Oakland Raiders in der Sezierstunde

Die Oakland Raiders sind ein relatives Mysterium. Man kommt frisch aus der erwarteten, ja fast erhofften Gurkensaison mit 4-12 Siegen und hält den fünften Draftpick 2014. Der Kader ist voll von unbekannten third stringern, die anderswo keine Chance bekamen. Echte Franchise-Spieler gibt es kaum. Die Philosophie des Trainerstabs ist auch noch im Dunkeln, obwohl die Herren um Head Coach Dennis Allen seit mittlerweile zwei Jahren dort coachen. Wie viel Rückhalt der GM Reggie McKenzie, der den fast hoffnungslosen Fall „Raiders“ tatsächlich zu sanieren wagte, noch in der Organisation hat, ist nicht ganz klar – McKenzie stand gerüchteweise schon nahe der Entlassung, und der Auftakt zur Free-Agency 2014 war unglücklich, um es euphemistisch zu umschreiben. Und dann bleibt das ewige Stadionthema: So unwahrscheinlich ist ein erneuter Umzug, oder „Rückzug“ nach Los Angeles nun nicht mehr.

Überblick 2013

Record         4-12
Enge Spiele    2-4
Pythagorean    4.7    29
Power Ranking  0.268  31
Pass-Offense   5.9    19
Pass-Defense   7.0    28
Turnovers      -9

Management

Salary Cap 2014.

Das Gute an der Geschicht‘: GM McKenzie hat den Laden soweit saniert, dass die Raiders über 60-70 Millionen Dollar an Platz unter der Gehaltsobergrenze verfügen – so viel wie kein anderes Team. Das ist das Resultat aus der „Cap-Hölle“, die Oakland in den letzten beiden Jahren mit teilweise 50 Millionen an dead money durchstehen musste – Geld, das als Abschreibung für bereits entlassene Spieler gegen die Salary-Cap der NFL zählte, für die man also keine Spieler unter Vertrag nehmen konnte. Selten, dass Teams so böse in die Cap-Hölle rutschen – aber ebenso selten, dass sie so radikal saniert werden. Denn „Sanierung“ = „Schmerzen“ = „schwacher Kader und viele Niederlagen“. Es ist respektabel und durchaus nicht so konventionell, dass McKenzie sich an diese Aufgabe, so überfällig sie auch war, heranwagte, und dass der Owner Mark Davis ihn walten ließ.

Trotzdem gab es schon zum Saisonende Gerüchte, dass McKenzie möglicherweise zum Abschuss frei gegeben war. Wie viel dran war, ist nicht sicher. Fakt ist nur: McKenzie durfte letztlich bleiben, und hatte dann nach 24 Monaten des Baustellenbetriebs erstmals freie Hand in der Gestaltung der Zukunft.

Eine echte Prioritätenliste gab es nicht – wie auch bei einem derart talentfreien Kader? Was man allerdings schon erwartet hatte: Etwas mehr Dringlichkeit im Versuch, die wenigen „besten“ der eigenen Spieler zu halten, wie etwa den OT Jared Veldheer (unterschrieb für mittelmäßige Kohle in Arizona) oder DE Lamarr Houston (für 5yrs/35 Mio nach Chicago). Dann wurde der Glasknochen auf Runningback, Darren McFadden (zuletzt zweimal hintereinander nur noch 3.3yds/Carry in ganz wenigen Einsätzen), für 4 Mio. und Einjahresvertrag gehalten, während sein Backup, der beständigere Jennings, ohne Umstände fortgeschickt wurde.

Zu allem Überfluss wurde auch noch der komplett überteuerte Vertrag für den Free-Agent Saffold aus St Louis aus „medizinischen Gründen“ für nichtig erklärt – ein Move, der förmlich danach schreit, dass hier im Hintergrund der Owner den General Manager ausgebremst hat.

McKenzie schaffte es nach dem desaströsen Auftakt auf dem Transfermarkt letztlich doch noch, einige brauchbare Spieler für die Line of Scrimmage auf beiden Seiten zu holen: DE Tuck (2 Jahre, 11 Mio), DE/OLB Woodley (2 Jahre, 12 Mio), DT Smith, OT Howard, OT Penn plus den Defensive Back Tarell Brown. Alles Spieler, die man kennt. Erstere drei waren sogar mal richtig gute Kaliber, auch wenn das schon über drei Jahre zurück liegt. Sie sollten aber immer noch imstande sein, Power in die Schützengräben zu bringen und damit zumindest kurzfristig Abhilfe zu schaffen.

Trotzdem bleibt die bange Frage: Wie viel Macht hat McKenzie noch? Wie viel Vertrauen genießt er noch? Ist es wirklich so ausgeschlossen, dass die Raiders noch in dieser Offseason die Reißleine ziehen und nach dem Draft ein Hausreinemachen im Front-Office anstrengen? Owner Davis scheint auf alle Fälle langsam der Geduldsfaden zu reißen. Keine Erfolge auf dem Platz – okay. Wir wussten, dass wir das durchstehen müssen. Aber Böcke schießen auf dem Transfermarkt?


Die Situation für McKenzie war natürlich auch beknackt: Wer weiß besser als er, der ehemalige hochrangige Funktionär bei den Green Bay Packers, dass man eine NFL-Mannschaft in erster Linie via Draft baut und nicht in der Free-Agency, wo du dich am besten bloß punktuell verstärkst, weil du stets dazu tendierst, deine Einkäufe überzubezahlen – und Überbezahlung rächt sich in der NFL mit ihrer hard cap nach meist nicht allzu langer Zeit.

