Die Olympische Eishockey-Vorschau für Gelegenheitszuschauer, Gruppe A

Am Mittwoch, 12.2. beginnt das olympische Hockey-Turnier der Männer, für das sogar die NHL pausiert und eine ganze Latte an Stars abstellt. 12 Mannschaften sind auf drei Vorrundengruppen aufgeteilt qualifiziert. Sie werden im Round-Robin Modus jeweils drei Vorrundenspiele bestreiten. Die drei Gruppensieger plus der beste Zweiter qualifizieren sich für das Viertelfinale. Die vier verbleibenden Gegner werden in einer Hoffnungsrunde aus den acht restlichen Mannschaften ermittelt. Das garantiert, dass jede Mannschaft mindestens vier Auftritte unter Wettkampfbedingungen hat. Danach wird im KO-Modus der Goldmedaillengewinner ausgespielt.

Viele Spiele werden von SPORT1 (das sublizenziert wurde) übertragen: Sendepläne und Streaming-Angebote kann man direkt von der Sender-Homepage übernehmen. Hockey ist für mich neben dem Curling-Turnier und den Alpinen Skiwettbewerben immer das ganz große Highlight der Winter-Olympiade, also nutze ich mal den Sideline Reporter, um mich auf das Turnier und seine Mannschaften einzustimmen. Ich beginne heute mit der Gruppe A.

Russland
USA
Slowakei
Slowenien

Russland

Die russische Mannschaft („Sbornaja“) ist die launische Diva des Eishockeysports. An guten Tagen zerlegt sie die Konkurrenz mit ihrem geschwindigen, technisch feinen Spiel, dass es eine Augenweide ist. Auf der anderen Seite ist sie in permanenter Gefahr, ihr Katastrophenpotenzial auszuschöpfen und hirnrissige Pleiten mit komplett lahmen Leistungen einzubauen. Es ist ein „ur-russisches“ Problem, und es ist schwierig nachzuvollziehen.

Das russische Angriffspersonal ist absolute Sahne und schon allein wegen der phänomenalen Ausnahmekönner wie dem Left Winger Alexander Ovechkin oder dem Center Evgeni Malkin gehört diese Auswahl immer zu den Topfavoriten. Habe ich Right Winger Kovalchuk oder Pavel Datsyuk (stand letzte Woche wieder im Aufgebot der Red Wings) bereits erwähnt? Nein? Die bilden nur das „Beiwerk“ zu Ovechkin und Malkin, den beiden letzten NHL-MVPs der Jahre 2012 und 2013.

Auf der anderen Seite beherbergt die seit Jahren schwelende Fehde zwischen Ovechkin und Malkin weiterhin Konfliktpotenzial. So gut diese beiden Einzelspieler sind, sie können sich immer noch nicht wirklich riechen. Vielleicht ist das aber egal; die beiden werden möglicherweise nicht in der gleichen Reihe aufgeboten.

Ovechkin ist immer noch der vielleicht faszinierendste Hockeyspieler der Welt, eine derartige Wucht auf dem Flügel, dass um ihn herum alles verblasst wenn dieser helle Stern in Aktion tritt. Heuer hat Ovechkin in 5-vs-5 Situationen in der NHL-Saison erst 17 Treffer erzielt (insgesamt 40, was die Torschützenliste deutlich anführt), aber das täuscht über seinen wahren Wert hinweg: Die Schuss-Statistik ist für die Qualität die bessere Argumentation, und Ovechkin gibt sensationelle 13 Schüsse pro 60 Spielminuten in 5-vs-5 Situationen ab. Ovechkin führt die iFenwick und iCorsi Wertungen der Liga an. Das sind die beiden Statistiken, die am nächsten das abbilden, was in der NFL der NY/A Wert ist.

