New York Jets in der Sezierstunde

Man nahm die New York Jets von 2013/14 als relativ Mitläuferteam wahr, was vielleicht am Lautstärkeregler bei Head Coach Rex Ryan lag, der die Saison ohne die ganz krassen verbalen Ausrutscher überstand. Oder es lag am Schattendasein des einstigen Franchise-QBs Mark Sanchez. Oder an der unspektakulären Offense. Oder an Tebow. Sache ist aber auch: Rein statistisch waren die Jets eine ungewöhnliche Mannschaft: Leistungsmäßig spielten sie in Nähe des Bodensatzes mit, fuhren aber mit acht Siegen eine komplett durchschnittliche Bilanz ein. Sie waren dabei ein gewaltig unglückliches Team nach Turnoverwerten (v.a. Fumbles), aber ein extrem glückliches nach engen Siegen.

Kurz: Ich hätte einen Rauswurf von Headcoach Ryan nach der Saison nachvollziehen können. Rex ist ein Meister der Defense, und seine Defenses gehörten immer alle zu den besten in der Liga, aber das alles unter kompletter Vernachlässigung der Offense, die seit Jahren kein Bein in den Boden bekommt. Dabei ist sogar wurscht, welche OffCoords eingestellt wurden, und welche Spieler gekauft wurden.

Überblick 2013

Record         8-8
Enge Spiele    5-1
Pythagorean    5.4    27
Power Ranking  0.385  24
Pass-Offense   5.6    26
Pass-Defense   6.3    17
Turnovers      -14

Management

Salary Cap 2014.

Defense wins Championship sagen die Traditionalisten, weil mit Seattle endlich mal wieder eine große Defense die Superbowl holten. Dass die Seahawks auch über eine erstklassige Offense verfügten, wird dabei gerne unterschlagen. Die Jets hingegen haben zero Offense. Und ohne Offense kommst du in der heutigen NFL nicht mehr durch, egal wie gut deine Defense aufgestellt ist.

Rex durfte bleiben, und mit ihm der OffCoord Marty Mornhinweg. Mornhinweg ist nur der letzte in einer Reihe an Coordinators, die unter Ryan nicht glücklich wurden. Man kann ihm aber zugute halten, dass er in seiner ersten Saison auch um ein Spielermaterial herumdoktern musste, aus dem viele andere auch nicht allzu viel mehr geformt hätten.

Die Quarterback-Situation ist nach dem Einkauf von Michael Vick offen. Vick war in Philadelphia überflüssig geworden, wollte aber noch ein letztes Mal in seiner Karriere eine Chance erhalten, den Stammplatz zu erarbeiten. Die Jets haben mit Geno Smith aber schon einen jungen QB im Kader, der letztes Jahr als Rookie erste Erfahrungen sammeln konnte. Smith konnte seine Kritiker dabei nicht verstummen lassen, ließ sich zu oft ins Bockhorn jagen und warf zu viele Interceptions (21 Stück).

Aber Geno ist kein hoffnungsloser Fall, hatte auch gute Momente, und man kann ihn auch mit einem denkbar schlechten WR-Corp entschuldigen. Umsonst wird man Vick allerdings nicht geholt haben: Hätten die Jets in den Vertragsverhandlungen mit Vick keine ernsthafte Chance als Starter in Aussicht gestellt, Vick hätte woanders unterschrieben. Und mehr: Vick ist in New York nun mit seinem alten Offensive Coordinator aus gemeinsamen, kurzzeitig extrem erfolgreichen Zeiten wiedervereint: Mornhinweg.

So oder so: New York wird ab Herbst wohl einen mobilen Starting-QB sehen. Weil aber sowohl Geno als auch Vick die Tendenz haben, den Ball gerne mal etwas zu lang zu halten bzw. sich in unnötiges Scrambling hinter der Line of Scrimmage reinreiten lassen, ist eine starke Offensive Line unerlässlich. Die Jets sind hier hinter dem Kern LT Ferguson/C Mangold schlecht aufgestellt: Die RT-Position ist seit Jahren ein Pulverfass, das auch regelmäßig hochgeht, und auf Guard haben die Bemühungen der letzten Jahre noch nicht gefruchtet.

