New Orleans Saints in der Sezierstunde

Im Wettrüsten der Topteams im Frühjahr 2014 konnten die New Orleans Saints aufgrund ihrer pikanten finanziellen Situation nicht ganz mithalten, aber das heißt nicht, dass sich dieser heimliche Gigant der abgelaufenen Saison untätig geblieben ist. Im Gegenteil: Viel mehr als über New Orleans gibt es über kaum eine andere Franchise zu erzählen.

New Orleans hat ein Problem, das sich seit zwei, drei Jahren abzeichnete, aber unter diversen anderen Geschichten – Bountygate, anyone? – versteckt blieb: Die Salary-Cap. GM Mickey Loomis hat die Blutauffrischung in New Orleans zu lange hinausgezögert und erst spät damit aufgehört, die alten Superbowl-Helden von 2009/10 zu bezahlen. Als Folge fand man sich nach Saisonende 2013 im Fegefeuer der Salary-Cap: Zu wenig Platz um eine echte Einkaufstour auf die alten Tage des Franchise-QBs Drew Brees zu veranstalten, aber noch gerade gut genug aufgestellt um noch nicht alles an die Wand zu fahren.

Überblick 2013

Record        11-5    WC
Enge Spiele    5-3
Pythagorean   10.9     7
Power Ranking  0.751   2
Pass-Offense   7.2     4
Pass-Defense   5.5     5
Turnovers    +/- 0

Management

Salary Cap 2014.

Loomis machte seine Sache gemessen an der Ausgangslage sogar noch relativ gut, entledigte sich einer ganze Latte an Altstars, die nur noch auf dem Zahnfleisch daher gekrochen waren (CB Greer, OLB Smith, DT Coleman, LB Vilma, S Harper, LB Herring waren alle jenseits der 30) oder Leistungsträger, die wie RB Sproles am Scheideweg der Karriere standen. Loomis hielt nur die Routiniers, die er für Minimalgehalt unter Vertrag bringen konnte um die Kaderbreite nicht ganz ausbluten zu lassen, und er schaffte sogar sein Gesellenstück: Die Verpflichtung vom hoch gehandelten FS Jairus Byrd aus Buffalo, der für einen sensationellen Vertrag in den Big-Easy gelockt werden konnte. Angesichts der Cap-Probleme war es alles andere als selbstverständlich, dass ein Team wie New Orleans einen Byrd holen konnte.

Trotzdem: Ein Team, das 13 Mio. für Geister anschreibt („dead money“) und mit Überstunden und dem Zufall einer unerwarteten Anhebung der Obergrenze der Cap-Implosion entgehen konnte, kann man nur mit viel gutem Willen als gut gemanagt bezeichnen. Und so groß der Byrd-Deal ist, so könnte er in einigen Jahren in Form der Cap-Hölle auf New Orleans zurückfallen.

Aber in einigen Jahren wird Brees seine Karriere beendet haben und das Jahrzehnt des Glücks für diese Franchise erstmal ein jähes Ende finden. Was Brees und der Head Coach Sean Payton für diese Franchise bedeuten, kann nur mehr mit Brady/Belichick in New England verglichen werden: Sie machten einen jahrzehntelangen Mitläufer zu einer der Premium-Franchises.

Auch letztes Jahr waren die Saints eines der absolut besten Teams: Mein Power-Ranking spuckte diese Jungs an #2 nur unwesentlich hinter dem Superbowl-Champion Seattle aus. Das ist einen Tick höher als andere Metriken oder der common sense, aber selbst wenn es die Saints etwas überschätzt, so zeigt sich doch die Richtung: Man ist immer noch ein Spitzenteam. Die Effizienz-Statistiken waren wieder gewaltig: 7.2 NY/A für die Pass-Offense, 43% Success-Rate für das Laufspiel, und sogar die ganz große Interception-Orgie konnte diesmal mit nur 1.9% INT-Quote abgewendet werden. Aber die Offense passte eh immer. Die Überraschung des Jahres war die Defense.

Die kassierte ein Jahr nach dem historischen Kollaps von 2012 unter dem neuen DefCoord Rob Ryan ganze 5.5 NY/A gegen das Passspiel, ein nie erträumter Wert für New Orleans. Was ein kompetenter (wenn auch durchgeknaller) Coach und ein paar wohl getimte Neueinkäufe so ausmachen können!

Schlüssel war wohl das Defensive Backfield, respektive die neu geholten CB Keenan Lewis und SS Kenny Vaccaro (Rookie). Lewis kam aus Pittsburgh und konnte als erster Saints-Cornerback seit Porter/Greer 2009 gegenhalten. Mit einem Lewis, der seine Spielfeldhälfte unter Kontrolle hatte, und einem Vaccaro mit seinem fantastischen druckvollen Spiel, kriegt auch der Passrush vorne die drei Zehntelsekunden mehr Zeit um in das Gesichtsfeld des Quarterbacks zu gelangen oder ihn zu sacken, und schon klickt ein Rad in das andere.

