Senior Bowl 2014 Preview

Nachtrag für die Chronik: Das NFL-Network (empfangbar über den NFL-Gamepass) überträgt natürlich die Senior Bowl live. Kickoff 22h MEZ.


Kein footballfreies Wochenende dieser Tage: Heute Abend, 22h findet der Senior Bowl 2014 statt, ein Auswahlspiel von ausgewählten Draftanwärtern, die zumindest vier Jahre aus der Highschool sind (oder vier Jahre am College gespielt haben und „Seniors“ waren). Veranstaltungsort ist Mobile/Alabama, ein kleines Provinzstädtchen, das schon die ganze Woche über eine Schar an Scouts, Journalisten, Funktionären und Scouts beherbergt.

Die Senior Bowl ist nicht das einzige, aber dafür das bekannteste Auswahlspiel an College-Prospects für den Draft. Es spielt ein „Nord-Team“ gegen ein „Süd-Team“, wobei die Spieler relativ willkürlich den beiden Teams zugeordnet werden. Coaches sind diesmal Mike Smith (Atlanta Falcons) für das Nord-Team und Gus Bradley (Jacksonville Jaguars) für das Süd-Team. Die Roster kann man sich auf der offiziellen Senior-Bowl Homepage anschauen; ich schneide hier nur einmal kurz die wichtigeren, bekannteren Prospects an.

Über die Prospects wird auch bei Der Draft im Draftcast No. 8 gesprochen. Nachfolgend meine Gedanken und einiges Aufgeschnapptes zu den Prospects.

Quarterbacks

Die Stars der QB-Klasse 2014 sind heuer nicht die Seniors, auch wenn es interessante Namen gibt. Der bekannteste Senior hat sich nicht zum Spiel angemeldet: QB A.J. McCarron von Alabama schwänzt die Veranstaltung.

Unter den verbliebenen Teilnehmern heute Abend kennt man am ehesten gewiss Clemsons QB #10 Tajh Boyd, noch im Sommer als kommender Superstar gehypt, aber mittlerweile ist man sich nicht mehr sicher, ob seine Würfe genügend Power für die NFL haben; Clemson spielte eine sehr spezielle Offense mit vielen Würfen gegen die Laufrichtung – etwas, das es in der NFL, und schon heute Abend, nicht mehr geben wird.

Boyd spielt im Nord-Team. Die anderen beiden Nord-QBs sind #17 Stephen Morris (Miami Hurricanes) und #3 Logan Thomas (Virginia Tech Hokies), also insgesamt drei QBs aus der ACC. Der Hüne Thomas ist berühmt geworden dafür, trotz seiner Körpergröße extrem athletisch zu sein, aber seine Flauseln hinsichtlich konstant unpräziser Würfe sollen seine Coaches in den Wahnsinn getrieben haben. Thomas ist allerdings die Art Prospect, die dann in der Senior-Bowl Woche doch genug gezeigt haben soll, dass schon erste Trainer trotz seiner lauen College-Karriere neugierig geworden sind.

Morris soll Anlagen eines echten Franchise-QBs haben, aber ähnlich unverlässlich wie Thomas sein.

Im Nord-Team ist der bekannteste QB-Name Derek Carr von Fresno State. Derek ist Davids kleiner Bruder (Dave Carr wurde 2002 als #1-Pick von den Texans gezogen), und seine durchaus interessante persönliche Geschichte habe ich schon im Septemer knapp dokumentiert. Carr gilt als der Typus Quarterback, der sich nicht scheut, die schwierigen Würfe zu versuchen – das wollen Scouts sehen – und er soll gleich am ersten Trainingstag am Montag allen Konkurrenten gezeigt haben, wo der Hammer hängt.

