Winterolympia 2014: Die erste Woche

Erste Woche Olympische Spiele ist um. Ein erstes Zwischenfazit mit Schwerpunkt auf das Hockey-Turnier.

Das Spiel der Spiele im Eishockey-Turnier 2014 fand bereits am Samstagnachmittag statt: Russland vs USA. Es war nur ein Vorrundenspiel und alles, was der Sieger (USA) damit gewonnen hat, ist ein Freilos für die Zwischenrunde und die direkte Viertelfinalqualifikation. Aber vom Tempo, von der Intensität war das vor allem im ersten Drittel das beste Hockeyspiel, das ich diese Saison gesehen habe. Das Spiel hatte auch sonst alles: Führung, Ausgleich, Führung für die andere Mannschaft, schneller Gegenschlag zum Ausgleich. Ein Penaltyschießen, in dem der bis dato eher unbekannte T.J. Oshie mit einer Orgie an Versuchen (vier von sechs gingen rein) Kultstatus erreichte und diese auch sportpolitisch und –historisch („Miracle on Ice“) klingende Ansetzung entschied. Sie hatte nur eines nicht: Großartige Bedeutung. Es war ein Vorrundenspiel in einer Vorrunde, in der keine Mannschaft ausscheidet.

Die Russen sind ihrerseits noch nicht voll im Turnier angekommen. Slowenien war kein Gradmesser, die USA-Pleite war auch etwas unglücklich. Im dritten Spiel, als man aus eigener Kraft hätte die Viertelfinalqualifikation schaffen können, quälten sich Ovechkin und Co. erneut durch die Verlängerung. Erst im dritten Viertel gab es sowas wie Lebenszeichen von den Russen, die viel versuchten, aber zu wenig Struktur drin hatten und nicht richtig eingespielt wirkten.

Trotzdem scheint die Stimmung im Eispalast in Sochi extremst positiv zu sein. Es gab nicht einen Pfiff zu hören. Der „Russia“-Schlachtruf dominiert die Szenerie, auch wenn es keine Volksfeststimmung zu sein scheint. Ganz merkwürdig, aber das russische Publikum hat bei mir schon mächtig Sympathiepunkte ergattert.

Die Viertelfinal-Qualifikationsrunde wird am morgigen Dienstag ausgespielt (Zeiten in MEZ):

18.2.   9h    Slowenien - Österreich
18.2.  13h30  Norwegen – Russland
18.2.  18h    Lettland - Schweiz
18.2.  18h    Tschechien – Slowakei

Slowenien gegen Österreich… da kommt tatsächlich eine der zwei vermutlich schwächsten Turniermannschaften in das Viertelfinale. Die Slowenen konnten ihr Standing aber dank eines Überraschungserfolg über zu Turnierbeginn indisponierte Slowaken steigern. Österreich hatte wie erwartet ein viel zu desorganisierte und langsame Defense um gegen die NHL-gespickten Finnen und Kanadier auch nur den Hauch einer Chance zu spüren. Aber gegen den ersten Gegner auf Augenhöhe Norwegen sah man gut aus und konnte den erhofften Sieg feiern.

Auf der anderen Seite muss einer der „Brüder“, Tschechien oder die Slowakei, schon vor dem Viertelfinale nach Hause. Die Tschechen habe ich erst in Zusammenfassungen gesehen. Die Slowaken sind mir noch ein komplettes Rätsel. Gegen die USA wurde man in einem zweiten Viertel mit sechs Gegentoren abgeschossen, die 1:7-Pleite war deutlich zu hoch um sie nicht in einer Freak-Kategorie zu stecken. Aber dann gegen Slowenien verlieren, nur um einen Tag danach mit einer richtig gut organisierten Defensivleistung die Russen vor schier unlösbare Probleme zu stellen? Hier halte ich alles für möglich.

Lettland gegen die Schweiz wird 1:0 enden, so wie alle bisherigen Ergebnisse der Schweizer (1:0 gegen Lettland, 0:1 gegen Schweden, 1:0 gegen Tschechien). Im Vorrundenspiel gegen die Letten fiel der Schweizer Siegtreffer acht Sekunden vor Spielende.

Fürs Viertelfinale, das am Mittwoch ausgespielt wird, sind bereits fix qualifiziert: USA, Kanada, Finnland, Schweden.

