Tennessee Titans in der Sezierstunde

Die Tennessee Titans der letzten Jahre waren ein wenig inspirierender Laden. Immerhin wurden nach der letzten mittelmäßigen Saison 2013/14 mit 6-10 Bilanz die richtigen Schlüsse gezogen und die kurze Amtszeit von Head Coach Mike Munchak („Hartes Laufspiel gewinnt in der NFL!“) beendet. Der neue Headcoach ist Ken Whisenhunt, eine Personalie, die nicht alle überzeugt.

Whisenhunt scheidet die Geister, und das weniger aus persönlichen Gründen – er ist kein Unsympath – sondern mehr aufgrund seiner Coaching-Vita: Er feierte große Erfolge in verantwortungsvollen Positionen, gewann als OffCoord mit den Steelers die Superbowl, erreichte mit dem jahrzehntelangen Mauerblümchen Arizona als Headcoach die Superbowl, aber mindestens genauso im Gedächtnis geblieben sind seine letzten beiden sehr armen Jahre bei den Cardinals.

Dabei war es weniger das Problem, dass Whisenhunt nicht die richtigen Schlüsse gezogen hätte – er zog sie – sondern mehr eine Art Wahrnehmungsproblem. Whisenhunt schmiss nach dem Rücktritt seines Franchise-QBs Kurt Warner dessen hoch gedrafteten Zögling Matt Leinart raus – ein pragmatischer Move, nachdem der wurfschwache Partykönig Leinart schlicht nicht in Whisenhunts Offense-System gepasst hatte. Dass Whisenhunt dann aber so gar keinen Nachfolger aufbauen konnte, fiel in Arizona schließlich auf ihn zurück, und man fragte sich, was er als Head Coach so eigentlich drauf habe. Man erinnerte sich plötzlich dran, dass die Steelers die Superbowl vielleicht bloß wegen ihrer Monster-Defense gewonnen hatten, und die Cardinals sie nur gerade so als wenig überzeugendes 9-7 Team in einer absurd schwachen Division erreicht hatten.

So oder so: Whisenhunt, der Head Coach, muss einigen noch einiges beweisen. Das Bild, das alle von ihm haben, ist folgendes: Mit entsprechendem Franchise-QB kann er gewinnen, ohne ist er aufgeschmissen. Damit ist er wie so ziemlich jeder Head Coach außer den paar auserwählten Elite-Jungs wie Belichick oder Parcells.

Überblick 2013

Record         7-9
Enge Spiele    6-6
Pythagorean    7.5    18
Power Ranking  0.438  21
Pass-Offense   6.1    16
Pass-Defense   6.2    13
Turnovers    +/- 0

Management

Salary Cap 2014.

So ist die Quarterback-Situation bei den Titans auch angenehm spannungsgeladen vor dem Start von Whisenhunts Debütsaison: QB Jake Locker, ehemaliger Erstrundenpick in seine do or die Jahr, ist der Mann, auf den es zu bauen gilt. Locker passt zumindest stilistisch in das Idealbild Whisenhunts: Monster-Wurfarm für die vertikale Offense, verdammt gute Mobilität um dem Passrush auszuweichen, Typ Führungsspieler, der eine Mannschaft zu einen imstande ist. Aber auf der anderen Seite gibt es da die beiden abschreckenden Dinger, die dazu führen, dass seit Jahren alle den Abgesang auf Locker einstimmen:

  • Präzision einer Schrotflinte
  • Verletzungsanfälligkeit

Durch Lockers Karriere zieht sich wie ein roter Faden eine unterdurchschnittliche Completion-Rate, die auch letztes Jahr nur bei 60.7% lag. In seinem bisher besten NFL-Jahr, in dem Locker für mehrere Wochen so aussah als würde er den Durchbruch schaffen. Bis er sich mal wieder verletzte.

Fakt ist auch: Locker, so gut er teilweise wirklich aussah, brachte erneut nur 5.8 NY/A im Passspiel zustande. Seine Effizienz-Stats lasen sich quasi auf Augenhöhe mit seinem Backup Fitzpatrick, der ihn in der zweiten Saisonhälfte ersetzte. Locker ist ein uneingelöstes Versprechen, das noch Träume ermöglicht, aber es sind mittlerweile vage Träume. Packt er es heuer nicht, ist er raus in Tennessee.

Als Backup wurde nach der verblüffenden Entlassung von Fitzpatrick die graue Maus Charlie Whitehurst verpflichtet, ein Move, der viele erstaunte.

Womit man in Tennessee gewiss arbeiten kann: Skill-Players. Der überteuerte RB Chris Johnson wurde nach dem vierten enttäuschenden Jahr en suite zwar entlassen, wodurch eine Lücke entsteht, die man vermutlich in den mittleren Draft-Runden zu schließen versuchen wird. Ich erwarte noch eine Ergänzung zu RB Shonn Greene via Draft (mittlere Runden) und eine RB-Rotation für die kommende Saison. Das ist die billigste und effizienteste Methode, ein Backfield zu betreiben.

Sehr gut besetzt ist man für mein Empfinden bei den Ballempfängern.

Kendall Wright schaffte zuletzt den Durchbruch und ist als Allzweckwaffe für innen und außen vor allem für die kurzen Pässe mit vielen Yards-after-Catch zuständig (wird nur 18% tief angespielt, dafür aber 139 Anspiele). Nate Washington ist so ziemlich die Idealvorstellung eines stillen #2-Wideouts. Und dann hast du da noch Justin Hunter, zuletzt Rookie mit nur 42 Anspielen, aber Hunter hat durchaus das Potenzial, die Nummer 1 im neuen Titans-System zu geben. Hunter ist am ehesten in der Lage, eine Manndeckung zu schlagen.

