Notizblock NFL Championship Games 2013/14

Zunächst mal: ein Championship Game sollte nicht ohne Flutlicht, dafür aber bei strahlendem Sonnenschein und 15° Celsius ausgetragen werden. Jedes Sunday Night Game hat mehr Atmosphäre. Passenderweise gab es dann eine fast schon langweilig perfekte Leistung der Denver Broncos und ein langweilig durchschnittliches Spiel der New England Patriots. Später ertranken wir dafür dankenswerterweise in literweise Herzblut und action vor einer Kulisse, die man sich für ein Championship Game nicht perfekter hätte ausmalen können.

New England Patriots 16, Denver Broncos 26

Mittlerweile hatten die meisten Nasen eingesehen, daß die „Bester Quarterback aller Zeiten„-Frage sinn- und zwecklos ist. Und ausgerechnet jetzt kommt Peyton Manning um die Ecke mit 60 Minuten Quarterbacking nahe an der Perfektion. In seinem 38. Lebensjahr. Mit seiner dritten AFC Championship. Gewonnen gegen Erzrivale Bill Belichick.

32 von 43 Pässen an den Mann gebracht, 400 Yards erworfen, zwei TDs, keine INTs. Genüßlich hat er die Paßverteidigung der New England Patriots zerlegt, bis am Ende nur noch Hilflosigkeit übrig war. New England kam ihm dabei unfreiwillig zur Hilfe, als sich bereits zu Beginn mit Aqib Talib der beste Cornerback einen Platz im schon überbelegten Lazarett der Pats suchen mußte. Alfonzo Dennard, sein replacement, ist nicht nur spielerisch eine Stufe unter Talib, sondern auch körperlich. Die zehn fehlenden Centimeter gegenüber Talib hat Denvers WR Demariyus Thomas zusammen mit den genauen Pässen Mannings immer wieder ausgenutzt. Ja, Talib hat gefehlt: aber Manning hat eben auch immer genaueste Pässe geworfen.

Massive Unterstützung bekam Manning dabei von seiner Offensive Line.  New Englands pass rush – der mal wieder enttäuschende Chandler Jones, der als pass rusher limitierte Publikumsliebling Rob Ninkovich und Opa Andre Carter – bekamen nie auch nur eine Hand in Mannings Sichtfeld. Ja, die Patriots brachten keinen Druck auf ihn: aber Manning hat eben auch immer schnell geworfen.

Semi-überraschend war das wieder mal erweiterte playbook von Offensive Coordinator Adam Gase und Manning. Nachdem er jahrelang die patentierte Tom-Moore-/Peyton-Manning-Offense rauf und runter gedudelt hat, die vorhersehbar und trotzdem (wegen perfekter execution) kaum zu stoppen zu war, wird seine Offense jetzt immer vielfältiger. Formationen ohne RBs, handoffs zu Tight Ends, double stack formations und route combinations direkt aus Mike Leachs Nachttischchen hatte Manning bis jetzt nicht nötig. Ja, er ist körperlich nach all den Jahren und Verletzungen nicht mehr der Alte: aber er paßt sein Spiel den Umständen an und ist damit so gut wie eh und je.

Und als highlight hat Manning einfach mal die alte Anti-Manning-Taktik genommen und umgedreht, sie gegen Tom Brady gewendet. Denvers Offense hielt den Ball für fast 36 Minuten. Jeden Drive konnte Manning am Leben erhalten. Der erste Drive war mit 37 Yards noch der kürzeste. Die folgenden liefen über 73, 93, 63, 80, 60, 39 und 38 Yards. Bis auf den ersten und den letzten Drive endeten alle mit Punkten.

Denvers Offense um Manning, die Thomases, Decker, die RBs Moreno/Ball und die OLine spielten fast fehlerfreien Football. Keine Turnovers, keine wichtigen drops, keine verschenkten 1st Downs. Wenn man da überhaupt einen Kritikpunkt finden will, dann die Punkteausbeute (sechs scoring drives, aber nur zwei TDs) und einige blöde penalties.

