Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

Die Tampa Bay Buccaneers sind ein komischer Laden mit ihrem Superstar-gespickten Kader, der in der abgelaufenen Saison nicht gut genug war um einen kompletten Kollaps zu verhindern. Als Reaktion auf die enttäuschende 4-12 Bilanz wurde der v-e-r-h-a-s-s-t-e Head Coach Greg Schiano gemeinsam mit dem GM Domenik rasiert. Das allein galt als Upgrade. Richtige Euphorie lösten dann aber die Neubesetzungen im Trainerstab aus: Mit Lovie Smith wurde ein in Tampa extrem populärer Mann eingekauft, und auch die neuen Coordinators sind durchaus arrivierte, oft geprüfte Männer. Darüber hinaus wurde die „Tracht“ der Buccs saniert. Man geht also frisch gelüftet in die Zukunft.

Lovie Smith ist kein gewöhnlicher Head Coach in der NFL; er ist für viele eine Ikone. Ein intelligentes schwarzes Männlein, ein Magier der Defense, der Ende der 90er als Assistent im gefeierten Trainerstab der Buccs unter Tony Dungy seine ersten guten Trainererfahrungen machte und später in St Louis und Chicago große bis sehr große Erfolge schaffte – ohne allerdings jemals die Vince Lombardi Trophy in den Händen zu halten. Smith kehrt nun an alte Wirkungsstätte zurück, und sein besonnenes Auftreten sowie seine nette Person bilden schon qua Existenz Kontrastprogramm zum Disziplinfanatiker Schiano, der schon im zweiten Jahr soviel Zwietracht in den Laden gebracht hatte wie es die Zweifler schon immer befürchtet hatten.

Überblick 2013

 Record         4-12
Enge Spiele    2-5
Pythagorean    5.2    28
Power Ranking  0.269  30
Pass-Offense   5.0    32
Pass-Defense   6.5    21
Turnovers      +10

Management

Salary Cap 2014.

Lovie, ein Verfechter (weil Mitentwickler) der quicken „Tampa-2“ Defense, holte sich als seinen DefCoord den in Minnesota geschassten Leslie Frazier, auch so einen früher in Tampa groß gewordenen Mann. Allerdings: Tampa-2 hin oder her, beide zeichnen sich durch Adaptivität aus, beide gelten als Männer, die zuallererst ihre Defense disziplinieren. Ihre Mannschaften sind berühmt dafür, sicher und sauber zu spielen und nie die Basics des Football zu vergessen: Tackling, Tackling, Tackling, aber immer mit dem Hintergedanken, in einen Ball zu springen und eine unwahrscheinliche Interception abzufangen.

„Disziplin“ ist dabei auch ein Schlüsselwort mit Blick auf die Penaltys: Schiano („Ich will gar nicht das fairste Team der Liga haben“) managte zuletzt ein Team, das mit 0.49yds/Play die meisten Strafen nach Yards pro Spielzug der gesamten Liga kassierte.

Die Buccs-Defense war 2013/14 gemessen am Personal eine leichte Enttäuschung: 6.5 NY/A gegen den Pass (#21 der Liga) sowie 61% Success-Rate gegen das Laufspiel (#7) waren Rückschritte gegenüber dem Vorjahr – einzig die hohe Interception-Quote (3.8% INT-Quote, #3 der Liga) rettete die Mannschaft vor dem Totaldesaster. Nun sind Interceptions nur äußerst bedingt „planbar“, aber Lovies Mannschaften gehörten über viele Jahre immer zu jenen mit den meisten Defense-Turnovers, und Lovie übernimmt auch ein Team, das relativ viele erzwungen hatte.

Bauen kann man auf einen Abwehr-Kern mit je einem Superstar in jeder Unit: DT Gerald McCoy, LB Lavonte David und CB Darrelle Revis werden in fast jedem „Positional Ranking“ als erster oder zweiter Name genannt. Vor allem Revis (16 Mio. Grundgehalt) schien bisher nicht allzu glücklich zu sein in Tampa, wo man ihn – den besten Manndecker der Gegenwart – in eine Zonendeckung presste, in der er seiner größten Stärken beraubt wurde. Es bleibt die Frage, wie Smith/Frazier Revis einsetzen wollen und werden: Tampa-2 ist auch in Smiths modernisierten Varianten eine Zonenverteidigung geblieben.

