San Diego Chargers in der Sezierstunde

Es muss nicht mehr wiederholt werden, dass die San Diego Chargers sowohl aus ästhetischer als auch als ergebnisorientierter Sicht eine der positiven Erscheinungen des Jahres waren. 9-7 Bilanz mit haarscharfer Playoffqualifikation plus als Sahnehäubchen sogar noch ein überrascher Auswärtssieg in der ersten Runde, ehe beim turmhohen Favoriten Denver die Viertelfinalpartie zu übel verschlafen wurde, dass ich das Head Coach Mike McCoy noch immer zum Vorwurf mache.

Überblick 2013

Record         9-7    DP
Enge Spiele    4-6
Pythagorean    9.3    12
Power Ranking  0.575   9
Pass-Offense   7.5     2
Pass-Defense   7.0    29
Turnovers      -4

Management

Salary Cap 2014.

Ansonsten war McCoys Einstandsjahr wirklich stark. Für die katastrophale Defense konnte er nichts, da gab die Kombination aus Spielermaterial und Verletzungspech einfach nicht mehr her; San Diego verbesserte sich aber im Laufe der Saison in der Abwehr zumindest zwischenzeitlich auf akzeptables Niveau. In McCoys Hauptdisziplin, der Offense, waren die Chargers sensationell gut. So ist McCoy als eine der guten Geschichten des abgelaufenen Jahres in der NFL zu werten. Trotzdem gibt es viele Baustellen in San Diego, beginnend mit einer dürftigen Salary-Cap Situation und endend in einem Kader, der sich im Umbruch befindet.

Die Defense war ausgangs der Saison besagt personell schlecht besetzt; die Offense war zwar 2013/14 mit einem Mal wieder eine der besten der Liga, aber sie ist alt und bräuchte Injektion mit nachwachsendem Talent.

San Diego braucht aber in erster Linie Blutauffrischung in der Defense, händeringend und ohne Umschweife. Es gibt nur sehr wenig gutes Spielermaterial aus den eigenen Reihen. Ein paar Eckpunkte scheint man aber ausfindig gemacht zu haben:

  • DL Corey Liuget, vor wenigen Jahren in der ersten Runde gedraftet und noch nicht der ganz große Burner, aber ein Mann, der schon großes Passrush-Potenzial angedeutet haben soll.
  • DL Kendell Reyes, erst vor kurzem ein heiß gehandeltes Prospect im Draft.
  • LB Donald Butler, ein 25jähriger Mann, der zuletzt stark kritisiert wurde, dem die Chargers aber eine mehrjährige Vertragsverlängerung gaben.
  • OLB Melvin Ingram, der Passrusher, der zuletzt mit Achillessehnenriss lange ausfiel, aber Ende 2013 wieder ins Geschehen einsteigen konnte.
  • LB Manti Te’o, bekannt geworden durch den Schwindel um seine inexistente Freundin, ein Mann, den man als durchaus brauchbar in seiner Arbeit als Lauf-Verteidiger ansieht, der aber für mehr zu träge sein soll.
  • FS Eric Weddle, der Ankermann der Secondary und mit mittlerweile 29 Lenzen der bei weitem älteste aus diesem Sextett.

Datt wär’s. Sechs Spieler mit Stamm-Potenzial, und alle in gutem Alter. Das liest sich als Kern nicht ganz übel, aber dahinter ist halt rapide abfallende Qualität bzw. altersbedingte Fragezeichen (siehe Dwight Freeney).

Klar ist, dass in einem einzigen NFL-Draft nicht Qualität und Tiefe in einem besorgt werden können. Unter diesem Gesichtspunkt und in Anbetracht der schlechten Cap-Situation gefallen die Free-Agent Investitionen der Chargers außerordentlich gut.

Leute wie LB Kavell Conner (kommt aus Indianapolis) oder CB Brandon McGee (kommt aus Cincinnati) sind keine Einkäufe mit mittelfristigem Potenzial, aber sie stellen dort sofortiges Upgrade für die 2014er-Chargers dar. Mit solchen Spielern wird eine der schlechtesten Defenses der Liga nicht per sofort nach oben gelangen, aber sie gewinnt etwas Tiefe, damit nach dem zweiten ausgefallenen Cornerback nicht mehr ausschließlich ungedraftete Rookies ran müssen. Mehr geht mit limitiertem Budget erstmal nicht.