So prächtig die russische Offensive ist, es gibt Fragezeichen in der Defense. Coach Bilyaletdinov wird vorgeworfen, die Nominierung der Spieler nicht nach dem Löwschen Leistungsprinzip vorgenommen zu haben, sondern ganz inzestuös auf die Spieler zu setzen, die ihm in den letzten Jahren schon des Öfteren den verlängerten Rücken gerettet haben. Bilyaletdinov setzt lieber auf eingespielte Pärchen in der Abwehr als auf Experimente, wobei Leute wie Voinov und Belov schon in den letzten Jahren nicht immer für Stabilität standen.

Immerhin gelten die beiden Goalies als mittlerweile etablierte NHL-Stars: Bobrosky (Columbus, 92.8% Saves) und Varlamov (Colorado, 93.5% Saves) gelten als Stammspieler in ihren jeweiligen Franchises und sollten das in den letzten Jahren immer mal wieder zutage getretene „Torhüterproblem“ bei den Russen zumindest lindern können.

Kurzum: Die Russen sind „loaded“ in der Offensive, sie haben hinter den Big-4 noch Winger wie Semin oder Radulov zum Einwechseln für zwischendurch bereitstehen. Die Defense ist suspekt, aber das Power-Play der Russen ist unbremsbar. Das Spielermaterial gibt es her. Die Teamchemie ist aber noch ein Fragezeichen, und dann ist da noch der Druck des Gewinnen Müssens im eigenen Land, nicht unähnlich der kanadischen Seele vor vier Jahren. Damals wurde der Volksheld Crosby zum Gold-Boy. Wird es Ovechkin, dem man zurecht oder nicht eine gewisse Peyton-Manningsche Spotlight-Allergie nachsagt, ihm gleichtun?

USA

Es gibt auf alle Fälle schon in der eigenen Gruppe heftige Konkurrenz. Die USA gelten seit Jahren als eine Art dark horse, denen man schon oft voraus prognostizierte, sie seien noch nicht so weit, aber es sei bald soweit, und trotzdem standen sie zuletzt mehrfach im olympischen Finale knapp vor dem ganz großen Triumph. Diesmal wurde der Pens-Coach Dan Bylsma als US-Coach engagiert, und es sind sich alle einer Meinung: Dieser Kader ist der beste, den die US-Boys jemals hatten.

I’m not convinced, um ehrlich zu sein. Bylsma nominierte einen Kader, der auf potenzielle Scorer wie Bobby Ryan verzichtete, um irgendwelche „Role Player“ für die dritte Reihe oder die Shutdown-Line mitzunehmen. Ist das der richtige Weg in der NHL? Absolut, denn bei 30 Franchises gibt es nicht genügend Spielermaterial, um alle Teams mit gleichwertigen 24-Mann Kader zu füllen. Aber bei Olympia hast du dieses Problem nicht. Du kannst deine besten auswählen. Bylsma verzichtete darauf.

Die Offense der USA bietet zwei potenziell überragende Winger-Reihen auf: Patrick Kane, Zach Parise, Olympia-Spezialist Phil Kessel und James van Riemsdyk können egal in welcher Kombination für locker zwei Drittel und mehr fantastischen Druck erzeugen. Das ist allein von der Qualität und Tiefe vielleicht noch besser als die russischen Winger. Allein: An richtigen Center vermissen sie in den Staaten. Möglicherweise werden Kesler oder Pavelski per Handzeichen reingewählt, weil es sonst niemanden gibt. Immerhin sollten solche Jungs die Defensive stärken.

Die Blue-Line ist durchaus nicht immer sattelfest mit nur einem wirklichen NHL-Star der gehobenen Klasse im allerdings einzigartigen Ryan Suter (Minnesota Wild). Dass sie nicht zum allergrößten Problem wird, dafür könnte aber das Herzstück der amerikanischen Mannschaft sorgen: Die Goalies.

Manche Mannschaft wäre mit einem 80%igen Jonathan Quick schon zufrieden, aber Quick ist in den Staaten wohl noch nichtmal die Nummer 1 trotz 92.4% Save-Quote. Quick und sein „Vorgesetzter“ Ryan Miller sind sich in den Save-Quoten nicht unähnlich, aber wo ein Quick in Los Angeles hinter einer funktionierenden Mannschaft spielt, hält Miller in Buffalo seit zwei Jahren einen kompletten Trümmerhaufen quasi im Alleingang zusammen und verhindert den Komplettabsturz.