Smith und Frazier haben durchaus eine Historie als Leute, die keine Scheu haben, auch Manndeckung spielen zu lassen. Wird das System soweit angepasst, dass es für Revis wieder mehr direkte Duelle Mann-gegen-Mann gibt? Oder geht man in die traditionelle Richtung, und spielt konservativ Zone? In letzterem Fall ist ein Trade von Revis nicht auszuschließen: Revis kassiert viel Geld, aber er kassierte kein Handgeld, das heißt: Er würde kein dead money kosten – und er würde Draftpicks als Gegenwert bringen.

Abseits des Star-Trios sind Fragezeichen aufgekommen. Sie fangen in der Defense Line an, wo McCoys Nebenmann – meist NT Spence – permanent zu den Problemfällen gezählt wurde. Man hatte sich von Spence erhofft, den abgewanderten Roy Miller ersetzen können – nada. Spence wurde unisono verteufelt. Offen ist auch, was an den Flanken passiert, wo man den Abgang von Michael Bennett nicht verkraften konnte: DE Clayborn und DE Bowers waren vor drei Jahren hoch gedraftete Jungspunde von denen man sich einiges versprach, aber beide wurden vom blässlichen DE Gholston in den Schatten gestellt. Hauptkritik: Beide seien zu schlampig, zu unbeständig, nur situativ gebräuchlich. Landläufige Meinung: Mit einem McCoy als Monster in der Mitte müsste mehr drin sein. Als Option hält sich der neue GM Jason Licht offen, einen Free-Agent DE wie vielleicht den Bengal Michael Johnson einzukaufen.

Auf Linebacker gibt es neben dem All-Pro würdigen David kaum Leute mit Erfahrung, und in der Secondary soll man vor allem von den Safetys Goldson (kassiert rund 8 Mio) und Barron (zwei eher maue Jahre) enttäuscht gewesen sein, und was die Cornerbacks abseits von Revis – so er wie angenommen bleiben darf – angeht: CB Banks war 2013 Rookie und wurde oft verbrannt, aber viele Rookies werden auf Cornerback verbrannt, und CB Johnson gelten aktuell noch als unbeschriebene Blätter.

Das Potenzial dieser Defense ist in meinen Augen gigantisch: Kaum eine Defense außerhalb der NFC West kann auf ein derartiges Ensemble aus kampferprobten Recken aus dem Premium-Segment und aufstrebenden, hoch gedrafteten Jungen. Das Potenzial ist bloß noch nicht immer ersichtlich. Mir gefielen schon die Moves vom ehemaligen GM Mark Domenik im letzten Jahr, und ich würde eine Reihe dieser Spieler noch nicht aufgeben – nicht, wenn Lovie Smith und Les Frazier sie coachen. Ich erwarte, dass Tampa Bay 2014 eine der besten Defenses der NFL stellen wird.

Mehr Fragen lässt der Angriff offen. Dort wurde Jeff Tedford als neuer OffCoord eingestellt. Tedford sagt dem gemeinen NFL-Fan vielleicht nicht allzuviel, aber Tedford war viele Jahre lang ein sehr respektierter College-Coach, und er gilt als echter QB-Guru – allerdings hängt ihm der Ruf der von ihm in die NFL geschickten Quarterbacks wie die Pest nach: Akili Smith, Joey Harrington, Trent Dilfer, Kyle Boller, und wie sie alle hießen… und Aaron Rodgers. Einzig Rodgers schaffte in der NFL den Sprung ganz nach oben.

