New York Giants in der Sezierstunde

Die New York Giants waren nach dem statistischen Profil der Saison 2013/14 gar nicht so weit weg vom Stadtrivalen Jets zu verorten: Man hatte eine Mannschaft mit relativ akzeptablen Effizienz-Statistiken, aber eine schlechte Pythagoreische Erwartung. Man wurde von einem turnoverhungrigen Quarterback angeführt und fing zu wenige Bälle in der Defense ab. In Summe ergab das eine 7-9 Bilanz.

Die rohen Zahlen lesen sich am Ende besser als man den Totalschaden „Giants“ eigentlich in Erinnerung hatte. Das Problem der Giants war aber in der Tat weniger, dass sie die ganz große Katastrophe waren, sondern mehr einfach ihr komplett missratener Saisonstart mit sechs Pleiten en suite. Damit verschwand man vom Fokus, und nur noch die Rekordjagd von Interception-Maschine QB Eli Manning war interessant.

Überblick 2013

Record         7-9
Enge Spiele    4-3
Pythagorean    5.5    25
Power Ranking  0.525  15
Pass-Offense   5.9    20
Pass-Defense   5.6     8
Turnovers      -15

Management

Salary Cap 2014.

Schwer zu sagen, wieso Manning einen solchen Ausbruch an Fehlpässen hatte. Manning ist überhaupt einer der ungewöhnlichsten Quarterbacks in der NFL: Er hatte zum Beispiel 2011/12 ein fantastisches Jahr, das locker mit – sagen wir – einem Philip Rivers 2013 mithalten kann. Er hatte aber auch einige sehr blasse Jahre. Er hatte mal ein Jahr mit 25 Interceptions, in denen die Hälfte davon seinen Receivern zuzuschreiben waren.

Letztes Jahr hatte Manning 27 INTs, und es waren die ganz brutalen Dinger drin: Würfe direkt ins Gesichtsgitter der Defensive Backs und dergleichen. Die Kategorie an Pässen, für die jeder andere QB als Stümper abgetan wird. Zu behaupten, er hatte einfach viel Pech, wird der Sachlage angesichts von nur 55% Completion-Rate nicht ganz gerecht. Woran lag es? Das Spielsystem? Schwierig zu behaupten, denn Manning warf mickrige 22% tiefe Pässe. Weniger tiefe Pässe = weniger Risiko = weniger Turnovergefahr – eigentlich.

Der Receiving-Corp? Das war letztes Jahr schon oft im Fluss (ein WR Nicks kam mit Verletzungsproblemen z.B. auf genau NULL Touchdowns), aber ist das wirklich eine Entschuldigung für einen Quarterback, den viele vor erst zwei Jahren schon in die Hall of Fame schreiben wollten?

Eine einfache Erklärung wäre: Der einst so breit aufgestellte WR-Corp in New York war mit seiner Instabilität sicher keine Hilfe. Cruuuuuz hatte ein Durchschnittsjahr mit 73 Catches für 998yds und nur 4 TD – Cruz wurde auch seltener tief angespielt als noch in seinen beiden famosen Einstandsjahren 2011 und 2012. Nicks wie gesagt selten eingesetzt und mittlerweile weg vom Fenster; dazu die beiden unerfahrenen Grünschnäbel Jernigan und Randle (mit 41% tiefen Anspielen noch am ehesten so etwas wie ein deep threat).

Dazu kommt, dass ausgerechnet in einer von Head Coach Tom Coughlin verantworteten Offense zuletzt zwei Jahre en suite keine Tight Ends mehr richtig funktionierten: Myers hatte nur 47 Catches – die meisten davon qua System, wie man so schön sagst. Coughlin ist keiner, der mit feuchten Höschen Tight Ends in den ersten Runden draftet, sondern vielmehr der Typus Coach, der als Guru der Wide Receiver-Position darauf vertraut, die Schmuckstücke aus den späteren Runden nach oben zu coachen. So war zumindest auch der Plan beim letzten dieser Zöglinge, TE Adrian Robinson, aber trotz aller Lobeshymnen schaffte der den Breakout noch nicht.

So bleibt Receiver/Receiving-TE eine der höchsten Prioritäten für diese Offseason.

Eine andere Prio wurde schon adressiert: Left-Guard, wo mit Geoff Schwartz aus Kansas City ein Mann mit Stammspiel-Qualitäten geholt wurde. Einziges Fragezeichen bei Schwartz: Ist er durchhaltevermögend genug? Er hat selten mehr als die Ergänzungsrolle gespielt. Power ist da, aber der Beweis steht noch aus, dass die Power für 1100 Snaps jedes Jahr reicht.

Für die andere Guard-Position wurde vielleicht RG John Jerry geholt, der in Miami zuletzt durchspielte – aber hey: Es war Miami, und wenn jemand sofort eine spezielle Eigenschaft bei den Dolphins nennen konnte, war es die schwache Offense Line… im schlimmsten Fall ist Jerry die Versicherung gegen die nächste Verletzung von Chris Snee, dessen Hüfte nicht mehr lange hält.

Für die Center-Position wurde Baas mit J.D. Walton aus Washington Feuer unterm Arsch gemacht, während die beiden Tackle-Hoffnungen LE Beatty sowie der junge RT Pugh erst einmal unangetastet bleiben werden. Nicht auszuschließen, dass die Neuverpflichtungen die Sorgen schon gelöst haben, aber auch bitte nicht überrascht sein, wenn noch nachgebessert wird.

