Josh McCown und die Tampa Bay Buccaneers

Josh McCown war eine der positivsten Erscheinungen der Saison 2013/14: Nach einer Cutler-Verletzung von den Chicago Bears aus dem Ruhestand reaktiviert und quasi direkt von seinem Platz als Highschool-Lehrer an den Trainingsplatz gefahren, lieferte McCown eine exzellente Saisonschlussphase und führte eine Bears-Mannschaft ohne Defense fast noch in die Playoffs. Nun unterschrieb McCown in Tampa einen Zweijahresvertrag über 10 Mio. Dollar, mit runden 4.5 Mio. Handgeld und der Option auf fünf weitere Millionen durch Leistungsklauseln. Was bedeutet der Deal für die Buccaneers?

Ich lese bei Sports Illustrated so etwas:

Any desire for an open quarterback competition, though, fell by the wayside Wednesday when Tampa Bay landed the veteran quarterback it was after: ex-Chicago backup-turned-replacement starter Josh McCown. During the press conference to announce McCown’s signing, [Lovie] Smith was asked if the 34-year-old journeyman would be his starter heading toward the 2014 season.

Smith’s reply: “Yes, he is.”

Die erste Message ist eine versteckte Ansage an den jungen Mike Glennon. Die zweite Message in dieser Aussage impliziert, dass Tampa möglicherweise nicht in das Rennen um einen Quarterback im Draft 2014 einsteigen wird. Wie viel dran ist, ist nicht ganz klar – Smoke Screens! – aber zumindest besteht die Möglichkeit, dass die Buccaneers tatsächlich den alten McCown als Stamm-QB für die kommende Saison ansehen (das heißt noch nicht, dass er es werden wird). Auch der Vertragsumfang spricht zumindest nicht vehement dagegen.

Wie klug ist das?

Ich hörte von Greg Cosell in der Filmstunde von PhiladelphiaEagles.com sinngemäß folgende Worte über McCown in Chicago: Du musst bei McCown gut aufpassen. Das System, das Trestman in Chicago spielt, ist extrem strukturiert und extrem auf Präzision ausgelegt. Es ist ein Traum für einen Quarterback, weil es ihm für jede Situation eine Antwort gibt – und McCown hat das auch zugegeben. Du hast eigentlich mehr Antworten als Fragen, das kriegst du anderswo nicht.

Prinzipiell sagt man eine solche Offense auch dem Buccs-OffCoord Jeff Tedford nach, der auch alles danach auszurichten versucht, dem Quarterback eine möglichst schnelle Antwort zu geben – sodass dieser gar nicht erst großartig Plays auswendig lernen muss, sondern schnell überreißt was im Spielzug passiert. Das würde also zumindest philosophisch passen. Die Skill-Player in Tampa sind allerdings nach WR Vincent Jackson, RB Doug Martin und mit Abstrichen WR Mike Williams längst nicht die Kaliber, die McCown in Chicago hatte.

Und dann ist da die eine Frage, die sich durch die Advanced-Stats aufmacht: Sind McCowns Stats in Chicago auch unabhängig vom speziellen Spielsystem verlässlich?

McCown warf 2013/14 in insgesamt nur fünf Starts 224 Pässe, davon 149 complete (66.5% Completions) für 13 Touchdowns und sehr starke 7.63 NY/A. Seine Sack-Quote liegt mit 4.7% in etwa im Mittelfeld.

Aber: McCown warf nur eine einzige lächerliche Interception in 224 Versuchen. Das ist eine Quote von 0.44% oder anders gesagt: Sie ist nicht zu halten. Sie schreit geradezu nach Regression zur Mitte, und mal ernsthaft: Wie würden wir über McCown denken, hätte er nicht eine, sondern vielleicht zu erwartende sechs oder sieben Interceptions geworfen? Sechs Interceptions aus 224 Versuchen wären in etwa Liga-Durchschnitt und durchaus nicht so unrealistisch.

McCown hätte mich abgeschreckt. Er war zehn Jahre lang ein Wandervogel in der Liga, mit einigen Highlights (der sensationelle Last-Minute Pass 2003/04, der die Vikings in der allerletzten Sekunde der Saison aus den Playoffs schmiss, Bears 2013), aber es reichte letztlich nie zu mehr als einer Backup-Rolle. Sind fünf Spiele mit den Bears und ihrem großartigen Spielerpersonal genug um zehn Jahre McCown zu vergessen? Glaubt in Tampa wirklich jemand, McCown könne seine INT-Quote annähernd halten? Oder seine NY/A-Quote?

Die Chiefs hatten vor einigen Jahren ein ähnliches Problem: Es muss um 2006 herum gewesen sein, und ihr unbekannter Backup (es war entweder Brody Croyle oder Damon Huard) spielte sich in der Regular-Season in einen Rausch und machte etwas der Güteklasse 13 TD zu 1 INT in der Regular Season. Im Playoffspiel wurde der alte Starter Trent Green rangelassen, aber er floppte. In der Offseason entschieden die Chiefs, dem Backup mit der überragenden TD/INT-Quote in seinen 5-6 Einsätzen die Zukunft zu geben, was wenig überraschend in einem Fiasko und einer Saison mit Top-Draftpick Nähe führte.

Ich habe Angst vor McCown. Er klingt nach kurzfristiger Übergangslösung oder Absicherung für einen jungen QB wie ganz passabel, aber eine ernsthafte Lösung auch nur für zwei oder drei Jahre? Es wäre jedenfalls eine große Überraschung, sollte McCown heute in zwölf Monaten noch als ernsthafte Zukunftsoption in Tampa gelten. Ich hätte a) einen anderen Free-Agent QB vom Markt geholt und b) würde mich immer noch gezielt nach einer QB-Option im Draft 2014 umschauen.

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5 Kommentare zu “Josh McCown und die Tampa Bay Buccaneers

  1. Vielleicht hoffen die Bucs ja auch auf einen Jameis Winston oder Marcus Mariota im nächsten Draft. Sollte man mit McCown in die nächste Saison gehen, würde das für mich nach einem Übergangsjahr klingen, nach dem man 2015 wieder voll angreift.

  2. @masche
    Wenn sie wirklich auf Winston oder Mariota spekulieren, hätten die auch mit Glannon weiter machen können. Irgendwie gibt es in Tampa jedes Jahr ein Übergangsjahr.

    McCown hätte ich nicht geholt. Die WR die er in Chicago hatte, haben die Buccs nicht mal ansatzweise.

  3. Also als Bears Fan dazu mal:
    McCown war gut bis OK, mehr nicht. Es hat schon seinen Grund, warum er jahrelang überall nur Backup war.

    „McCown warf nur eine einzige lächerliche Interception in 224 Versuchen. Das ist eine Quote von 0.44% oder anders gesagt: Sie ist nicht zu halten. Sie schreit geradezu nach Regression zur Mitte“
    Anders als Jay Cutler hatte McCown EXTREM viel Glück…ich erinnere mich da an einige Pässe, wo die Gegner entweder extrem blöd waren oder der Ball wie durch Geisterhand gelenkt doch nicht intercepted wurde oder eben auch Bälle, die abgeprallt sind o. ä. und dann Gegenspielern einfach durch die Hände flutschten. Bei der Interception Rate ist/war wirklich viel Glück im Spiel.

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