Tedfords System soll Quarterbacks sehr fordern. Er legt viel Wert auf mechanisch saubere Arbeit, was bei einem Jüngling wie Mike Glennon nie der verkehrte Weg sein kann – allerdings hörte man in NFL-Kreisen über die Jahre immer wieder, dass die NFL Tedfords Quarterbacks in der Anfangszeit anwies, die Bälle tiefer zu halten. Ein Aaron Rodgers wurde angeblich in Green Bay zwei Jahre lang gedrillt, den Ball nicht so hoch zu halten wie es Tedford ihn gelehrt hatte. Das zweite Konzept Tedfords dreht sich ums Verstehen. Er möchte nicht, dass seine Spieler Dinge auswendig lernen. Er möchte, dass sie das große Ganze überreißen. Wie innovativ das ist – ich weiß es nicht. Ich halte es auf alle Fälle für einen guten Ansatz. Diese Mentalität ist hier kurz und knapp in zwei Absätzen zusammengefasst. Dass Tedford als Coach gilt, der seine Zöglinge stundenlang in der Film-Session drillt, kann auch nicht schaden.

Der aktuelle Einser-QB im Kader ist der junge Glennon, von Schiano gedraftet und nun möglicherweise überflüssig. Glennon hat vor allem unter Druck die klar ersichtliche Tendenz, nervös zu werden und anstelle das Spielfeld runter, lieber den Passrush anzustarren, und an-zu-star-ren u-n-d g-a-n-z l-a-ngsam zu werden… bis zum Sack. 8.7% Sack-Quote ist ein recht abstrus hoher Wert, selbst für einen Rookie hinter einer nicht immer überzeugenden Offensive Line (sechsthöchster Wert der NFL-Saison).

Trotzdem ist nicht ganz auszuschließen, dass Tampa dem Glennon ein Jahr Bewährung gibt, denn komplett hoffnungslos sah Glennon als Rookie in einer an sich schon nicht funktionierenden Mannschaft nicht aus. 59% Completion-Rate und nur 5.0 NY/A sind nichts zum Prahlen, aber man beachte die Umstände. Es

Die Buccs haben ein Loch auf Wide Receiver: Der Einser Vince Jackson ist ein deep threat vor dem Herrn (30% downfield-Anspiele), aber er ist auch die absolut einzige verbliebene Waffe der Offense: 32% der Anspiele der Buccs gingen auf Jackson. TE Wright hatte 14%, alle anderen unter 10% Anspiele. Das ist keine Verteilung, für die die Vokabel „ausgewogen“ passend wäre. Ein Mike Williams, 2013/14 überwiegend im Krankenstand, könnte Abhilfe schaffen, aber dann sind es immer noch nur zwei gute Receiver, und keine Tight Ends und kein Mann für den Slot. Ein Talent wie Sammy Watkins könnte potenziell Abhilfe schaffen, aber es gibt keine Garantien, dass ein Watkins noch an Draftpick #7 verfügbar ist, wenn die Buccs dran sind. Viel Holz zum Trade nach oben ist nicht da: Der 3rd-Rounder und 6th-Rounder wurden bereits verkauft. Denkbar ist auch eine Ergänzung via Free-Agency oder ein mittlerer Draftpick für einen Receiver und/oder Tight End. Fix ist bloß: Es wird Moves auf WR/TE geben, in welchem Ausmaß auch immer.

Wo es in Tampa auch immer mal wieder gern hapert: Offense Line. Rein die Spielernamen hörend, vermutet man hier eine Top-5 Offense Line, aber es gibt mittlerweile Zweifel, ob es z.B. ein LG Carl Nicks überhaupt noch in der NFL packt: Vor zwei Jahren mit Pauken und Trompeten für einen Rekordvertrag aus New Orleans übersiedelt, spielte Nicks in zwei Jahren ganze neun Partien für die Buccs. Erst plagte ihn eine langwierige Knieverletzung; dann kam die bizarre MRSA-Bakterienverletzung, die ihn fast die ganze Saison 2013/14 außer Gefecht setzte. Sein Guard-Kollege Joseph hatte auch mal einen guten Ruf, gilt mittlerweile aber als völlig verbraucht.

Die einzige Offense-Position, die nicht wirklich Upgrades verträgt, ist Running Back. Sofern der junge Doug Martin nicht an den Nachwirkungen seiner Verletzung zugrunde geht, ist das einer der fünf besten two way Backs in der Liga: Kann fangen, kann laufen und nimmt sich’s zu Herzen, wenn ihn mal ein Coach etwas unsanft anpflaumt.

Die Buccs haben Cap-Space. Sollten sie in Verlegenheit geraten: Die Punter-Position ist eine einfache Einsparmöglichkeit. Dort kassiert Michael Koenen absurde 3.25 Mio. Dollar/Saison.