David Fales von San Jose State kennen wir auch schon. Wo man bei ihm Frühsommer noch etwas Buzz kreieren konnte ob seines möglichen Erstrundenpotenzials, wurden im Laufe der Saison immer mehr Stimmen laut, dass Fales einfach nicht genügend Saft im Wurfarm habe; das ging soweit, dass sich der OffCoord von San Jose State zur Bemerkung hinreißen ließ, man habe aufgrund von Fales schwachem Wurfarm einige Plays aus dem Playbook streichen müssen. Das klingt nicht NFL-kompatibel.

Der Dritte im Bunde im Nord-Team ist der mir bisher unbekannte Jimmy Garoppolo, der am College beim unterklassigen Eastern Illinois gespielt hat. Garoppolo soll letzte Woche in einem anderen All-Star Spiel (East-West Shrine Game) faszinierend gespielt haben und richtig geile Downfield-Raketen geworfen haben. Garoppolo wird keine Chance haben gegen die Unkenrufe vom kleinen College, aber man glaubt mittlerweile, dass er durchaus Material für eine zweite oder dritte Runde im Draft sein kann.

Running Backs

Ein eher unbekanntes Sextett an Runningbacks. #20 James White von Wisconsin hat man noch am öftesten spielen sehen: Ein kleiner, recht beweglicher Spieler, aber wenn ich Dinge lese von wegen „White ist ein Speedster“, dann stelle ich mir echt die Frage, ob ich bei dem Namen den gleichen Spieler im Kopf habe.

#24 Jerick McKinnon (Süd-Team) soll ein pfeilschnelles Talent sein. McKinnon spielte am College in der FCS bei Georgia Southern Offense und Defense, und soll entsprechend ziemlich ausgelaugt gewirkt haben. Plus: McKinnon spielte am College in einer echten Option-Offense. Es ist meistens echtes Lehrvideo, solche Spieler zum ersten Mal aus einer I-Formation laufen zu sehen.

#33 Charles Sims (West Virginia) soll extremst wendig sein und sich schon in die Herzen der Scouts gespielt haben. Alle erwarten von ihm heute einige Monster-Plays.

Wide Receivers

Vielleicht zuerst zu den Jungs aus dem Nord-Team. #1 Josh Huff von Oregon gilt als der klassische Spieler, der am College nur von seiner Athletik lebte, der aber noch nicht viel Route-Running trainiert hat und große Konzentrationsprobleme beim Catch haben soll. Andere bekannte Spieler sind #84 Jared Abbrederis von Wisconsin und #16 Michael Campanaro von Wake Forest. Campanaro soll eine Kämpfernatur sein und sich im Training nicht gescheut haben, gegen die besten Cornerbacks in Doppeldeckungen hinein zu springen um die Bälle herunterzuholen.

Auch bei den Wide Receivers: #22 Kain Colter, der frühere Quarterback von Northwestern, der schon bei den Wildcats immer mal wieder als Receiver eingesprungen ist – grad da, wo Not am Mann war. Colter hat in der NFL, wenn überhaupt, nur als WR eine Chance.

Im Süd-Team spielen allerlei flüchtig bekannte Namen wie #1 Mike Davis (Texas), #2 Cody Hoffman (Brigham Young), #83 Kevin Norwood (Alabama) oder #87 Jordan Matthews (Vanderbilt), aber bei allen zieht sich im Vorfeld des Spiels in etwa folgende Beschreibung durch: „man sieht NFL-Potenzial aufflackern, aber in irgend einer Facette des Spiels hat er entscheidende Schwächen…“

Tight Ends

Auch bei den Tight Ends gilt: Die Stars sind Juniors und werden frühestens in der Combine erstmals in Erscheinung treten. Der bekannteste TE heute ist #88 Arthur Lynch von Georgia (spielt im Süd-Team) – ein echt auffälliger Spieler am College in der großartigen Georgia-Offense, aber man befürchtet bei ihm, dass er zu langsam ist um sich in der NFL durchzusetzen.