Richtig schlecht sieht es bei den Jets auf den Skill-Positionen an der Anspiellinie aus: WR Holmes musste aus Vertrags- und Motivationsgründen entlassen werden, aber andere Leute aus dem Kader konnten sich nie aufdrängen. Slot-WR Jeremy Kerley war letztes Jahr mit 43 (!) Catches der Mann mit den meisten Receptions. Als Abhilfe konnte Eric Decker aus Denver geholt werden, aber Decker ist bei allem 1000yds und 10 TDs aus der Broncos-Offense auch kein klassischer #1-Receiver, dem man die Schlüsselposition zukommen lassen will.

Decker wird aber sicher helfen. Hinter ihm und Kerley lässt die Qualität aber rapide nach. WR Stephen Hill wurde vor zwei Jahren mit dem Credo, noch ein sehr unfertiger Spieler zu sein, gedraftet, und er bestätigte bisher alle Vorurteile: Hat zwischendurch mal einen schönen tiefen Catch, aber läuft ansonsten häufig falsche Routen und ist kein Mann mit sicheren Fanghänden. Das ist oft ein Problem bei diesen Wide Receivern, die am College nur Triple-Option sahen, 90x/Spiel sowieso wussten, dass sie keinen Ball sehen würden und daher keine Bemühungen unternahmen, aber dann zweimal geradeaus laufen durften um die einfachen tiefen Pässe zum 80yds-TD zu fangen.

Tight End gibt es auch keinen von Format – aktuell dürfte der von Patriots entlassene Zach Sudfeld die erste Wahl sein. Bei den Running Backs gilt die Combo aus dem Parasiten RB Ivory und dem kräftigeren RB Powell als zufriedenstellend genug um angesichts der anderen Lücken große Verstärkungen zu holen.

Händeringend upgrade-würdig: Rechter Tackle, Guard, Tight End, Starting-WR – da braucht es so ziemlich an jeder Ecke und an jedem Ende im Locker-Room der Gang Green. „Locker Room“? Es wird auch zu beachten sein, welchen Einfluss Vick üben kann. Die Umkleidekabine der Jets war in den letzten Jahren schließlich eine der instabilsten, aus der immer wieder Interna an die Öffentlichkeit durchsickerten. Wie viel Einfluss kann ein gereifter Mann wie Vick üben? Ein Vick, der sich möglicherweise in Konkurrenzkampf mit dem Franchise-QB in spe wiederfindet?

Damit dorthin, wo das Gras grüner wächst: Jede Defense von Rex Ryan wird nahe am spielerischen Maximum wandeln. Der Mann ist die Expertise schlechthin, holt seit Jahren aus nicht komplettem Abwehrpersonal Gewaltiges heraus.

Absolute Stärke ist die Defensive Line: Der Ankermann NT Damon Harrison hat seinen Durchbruch geschafft, aber die wahren Stars sind seine beiden Flankenmänner: DT Muhammad Wilkerson gilt seit Jahren als verlässliche Fachkraft, und auch der letztjährige Rookie-DT Sheldon Richardson war eine Offenbarung: Richardson dominierte von seiner stillen 3-4 DE Position ausreichend um überraschend (aber glaubt man PFF.com nicht unverdientermaßen) zum Rookie des Jahres gewählt zu werden.

Richardson ist auch deswegen eine bizarre Geschichte, weil er vor einem Jahr als eindimensionales one trick pony gegolten hatte: Kam als Passrusher in die Liga, der zu faul war um die 30 Snaps Lauf-Defense auch noch durchzuziehen. Ein Jahr später gilt Richardson als einer der besten Lauf-Verteidiger der Liga, der von seinen gepriesenen Passrush-Skills noch nix gezeigt hat.