Schauen wir uns noch die Runningbacks an: Kann man es als Demontage vom einstigen 1st-Rounder David Wilson werten, wenn ihm nicht nur mit RB Jennings aus Oakland ein zusätzlicher Ergänzungsspieler (neben Andre Brown) zur Seite gestellt wird, sondern auch noch in Trindon Holliday ein vortrefflicher Kickreturner. Wilson hatte in den letzten Jahren jeweils beide Rollen im Team inne, wurde aber von Coughlin wegen zu vieler leichtfertiger Fumbles zeitweise zum Backup degradiert.

Die Giants-Defense von DefCoord Perry Fewell ist eine derjenigen, bei denen die simple NY/A-Metrik nicht mit dem Augentest zusammenpasst: Sie ließ nur starke 5.6 NY/A Passspiel zu. Ist NY/A eine zu simplifizierte Metrik? Ich würde sagen: Nein, und auch bei den Footballoutsiders oder bei EPA ist die Giants-Defense eine der besten des Jahres. Man bemerkte sie halt nicht, weil New York nach fünf Wochen quasi aus dem Rennen war.

Viele bemängelten den zu lauwarmen Passrush: DE Pierre-Paul, dieses Monstrum von Passrusher, kam nie von hartnäckigen Rückenbeschwerden los und riskiert die Sportinvalidität. Pierre-Paul soll aktuell wieder so gut zusammengeflickt sein wie zuletzt 2011, aber was ist das wert, wenn nach den ersten zwei Snaps unter Wettbewerbsbedingungen wieder die Wirbel schmerzen? Es besteht jedenfalls die Gefahr, dass wir nie mehr den alten Pierre-Paul sehen werden.

Genau Pierre-Paul ist aber als Ankermann unbedingt gefragt. Was macht die Giants normalerweise so stark? Ihr Druck der Front-Four. In DT Jenkins und dem jungen DT Jonathan Hankins (plus vielleicht auch wieder dem deutschen DT Markus Kuhn) gibt es durchaus qualitativ gute Defensive Tackles als Absicherung, aber von den Flanken kommt zu wenig. Ein Kiwanuka soll zuletzt so deplatziert gewirkt haben, dass man über seine Entlassung nachdachte. Der junge Demontre Moore, vor erst 12 Monaten noch als potenzieller Top-Draftpick gehandelt, sah als Rookie quasi kein Land. Da muss von vorne mehr kommen – möglicherweise ab Mai verstärkt durch den einen oder anderen höheren Draftpick. Bisher wurde man nur durch den enttäuschenden DE Robert Ayers aus Denver versärkt.

Linebacker wird von den Giants nicht so hoch priorisiert. Das führt dann auch dazu, dass man mit einem MLB Herzlich zufrieden zu sein scheint, obwohl ein Herzlich nun in drei Jahren nie mehr als ganz leises Potenzial angedeutet hat. Herzlich zehrt aber immer noch von seiner Krebsgeschichte und gilt als inspirierender Leadertyp für die Nachrücker im Kader.

Im Defensive Backfield ist man nach dem Einkauf von Rodgers-Cromartie nun auf beiden Stamm-CB Positionen ordentlich besetzt: Der „andere“ Einser-Corner, Prince Amukamara, wurde den Erwartungen zwar nie ganz gerechnt, aber zumindest vermittelt er mittlerweile zumindest das Bild eines Starting-CB mit dem man arbeiten kann.

Nochmal: Diese Unit hat zuletzt verdammt wenige Yards/Play zugelassen. Es mag in Teilen auch am Schedule gelegen haben, aber 5.6 NY/A sind gewöhnlicherweise nicht bloß Produkt des Spielplans. Dafür, dass diese Kaderbesetzung so häufig auf die Rübe bekam, ist das sogar ein sehr, sehr gutes Endergebnis. Was es für 2014 zu bedeuten hat, ist nicht 100% einzuschätzen, aber normalerweise brechen solche Defenses nicht über Nacht in sich zusammen.

Die Giants hatten den Mut, ehemalige Helden wie DE Tuck oder WR Nicks ziehen zu lassen. Sie stellen schon jetzt eine Mannschaft, die mit durchschnittlichem Turnover-Glück erneut um die Playoffs mitspielen können. Es gibt Fragezeichen („Was reitet Eli Manning diesmal?“), aber dieses Team ist für meine Begriffe sehr gut – nicht herausragend, aber auch nicht grottenschlecht – aufgestellt.

Tight End, Wide Receiver sind wichtige Positionen. Offensive Line kannst du auch nie gut genug sein. Defensive Line schadet dir ein weiterer Passrusher auch nicht. Aber Punkt ist: Im Draft hast du Optionen offen. Du hast keine katastrophale Sollbruchstelle, die du via „Need“ angehen musst – und das ist immer eine gute Ausgangslage. Eine Ausgangslage, die dank eines General Managers wie Jerry Reese auch nicht überraschend kommt.

2 Kommentare zu “New York Giants in der Sezierstunde

  1. Hmmm… Hat sie scheinbar beeindruckt in seinem einzigen Spiel letztes Jahr, als die Vikes gegen die Giants gespielt haben: 20 von 53 für 190 yards und 0 TDs…

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