Offensive Line

Der bekannteste OT ist #76 Seantrel Henderson von Miami/FL, ein 140kg-Bolzen. Soll ein klassisches Problem haben: Zu viele mentale Aussetzer. Das kannst du dir in einer „offensiven“ Position erlauben, weil dort bei solchen Fehlern nicht gleich die Welt untergeht. Aber „Offensive Tackle“ ist Hand aufs Herz eine primär „defensive“ Position – sie schützt zuallererst den Quarterback vor dem Angriff des Defensive Ends. Und wenn du einen Franchise-QB beschützen musst und pro drei Snaps einen Denkfehler begehst, hast du als Offense Tackle ein Problem. Henderson gehört offenbar in die Kategorie, auch wenn er schon qua Vorname am ehesten Star-Potenzial haben soll.

Bei den Guards bekam Baylors #68 Cyril Richardson vor der Senior Bowl recht viel Presse – weil er im Training immer und immer wieder von seinem direkten Gegenspieler DT Aaron Donald verarscht wurde. Donald gilt als möglicher NFL-Star, aber direkt vor den Augen von NFL-Trainerstäben immer und immer wieder lächerlich gemacht zu werden, dürfte Richardson nicht geholfen haben.

Bei den Centern kenne ich keinen Mann. Von Wisconsin ist niemand dabei, also auch kein Grund, jetzt schon näheres über die Position zu schreiben.

Defensive End

Auch hier gilt: Die Top-Noten kriegen die Juniors wie Jadeveon Clowney. Die sind aber natürlich nicht dabei. Von den heute Spielberechtigten ist ganz sicher die #93 Trent Murphy der bekannteste, vielversprechendste Name. Murphy kommt direkt von der Stanford University, wo er – ich schrieb einige Male darüber – der absolut herausragende Abwehrspieler einer der besten Verteidigungen des Landes war. Murphy spielte dort allerdings vornehmlich als OLB in einer 3-4 Defense. Die NFL befindet ihn dafür als zu schwach. Murphy wurde im Training hauptsächlich als DE getestet und während einige seiner Positionskollegen auch Übungseinheiten als OLBs mitmachen durften, soll man Murphy nahe gelegt haben, sich auf DE zu konzentrieren: Zu schlecht soll seine Deckungsfähigkeit sein. Murphy ist ein Hüne mit ca. 1m96, aber ein beweglicher Hüne.

#30 Dee Ford von Auburn wurde im Vorfeld des National-Championship Games bekannt, weil er einer der talentiertesten Klavierspieler des Landes sein soll, und weil er bekannt gab, dass Piano-Spielen seine „wahre Leidenschaft“ sei. Todsünde. Du darfst als Mann mit NFL-Aussichten niemals zugeben, dass es Dinge gibt, die für dich über Football stehen.

Defensive Tackle

Auf dieser Position sollen die Seniors gegenüber den Juniors die Nase vorn haben. Der absolute Superstar ist den Trainingseindrücken zur Folge der DT #97 Aaron Donald von Pitt – ein Mann, der schon ernsthafte Kandidatur für die Heisman-Trophy abgegeben hat, aber aus Gründen des Körperbaus (nur ca. 1,81m groß, 123kg schwer) überall nur als 2nd-Round Pick gelistet war. Dann kamen die Trainingseinheiten, und Donald soll alles pulverisiert haben, was sich ihm in den Weg gestellt hat. Da bahnt sich schon ein möglicher 1st-Rounder an…

Der andere mögliche hohe Pick aus dem Nord-Team ist #99 Ra’shede Hageman von Minnesota, der das komplette Gegenteil zu Donald ist: Ein 1,97m großer, weit über 300 Pfund schweres Monster. Alle glaubten, er sei eine Art neuer Gerald McCoy, aber dann hatte der Coaching-Staff neue Ideen: Hageman soll als „5-technique“ getestet worden sein, eine Position, die in der NFL eher einem Defensive End ähnelt als einem Tackle.

Im Süd-Team ist #90 Will Sutton von Arizona State der Topstar. Sutton ist vom College als extrem quicker Line-Spieler bekannt. Wenn die Berichte aber stimmen, dann sprechen ihm die Scouts die für einen echten Mega-DT notwendige Physis ab.