Dagegen entledigte man sich einer Reihe an eben solchen 40-53er Spieler im Kader, die sowieso keine Zukunft gehabt hätten. Es wird trotzdem ein defensivlastiger Draft werden, und für mein Empfinden sind die Lücken in absteigender Wichtigkeit so zu priorisieren:

  1. Cornerback
  2. Nose Tackle
  3. Safety

Wenn San Diego 2-3 Spieler von Stamm-Format zieht, kann es schnell wieder nach oben gehen. GM Tom Telesco ist gefordert.

Das Dumme an all den zu stopfenden Löchern in der Abwehr: Man kann sich nicht dahin orientieren, eine rapide alternde Offense langsam aufzupeppen. In der Offense muss nicht alles auf einmal klappen, aber wäre die Defense nur einen Tick besser aufgestellt, wären die Chargers eigentlich prädestiniert, mit Picks in der zweiten, vierten und fünften Runde (oder so) Talente mit mittelfristigem Fokus zu draften. Keine Leute, von denen du sofort Star-Status erwartest, aber Leute, die du langsam einlernen kannst.

Eines der Fragezeichen dreht sich dabei um QB Philip Rivers, den 33jährigen Freak, der eigentlich schon abgeschrieben war. Rivers hatte 2013/14 eine nichts anderes als fantastische Saison mit Effizienz-Stats jenseits von Gut und Böse, aber die Saison liest sich wie ein Ausreißer in einem Trend, der seit Ende der 2010er-Saison bei Rivers eigentlich relativ kontinuierlich nach unten zeigte – erwartbar nach unten zeigte.

Rivers führte einen sehr variantenreichen Angriff, der relativ lauflastig gehalten war, mit einem schönen Mix aus Kurzpass-Offense und tiefem Spiel zu 7.5 NY/A. Dabei überraschte aber nicht nur er, sondern der komplette Kern an Blockern und Ballfängern um ihn herum.

Herausragend war der Rookie-WR Keenan Allen, nach anfänglichen Wehwehchen sofort zum Superstar gereift und mit einer Härte und einem Spielverständnis eines 30jährigen ausgestattet. Allen ist als eine Art flink gebauter Tight End in der Spielfeldmitte ein extrem schwierig zu kontrollierender Mann, und er war genau die Antwort auf die bange Frage im Sommer „zu wem soll Rivers denn nun den Ball werfen?“.

Der Rest des WR-Corps ist eher banal gehalten: Ein Malcolm Floyd, ein Eddie Royal, ein Seyi Ajirotutu sind alles keine großen Individualisten, sondern müssen vertrauen, dass sie „durch das System“ frei werden und zu ihren Catches kommen. Plus TE Antonio Gates, dessen Revitalisierung 2013 eine gute Geschichte war, aber Gates ist nimmer der überragende Einzelkönner vergangener Tage – und er wird nicht jünger. Gates hatte letztes Jahr dann zwar 80 Catches, aber er wurde nur noch in mickrigen 9% der Fälle tief angespielt. Sprich: Einer der revolutionärsten Spieler der letzten zehn Jahre NFL ist zu einer Sicherheitsoption verkommen. Gates‘ Gegenentwurf ist der junge TE Lardarius Green mit 37% tiefen Anspielen. Green ist der neue Gates.

Auf Running Back wurde dem straighten, aber verletzungsanfälligen Eigenbauprodukt Ryan Mathews mit Donald Brown aus Indianapolis ein recht explosiver Spieler als Ergänzung zur Seite gestellt. Brown galt in Indianapolis lange als Bust, hatte 2013 aber hervorragende Effizienz-Werte. Ein Zufallsprodukt?

Die Offensive Line war vor der Saison ein sehr wunder Punkt gewesen, aber sie hielt sich dann doch besser als befürchtet. Der riesige LT King Dunlap, bisher stets als Sicherheitsrisiko galore angesehen, machte die Saison seines Lebens und die Chargers dürften angesichts der Personallage in der Defense nix an dieser Position ändern; man wird hoffen, dass Dunlap kein Aschenputtel war. Der betonfüßige RT Fluker galt dann auch als positive Überraschung mit einem Einstandsjahr, das man ihm nicht zugetraut hatte.

San Diegos Offensive Line ist gewiss keine, die man zu den besten ligaweit zählen kann, aber es reicht ja quasi schon, wenn sie nicht auf Katastrophenniveau spielt. Auf Guard könnte es vielleicht noch ein Upgrade tragen. Aber zum x-ten Mal: Zuerst Defense.

So viel zu 2014. Mittelfristig wird diese Mannschaft noch eine Weile lang im Umbruch stecken.