Auch die Defense spielte fast fehlerfrei. Es gab nur einen gravierenden Fehler: als im ersten Viertel Julian Edelman weit offen war (blown coverage?) und Tom Brady ihn weit überwarf. Ansonsten eine starke Leistung der Defense, die mittlerweile als no-name unit auftritt. Wirklich auffällig waren nur  Pot Roast Knighton, OLB Shaun Philips und CB Dominique Rodgers-Cromartie. Daß die anderen nicht weiter auffielen, heißt hier aber vor allem, daß sie nicht negativ auffielen.

Ich kann mich kaum an ein Championship Game erinnern, in dem eine Mannschaft 60 Minuten lang fast komplett fehlerfrei gespielt hat. Die Offense der Patriots? That´s a discussion for another day.

San Francisco 49ers 17, Seattle Seahawks 23

Später am Sonntag dann das totale Gegenteil: Fehler von aufgeregten jungen Menschen folgten weitere Fehler junger aufgeregter Menschen. Colin Kaepernick vergeigt das bis zum Schluß enge Spiel dann zwar dann zwar mit drei Ballverlusten im letzten Viertel. Aber was will man ihm vorwerfen? Es ist noch nicht mal seine zweite komplette Saison als starter und im lautesten Stadion der Erde steht auf der anderen Seite eine der besten Verteidigungsreihen seit Menschen Eier durch die Luft werfen.

Er hat sogar ansatzweise gezeigt, was für ein guter passer er ist. Der Touchdownpaß über 30 Yards im Springen (!) war der beste der Playoffs. Vielleicht sogar der Saison. Man sollte QBs nicht auf arm strength reduzieren, aber bei Pässen wie diesen sieht man, warum es eben doch so wichtig sein kann. Manning und Brady können solche Bälle nichtmal ansatzweise werfen, aber was sie Kaepernick an Spielintelligenz und Erfahrung voraushaben, kann er mit seinem Raketenarm manchmal vergessen machen.

San Francisco ist über das Spiel hin langsam, aber immer mehr, auseinandergefallen wie eine klapprige Holzkutsche die stundenlang auf spitzesten Stolpersteinen high speed fährt. Leider.

Das ging los bei der Verletzung von Mike Iupati, ging über die Verletzung NaVorro Bowmans, die vier big plays der Seahawks (der lange Paß von Wilson, der lange Lauf von Lynch, der typische Jermaine-Kearse-Catch von Jermaine Kearse und der lange Kickoff Return) bis hin dem Fumble, der am Ende dann doch in die falschen Hände fiel.

Daß aber die Kutsche bis eine Minute vor Schluß trotz aller Schäden immer noch gefahren ist, war eine unglaublich beeindruckende Kraft- und Willensleistung der 49ers.  Jim Harbaugh übertritt zwar bisweilen mit seinem aggressiven Enthusiasmus die Grenze zum Unsympathischen. Aber daß seine Spieler alles Blut und Herz auf dem Spielfeld lassen, spricht als Head Coach dann doch für ihn.

Mit der finalen Interception Kaepernicks kurz vor Schluß brachen dann alle Räder gleichzeitig ab. Warum er mit allen Timeouts (!) und noch Zeit auf der Uhr unbedingt Richtung Sherman werfen wollte, weiß nur Gott. Zum Trost sei gesagt, daß die 49ers 59 Minuten lang über ihre Verhältnisse gespielt haben.

Es gibt nichts schöneres als 50 Typen, die allein durch ihren Willen und ihre Leidenschaft die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit sprengen – außer vielleicht: dann auch noch zu gewinnen. Es kann für diese Saison 2013/14 aber auch keinen schöneren Super Bowl geben als das Duell von bester Offense gegen beste Defense. Unter freiem Himmel, im Februar, in New York.

2 Kommentare zu “Notizblock NFL Championship Games 2013/14

  1. Shaun Phillips ist in Denver DE, kein OLB mehr.
    Was Knighton jetzt schon die letzten 5-6 Spiele leistet ist klasse, war wirklich eine gute Verplichtung von Del Rio.

    Hoffe die Pats bekommen noch einen neuen DE den man auch öfter einsetzt, damit Ninkovich und Jones nicht wieder soviele Snaps spielen müssen und dann am Ende kraftlos sind.
    So eine Free-Agent Verplichtung wie Phillips würden wir auch brauchen!

  2. New England scheint jetzt annähernd auseinanderzufallen…Erst Pepper Johnson, jetzt OL Coach Scarnecchia. Das ist ein harter Schlag.

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