Linebacker

#7 Christian Jones von Florida State war der mir bekannteste Name. Jones ist für einen Linebacker mit nur ca 105kg relativ leicht, wobei: Mit dem zunehmenden Speed in NFL-Offenses geht auch einher, dass die Linebackers quicker, schneller sein müssen. Deswegen soll das Gewicht nicht mehr das entscheidende Kriterium bei den Linebackern sein. Allerdings gilt die Faustregel: Leichtgewichtige LBs müssen technisch extrem sauber sein um den Kraft-Nachteil ausgleichen zu können. Jones zum Beispiel gilt als technisch zu unsauber und könnte somit ein Kandidat sein, in der NFL zum Safety umgeschult zu werden, wo du es dir leisten kannst, mit der Schulter voran den Gegenspieler anzugehen. Linebacker können sich das gegen zumeist kräftigere Gegenspieler nicht leisten. Das ist in etwa das „Alec-Ogletree-Problem“: Bei Ogletree wusste man letztes Jahr auch nicht, ob das ein guter Linebacker werden würde oder lieber doch Safety.

Ein anderer, vielseitigerer Spieler ist #3 Kyle Van Noy, Codename KVN, von Brigham Young, der am College einer der dominantesten Spieler war. Van Noy gilt als extrem spielintelligent.

#55 Michael Sam von Mizzou soll vornehmlich als OLB gearbeitet haben, auch wenn Sam am College ein klarer End war. Sam soll für die NFL als eine Art „edge rusher“ eingelernt werden – nicht allzu gut in der Deckung, aber solange das Passrushing passt…

Bei einem anderen bin ich erstaunt, wie wenig Buzz er kriegt: Alabamas OLB #52 Adrian Hubbard, einer der auffälligeren Spieler in einer der besten Defenses. Hubbard soll im Training allerdings die Seuche gehabt haben und viel zu oft einen halben Schritt zu spät zum Tackle herangerauscht sein.

Cornerbacks

Die großen CB-Stars heuer sind Seniors, aber sie haben aus verschiedenen Gründen alle für heute abgesagt. Der bekannteste Teilnehmer ist der Iron-Bowl Held #11 Chris Davis, der allerdings in erster Linie als Returnspezialist gilt. Davis soll ziemlich verloren ausgesehen haben, wenn er denn mal in den Drills als Cornerback eingesetzt wurde.

Der CB #23 Jaylen Watkins von Florida soll eine positive Überraschung der Trainingswoche gewesen sein.

Safetys

Der sensationelle Seminoles-Safety Lamarcus Joyner ist nicht dabei, und ich bin mal ehrlich: Ich kenne die andere Jungs nicht. #5 Isaiah Lewis soll nicht wirklich gut ausgesehen haben, dafür sollen die Coaches mit der Physis von #6 Ahmad Dixon (kommt von Baylor) beeindruckt gewesen sein.

Die #14 Dezmon Southward soll unter der Woche als Cornerback getestet worden sein, aber dabei so schlecht ausgesehen haben, dass man ihn mittlerweile zum Strong Safety „gedowngradet“ hat (im Sinne von „kann keine Coverage spielen“ – aber Southwards Physis soll hilfreich sein).


Senior Bowl, das ist meistens ein Spiel, das man sich schon ansehen kann. Die Prospects spielen eigentlich soweit es geht rücksichtslos durch, und nur wenige haben Angst vor Verletzungen vor der Combine – die ist heuer übrigens auch ein wenig später als gewohnt, weil die NFL den Offseason-Kalender streckt. Damit ist auch die Chance höher, dass sich die Prospects nach etwaigen Blessuren besser für die Combine erholen können.

5 Kommentare zu “Senior Bowl 2014 Preview

  1. Pingback: Quarterbacks vor der Combine 2014 | Sideline Reporter

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