Wenn Bylsma diesen Kader in der kurzen Zeit zu einer funktionierenden Mannschaft formen kann, wenn die Goalies heißlaufen, wenn sich das Center-Problem nicht als echtes Problem herauskristallisiert und etwas Glück in kritischen Momenten dazukommt, dann kann das durchaus was werden mit der Goldmedaille für die USA. Aber ich glaube ehrlich gesagt nicht dran. Es gibt komplettere Mannschaften in diesem Turnier.

Slowakei

Auch die Slowakei ist einigermaßen „frontgeloaded“, mit einigen größeren Namen, die jeder Eishockeyinteressierte aus dem Effeff herunterrattern kann, aber hinter der ersten und zweiten Linie gibt es nur beschränkte Optionen.

Vor allem die Defense der Slowaken dürfte eine Sollbruchstelle werden. Der häufig bockstarke Goalie Halak (92.3% Savings) kann die Kohlen nicht im Alleingang aus dem Feuer holen, und spätestens seit fix ist, dass Visnovsky von den Islanders ausfallen wird, dürfte jedem klar sein, dass die slowakische Defensive nicht den höchsten Ansprüchen genügen wird.

Immerhin hat die Abwehr aber einen markanten Superstar: Zdeno Chara, den 2.06m-Hünen von den Boston Bruins, den größten NFL-Spieler ever. Chara war am Freitag bei der Eröffnungsfeier, als die Kollegen in der NHL noch spielten, der Fahnenträger der slowakischen Olympia-Delegation.

Im Sturm wird bei den Slowaken nach dem Ausfall von Marian Gaborik alles über den Flügelspieler Marian Hossa laufen. Hossa ist einer der Spieler der Güteklasse, sagen wir, Curtis Martin um einen Quervergleich mit der NFL zu wagen: Jahrzehntelang ein Leistungsträger in jeder seiner Mannschaften, aber nie der ganz große Star, der aus seiner Mannschaft herausragt, weil es immer einen Bledsoe oder John Abraham gibt, der dich überstrahlt… bis du am Karriereende realisierst, dass er 1000 Spiele mit minimum 500 Toren und weit über 1000 Scorerpunkten aufm Konto hat und in die Hall of Fame gehört. Das ist Hossa, einer meiner Lieblingsspieler.

Aber Hossa kann es nicht allein reißen. Du kannst ihm kaum zwei Drittel Eiszeit geben und hoffen, dass er seine sensationelle Pace (ich hab was von 1.7 Scorer-Punkten pro Olympiaeinsatz gelesen) hält.

Die Slowaken sind so einer der brandgefährlichen Außenseiter. Sie können an einem guten Tag, an dem es einigermaßen für sie läuft, jeden schlagen. Aber ich bin nicht überzeugt, dass sie sich durch drei K.O.-Spiele hindurch unversehrt durchwursteln. Dafür müsste Halak schon sensationell heiß laufen und vorne… naja, Jungspunde wie Panik oder Tatar brauchen auch ihre Breakouts um Hossa halbwegs zu unterstützen.

Slowenien

Jede Gruppe braucht einen krassen Außenseiter, und in der Gruppe A trifft dieses Mantra auf die Slowenen zu, die keinen Stich machen werden. Für Slowenien ist es schon ein großer Erfolg, die Qualifikation geschafft zu haben (immerhin Weißrussland, Dänemark und Ukraine geschlagen), aber das dürfte es dann auch gewesen sein. Mit Anze Kopitar (Stürmer, Ergänzungsspieler LA Kings) gibt es nur einen einzigen aktuellen NHL-Spieler im Kader, aber immerhin: Die Quali haben die Slowenen ohne Kopitar geschafft.