Noch einmal: Es ist ein insgesamt sehr, sehr brauchbarer Kader, mit dem die Buccs und ihr vielversprechender Trainerstab arbeiten können. Es gibt highend-Talente auf mehreren wichtigen Positionen. Es gibt aber auch Fragezeichen. Eine Priorisierung fällt nicht ganz einfach, daher als Zusammenfassung noch einmal die wichtigsten Needs:

  • Quarterback: Selbst wenn man für 2014 auf Glennon setzt, wird man einen routinierten Backup als Notfallplan holen. Sollte man die Entscheidung treffen, einen ambitionierten Rookie zu draften, so denn.
  • Wide Receiver / Tight Ends: Zwei Positionen, die man mit dem Erst- und/oder Zweitrundenpick angehen kann, sollte man keinen Quarterback im Visier haben. Tight End ist die vielleicht noch größere Baustelle als WR.
  • Offensive Guard: Nicks ist ein Fragezeichen von seinem körperlichen Zustand, Joseph von seinen spielerischen Fähigkeiten.
  • Defensive End: Möglicherweise eine Position, die in der Free-Agency angegangen wird. Ein 1B-Mann wie Johnson aus Cincinnati ist denkbar.
  • Nose Tackle: Der Nebenmann von McCoy muss im Abwehrsystem der Buccs kein Weltmeister sein, aber er sollte besser als Bodensatz sein.
  • Cornerback: Revis wird wahrscheinlich bleiben. Aber selbst dann würde ein weiterer CB-Routinier nicht schaden. Eher Free-Agency als Draft.

Lovie Smith konnte und kann ohne Star-Quarterback gewinnen. Zu gut waren seine Defenses in den letzten Jahren. Selbst wer mit Glennon nur mäßig begeistert ist, sollte nicht erwarten, dass Tampa sofort 2014 den Franchise-QB sucht. Auszuschließen ist es nicht. Aber es ist – vielleicht auch je nach noch verfügbaren Spielern im Draft – auch möglich, dass man die Skill-Positionen oder Offensive Line zuerst zu verstärken versucht.

Die Tampa Bay Buccaneers sind jedenfalls eines der teams to watch. Vieles wird neu sein: Die an der Seitenlinie, die auf dem Platz, die Trikots, die Erwartungen – die Erfolge?

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7 Kommentare zu “Tampa Bay Buccaneers in der Sezierstunde

  1. Davin Joseph wurde am Wochenende entlassen. War auch zu erwarten, nach seinen Leistungen und da er auch einen Vertrag ohne Signing Bonus hatte.

    Bei Akeem Spence bin ich mir noch nicht so sicher, ob die Bucs sich nach einem anderen Starter umschauen sollten. Immerhin war er letztes Jahr ein Rookie und im zweiten Jahr sollte es eigentlich automatisch besser werden. Allerdings wurde er im Januar wegen Drogenbesitzes verhaftet. Da wäre also auch das…

  2. Ich denke es wird ein Upgrade für Spence geben.

    Warum haben die Joseph nicht getradet? Da hätte sich doch bestimmt ein Abnehmer gefunden.

    Der Vater von Jairus Byrd ist Assistant Coach bei den Buccs. Ist jetzt nicht unbedingt ein Need, aber vielleicht will er ja bei seinem Vater spielen.

  3. Warum haben die Joseph nicht getradet? Da hätte sich doch bestimmt ein Abnehmer gefunden.

    Wer sollte für einen Offense Guard traden, der 6 Mio. gegen die Cap anschreibt und die – zumindest nach diversen Metriken – schlechteste Saison aller NFL-Starter auf Guard hinter sich hat?

  4. Pingback: Startschuss zur NFL-Free Agency 2014 | Sideline Reporter

  5. Sehe ich genauso. Das war mit Sarkasmus gemeint. Da habe ich vergessen ein Smiley zu setzten.

  6. Noch ein Move der Buccs: WR Mike Williams via Trade nach Buffalo (für einen 6th-Rounder). Tampa hat doch mehr personell umgestellt seit der Sezierstunde als ich gedacht hätte.

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