Die Starting-Formation der Defense Line passt. Als Tiefe könnte man den 2012er-Erstrundenpick Quinton Coples reinrotieren, aber Coples soll verstärkt als Outside Linebacker („Edge Rusher“) im Passrush eingesetzt werden – eine Position, die Coples bisher nur unzufriedenstellend ausfüllen konnte. Coples‘ Job ist nicht ohne: Seit Jahren versuchen die Jets, diese Position adäquat zu besetzen – bisher nicht mit durchschlagendem Erfolg.

Die Inside-Linebacker sind marginal besetzt: Den alten David Harris kannst du noch mit PlayCalling-Aufgaben betrauen, aber Harris ist langsam geworden. Blutauffrischung wird früher oder später kommen müssen.

In der Secondary sind die Needs am größten: Der Star-CB Cromartie musste wegen zu teurem Vertrag gefeuert werden, und hinter Cromartie standen zwar mehrere ehemalige Erstrundenpicks im Kader, aber keiner von denen erweckt Vertrauen.

CB Kyle Wilson kam einst von Boise State nach New York, machte aber bisher keine gute Figur und wird – wenn überhaupt – nur noch widerwillig im Slot eingesetzt. Der letztes Jahr in den Top-Ten gedraftete CB Dee Milliner hatte einen Scheiß-Einstand als Rookie: Er hatte zwar 3 INT, aber galt Woche ein, Woche aus als der Mann, der vom Gegner attackiert wurde, egal welchen Gegenspieler er sah.

Als Ergänzung wurde CB Patterson aus Miami geholt, aber wenn er nicht eine völlig verblüffende Entwicklung nimmt, wird Patterson nicht mehr werden als ein Aushilfsspieler für die Downs zwischendurch. Aus San Diego verstärkt Johnny Patrick den Kern – alles keine Granaten.

Schließlich und endlich ist eine Safety-Combo aus Antonio Allen und Dawan Landry nie etwas, worauf du bauen willst. Der legendäre Ed Reed scheint mittlerweile so verbraucht zu sein, dass er nicht einmal mehr einen neuen Vertrag bekam.

Die Defense liest sich nach den Namen nicht wirklich wie eine potenzielle Top-Unit, aber Ryan hat noch jedesmal ein Produkt auf das Feld geschickt, das die Erwartungen übertreffen konnte. Die wichtigste Position in der Defensive Line passt in Qualität und Tiefe, und somit kannst du die Jets schonmal nicht so einfach überlaufen. Sollte im Draft ein erstklassiges Passrush-Prospect verfügbar sein, kann es gut sein, dass die Jets zugreifen werden – sie haben es mittlerweile oft versucht, aber den echten Goldgriff noch jedesmal verpasst.

Die Needs sind nicht eindeutig zu priorisieren, aber nach man in Sachen Quarterbacks erst einmal auf die Geduldsschiene setzen muss, bleiben die ganz krassen Löcher im Draft:

  • Top-Widereceiver
  • Tight End
  • Tight Tackle
  • Offensive Guard
  • Edge Rusher/Outside Linebacker
  • Cornerback

Es sind eigentlich verdammt viele Lücken in einem Kader, der innerhalb kürzester Zeit heruntergewirtschaftet wurde, weil die Jets zu lange Altstars holten um in einem kurzen Fenster zum Erfolg einmal die Superbowl zu gewinnen – sie waren ja auch keine sieben Meilen entfernt. Die Schmerzen müssen sie nun überwinden.

Eigentlich wäre ein Wechsel von Ryan auf einen neuen Trainerstab logisch gewesen, denn es ist ein Kader, der sich mitten im Umbau findet. Die ersten Schritte wurden jetzt aber auch mit Rex eingeleitet, und wenn die Jets einige der genannten ganz großen Lücken mit hochwertigen Talenten stopfen können, wenn sich einer der Quarterbacks bewährt (im Optimalfall Geno Smith als Hoffnungsträger für die Zukunft), dann sehe ich schonmal nicht komplett schwarz für die mittelfristige Zukunft.