Zumal DefCoord Ryan schematisch auch mehr drauf hat als sein Vorgänger Spagnuolo („gib mir die zehn besten Passrusher der Welt und ich lasse sie Pass Rush machen“) und mit seinen vielfältigen Blitzes/Zonenwechseln auch aus bis dato mittelmäßigen Edge-Rushern sehr brauchbare Spieler machte.

In der Offseason wurde diese Secondary noch einmal um zwei Spieler ergänzt: Der eine ist Byrd, der als bester Free-Safety neben Earl Thomas aus Seattle gilt, und als gelernter Cornerback auch ein ganz feines Näschen für Interceptions hat (22 in fünf Jahren). INTs ist aber volatil genug, dass du nicht darauf bauen willst. Byrd brilliert eher in seiner Rolle als tiefer Safety, der trotz seiner relativ langsamen Beine instinktiv genug spielt um der perfekte Partner für Vaccaro zu sein und eine Art Saints-Version der Legion-of-Boom zu kreieren. Sagt die Theorie. Wie es in der Praxis aussehen wird, bleibt abzuwarten. PFF.com hat eine interessante Charakterisierung des Spielers Byrd vorgenommen.

Wenn Byrd wirklich so tief spielt wie PFF andeutet, dürften die Saints auf Cornerback vielleicht doch etwas dünn besetzt sein. Lewis in Ehren, vor dem aus Denver geholten Altstar CB Champ Bailey (der andere der beiden Neuzugänge) den Hut ziehend, aber hinter diesen beiden wird es dünn: Slot-CB White gilt als Sicherheitsrisiko und der einst hoch gedraftete CB Patrick Robinson gilt bisher als Bust. Vielleicht ist der Backup-Safety Bush eine Alternative. Hier böte sich an, noch im Draft nachzubessern.

Der größere Nachholbedarf herrscht allerdings auf Outside Linebacker, wo Junior Gallette zwar zuletzt eine extrem gute Saison spielte (12 Sacks, allerdings „nur“ 39 Successes), aber sein Gegenüber Butler gilt als austauschbar. Manch einer möchte für die Saints außerdem einen weiteren Inside-Linebacker sehen: Lofton und Hawthorne gelten als zu hüftsteif um alle Moves, die Rob Ryan von ihnen verlangt, umzusetzen. Möglicherweise wird hier für die Rotation und einige spezielle Plays nachgebessert.

„Vorne“ hofft man, dass der zuletzt aufgeblühte DE/DT Cameron Jordan keine Eintagsfliege war; Jordan, einstiger Erstrundenpick von Cal, galt lange als Enttäuschung, verbuchte aber von einer schwierigen Position aus (Hauptberuf 3-4 DE) 13 Sacks und bockstarke 46 Successes. Sein Nachbar, NT Broderick Bunkley, ist einer der stillen Helden jeder Footballmannschaft: Überall wo Bunkley spielte, war es mit gegnerischem Laufspiel nicht so doll, aber trotzdem wurde Bunkley Jahr für Jahr an die nächste Franchise weitergereicht. Die Saints hielten ihn nun für ein zweites Jahr en suite. Allenfalls die Tiefe geht dort vorn ab. Vielleicht kann man einen Defense Liner für die Rotation draften.

Diese Abwehr wird vielleicht nicht noch einmal 5.5 NY/A fabrizieren, aber wenn es – sagen wir – um die 6.0 NY/A sind und vielleicht die eine oder anderen Interception mehr (mit nur 2.2% INT-Quote war man mal wieder im untersten Viertel), dann dürfte es reichen um mit der eigenen Offense im NFC-Spitzenfeld zu bleiben.


Ein paar Worte sollte man doch noch über besagten Angriff verlieren. Brees ist ein Hall-of-Famer per Akklamation und mit seiner herausragenden Karriere locker einer der zehn herausragenden Quarterbacks der NFL-Geschichte, aber er konnte bisher stets auf einen sehr runden, breiten WR-Corp bauen – nie den einen großen Superstar-WR, sondern eine ganze Latte an unterschiedlichen Spielertypen, die einander sehr gut ergänzten.

Nur in New Orleans war es einst möglich, dass Brees mit über 5000 Pass-Yards einen Kern bedienen konnte, der nicht einen einzigen Receiver mit mehr als 1000 Yards sah. Allerdings dünnt sich der Kader langsam aus.