Und während du das weißt, weißt du auch: Der Transfermarkt ist vor dem Draft. Du weißt nicht, welche Spieler für dich im Draft noch verfügbar sein werden. Gleichzeitig musst du zumindest ein Minimum an Geld ausgeben, weil das CBA es so vorsieht. Du musst eine ungeduldige Fanschar zufriedenstellen, und einen unzufriedener werdenden Owner. Das sollte man bei allem jämmerlichen Bild, das diese Franchise in den letzten Wochen – mal wieder – abgab, im Hinterkopf behalten.

Das Schöne für die Zukunft: Du hast Optionen. In den ersten Runden wird Oakland interessante Talente finden. Oakland kann auch Trades anstrengen um mehr Draftpicks zu sammeln. Man kann fast bedingungslos „best player available“ draften, weil du keine Rücksicht auf Stärken und Schwächen im Kader nehmen musst. Alles ist offen.

Die einzige „Stärke“ der Raiders ist im Moment die Defensive-Front Seven: Selbst wenn wir den Herren Tuck, Woodley oder Smith erste Altersschwäche und/oder Verletzungsanfälligkeit unterstellen wollen, so dürften sie immer noch Dampf zustande bringen. Ein Clowney würde nie schaden, aber ein Clowney muss auch erstmal auf den Draftplatz #5 fallen, auf dem die Raiders zum ersten Mal ziehen. Dann gälte es immer noch zu urteilen, wie gut ein 4-3 DE wie Clowney in eine Abwehr-Front passt, die nun zumindest nominell mit einem Smith und Woodley verstärkt wurde, die beide fast ausschließlich 3-4 Defense in ihrem Leben gesehen haben.

In der Secondary gibt es den jungen CB D.J. Hayden, letztes Jahr eine der überraschenden Geschichten des Drafts – Hayden ist der Mann, der wenige Tage vor dem Draft grünes Licht für eine weitere Footballkarriere bekam, nach einem lebensbedrohlichen Venenriss. Oakland draftete ihn in der ersten Runde, aber als Rookie sah Hayden keine 400 Snaps. Hayden gilt weiterhin als großes Talent, und dank dem Neueinkauf Tarell Brown, der zumindest als annähernd NFL-Mittelklasse gehandelt wird, dürfte zumindest das Stamm-Tandem in der Secondary erstmal stehen. Die Backups sind jedoch allesamt Grünschnäbel oder bisher gescheiterte Football-Existenzen. Tiefe ist händeringend benötigt.

Annähernd schlecht sieht es im Angriff aus: Die dringendste Lücke ist natürlich Quarterback. Es ist davon auszugehen, dass sich die Raiders auf alle Fälle einen routinierten Mann wie Freeman, Vick oder Schaub (so der denn frei wird) vom Transfermarkt holen. Die Zeit von McGloin und Pryor sieht sehr abgelaufen aus – vielleicht soweit, dass Pryor noch via Trade verscherbelt wird. Für einen McGloin, so gut seine Geschichte (ehemaliger Penn State QB) ist, wird es sowieso keine Abnehmer geben. Ob im Draft ein QB-Talent nachgeschoben wird, bleibt offen – vielleicht bis zwei Minuten vor der Verkündung des Picks.

Auf Running Back hat man für die ersten drei Wochen in McFadden einen potenziell explosiven Mann, aber wer soll ihn nach seiner ersten (und letzten) Verletzung ersetzen? Ob und wie die Position gefüllt wird, ist nicht klar. Sie sollte für meine Begriffe nicht die höchste Priorität bekommen.

Wide Receiver und Tight End ist immer von Bedeutung und in einem Draftpool, der angeblich so gut mit adäquatem WR/TE-Talent gefüllt ist, ist ein Griff in den mittleren Runden nicht auszuschließen. Ein high end-Talent hingegen würde eher überraschen: In einer breit gestreuten Positions-Klasse würde man eher erwarten, dass ein Team wie die Raiders zu den späteren Optionen greift.

In der Offense Line dürften die Tackle-Stammplätze nach dem Veldheer-Abgang und dem Saffold-Fiasko wohl fürs erste Howard und Penn gehören. C Wisniewski gilt als guter Mann, aber die Guard-Positionen sind in der Schwebe. Ich halte es gar nicht für so unwahrscheinlich, dass der Linemann-Fetischist McKenzie sich mit seinen ersten Draftpicks diesmal Offense Liner holt: Einen Grundstock bauen, um zumindest physisch bald wieder oben mithalten zu können. Qualitativ soll es ja durchaus sehr viele gute Offensiv-Linemänner geben.

Gespannt, gespannt, gespannt. Gespannt darauf, was die Raiders noch so alles fabrizieren werden nach der bislang doch bizarren Offseason. Eigentlich waren alle Moves des General Managers bis vor zehn Tagen nachvollziehbar und fällig gewesen. Aber dann kam eine eher verunfallte Free-Agency – auch und vor allem deswegen, weil es so offensichtlich für die Organisation nicht nach Wunsch lief. Sollte McKenzie angekratzt sein oder sein Abgang schon beschlossene Sache sein, könnte allerdings durchaus wieder ein klassischer Raiders-Draft Marke „Saftladen“ auf uns zukommen – denn Menschen machen schließlich unter Druck oft verrückte Sachen – wie auch Owner, die über Köpfe von GMs hinweg entscheiden.

Halte ein Auge drauf.

Advertisements

5 Kommentare zu “Oakland Raiders in der Sezierstunde

  1. Ergänzung zu QB: Die Raiders sind drauf und dran Matt Schaub via Trade von Houston zu holen.

  2. Pingback: Jacksonville Jaguars in der Sezierstunde | Sideline Reporter

  3. Pingback: Oakland Raiders gegen die Kansas City Chiefs gegen die Geister | Sideline Reporter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s