Auf der anderen Seite natürlich auch Druck für Rex: Schmieren die Jets dieses Jahr ab – und es gibt Zahlen wie den Pythagorean oder den Close-Win Index, die zumindest Regression nach unten befürchten lassen, ist auch ein Trainerwechsel im kommenden Winter mal wieder nicht auszuschließen. As said: Gewöhnlich ist anders.

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10 Kommentare zu “New York Jets in der Sezierstunde

  1. Ich weiß nicht ob Korsakoff darüber erfreut ist, dass ich Werbung für einen anderen Blog auf seiner Seite mache, aber ich wollte es euch nicht vorenthalten, wenn ihr die Seite nicht schon seit langer Zeit kennt 🙂 !!!

    Hier gibt es immer wieder einige News, die nicht auf den großen deustchen Sportseiten Sport1 und Spox pupliziert werden.

    http://www.win-football.de/html/nfl_news.html

    Bitte verzeih mir Korsa‘, dass ich in der letzten Zeit keine Kommentare abgegeben habe. Ich lese jeden Tag die neuste Sezierstunde und bin immer wieder begeistert. Aber da ich hauptsächlich über das iPad lese, ist es schwierig einen Kommentar abzugeben, weil das ganze über das iPad bzw. über Safari nicht funktioniert und als Gast möchte ich nichts kommentieren 🙂 !!!

    Vielleicht hat ja einer von euch einen Tipp für mich, wie man über das iPad trotzdem mit seinem Account hier Kommentaren schreiben kann 🙂 !!!

    Grüüüüüüüüüße 🙂 !!!

  2. Mit der WordPress App geht’s ganz gut!

    Ansonsten wie immer gut geschrieben! Ich bin gespannt was Gang Green diesen Herbst unter all den auffällig klaffenden Lücken auf den offensiven Positionen erbringen kann.

  3. Das Posten über Safati vom iPad geht eigentlich völlig problemlos, verwende wie du eine WordPress account… Wo liegt da bei dir genau das Problem?

  4. Ist ja fett. Jetzt geht es. Warum? Keine Ahnung. Aber vor einigen Tagen kam hier imme noch eine Fehlermeldung 🙂

    Naja dann kann ich mich ja jetzt wieder fleißig an den Gesprächen hier beteiligen 🙂

    Danke für die schnellen Antworten

    (Gesendet vom iPad :D)

  5. Win-Football darf hier immer verlinkt werden. Habe ich in der Blog-Anfangszeit auch immer gemacht. Ich liebe den sehr „eigenen“ Schreibstil dort.

  6. Pingback: New York Giants in der Sezierstunde | Sideline Reporter

  7. Tschuldigung aber eure Win-Football-Meinung kann ich gar nicht teilen.

    Seit ich Sidelinereporter entdeckt habe, schaffe ich es endlich, diesen Blog zu meiden.

    Der Mann ist für mich zu sehr untere Schublade. Rassismus, Sexismus und gepflegtes Proletentum stets inklusive. Auf dem Niveau kann ich mich jederzeit in jedem dreckigen Bahnhofs-Resti unterhalten…O.K., vielleicht nicht über Football.

  8. Keine Ahnung, welche Einstellung der Mann hat. Ich habe den Stil stets als satirisch und so herrlich negativ aufgefasst. Da freust du dich hernach, dass es auch Dinge im Leben gibt, die mal gelingen wo beim Football doch alles daneben ist.

  9. Zu win-football muss ich jetzt auch mal meinen Senf zu abgeben. Ich teile die Meinung, dass win-football einen sehr eigenen interessanten Schreibstil hat und den ich als tägliche Infoquelle nutze, um kurz und schnell über alles Wichtige informiert zu sein. Allerdings hat Peter S. genauso recht. Ab und zu kommen da tatsächlich ein paar Kommentare aus der politisch-gesellschaftlichen Ecke, die mich nur mit dem Kopf schütteln lassen. Die dort vertretene Ideologie ist schon stark gewöhnungsbedürftig, aber als „Daily News“ gibt es nichts besseres. Jedenfalls habe ich auf deutsch noch nichts gefunden.

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