Lance Moore (41 Catches) verabschiedete sich gen Pittsburgh. WR Meachem (zuletzt allerdings kaum mehr ein Faktor) wurde erstmal auf den freien Markt gelassen, aber weil er noch keinen Abnehmer fand, ist eine Rückkehr noch nicht auszuschließen. Und mit dem vielseitigen RB/Slot-WR Sproles gehen weitere 80 Catches und eine Portion Kreativität flöten (Sproles wurde nach Philadelphia getradet).

Der beinharte Slot-Bolzen Marques Colston (sah 129 Anspiele, machte 88 Catches) kommt langsam in die Jahre, was man immer dran merkt, dass er College-Football an einer Uni spielte, die längst keine Footballmannschaft mehr hat (Hofstra).

Der einzige junge Wide Receiver mit Versprechung auf mehr ist der letztes Jahr gedraftete Kenny Stills (machte 35 Catches, wurde in 48% der Fälle tief angespielt). Ach, und WR ähhh TE Jimmy Graham ist auch noch da. Graham ist die Schlüsselfigur schlechthin auf den Skill-Positionen: Ein 2m großer ehemaliger Basketballspieler, als Vorblocker nicht zu gebrauchen, aber überall am Spielfeld unterwegs und mit konventionellen Methoden nicht zu stoppen. Graham sah zuletzt „nur“ 140 Anspiele, was eher wenig ist gemessen an seinem Einfluss im Game-Planning. Graham spielt die Mehrzahl seiner Snaps von traditionell früher den Wide Receiver vorenthaltenen Positionen, ist aber von der Art wie er eingesetzt wird, näher am Tight End: Man versucht ihn, gegen Linebackers abzustellen, oder die Linebacker und Safetys mit seiner Präsenz vom Spielgeschehen wegzuziehen.

Graham wird gerade vom Leben gefickt: Erst bekam er von den Saints die Franchise-Tag für Tight Ends übergestülpt und verlor so zirka 5 Mio/Jahr (die WR-Tag ist 12 Mio. wert, die TE-Tag nur 7 Mio.), dann verbot die NFL seinen Touchdown-Zauber.

Für die Saints ist die Situation nicht ganz ohne: Das neue CBA schreibt den Teams vor, dass die Franchise-Tag für die Position vergeben werden muss, auf der der Spieler in der Saison zuvor die meisten Snaps gespielt hat. Das war bei Graham, dem Tight End, trotz allem Wide Receiver. Die Verhandlungen laufen noch, und möglicherweise müssen die Saints ihrem Graham noch entweder die teure Franchise-Tag überstülpen oder ihm einen ca. 10 Mio/Jahr schweren Vertrag anbieten – beides könnte die angespannte Cap-Situation noch soweit strapazieren, dass anderswo ein Leistungsträger dran glauben muss (sprich: entlassen werden muss).

Im Backfield vertraut man neben dem genialen Brees auf die RB-Rotation: RB Thomas ist nicht der stabilste was seine Gesundheit angeht, aber er war eigentlich immer ein grundsolider Ballträger, der zuletzt auch wieder 77 Catches beisteuerte. Der eindimensionale Power-Runner Ingram und der parasitäre Kyrie Robinson ergänzen Thomas – nicht auszuschließen, dass man spät im Draft noch einen weiteren Allrounder holt.

Bleibt die Offensive Line: C De la Puente ging nach Chicago und wurde noch nicht ersetzt. Möglicherweise nach Cornerback die größte Lücke, was sofortigen Nachbesserungsbedarf angeht. Das zweite Fragezeichen betrifft LT Armstead, vor einem Jahr als Rookie mit athletischen Rekordwerten von einer absurd kleinen Uni geholt, aber in seinen ersten Einsätzen ziemlich übermannt. Armstead gilt aber als talentiert und mental stabil genug, dass man ihm die LT-Rolle zutraut. Schlechter, sagt man in New Orleans, als der geschasste Charlie Brown kann es mit Armstead auch nicht werden, und selbst Brown hat es nicht geschafft, unsere Offense in den Abgrund zu reißen.

Die Saints konnten nicht viel gewinnen in dieser Offseason, aber sie machten genau die Moves, die sie machen konnten, um zumindest den Status-Quo zu halten. Zumindest eine Ergänzung auf Linebacker, einen neuen Center, einen #3/#4-Wide Receiver in einem gut besetzten Draft, und der Kader kann wieder als relativ komplett angesehen werden.

Viele Schlüsselspieler dürfen sich zwar nicht verletzten, aber man ist personell und von den Coaches nicht weit von den Giganten des Westens, San Francisco und Seattle, entfernt. Und man hat den besten Quarterback aus diesem Trio.


Nachschub: Der Artikel stammt von Anfang Woche. Da ich auf der momentan „on Tour“ nur begrenzten Internetzugang habe, kann es sein, dass die Saints seither Moves gemacht haben. Sollte das passiert sein, scheinen sie in diesem Artikel nicht auf. Ich bitte darum, von einer verbalen Steinigung abzusehen.