Atlanta Falcons in der Sezierstunde

Die Atlanta Falcons gelten als eine der langweiligeren Franchises in der Ära nach Michael Vick, aber so ganz erschließt sich mir nicht, warum. Die Mannschaft ist seit der Inthronisierung des sportlichen Führungsduos bestehend aus Head Coach Mike Smith und GM Thomas Dimitroff eine permanente Wundertüte, die, obwohl jeder weiß was sie spielen möchte, die immergleichen Erwartungen entweder massiv übertrifft (2008, 2010, 2012) oder massiv enttäuscht (2011, 2013). So richtig „in line“ sind die Falcons nicht – warum, ist fast nicht nachvollziehbar.

Dimitroff ist eine coole Socke, fast nicht in das klassische Schema des NFL-Bürokraten zu pressen. Das neue, alpenländische deutschsprachige Football-Blog Two Point Conversation von Simon Traxl und dem Falcons-nahen Marko Markovic (in Blogsphären auch als Wiesengrund unterwegs) schreibt in einem der ersten Blogeinträge, einer Buchrezension, unter anderem auch über den (O-Ton) „liberalen laid-back Nerd“ Dimitroff. Ein lesenswertes Stück. Dimitroff kommt, wie wir wissen, aus dem Stamm Belichicks, aber er wirkt wie ein Gegenentwurf zu Belichick. Mit dem harten Hund Scott Pioli (einst auch in New England, später als GM in Kansas City gescheitert) holte sich Dimitroff nun einen alten Weggefährten in das Front-Office.

Dimitroffs Falcons versprühten trotzdem nie die ganz große Magie. Es mag dran liegen, dass der Franchise-QB Matt Ryan kein Lautsprecher ist, dem die Sideline-Reporterinnen am Hals hängen. Oder dass man den leisen Head Coach Mike Smith nicht auf der Straße erkennen würde. Oder dass man die Bilder vom verbrauchten RB Michael Turner (*schmacht*) noch nicht ganz verdrängt hat. Oder dass die heimatliche Halle nur dann ausverkauft ist, wenn die SEC dort College-Football spielt. Anyhow: So fasziniert man von den Falcons und ihren kultigen Führungspersönlichkeiten sein sollte, so langweilig findet man diese Jungs.

Überblick 2013

Record         4-12   --
Enge Spiele    4-7
Pythagorean    5.8    24
Power Ranking  0.340  28
Pass-Offense   6.0    17
Pass-Defense   7.1    32
Turnovers      -7

Management

Salary Cap 2014.

Der Absturz der letzten Saison auf 4-12 tat nicht viel dafür, dieses Vorteil in deinem Kopf zu beseitigen. 2013/14 lief alles schief, was schieflaufen konnte: Knappe Niederlagen zum Saisonauftakt, ein schneller Ausfall des Schlüssel-WRs Julio Jones (2012 mit 22% Anspielen, 2013 mit 41 Catches für 580yds in nur viereinhalb Spielen / 33% tiefe Anspiele), eine unter Verletzungen kollabierende Offensive Line und Defense, ein WR Roddy White auf dem Zahnfleisch. Das Gute an solchen Seuchenjahren: Es gibt dir die Möglichkeit, ein bissl umzubauen, und mit ein paar höheren Draftpicks wieder nachzubessern.

Jones und White sollten zur kommenden Saison wieder fit sein. In WR Douglas hat man einen ganz brauchbaren dritten Mann für die Catches. Dafür muss man versuchen, die TE-Legende Tony Gonzalez zu ersetzen.

Ryan würdest du für Max Müller aus der Blumenthalstraße 17 halten, wenn du nicht wüsstest, dass er einer der erfolglosesten erfolgreichsten Quarterbacks der letzten Jahre in der NFL ist. Ryan leidet noch immer unter seinem Image als Playoff-Loser. Er ist im Gegensatz zu einem Rodgers, Manning oder Brees nicht in der Lage, eine Offense komplett im Alleingang zu tragen, aber unter passenden Rahmenbedingungen ist Ryan trotzdem ein verlässlicher Mann, der dir über 7 NY/A und 30 Touchdowns ohne Laufspiel fabrizieren wird.

