Dawn Neufeld und das Leben einer NFL-Frau

Ich habe unter der Woche die siebte Offseason-Ausgabe des Ross Tucker Podcasts gehört. Ross Tucker ist ein ehemaliger NFL-Profi, kein richtiger Star, sondern eher einer, der den Großteil seiner Karriere in den Tiefen des Depth-Chart verbrachte. Nach seinem Karriereende ging er ins Mediengeschäft, arbeitete erst für ESPN, und seit einigen Monaten produziert er seine Podcasts selbst. Der Gast im Podcast am Montag war Dawn Neufeld, die Frau von Tuckers ehemaligem Teamkollegen und Freund Ryan Neufeld. Das Thema: Die Frau eines NFL-Profis. Es waren überraschende Erkenntnisse in einer nicht anderes als famosen Sendung über ein Thema, über das man bislang überhaupt nie nachgedacht hat.

Dawn Neufeld ist natürlich auch keine Allerweltsfrau: Sie ist Juristin und hat entsprechend eine eigene Homepage. Sie schreibt ein eigenes Weblog. Sie sprach über Themen wie das ständige Leben mit der Angst vor dem Cut, die Verletzungen, den „Glamour-Faktor“ der Footballer-Frau und darüber, ob es der Football „wert“ war.

Ryan Neufeld war kein Star. Er war ein ungedrafteter Free-Agent, ein Tight End, der die meiste Zeit seines Lebens seine Körperextremitäten in den Special-Teams hinhalten musste, und nach einem Kurzaufenthalt bei den Cowboys für zwei Jahre war er schon ganz raus aus dem Sport. Aber er kämpfte sich zurück, und 2003 schaffte er es tatsächlich in den Kader der Bills. Dawn erzählt von den Tränen in den Augen, die die beiden hatten. Sie spricht übrigens immer von „wir“. Ryan wurde gecuttet = „wir wurden gecuttet“.

Neufeld blieb dann tatsächlich fünf Jahre lang bei den Bills. Dort wurde er auch zu einem guten Kumpel von Ross Tucker. Heute ist Neufeld nahe am körperlichen Wrack – mit 38. Er hatte alles ab, die Kreuzbänder, die Knochen in den Beinen und in den Fingern, der Rücken ist soweit abgematscht, dass an Aufrecht stehen länger als 30 Minuten nicht zu denken ist. Das Gute: Er kann sich um die Kinder kümmern. Das Schlechte: Er ist ein Mann. Und das landläufige Bild ist offenbar noch immer, dass der Mann arbeiten muss um Frau und Kind zu versorgen. Deswegen plagen Ryan immer wieder Gewissensbisse.

War es die Footballkarriere wert? Dawn sagt: Ja, denn mein Mann hatte die Chance, seinen Traum zu leben, und ich kann es mir nicht anders vorstellen als ihn dabei zu unterstützen. Sie wisse nicht, ob sie anders darüber denken würde, wenn er – nehmen wir mal den Worst Case an – bedrohliche Verletzungen wie eine Lähmung o.ä. erlitten hätte. Sie sagt: Viele Freunde, die auch in der NFL spielten und viel erreichten – lassen die Söhne nicht spielen. Selbst würde sie alles noch einmal machen, aber die Kinder nicht lassen. Den Kopf darf es halt nicht zu übel betreffen.

Der Punkt, an dem es am meisten hakt, ist das Karriereende: 80% der NFL-Profis sind angeblich spätestens drei Jahre nach Karriereende entweder pleite oder geschieden. Auch wenn die Zahl inflationär ist, so ist sicher einiges dran. Diesem Phänomen der schweren Ehekrisen bin ich zum ersten Mal vor Jahren im Buch Moneyball begegnet, wo es nur ganz am Rande thematisiert wurde: Das alte Lied der Baseballer-Ehen ist folgendes: Wenn der Mann von heute auf morgen nicht mehr 160 Spiele auswärts unterwegs ist, sondern die Zeit zuhause verbringt, ist es vorbei. Die meisten Baseball-Ehen scheitern daran, dass du dich plötzlich täglich siehst. Das ist ein vielleicht erschreckender Gedanke, aber Tucker warf in dem Podcast einen ähnlichen ein: Er meinte, im Grunde ist es ein 180 Grad gewandelter Lifestyle, wenn die Karriere vorbei ist. Als ob du mit einem anderen Menschen verheiratet wärst.

