigen, unpragmatischen Moves von Jim Schwartz in den letzten Wochen haben mich aufhorchen lassen. Irgendwo durch die riesigen Gläser des Ford Fields dämmert schon fin de siécle-Atmosphäre.

Ich hänge an Mannschaft wie Trainer genug, dass ich lieber ein weiteres Jahr mit Schwartz in den Abgrund fahre, als bereits diesen Winter eine erneute Generalüberholung in dieser Franchise zu sehen.

Also. In den letzten Wochen war die Halbwertszeit zwischen Opening Kickoff und ersten Buhrufen im Ford Field keine drei Spielminuten. Eine weitere Pleite wird in dieser eh schon verfallenden Stadt Detroit kein gutes Gegengift sein…

Lieber in den Abgrund, als den Lieblings-Coach aufzugeben. Da steckt glaube ich auch ein bissl der Denke von NFL-Coaches in mir, die ihren QB-Bust nicht zu früh aufgeben wollen anstelle ihn als „sunken cost“ abzuschreiben. Ich weiß nicht, ob diese Denke von mir ebenso unpragmatisch wie Schwartz war. Aber wer will schon seinen absoluten Wunschkandidaten zu früh aufgeben?

In der Sezierstunde nach der Saison 2012/13 schrieb ich:

Die Saison 2012/13 wird als Saison der enttäuschten Hoffnungen in die Lions-Historie eingehen: Nach zwei Jahren Euphorie und Weg nach oben folgte der brutale Absturz auf bekanntes Terrain: Vierter Platz in der NFC North mit einer 4-12 Bilanz. Das schwache Gesamtbild der Detroit Lions wurde abgerundet durch nach außen getragene interne Schwierigkeiten und aufkommende Zweifel an der Qualität des Head Coaches Jim Schwartz.

Leser dieses Blogs dürften mittlerweile mitbekommen haben, dass der Lions-Laden trotzdem noch kein Fall fürn Notarzt ist. Zu gut waren die Vorstellungen gegen einen überwiegend schwierigen Schedule, zu viele Niederlagen selbst gegen sehr gute Teams waren einfach knapp (3-9 in One-Score-Games). Und gleich mehrfach war nicht bloß ein etwas besserer Gegner schuldig, sondern Detroit mit Eigenfehlern: Schlechte Coaching-Entscheidungen, Fehlkicks, Turnovers zum dümmsten Zeitpunkt.

Die Mannschaft bewegte sich zwischen frustrierend und aufregend. Spiele wie gegen Phialdelphia, Seattle, Green Bay oder Houston waren sinnbildlich für diese Saison: Hautenge Partien mit Punch und Gegenpunch, Comebackversuch und am Ende 1-2 Plays, die die Entscheidung herbeiführten.

Freilich bedeutet all das nicht, dass die Lions per sofort als Spitzenteam anzusehen sind. Sie waren mittelmäßig. Man lernte in dieser Saison aber nicht viel Neues über das Team, was nicht eh schon klar ist.

[…] Auf der anderen Seite ist Schwartz angezählt. Eine weitere Wackelsaison und wir sehen nächsten Winter einen neuen Lions-Cheftrainer.

Die Wackelsaison ist gekommen. Schwartz musste gehen. Schwartz hat letztlich nicht das gehalten, was er versprochen hat: Er erwies sich nicht als „analytischer Head Coach“, als der er vor Amtsantritt präsentiert wurde. Der Schachspieler Schwartz war deutlich weniger pragmatisch als gedacht. Nach drei guten Jahren zum Einstand wurden seine Moves immer bizarrer, immer bauchgetriebener.

Er hat die die Detroit Lions aus dem tiefsten Tal herausgeführt. Detroit ist kein 0-16 Team mehr. Aber man fühlt sich nicht viel besser, wenn man mit 8-8 abschließt und weiß, dass so viel mehr drin gewesen wäre; wie schon 2012; wie eigentlich schon 2011, als man noch jeden Sieg mit Kusshand nahm, da es ein Sieg war. Von der Hoffnungslosigkeit eines 0-16 ging es zur Hoffnung, die eine 2-14 Saison bot. Dann kam eine schaumgebremste Zeit, in der eine verletzungsgeplagte Mannschaft immerhin mit 6-10 abschloss. Dann kamen die Playoffs, die so viel mehr versprachen. Dann kam der Kollaps. Gleich zweimal in Serie.

Danke Jim Schwartz für fünf aufregende Jahre. Ich wusste nicht, wie es sich fühlt, eine NFL-Mannschaft zu unterstützen, die realistische Playoff-Chancen besitzt. Nun weiß ich es. Es kann verdammt nervenaufreibend sein. Der nächste Coach findet zwar eine Mannschaft in Salary-Cap Schwierigkeiten vor, aber das Potenzial der Stammspieler, die unter Vertrag stehen, ist gegeben.


Mein persönlicher Wunschkandidat als neuer Lions-Headcoach war natürlich Dungy, aber Dungy wird es nicht werden. So bleibt das Wunsch-Profil des neuen Head Coaches ein folgende Punkte umfassendes:

  1. Ein Offensiv-Geist. Oder zumindest jemand, der einen kompetenten OffCoord einstellt. Die Lions-Probleme starten im Angriff.
  2. Ein Stratege. Der neue Head Coach muss dringend Mitspracherecht in der Kaderzusammenstellung bekommen. GM Mayhew hat sich als unfähig erwiesen, ein gescheites Vertragsmanagement auf die Beine zu stellen, weswegen Detroit in den großen Fragen auf Jahre die Hände gebunden sein werden.
  3. Stats-Guy. Zumindest Basis-Verständnis für Advanced-Metrics würde ich mir schon vom neuen Headcoach wünschen. Also genau das, was man sich vor fünf Jahren von Schwartz versprochen hat.
  4. Disziplin als hohe Priorität. Der neue Lions-Coach muss großen Fokus auf Disziplin am Spielfeld legen.

So long. Einer der Favoriten auf den Job soll Ken Whisenhunt (derzeit OffCoord von den Chargers) sein. Mit ihm könnte ich leben, auch wenn der gestrige GamePlan Whisenhunts in Denver selten beknackt war. Whisenhunt hat eine gute Historie, aus vielversprechenden QBs (damit sind nicht gemeint: Max Hall, Drew Stanton, John Skelton, Kevin Kolb…) Großartiges herauszukitzeln. Und Whisenhunt hat dieses Jahr aus weniger Personal viel mehr gemacht als die Lions je an Offense hatten. Dazu aber vielleicht in den nächsten Tagen mehr.