Mehrere der Slowenen spielen in der Schweizer Liga, der schwedischen oder aber auch, wie im Fall vom Goalie Luka Gracnar in der österreichischen Liga in Salzburg. Bekannter Spieler ist bei mir eigentlich nur der Backup-Goalie Hocevar, der vor ein paar Jahren ums Eck in Pontebba aufgelaufen ist.

Die Slowenen müssen hoffen, nicht allzu heftig abgeschossen zu werden. Aber sie sind sicher das qualitativ schwächste aller heurigen Olympia-Teilnehmer.


Spieltage (alle Uhrzeiten MEZ)

  1. Am 13.2.: Russland – Slowenien (13h30), USA – Slowakei (13h30)
  2. Am 15.2.: Slowakei – Slowenien (9h), USA – Russland (13h30)
  3. Am 16.2.: Slowenien – USA (13h30), Russland – Slowakei (13h30)
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9 Kommentare zu “Die Olympische Eishockey-Vorschau für Gelegenheitszuschauer, Gruppe A

  1. Insgesamt schöne Vorschau, den erste Reihe-Center und aktuellen Top-Scorer der Kings als „Ergänzungsspieler“ zu bezeichnen ist allerdings schon ein starkes Stück. Kopitar wird zwar gerne mal underrated, das ist mir dann aber doch etwas zuviel davon 😉
    Sieben Spieler der slowenischen Mannschaft spielen in der DEL, ein kleiner „Boom“, der in den letzten zwei Jahren entstanden ist. Das wäre in meinem Augen eventuell auch noch eine Erwähnung wert gewesen.

  2. Jo, Einwand ist genehmigt. Kopitar ist aber nach Effizienz-Stats nicht wirklich ein „Star“, nicht unter den besten 200 Angreifern in Corsi un Fenwick und auch bei den Centern unter Durchschnitt (jeweils 5-vs-5). Es ist mehr „Replacement-Level“ als „Replacement-Player“.

  3. Hossa!!! der ist auch einer meiner Lieblingsspieler!
    WM 2005 in Österreich (Innsbruck): damals hab ich mein geilstes Eishockeyspiel live im Stadion miterlebt.
    Kanada gegen die Slowakei im Viertelfinale mit a-l-l-e-n NHL-Stars (dem Lockout sei Dank) Thornton, Heatley, Chara, Gaborik, Hossa, Nash, Brodeur und wie sie alle heißen. Am Ende setzten sich die Kanadier mit 5 zu 4 durch – ein grandioses Spiel.

  4. Pingback: Die Olympische Hockey-Vorschau für Gelegenheitszuschauer, Gruppe C | Sideline Reporter

  5. Curling ist Präzisionssportart. Es ist Boccia-Prinzip auf einer – vereinfachen wir es mal – Eisstock-Bahn (ich komme aus einem Land der Eisstockschützen).

    Es ist ein perfekter Mix aus Teamsport, kopflastiger Teamstrategie (der Skip gibt die Richtung vor), dazu viele verschiedene Taktiken mit denen man die Steine versucht ins Haus zu treiben oder Steine des Gegners aus dem Haus (Draws, Takeouts, Peels, Freezes…) – entweder mit dem Ziel, selbst zu scoren oder den Gegner zu kneifen.

    Dazu hat Curling durch die Wischmobs einen hohen Freak-Faktor („Hausfrauen-Look“). Hausfrauen kann man auch wörtlich nehmen, denn es ist noch reiner Amateursport (Amateuer vs Olympia…). Es ist auch Studentensport.

    Also: Curling hat irgendwo Verwandtschaft mit einem alten Brauchtum aus meiner Region. Es ist Mannschaftssport. Es gibt was zum Mitdenken. Es gibt einen gewissen Zufallsfaktor. Es ist durchaus spannend. Ein einziger Schuss kann ein stundenlanges Spiel dramatisch in die eine oder andere Richtung schwingen usw.

    Bei der letzten Olympiade in Vancouver war das große Highlight das Hockey-Finale der Herren. Nur ein winziges Jota danach kam das Frauenfinale im Curling, dann kamen Bode Miller und Julia Mancuso, und dann kam lange, sehr lange, nichts…

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