Gerade wegen dieser Rahmenbedingungen sollte Atlanta vielleicht ein Auge auf die TE-Position halten, und im Draft versuchen nachzubessern. Erinnert sei noch einmal an das NFC-Finale 2012/13, als Jones/White/Gonzalez so um die ersten 21 Catches im Spiel unter sich aufteilten, weil sich keine weitere Alternative anbot. Einen Gonzalez ersetzt du niemals 1:1, aber es dürfte nicht mit einem TE Levine Toilolo in die Saison gehen.

Wo bereits eine gute Ergänzung gemacht wurde: Offensive Line. Diese ist seit Jahre ein Bremsklotz in Atlanta, aber mit dem RG Jon Asamoah aus Kansas City wurde ein hervorragender Mann geholt, um die halbrechte Position nicht in die Hände eines ungedrafteten Rookies zu legen. Der Rest der Line halt zuletzt aber als purste Katastrophe in Reinform.

Atlanta wird vermutlich nicht viel anderes übrig bleiben als in der ersten Runde einen Offensive Tackle zu draften: Ein neuer Tackle dürfte sogar zwei Probleme lösen: Die linke Flanke (Ryans „Blind Side“), und man könnte der bisherigen LT Baker nach rechts schieben, wo ihn Experten als besser geeignet sehen.

Und dann sehen es alle als wichtig an, noch einen „interior Lineman“ zu holen, also einen weiteren Guard oder Center. Gerade auf Center galt zuletzt der junge Peter Konz als komplett pulverisiert und hoffnungsloser Fall. Es gibt Experten, die behaupten, Atlanta müsse bloß irgendeinen Center holen, ihn zwei Wochen lang in ein Steakhouse schicken und mit dem Bröckerl hätte man genügend Physis um Konz vergessen zu machen.

Also: Left-Tackle, Center/Guard als unbedingte Needs für die Offense, plus wenn es sich ausgeht, noch einen Tight End. Das sind gar einige dringende Fälle auf einmal.


Zumal auch die Defense keine g’mahnte Wiesn ist. Nicht einmal DefCoord Mike Nolan war zuletzt noch in der Lage, aus diesem Haufen eine gescheite Unit zusammenzufinden. Atlantas Defense war nie eine der effizientesten, aber sie kaschierte ihr abwartendes und oft viele NY/A kassierendes Spiel häufig mit Turnovers und Interceptions. Letztes Jahr ging aber alles den Bach runter.

In der Offseason waren die Bemühungen erkennbar, die Front-Seven zu massieren: Mit Tyson Jackson (einstiger 1st-Round Pick Piolis in Kansas / hatte 2013 seine erste wirklich gute Saison) und Paul Soliai aus Miami wurden zwei Männer für die Innenseite der Defensive Line geholt, um eine schwache Lauf-Defense aufzubolstern und den Flanken und Linebackers etwas mehr Raum zum Atmen zu verschaffen. Die beiden Eigenbauprodukte Babineaux, Jerry und Peters wurden gehalten, sodass man diese Position zumindest im weiteren Offseason-Verlauf vernachlässigen kann.

Auf Defensive End ist man mit einem verbrauchten Umenyiora und Bierman nicht unbedingt weltbewegend besetzt – in einer Defense, die zuletzt die wenigsten „Adjusted-Sacks“ der Liga hatte, kannst du da immer ein Upgrade brauchen. Sagen wir es so: Sollte Jadeveon Clowney wider Erwarten zu den Falcons runterfallen, ist keine Frage, wer als erstes gedraftet wird. Dann kannst du dir auch deinen Offense Tackle eine Runde aufsparen. Aber Clowney wird höchstwahrscheinlich nicht fallen. Möglicherweise wird Atlanta versuchen, in den späteren Runden des Drafts passende Spielertypen auf Defensive End zu holen – es war eh überraschend, das man sich keine Ends vom Transfermarkt holte.