Dawn: Ja, und man munkelt, dass die Frau das Problem ist, weil sie auf einmal nicht mehr jeden Tag die Louis Vitton Taschen kaufen kann. Wir kannten die Klischees. Wir haben darüber gelacht, aber so zum Lachen war es nicht mehr, als das Karriereende für „uns“ (also „ihn“) da war. Die Realität ist: Du hast einen anderen Menschen. Er ist depressiv, kommt den ganzen Tag nicht von ESPN hoch, aber er sagt dir nicht, wo das Problem liegt. Footballer sagen immer „ich bin okay“. Ryan war immer okay.

Der starke, selbstbewusste Mann, den ich geheiratet habe, war plötzlich nicht mehr da. Wir sind keine Angeber. Wir hatten nie die großen Autos. Wir hatten nie die fetten Villen. Wir brauchten das nicht, aber Ryan war trotz allem nach Ende der Karriere ein anderer Mensch.

Zeitweise waren wir schon sehr nahe an der Scheidung, obwohl wir uns bewusst auf das Karriereende vorbereitet haben. Was uns rettete, war mein Studium. Ich ging zurück ins Studium, studierte Jus, und war damit abgelenkt. Das hat uns den Arsch gerettet.

Wie glamourös ist das Leben der NFL-Wife? Es ist alles andere als glamourös, eine Spielerfrau zu sein – vor allem bei Spielern wie „uns“: Immer am Rande vom Roster-Cut. Du bist dauernd unterwegs. Die musst dein Leben immer und immer wieder neu starten.

Sie berichtet von einem Tag des letzten Roster-Cuts vor der Regular Season. Du wartest daheim und hoffst, dass der Anruf aus der Teamzentrale nicht kommt, aber auf der anderen Seite klingeln dich den ganzen Tag Leute an, die besorgt wissen wollen ob es zum Platz im Roster reicht/gereicht hat – da wirst du wahnsinnig.

Du hast deinen Job jeden Tag on the line. Das wissen die Leute, die eine regelmäßige Arbeit haben, gar nicht zu schätzen, dass sie diese Ängste nicht ausstehen müssen. Es sind gut bezahlte Ängste, aber das ändert nix dran, dass es Ängste sind. Auch wenn du damit zu leben lernst… ach was: Sie bestimmen dein Leben.

Tucker schiebt dann auch noch eine Episode aus seinem Spielerleben ein: Ich war die Cuts ja auch gewohnt. Nach meinem sehr guten vierten Jahr kündigte meine Freundin (heutige Frau) ihren Job an der Wall Street um zu mir nach Buffalo zu ziehen. Und just dann wurde ich gecuttet. Das war das erste Mal, dass ich wirklich darüber nachgedacht habe, dass du tatsächlich nicht nur deines, sondern auch andere Leben drastisch mit beeinflusst. Das, weil du nicht planen kannst.

Sie: Irgendwann gewöhnst du dich an die Cuts. Einmal schafften „wir“ es nur den Roster, weil sich ein Teamkollege im letzten Training die Knie zertrümmerte. Du bist einfach nie sicher.


Das und mehr in einem wirklich großartigen Podcast-Segment (ca. die ersten 24 Minuten). Auf ihrem Weblog „Gridiron Goddess“ hat sie übrigens schon vor sieben Jahren Ross Tucker über ähnliche Sorgen schreiben lassen: When Cheering Stops.

Ich habe direkt im Anschluss an diesen Podcast unter der Woche mal eine Sammlung meiner favorisierten Podcasts zum Thema Sport zusammengestellt, die man im Header des Blogs findet: Podcasts.

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3 Kommentare zu “Dawn Neufeld und das Leben einer NFL-Frau

  1. Ich hab während der season immer Ross Tucker gehört aber er hat sich dann doch etwas abgenutzt. Diese Folge muss ich aber unbedingt nachhören! Danke auch für die Podcast Liste, ich höre sehr gerne Sport Podcasts während dem Weg in Arbeit…

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