Ein gefühltes Ranking nach der Vorrunde würde so aussehen:

  • Die Überzeugenden: Kanada, Schweden, USA. Die Kanadier brennen noch nicht das ganz große Feuerwerk ab, aber man hatte stets das Gefühl, dass sie noch Luft nach oben haben. Bei den Schweden gibt es nix zu kritisieren, allerdings wird Zetterberg für den Rest des Turniers ausfallen. Die USA waren gegen die Russen mindestens auf Augenhöhe, und lösten den ansonsten einfachen Spielplan locker.
  • Die Ungemütlichen: Finnland, Schweiz. Ich lästere über die finnische Offensive und dann machen sie 14 Treffer in den ersten beiden Spielen – allerdings nur gegen bessere Laufkundschaft. Gegen Kanada war man ein Drittel lang komplett an die Wand gespielt, erfing sich danach. Die finnische Defensive ist rundum überzeugend. Das ist auch jene der Schweizer, die einfach mal 3x 60 Minuten mit vier Mann plus Goalie den eigenen Kasten verriegelt und dann hofft, dass vorne ein Schuss reingeht. Drei Schweizer Vorrundenspiele, drei 1:0-Ergebnisse.
  • Das Fragezeichen: Russland. Wie geschrieben: Es läuft noch nicht richtig rund, aber wenn eine Mannschaft über Nacht zu explodieren imstande ist, sind es die Russen. Und wer weiß, wenn der amerikanische Goalie Quick nicht sein Tor aus Versehen verschiebt, gewinnen die Russen das Mega-Spiel und alles ist paletti.
  • Die Enttäuschenden: Tschechien, Slowakei. Bei beiden regierte die blanke Torhüter-Panik. Der slowakische Goalie Halak wurde im ersten Spiel auf die Bank gesetzt, aber sein Backup konnte gegen Russland überzeugen. Beide haben Offensiv-Probleme.
  • Die Exoten: Österreich, Slowenien, Norwegen, Lettland. Keiner aus diesem Quartett konnte sich besonders abheben. Die Slowenen schafften eine Überraschung gegen anfangs indisponierte Slowaken. Österreich und Norwegen sind roughly auf Augenhöhe, und die Letten… okay, die darfst du mit ihrem fantastischen Goalie nicht abschreiben. Wenn die Letten die Schweiz rauswerfen, wäre ich nicht mehr völlig verblüfft.

Also nix Unerwartetes bisher.


Power-Ranking der besten Momente aus Woche 1 in Sochi:

  1. USA vs Russland (Hockey Männer), 3:2 nach Penaltyschießen.
  2. Snowboard-Slopestyle Männer. Was für ein fantastischer Parcours. Bei uns gibt es in tausend Skigebieten vielleicht insgesamt drei solche Sprünge wie der Sochi-Lauf in einem einzigen Run hatte. Was für Sprünge der Teilnehmer! Als am nächsten Tag die Frauen dran waren, merkte man einen krassen Unterschied (aber auch der Frauen-Bewerb hatte seine Reize).
  3. Julia Mancuso holt Bronze in der Abfahrt. Ich bin verknallt in Julia Mancuso.
  4. Frauen Super-G. Die Kurssetzung fand ich bemerkenswert und gewagt. Zuerst ärgerte ich mich darüber, dass man in einem Olympia-Rennen einen so speziellen Kurs setzt. Aber er machte das Rennen zu dem was es war. Sieben der ersten acht Läuferinnen flogen raus, u.a. auch eine Schwedin, die möglicherweise gewonnen hätte. Der Siegerin Anna Fenninger ist jedes Olympiagold zu vergönnen, und wie großartig war die Reaktion von Maria Riesch im Anschluss an das Rennen?
  5. Biathlon-Verfolgung Herren. Der Skibruch des Kanadiers LeGuellec sowie die Faust des späteren Siegers Fourcade werden prägende Momente der Spiele bleiben, zumindest für mich.

Angenehm ist das stets schöne Wetter nach den Schlechtwetterspielen von Vancouver sowie die beschriebene gute Stimmung in und um die Wettkampfstätten herum. Die Stadien scheinen auch nicht überdimensioniert zu sein. Es ist nicht übervoll, aber es sieht nirgendwo leer aus. Du kannst zur Vergabe und dem Bauwahn in der Region stehen wie du willst, aber die Bauwerke selbst und die Skipisten sind immerhin richtige Schmuckkästchen.

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5 Kommentare zu “Winterolympia 2014: Die erste Woche

  1. Sehr passend, dass just in dem Moment in dem du das schöne Wetter lobst die Absagenorgie beginnt 🙂

  2. Gerade diese ‚Faust von Fourcade‘ war mMn einer der unnötigsten Momente dieser Spiele. Das kann er machen wenn er alleine am Schießstand steht – mit den Gegnern Head2Head daneben heißt das übersetzt „catch if, you can!“. Für mich eindeutig unsportsmanlike conduct. (wo war die 15yards-Strafe? 😉 )
    Zugegeben: er war der beste und hat sich den Sieg redlich verdient. Gerade deshalb auch ist und war diese Geste total unnötig.

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