Oder bastelt Dimitroff schon am nächsten Mega-Trade, diesmal für Clowney?

Linebacker ist nur auf der Strong-Side mit Weatherspoon adäquat besetzt, aber bei so vielen Problemen kannst du dich im Draft nicht auf LB stürzen. Es bleibt die Option, auf den Frühsommer zu warten, wenn möglicherweise nach einer Entlassungswelle einige billige Routiniers auf dem Markt kommen.

In der Secondary ist man mit dem starken Rookie-CB Trufant sowie dem phasenweise ähnlich guten Rookie-CB Alford eh ganz gut aufgestellt. Die größte Schwachstelle, S Decoud, wurde per Entlassung Decouds gelöst – ein Fall von Addition durch Subtraktion, sagen die Auguren. Keine Ahnung, wie man diese Free-Safety Position zu verbessern versucht.

Das liest sich alles ein wenig wie zu viele Baustellen für eine halbe verbleibende Offseason. Aber man sage mir nicht, man hätte es nicht schon eine zeitlang sehen können: Atlanta hat diese Schwachstellen zu lange mit einem fantastischen Pass-Spiel, knappen Siegen und hoher Interception-Quote kaschieren können. Solche Erfolgsstrategien können natürlich gut gehen – man war erst vor 15 Monaten einen 4yds-Pass davon entfernt, in die Superbowl einzuziehen – aber wenn nur Kleinigkeiten wie 1-2 Verletzungen daneben gehen, bricht so ein Haus schnell mal zusammen.

Atlanta wird 2014/15 deutlich mehr als vier Siege holen. Bei allen Verletzungen, bei aller Schlechtigkeit: Man war 4-7 in engen Spielen, also phasenweise durchaus konkurrenzfähig, eine 1.9% INT-Quote in der Defense ist auch gering genug, dass man Regression erwarten kann.

Eine Offense Line, die einem Quarterback ein paar Zehntel mehr Schutz gibt, zwei der besten Wide Receiver in der Liga auf ihrer Comeback-Tour und eine etwas verbesserte Defense – das dürfte schon reichen, um Atlanta zumindest per sofort wieder nahe an eine 8-8 Bilanz zu bringen. Zumal eine eigene Offense, die imstande ist, das Tempo vorzugeben, der eigenen Defense auch meistens hilft, weil sie den Gegner eindimensionaler macht. Kannst du dich darauf konzentrieren, den Pass zu stoppen, hast du immer einen Vorteil.

Atlanta hat folgende Needs:

  1. Offensive Tackle (LT, kurzfristig)
  2. Guard/Center (kurzfristig)
  3. Tight End (kurzfristig)
  4. Free-Safety (kurzfristig)
  5. Defensive End (kurz-/mittelfristig)
  6. Tiefe bei Wide Receivern (mittelfristig)
  7. Running Back (mittelfristig)

Vielleicht sollte Dimitroff nicht einmal zu kurzfristig „Need“ draften, sondern versuchen, den Laden eine Spur mittelfristiger aufzustellen. Lieber den exzellenten Mann für 2015 als den guten für 2014, oder so. In einer einzigen Offseason räumst du den Laden nicht auf, aber der Kern ist schon jetzt gut genug um wieder spätestens 2015 in den Playoffs mitzuspielen, wenn man nicht ausschließlich Griffe in den Gully macht.


Auch für heute gilt das Mantra: Haben die Falcons die letzten drei Tage besondere Moves gemacht, hab ich nix davon mitgekriegt. Also bitte keine Klagen ob mangelnder Tagesaktualität.

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3 Kommentare zu “Atlanta Falcons in der Sezierstunde

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