Dazu wurde der vielseitige Dexter McCluster aus Kansas City ergänzt. McCluster schaffte ähnlich wie Locker nie seinen Durchbruch trotz vielversprechender Ansätze, aber er ist auch kein klassischer Wideout, sondern eher ein Geschwindigkeitswechsel für diverse Spezial-Plays aus dem Backfield heraus, oder in der Spielfeldmitte.

Nummer-1 Tight End ist der geschwindige Delanie Walker, der seinen Job ganz zufriedenstellend erledigt. Eigentlich muss man keine Upgrades mehr erwarten. Sollte Whisenhunt aber viel mit 3WR-Aufstellungen operieren, könnte durchaus noch ein Draftpick aus den mittleren Runden folgen. Whisenhunt präferiert dabei für gewöhnlich große, kräftig gebaute Spielertypen.

Die Offensive Line wurde schon in den letzten Jahren ordentlich aufgeplustert. Die linke Seite ist mit dem LT Michael Roos und dem teuren LG Andy Levitre hervorragend besetzt. Die Zweifel bestehen eher vom Center rechtswärts:

C Brian Schwenke galt in seinem Rookiejahr 2013 als überfordert. Der LG Chance Warmack, erst vor einem Jahr als dominantestes Rookie-Prospect seit Menschengedenken gefeiert, enttäuschte die Erwartungen zu seinem Einstand, galt als zu schwerfüßig und zu eindimensional (Power, Power, Power, aber keine Spielintelligenz) für die NFL. Und auf dem rechten Flügel wurde nach dem Rücktritt von RT Stewart der unisono verdammte RT Michael Oher aus Baltimore geholt. Oher genießt als einstiger Erstrundenpick mit spannender Lebensgeschichte hohe Bekanntheit in den Staaten, aber spielerisch galt er längst als Bremsklotzt – für alle außer für die Titans.

Zur Defense. Dort brachte Whisenhunt seinen ehemaligen Weggefährten aus Arizona, DefCoord Ray Horton, mit. Horton hatte dort eine fantastische, druckvolle Defense mit bärenstarken Effizienz-Stats spielen lassen, galt aber als menschlich fragwürdig und wurde daher letztlich ehrenlos ziehen gelassen. Horton gilt als Verfechter exotischer Aufstellungen, ließ in seiner Vita vieles von 3-4 bis 2-4-5 spielen, aber nur sehr wenig 4-3 Defense. Blöd, dass Tennessees Front vor allem für die 4-3 Defense zusammengestellt wurde.

Es gibt erste Aussagen („Wir werden nicht auf 3-4 umschwenken“), aber so recht sicher scheint man sich noch nicht, was man künftig unter Horton spielen will. Man ist noch in der Testphase. Richtig aktiv war man in der Free-Agency auch nicht, holte im Prinzip nur drei neue Spieler für die Front-Seven: DE/OLB Shaun Phillips und LB Woodyard aus Denver und DT Woods aus Pittsburgh. Alles keine Burner.

Alles, was nicht 4-3 Defense sein wird, dürfte künftig vor allem den beiden besten Passrushern der Titans weh tun: DE Derrick Morgan und DT Jurrell Casey. Die beiden bildeten ein Mega-Duo auf der rechten Seite Defense Line. Der Rest ist eher suspekt besetzt: DT Sammy Lee Hill zum Beispiel kann zwar alles spielen, war aber schon in Detroit nur Ergänzungsspieler und kein Mann für 1000 Snaps/Jahr. Ähnliches gilt für DE/OLB Wimbley: Immer wieder lichte Momente, aber nicht die Konstanz eines Stammspielers von Klasseformat.

Auf Linebacker gibt es mit dem Neuzugang Woodyards sowie den Versprechungen Zach Brown, Moise Fokou und Akeem Ayers mehrere Optionen. Keiner gilt als soweit, dass er eine Defense per sofort anführen kann, aber es sollte sich aus der Rotation doch ein Pärchen oder Triplett formen lassen, das Konstanz in den Laden bringt.

Die meisten Sorgen macht das Backfield, wo CB Alterraun Verner ziehen gelassen werden musste. Ohne die genaue Situation zu kennen: Tennessee versuchte nie ernsthaft, Verner zu halten. Verner unterschrieb dann aber einen monetär eher banalen Vertrag in Tampa – einen, den auch Tennessee hätte anbieten können. Tat man nicht, und vor allem deswegen ist Cornerback eine Position geworden, die händeringend und wenn möglich mit einem hohen Draftpick verstärkt werden sollte. Auf Safety wurde der QB-Killer Pollard gehalten, wodurch der große Umbruch erstmal um ein Jahr verschoben wurde.

Wo Tennessee noch Nachbesserungsbedarf sehen könnte:

  • Cornerback (dringend)
  • Defensive End/Edge Rusher (dringend)
  • Center (optional)
  • Linebacker (optional)
  • Wide Receiver (optional)

Right Tackle dürfte mit Oher abgehakt sein, wenn auch nicht zur Zufriedenheit aller. Dann verbleiben die Fragen, was Whisenhunt so reißen wird. Kann er Locker hinbiegen? Ein Locker, der es packt, würde die Titans im Alleingang zu einem Playoffanwärter in der AFC machen. Aber es gibt berechtigte und deutliche Signale, dass Locker den Schritt womöglich nie schaffen wird. Und dann die Defense: Sie wird keine Sollbruchstelle sein, aber wie und mit welchem System Horton das Maximum herauszuholen versuchen wird, bleibt etwas, auf das man schauen kann.

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